Der Clubszene brummt der Schädel

Bilder: Laurin Bleiker, Collage: DOME. Die Bilder von Laurin Bleiker stammen aus verschiedenen Fotoreportagen aus dem St.Galler Nachtleben.

Viele Clubs in der Schweiz kämpfen ums Überleben, mehrere haben in den vergangenen paar Jahren geschlossen, auch in der Ostschweiz. Die Aktuer:innen im Nachtleben sehen viele Gründe dafür, insbesondere das vielzitierte veränderte Ausgehverhalten, aber auch mehr Konkurrenz. Sie schöpfen jedoch neue Hoffnung.

Die Schwei­zer Club­sze­ne ist ziem­lich ver­ka­tert. Be­son­ders star­ke Kopf­schmer­zen be­rei­tet ihr, dass di­ver­se Clubs im gan­zen Land seit der Co­ro­na­pan­de­mie schlies­sen muss­ten, sei es we­gen man­geln­der Wirt­schaft­lich­keit, sei es we­gen Gen­tri­fi­zie­rung und Ge­bäu­de­ab­brü­chen. Nach der Auf­he­bung der Mass­nah­men im Früh­jahr 2022 wur­den vie­le Clubs über­rannt, doch ab 2023 flach­ten die Be­su­cher:in­nen­zah­len ab. Als Grün­de wer­den ein ver­än­der­tes Aus­geh­ver­hal­ten vor al­lem der jun­gen Leu­te und der sin­ken­de Al­ko­hol­kon­sum ge­nannt. 

Zu­dem kon­kur­ren­zie­ren sich Clubs und Bars längst nicht nur ge­gen­sei­tig, ver­mehrt sind auch Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten und das hei­mi­sche So­fa zur Kon­kur­renz ge­wor­den. Auch dank Strea­ming­por­ta­len wie Net­flix ha­ben vie­le Men­schen wäh­rend der Co­ro­na­pan­de­mie ge­lernt, sich zu­hau­se sel­ber zu un­ter­hal­ten. Wer an ei­nem Frei­tag­abend in der St.Gal­ler In­nen­stadt un­ter­wegs ist, merkt schnell, dass an vie­len Or­ten ge­wöhn­lich we­ni­ger los ist als vor ei­ni­gen Jah­ren, selbst im «Ber­mu­da-Drei­eck» an der Au­gus­ti­ner­gas­se und der En­gel­gas­se.

Im Sai­ten-Land ha­ben im ver­gan­ge­nen Jahr drei Clubs ih­re Tü­ren ge­schlos­sen: der Green Klub in Win­ter­thur, das Kraft­werk in Krum­men­au so­wie das Se­lig im Chu­rer Aus­geh­vier­tel Welsch­dörf­li, wo auch vie­le Bars schlos­sen. Für letz­te­res kam das Aus nach fast 20 Jah­ren in der Som­mer­pau­se. Ge­schäfts­füh­rer Ro­ni Sze­pan­ski, der das Lo­kal 2016 über­nom­men hat­te, ist auch In­ha­ber des Pubs Dub­lin Cliff. Aus­ser­dem be­trieb er bis 2018 das Pa­laz­zo (da­nach Lou­cy, heu­te Fa­brik), die gröss­te Event-Lo­ca­ti­on Ch­urs.

