Kategorie
Autor:innen
Jahr

Alpenhof, Los Angeles

Im Alpenhof hoch über dem Rheintal tönt die Jukebox neu, gefüllt von Thomas Meinecke und Michaela Melián. Am Samstag wurde der erste Knopf gedrückt – auch sonst tut sich Neues auf dem St.Anton.

Von  Peter Surber

„Analog“ heisst Thomas Meineckes eben erschienener Band mit Kolumnen aus dem Club-Magazin „Groove“. Daraus liest Meinecke zum Auftakt im Alpenhof, vor zwei Handvoll Zuhörerinnen: grosses Namedropping aus der Szene, kluge Erwägungen zu Genderfragen, ein einziges Hohelied aufs Vinyl. Rundherum an der Wand Michaela Meliáns Fadenbilder farbenprächtiger Singles. Die Singles, jene „seitlich  raushängenden losen Fäden einer Plattensammlung“ (Meinecke), stehen hier für einmal im Mittelpunkt.

IMG_8652.JPG

120 Trouvaillen

Rund 1500 Singles gehören zur Sammlung Andreas Züst. Die Bibliothek Züst, Wundertüte des analog-universalistischen Denkens, ist seit 2010 im Alpenhof stationiert, und so kommen auch die Singles hier dank der Jukebox zu neuen Ehren. Nach Ian Anüll und Jolanda Gsponer waren jetzt Meinecke/Melián eingeladen, eine Auswahl von 60 Singles zu treffen. Referenzen und Reverenzen aller Art entstehen mit den 120 ausgewählten Tracks. Das erinnert an jene „gute Nachbarschaft“, die Aby Warburg einst für die Bücher seiner kulturwissenschaftlichen Bibliothek zum Gesetz erhob.

IMG_8656.JPG

Schwierigkeit Nummer eins: Züst sammelte zwar seit den Sechzigerjahren mit der Nase für Qualität und Tanzbarkeit – aber ohne den queeren Blick, der für Meinecke/Melián zentral ist. Man wurde dann doch fündig, wenn auch mit etwas magerer Frauenquote, und die Auswahl heisst folgerichtig „Women is the Nigger oft he World“. Schwierigkeit Nummer zwei: Scheiben mit kleinem Loch fielen aus praktischen Gründen weg, weil sie nicht in die Jukebox passen, und dazu gehörte beinah das komplette Schweizer Repertoire. Mit Ausnahme von Yello.

Nach Lesung und Diskussion also wummert an diesem Abend die Kiste los, genauso wie sie Melián beschrieben hat: „starke Eigengeräusche, wunderbare Bässe, so ein super-mumpfiger Partysound, der in den nikotingetränkten Kleidern hängen bleibt.“

Ein guter Moment, wieder einmal zu Peter Handkes „Versuch über die Jukebox“ zu greifen, erschienen 1990, als viele das Wort und das Ding schon nicht mehr kannten, wie Handke schreibt. So erklärt er erstmal den Begriff, mit Hilfe des „Complete Identification Guide to the Wurlitzer Jukeboxes“ von 1984: Von „Jute“ oder „to jook“ soll er sich herleiten – „jedenfalls trafen sich seinerzeit die Schwarzen nach der Arbeit auf den Jutefeldern an den sogenannten jute points oder juke points und hörten dort für einen Nickel Billie Holliday, Jelly Roll Morton, Louis Armstrong…“.

Handke weiter: Jukeboxes finde man nie in den Zentren, auch nicht in sanierten Vierteln, „nicht in Kur- oder Schiorten“ oder Yachthäfen, hingegen an Fährstationen, auf Inseln, in der Nähe von Grenzen, an Durchzugsstrassen, am sichersten schliesslich in „Zwischenbereichen“, „hinter den Gütergleisen“ oder „am Kanal“.

Am Rand, in der Mitte

Oder eben: auf dem St.Anton. Der Alpenhof liege „am Rand, in einer sternengünstigen Mitte“ , schreibt Peter Weber im Buch, das die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, Studiengang „publizieren und vermitteln“, vor kurzem über den Alpenhof herausgegeben hat. Studierende schreiben  über Geschichte und Gegenwart des „Kulturfrachters“, daneben kommen Fachleute wie Plinio Bachmann, Patrick Frey, Heidi Eisenhut oder Frank Heer, der Kurator der Jukebox, zu Wort.

„Alpenhof: offen. Panoramaherberge“: So proklamiert es Peter Weber einleitend. Bloss: Offen ist der Alpenhof bislang für Hotelgäste oder dort Arbeitende, aber selten für die Öffentlichkeit.  Ob der Alpenhof eine „Kapsel für eine Kunstszene, die so exklusiv ist, dass kaum je was nach draussen dringt“ sei, fragt eine der Studentinnen im Buch. Nicht ganz zu unrecht:  Veranstaltungen sind bislang rar, drei bis vier pro Jahr.

Das See-Berg-Stipendium

Das könnte sich jedoch bald ändern. Der Alpenhof peilt gemeinsam mit dem Literaturhaus Bodman im thurgauischen Ermatingen eine Partnerschaft „zwischen See- und Bergkante“ an. Die beiden Institutionen schreiben ein halbjährlich zu vergebendes Stipendium für Literatur und Kunst aus. Themen wie Migration, Grenzraum, aber auch Meteorologie und Geologie sollen Vorrang haben, wie dies dem Horizont der Züst-Bibliothek entspricht.

Im November kommt der vom Kanton St.Gallen erhoffte Finanzierungsanteil, 50000 Franken aus dem Lotteriefonds für drei Jahre, vor den Kantonsrat. Beteiligt sind auch die Standortkantone und -gemeinden sowie private Stiftungen. An das Stipendium geknüpft ist der Auftrag zur Kulturvermittlung, konkret: eine Zusammenarbeit mit Gymnasien. Das Bodmanhaus praktiziert dies bereits, vom Alpenhof sind die Kantis Heerbrugg und Trogen bei schönem Wetter fast in Blicknähe.

A propos Schönwetter: An diesem Samstagabend glänzten oben die Sterne und unten das Rheintal so übermässig, dass Michaela Melián vom „Alpenhof hoch über Los Angeles“ schwärmte.

Bilder: Kaspar Surber.

Das Buch „Alpenhofalpenhof“ ist bei der ZHdK erhältlich. Thomas Meineckes „Analog“ ist im Verbrecher Verlag erschienen, Michaela Melians drittes Soloalbum „Monaco“ bei Monika Enterprise.

IMG_8657.JPG

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10