Im Alpenhof hoch über dem Rheintal tönt die Jukebox neu, gefüllt von Thomas Meinecke und Michaela Melián. Am Samstag wurde der erste Knopf gedrückt – auch sonst tut sich Neues auf dem St.Anton.
„Analog“ heisst Thomas Meineckes eben erschienener Band mit Kolumnen aus dem Club-Magazin „Groove“. Daraus liest Meinecke zum Auftakt im Alpenhof, vor zwei Handvoll Zuhörerinnen: grosses Namedropping aus der Szene, kluge Erwägungen zu Genderfragen, ein einziges Hohelied aufs Vinyl. Rundherum an der Wand Michaela Meliáns Fadenbilder farbenprächtiger Singles. Die Singles, jene „seitlich raushängenden losen Fäden einer Plattensammlung“ (Meinecke), stehen hier für einmal im Mittelpunkt.
120 Trouvaillen
Rund 1500 Singles gehören zur Sammlung Andreas Züst. Die Bibliothek Züst, Wundertüte des analog-universalistischen Denkens, ist seit 2010 im Alpenhof stationiert, und so kommen auch die Singles hier dank der Jukebox zu neuen Ehren. Nach Ian Anüll und Jolanda Gsponer waren jetzt Meinecke/Melián eingeladen, eine Auswahl von 60 Singles zu treffen. Referenzen und Reverenzen aller Art entstehen mit den 120 ausgewählten Tracks. Das erinnert an jene „gute Nachbarschaft“, die Aby Warburg einst für die Bücher seiner kulturwissenschaftlichen Bibliothek zum Gesetz erhob.
Schwierigkeit Nummer eins: Züst sammelte zwar seit den Sechzigerjahren mit der Nase für Qualität und Tanzbarkeit – aber ohne den queeren Blick, der für Meinecke/Melián zentral ist. Man wurde dann doch fündig, wenn auch mit etwas magerer Frauenquote, und die Auswahl heisst folgerichtig „Women is the Nigger oft he World“. Schwierigkeit Nummer zwei: Scheiben mit kleinem Loch fielen aus praktischen Gründen weg, weil sie nicht in die Jukebox passen, und dazu gehörte beinah das komplette Schweizer Repertoire. Mit Ausnahme von Yello.
Nach Lesung und Diskussion also wummert an diesem Abend die Kiste los, genauso wie sie Melián beschrieben hat: „starke Eigengeräusche, wunderbare Bässe, so ein super-mumpfiger Partysound, der in den nikotingetränkten Kleidern hängen bleibt.“
Ein guter Moment, wieder einmal zu Peter Handkes „Versuch über die Jukebox“ zu greifen, erschienen 1990, als viele das Wort und das Ding schon nicht mehr kannten, wie Handke schreibt. So erklärt er erstmal den Begriff, mit Hilfe des „Complete Identification Guide to the Wurlitzer Jukeboxes“ von 1984: Von „Jute“ oder „to jook“ soll er sich herleiten – „jedenfalls trafen sich seinerzeit die Schwarzen nach der Arbeit auf den Jutefeldern an den sogenannten jute points oder juke points und hörten dort für einen Nickel Billie Holliday, Jelly Roll Morton, Louis Armstrong…“.
Handke weiter: Jukeboxes finde man nie in den Zentren, auch nicht in sanierten Vierteln, „nicht in Kur- oder Schiorten“ oder Yachthäfen, hingegen an Fährstationen, auf Inseln, in der Nähe von Grenzen, an Durchzugsstrassen, am sichersten schliesslich in „Zwischenbereichen“, „hinter den Gütergleisen“ oder „am Kanal“.
Am Rand, in der Mitte
Oder eben: auf dem St.Anton. Der Alpenhof liege „am Rand, in einer sternengünstigen Mitte“ , schreibt Peter Weber im Buch, das die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, Studiengang „publizieren und vermitteln“, vor kurzem über den Alpenhof herausgegeben hat. Studierende schreiben über Geschichte und Gegenwart des „Kulturfrachters“, daneben kommen Fachleute wie Plinio Bachmann, Patrick Frey, Heidi Eisenhut oder Frank Heer, der Kurator der Jukebox, zu Wort.
„Alpenhof: offen. Panoramaherberge“: So proklamiert es Peter Weber einleitend. Bloss: Offen ist der Alpenhof bislang für Hotelgäste oder dort Arbeitende, aber selten für die Öffentlichkeit. Ob der Alpenhof eine „Kapsel für eine Kunstszene, die so exklusiv ist, dass kaum je was nach draussen dringt“ sei, fragt eine der Studentinnen im Buch. Nicht ganz zu unrecht: Veranstaltungen sind bislang rar, drei bis vier pro Jahr.
Das See-Berg-Stipendium
Das könnte sich jedoch bald ändern. Der Alpenhof peilt gemeinsam mit dem Literaturhaus Bodman im thurgauischen Ermatingen eine Partnerschaft „zwischen See- und Bergkante“ an. Die beiden Institutionen schreiben ein halbjährlich zu vergebendes Stipendium für Literatur und Kunst aus. Themen wie Migration, Grenzraum, aber auch Meteorologie und Geologie sollen Vorrang haben, wie dies dem Horizont der Züst-Bibliothek entspricht.
Im November kommt der vom Kanton St.Gallen erhoffte Finanzierungsanteil, 50000 Franken aus dem Lotteriefonds für drei Jahre, vor den Kantonsrat. Beteiligt sind auch die Standortkantone und -gemeinden sowie private Stiftungen. An das Stipendium geknüpft ist der Auftrag zur Kulturvermittlung, konkret: eine Zusammenarbeit mit Gymnasien. Das Bodmanhaus praktiziert dies bereits, vom Alpenhof sind die Kantis Heerbrugg und Trogen bei schönem Wetter fast in Blicknähe.
A propos Schönwetter: An diesem Samstagabend glänzten oben die Sterne und unten das Rheintal so übermässig, dass Michaela Melián vom „Alpenhof hoch über Los Angeles“ schwärmte.
Bilder: Kaspar Surber.
Das Buch „Alpenhofalpenhof“ ist bei der ZHdK erhältlich. Thomas Meineckes „Analog“ ist im Verbrecher Verlag erschienen, Michaela Melians drittes Soloalbum „Monaco“ bei Monika Enterprise.
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