Sze­pan­ski re­agier­te auf meh­re­re Mail­an­fra­gen von Sai­ten nicht. Ge­gen­über der «Süd­ost­schweiz» sag­te er im Sep­tem­ber, er ha­be wäh­rend der Som­mer­pau­se die Bü­cher und Zah­len des Se­lig gründ­lich ge­prüft und sei zum Schluss ge­kom­men, dass sich der Be­trieb nicht mehr loh­ne. Er be­grün­de­te die Schlies­sung mit dem ver­än­der­ten Aus­geh­ver­hal­ten und ge­stie­ge­nen Kos­ten. Die jun­gen Er­wach­se­nen gin­gen nicht mehr re­gel­mäs­sig in den Aus­gang, son­dern eher event­spe­zi­fisch – und plötz­lich woll­ten sie «lie­ber al­ko­hol­freie Ge­trän­ke, Pro­te­in­shakes und ins Fit­ness­stu­dio». Ein Wech­sel hin zu ei­ner äl­te­ren Ziel­grup­pe ha­be zwar gut funk­tio­niert, doch die­se kön­ne bei Wei­tem nicht im glei­chen Zeit­in­ter­vall be­spielt wer­den, so Sze­pan­ski in der «Süd­ost­schweiz».

Im Kraft­werk hat ein neu­er Ver­ein über­nom­men 

Eben­falls im Som­mer schloss das Kraft­werk in Krum­men­au. Der Club, der auch für an­de­re kul­tu­rel­le An­läs­se ge­nutzt wur­de, ent­stand ur­sprüng­lich 1993 als Mam­mut in Eb­nat-Kap­pel. 1999 zü­gel­te er dann ins Kraft­werk Trem­pel an der Thur. Im Mai teil­ten die Be­trei­ber:in­nen «mit schwe­rem Herz» mit, dass sich der Ver­ein im Ju­li auf­lö­sen wer­de – auf­grund feh­len­der fi­nan­zi­el­ler Mit­tel und man­geln­der An­zahl Mit­glie­der und Hel­fer:in­nen. 

Ex-Ver­eins­prä­si­den­tin Sa­bri­na Lie­ber­mann teil­te auf An­fra­ge mit, sie ha­be «mit dem Gan­zen ab­ge­schlos­sen» und wol­le nicht mehr öf­fent­lich dar­über re­den. Im «Tog­gen­bur­ger Tag­blatt» sag­te sie da­mals, der Club ha­be durch den Lock­down und die aus­blei­ben­den Par­tys den An­schluss an die nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­ti­on ver­passt und ha­be «den neu­en Be­dürf­nis­sen» nicht mehr ge­recht wer­den kön­nen. Zu­dem hät­ten be­stehen­de Mit­glie­der die Ver­bin­dung zum Ver­ein ver­lo­ren, und es sei nicht ge­lun­gen, neue Mit­glie­der, die sich eh­ren­amt­lich im Be­trieb en­ga­gier­ten, zu fin­den, er­gänz­te Vor­stands­mit­glied Ta­ma­ra Ni­ko­lić.

De­fi­ni­tiv zu En­de ist es je­doch nicht im Kraft­werk: Der 2023 ge­grün­de­te Ver­ein Back­stage, der be­reits frü­her ab und zu An­läs­se im Kraft­werk or­ga­ni­sier­te und in dem auch ehe­ma­li­ge Vor­stands­mit­glie­der des Ver­eins Kraft­werk sind, führt den Club wei­ter. In der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2025 fan­den meh­re­re Par­tys statt. Bei Re­dak­ti­ons­schluss such­te der Ver­ein auf der Crowd­fun­ding-Platt­form Go­fund­me Geld für Si­cher­heits­mass­nah­men un­ter an­de­rem beim Brand­schutz. Es wird span­nend sein zu se­hen, wie der Neu­start im Kraft­werk ge­lingt.

In St.Gal­len ha­ben nur we­ni­ge Clubs ge­schlos­sen – al­le vor Co­ro­na

Das le­ben­digs­te Nacht­le­ben der Ost­schweiz be­fin­det sich in St.Gal­len. Die Stadt ver­fügt über ei­ne der höchs­ten Bei­zen- und Bar­dich­ten der Schweiz. Die Club­land­schaft ist zwar über­schau­bar, aber ei­ni­ger­mas­sen be­stän­dig. Zwar gab es in den ver­gan­ge­nen rund 15 Jah­ren di­ver­se Na­mens­wech­sel, aber nur we­ni­ge Schlies­sun­gen. In der In­nen­stadt sind drei (bzw. vier) Clubs ver­schwun­den: mit dem Elec­tro­kel­ler (2011) und dem CMC (2014) zwei klei­ne­re so­wie 2014 mit dem Down­town (das bis 2016 in der Brühl­tor-Un­ter­füh­rung als New Down­town wei­ter­leb­te) ein grös­se­rer. Der 2012 im See­ger­haus er­öff­ne­te Fe­lix Night­club schloss be­reits 2014 wie­der. 

Lich­ter­lö­schen war auch in zwei Clubs am öst­li­chen und west­li­chen Stadt­rand: Mit­te der Zeh­ner­jah­re im Tech­no-Club Raum­sta­ti­on, der aus dem Elec­tro­kel­ler her­vor­ge­gan­gen war, und 2016 im Hal­li-Gal­li-Tem­pel Vil­la Wahn­sinn bei der Shop­ping-Are­na, 2012 in den Räu­men des ehe­ma­li­gen Glow-Clubs er­öff­net, wo sich Grös­sen wie 50 Cent, Jay-Z, Shag­gy oder Si­do ver­gnüg­ten. Und der au­to­no­me Frei­raum Rüm­pel­tum zog 2018 von der Hal­den­stras­se in ein Pro­vi­so­ri­um am Ma­gni­berg und 2021 schliess­lich weg aus der In­nen­stadt ins Are­al Bach beim Bahn­hof St.Fi­den. Der­zeit kämpft das «Rümp» mit fi­nan­zi­el­len Pro­ble­men. 

Die gol­de­nen Zei­ten sind auch im Kugl vor­bei

Seit über 20 Jah­ren trotzt das Kugl (Kul­tur am Gleis) al­len Wi­der­stän­den. Der Club im Gü­ter­bahn­hof­ge­bäu­de ent­wi­ckel­te sich nach der Er­öff­nung 2004 zu ei­nem Ma­gne­ten für ein jun­ges, ur­ba­nes Pu­bli­kum. Er brach­te – auch dank Öff­nungs­zei­ten bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den – et­was Rau­es, Wil­des, Dunk­les ins städ­ti­sche Nacht­le­ben und be­weg­te sich ab­seits des Main­streams, wo­mit er sich von den gros­sen Dis­co­the­ken der In­nen­stadt ab­hob. 

Die gol­de­nen Zei­ten sind je­doch lan­ge vor­bei. Mehr­mals kämpf­te das Kugl ums Über­le­ben, mal aus fi­nan­zi­el­len, mal aus recht­li­chen Grün­den (oder der Kom­bi­na­ti­on aus bei­dem). 2010 führ­te ein Rechts­streit mit ei­nem Nach­barn da­zu, dass dem Kugl die Be­wil­li­gung für auf­ge­ho­be­ne Schlies­sungs­zei­ten vom Ver­wal­tungs­ge­richt ent­zo­gen wur­de – das Aus des Clubs schien da­mit be­sie­gelt. Erst nach jah­re­lan­gem Kampf und der Ver­le­gung des Ein­gangs auf die Nord­sei­te des Ge­bäu­des, zu den SBB-Glei­sen hin, ent­spann­te sich die Si­tua­ti­on. Und En­de 2020, wäh­rend des zwei­ten Co­ro­na-Lock­downs, star­te­te das Kugl ein Crowd­fun­ding, weil al­le flüs­si­gen Mit­tel auf­ge­braucht wa­ren. Von den er­hoff­ten 51’000 Fran­ken kam et­was mehr als ein Drit­tel zu­sam­men – und doch reich­te es, um auch die­se schwe­re Zeit zu über­ste­hen.

Das Kugl hat auch mit der La­ge zu kämp­fen: Es liegt zwar nur we­ni­ge Geh­mi­nu­ten vom St.Gal­ler Haupt­bahn­hof ent­fernt, al­ler­dings auf der «fal­schen» Sei­te. Das Nacht­le­ben spielt sich haupt­säch­lich rund um die Alt­stadt ab. Lauf­kund­schaft hat das Kugl prak­tisch nicht. Man muss sich be­wusst für ei­nen Be­such ent­schei­den.

Zu vie­le Play­er für das glei­che Pu­bli­kum 

Das Nacht­le­ben sei schon im­mer auf sei­ne Wei­se her­aus­for­dernd ge­we­sen, sagt Da­ni­el We­der, In­ha­ber und Ge­schäfts­füh­rer des Kugl. Als Club spü­re man im­mer auch den kul­tu­rel­len Wan­del – und das Nacht­le­ben sei ein Spie­gel­bild da­von. Als Bei­spiel nennt er die Rei­he «Tsch­äss ond Wööscht», die je­weils diens­tags statt­fand und lan­ge ein Selbst­läu­fer war. Mit der Schlies­sung der Jazz­schu­le St.Gal­len 2010 sei das In­ter­es­se dar­an je­doch zu­sam­men­ge­bro­chen. Auch an­de­re Ver­an­stal­tun­gen un­ter der Wo­che wie Co­me­dy-Aben­de, Le­sun­gen oder Kon­zer­te sei­en ir­gend­wann nicht mehr ren­ta­bel be­zie­hungs­wei­se durch den Par­ty­be­trieb am Wo­chen­en­de nicht mehr quer­fi­nan­zier­bar ge­we­sen. Des­halb ha­be sich auch das Kugl in­halt­lich an­pas­sen müs­sen, das Pro­gramm sei aus­ge­dünnt und kom­mer­zi­el­ler ge­wor­den. «Das wur­de uns oft vor­ge­wor­fen, es hat den Club aber am Le­ben er­hal­ten.»

Heu­te sei die städ­ti­sche Club­sze­ne we­ni­ger di­vers als frü­her, über­all lau­fe ein brei­tes Mu­sik­pro­gramm, sagt We­der. Mit der Fol­ge, dass es «zu vie­le Play­er für das glei­che Pu­bli­kum» ge­be. 

«Ir­gend­wann hat man kei­nen Bock mehr auf Tin­der. Die Leu­te wol­len sich wie­der per­sön­lich ken­nen­ler­nen.»

Daniel Weder, Inhaber und Geschäftsführer Kugl

Das Ab­flau­en des Nacht­le­bens ha­be je­doch nicht erst nach der Co­ro­na­pan­de­mie be­gon­nen, son­dern be­reits ge­gen En­de der Zeh­ner­jah­re. «Es wur­de schon da­mals im­mer schwie­ri­ger, ge­nü­gend Gäs­te an die Par­tys zu lo­cken.» Frei­tags bleibt das Kugl in der Re­gel seit län­ge­rem zu. Das will We­der künf­tig wie­der än­dern, der Club soll in klei­ne­rem Rah­men be­spielt wer­den. Und dank ei­ner neu­en Boo­king-Crew soll es auch wie­der mehr Ei­gen­pro­duk­tio­nen ge­ben; heu­te ma­chen Fremd­ver­an­stal­tun­gen ei­nen Gross­teil der An­läs­se aus. Er ha­be das Ge­fühl, dass Aus­ge­hen bei den 16- bis 18-Jäh­ri­gen wie­der ei­nen hö­he­ren Stel­len­wert be­kom­me, sagt We­der. Das Be­dürf­nis der Leu­te, sich zu tref­fen und ge­mein­sam et­was zu er­le­ben, wer­de wie­der zu­neh­men. «Ir­gend­wann hat man kei­nen Bock mehr auf Tin­der. Die Leu­te wol­len sich wie­der per­sön­lich ken­nen­ler­nen.» 

Über­le­ben dank ei­ner Sym­bio­se 

Ein pro­fi­ta­bler Be­trieb wä­re nur mit Par­tys, Kon­zer­ten und an­de­ren kul­tu­rel­len An­läs­sen al­ler­dings nicht mög­lich, zu­mal die Som­mer­mo­na­te auf­grund im­mer mehr Fes­ti­vals und Day­dan­ces im­mer schwie­ri­ger wür­den – und län­ger, da die ers­ten Day­dan­ces schon im Früh­ling be­gin­nen und die letz­ten im Herbst statt­fin­den. 2019 er­öff­ne­te das Kugl im ehe­ma­li­gen Foy­er ei­ne Bar, die vom Club ab­ge­trennt war und vor die­sem öff­ne­te – ähn­lich wie vor der Ver­le­gung des Ein­gangs. Das Kon­zept funk­tio­nier­te nicht, doch dar­aus ist 2023 das Event­lo­kal Gut & Gü­ter ent­stan­den. Ein hel­ler, licht­durch­flu­te­ter Ort oh­ne das «Club-Fee­ling», das für vie­le Fir­men­events nicht pass­te. Dort kön­nen Pri­vat­per­so­nen und Fir­men An­läs­se al­ler Art durch­füh­ren, von Kund:in­nen­events über Ban­ket­te bis zu Ge­burts­tags­par­tys oder Hoch­zeits­fei­ern. Da­für ar­bei­tet das Kugl mit ver­schie­de­nen Part­ner­fir­men zu­sam­men.

We­der ha­dert nicht mit der Si­tua­ti­on. Man müs­se den Wan­del ak­zep­tie­ren – und Lö­sun­gen su­chen, sich an­pas­sen, sagt er. «Wenn das ir­gend­wann nicht mehr mög­lich ist, ist die Zeit ge­kom­men, et­was an­de­res zu ma­chen.»

Frei­tags ei­ne Bar, sams­tags ein Club 

Be­such im De­zent. Seit Ja­nu­ar 2025 führt Re­né Mei­er mit sei­ner Part­ne­rin den Club an der Hin­te­ren Post­stras­se, der zwi­schen 2003 und 2019 als Ele­phant ein Fix­punkt im Nacht­le­ben war. Nach der Schlies­sung des «Ele» stand das Lo­kal drei Jah­re lang im Um­bau, ehe es im Früh­jahr 2022 un­ter dem Na­men Ga­ra­ge wie­der­eröff­ne­te – und be­reits En­de 2024 aus wirt­schaft­li­chen Grün­den wie­der schloss. 

Mei­er ar­bei­te­te einst im Back­of­fice des Ele­phant. 2016 über­nahm er das Back­stage an der Bahn­hofstras­se, das fast 20 Jah­re lang ein fes­ter Be­stand­teil der St.Gal­ler Aus­geh­sze­ne war, und er­öff­ne­te es un­ter dem neu­en Na­men Ivy wie­der. Nach der Co­ro­na-Pan­de­mie ent­schloss sich Mei­er, das Ivy in neue Hän­de zu ge­ben – und zog sich aus dem Nacht­le­ben zu­rück. Bis er 2024 das An­ge­bot er­hielt, die Ga­ra­ge zu über­neh­men.

Das Club­bing ha­be sich grund­le­gend ver­än­dert, sagt Mei­er. «Die In­ter­es­sen der Leu­te ha­ben sich ver­legt, es gibt viel mehr An­ge­bo­te – sei­en es Städ­te­trips, die viel güns­ti­ger ge­wor­den sind, oder an­de­re Ak­ti­vi­tä­ten.» Schon vor zehn Jah­ren ha­be sich ge­zeigt, dass das Nacht­le­ben ab­fla­chend sei. Auch «dank» der so­zia­len Me­di­en ha­be das Be­dürf­nis, re­gel­mäs­sig aus­zu­ge­hen, ab­ge­nom­men. Aus­ser­dem spü­re man die vie­len Day­dan­ces wäh­rend der Som­mer­mo­na­te. «Frü­her wa­ren vie­le Leu­te von Don­ners­tag bis Sams­tag im Aus­gang, heu­te viel­leicht noch ei­nen Tag in der Wo­che. Aber wenn sie aus­ge­hen, ge­ben sie im­mer noch Gas.»

Die­se Ent­wick­lung spie­gelt sich an den Öff­nungs­zei­ten des De­zent, das Club und Bar in ei­nem ist: Don­ners­tags und frei­tags ist ge­wöhn­lich nur die Bar ge­öff­net, der Club nur sams­tags, da­zu fin­den re­gel­mäs­sig mitt­wochs Stu­den­ten­par­tys statt. «Die Frei­ta­ge lie­fen schon vor Co­ro­na oft schlecht, es war je­des Mal ein Po­ker. Heu­te gilt das um­so mehr», sagt Mei­er. Das Ziel sei statt­des­sen, künf­tig un­ge­fähr ein­mal pro Mo­nat frei­tags klei­ne­re kul­tu­rel­le An­läs­se wie Kon­zer­te oder Co­me­dy­shows zu ver­an­stal­ten.

Im De­zent gibt es jetzt Ü60-Par­tys

Dem Wan­del zum Trotz blickt das De­zent auf ein er­folg­rei­ches Jahr 2025 zu­rück: «In ei­ni­gen Mo­na­ten hat­ten wir so­gar bes­se­re Um­sät­ze als vor zehn Jah­ren», sagt Mei­er. Und der Pro-Kopf-Um­satz, der in vie­len Clubs (und Bars) rück­läu­fig ist, weil die Gäs­te we­ni­ger Al­ko­hol trin­ken, sei im ver­gan­ge­nen Jahr so­gar ge­stie­gen. Den­noch reicht das nicht, um den Club­be­trieb zu fi­nan­zie­ren. Die­ser wird durch die Ver­mie­tung des Lo­kals für Events wie Fir­men­an­läs­se, Pro­dukt­prä­sen­ta­tio­nen, Work­shops, Weih­nachts­es­sen und so wei­ter quer­fi­nan­ziert. «Die­se An­ge­bo­te wol­len wir künf­tig wei­ter aus­bau­en.»

Das De­zent möch­te nun ei­ne ganz neue Ziel­grup­pe er­schlies­sen: Von Fe­bru­ar bis Mai gibt es je­weils am frü­hen Don­ners­tag­abend ei­ne Ü60-Dis­co. Doch auch Mei­er stellt fest, dass bei Ju­gend­li­chen ab 16 Jah­ren das In­ter­es­se am Nacht­le­ben wie­der zu­neh­me. 2025 gabs im De­zent, wo Min­dest­al­ter 20 gilt, zwei Ü16-Kan­ti-Par­tys – bei­de wa­ren schnell aus­ver­kauft.

Dass vie­le Clubs in ei­ner an­ge­spann­ten fi­nan­zi­el­len La­ge sind, ha­be nicht nur da­mit zu tun, dass von den Al­ko­hol­prei­sen bis zu den Per­so­nal­kos­ten vie­les teu­rer ge­wor­den sei. Son­dern auch da­mit, dass «sau­be­res Ar­bei­ten», ins­be­son­de­re im Um­gang mit Geld, im Nacht­le­ben oft ver­nach­läs­sigt wer­de, sagt Mei­er. Ei­nen Club müs­se man je­doch ge­nau­so se­ri­ös füh­ren wie je­des an­de­re Un­ter­neh­men – mit gu­ter Or­ga­ni­sa­ti­on, ei­nem ex­ak­ten Bü­ro und ei­ner kla­ren Li­nie. 

«Das Nacht­le­ben ist mit vie­len Ver­su­chun­gen ver­bun­den: Al­ko­hol, Dro­gen, Geld, se­xu­el­le Aben­teu­er … du bist um­ge­ben von Sucht­po­ten­zia­len. »

René Meier, Inhaber und Geschäftsführer Dezent

Aus­ser­dem sei es ge­ra­de in ei­nem sol­chen «Peo­p­le Busi­ness» ent­schei­dend, mit wem man zu­sam­men­ar­bei­te, so­wohl was Ge­schäfts­part­ner:in­nen als auch das Per­so­nal be­tref­fe. Es sei je­doch nicht ein­fach, gu­te Leu­te für Füh­rungs­po­si­tio­nen in Clubs zu fin­den. «Das Nacht­le­ben ist mit vie­len Ver­su­chun­gen ver­bun­den: Al­ko­hol, Dro­gen, Geld, se­xu­el­le Aben­teu­er … du bist um­ge­ben von Sucht­po­ten­zia­len. Und man darf nicht ver­ges­sen: Es ist Nacht­ar­beit. Es braucht Leu­te, die es aus Lei­den­schaft ma­chen und nicht nur aus fi­nan­zi­el­len Grün­den.»

Bars als gros­se Kon­kur­renz

An­dy Mess­mer und Re­to Al­len­spach sind seit ei­ner ge­fühl­ten Ewig­keit im St.Gal­ler Nacht­le­ben tä­tig und be­trie­ben schon di­ver­se Clubs und Bars. Heu­te füh­ren sie die bei­den Clubs Al­pen­chi­que, das 2015 aus dem Ca­sa­blan­ca her­vor­ging, und seit En­de 2023 das Eden (ehe­mals Ivy). Aus­ser­dem ge­hört ih­nen die Bar Alt St.Gal­len im «Ber­mu­da-Drei­eck», das äl­tes­te Lo­kal der Stadt.

Die Ab­wärts­ten­denz im Nacht­le­ben ha­be sich schon vor über zehn Jah­ren ab­ge­zeich­net, sagt auch Mess­mer. Ge­ra­de die grös­se­ren Clubs hät­ten da­mals be­gon­nen, beim Pro­gramm Er­folgs­re­zep­te von­ein­an­der zu ko­pie­ren. «Am Schluss mach­ten al­le mehr oder we­ni­ger das­sel­be. Da­durch wur­de das Nacht­le­ben lang­wei­li­ger.»

Ei­ne gros­se Kon­kur­renz für die Clubs sei­en die Bars, sagt Al­len­spach. Vor 20 Jah­ren sei die Tren­nung zwi­schen Re­stau­rants, Bars und Clubs viel kla­rer ge­we­sen. Im Lau­fe der Zeit ha­be sich das aber im­mer mehr ver­mischt. Bars hät­ten da­mit be­gon­nen, auch Spei­sen an­zu­bie­ten. «Und prak­tisch je­de Bar war plötz­lich auch ein Club, mit DJs, Dis­co-Lich­tern und Rauch­ma­schi­ne.» Hin­zu kä­men die Ver­län­ge­run­gen der Schlies­sungs­zeit bis 3 Uhr mor­gens, die je­de Bar vier­mal pro Mo­nat be­an­tra­gen kann. «Wenn das al­le Bars ma­chen, ist das in der Sum­me ei­ne rie­si­ge Kon­kur­renz für die Clubs.» 

«Es braucht stren­ge­re Schlies­sungs­zei­ten für Bars und für Day­dan­ces» 

Al­len­spach spricht sich des­halb da­für aus, die Schlies­sungs­zei­ten für Bars stren­ger zu re­gu­lie­ren – eben­so je­ne für Day­dan­ces. Die­se wirk­ten sich – vor al­lem durch die Viel­zahl, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in der gan­zen Re­gi­on ent­stan­den sei – oh­ne­hin stark aufs Nacht­le­ben in der Stadt aus: «Wer schon am Sams­tag­nach­mit­tag an ei­nen Day­dance geht, geht am Frei­tag­abend ver­mut­lich nicht auch noch weg. Ein Day­dance schwächt die Club­sze­ne al­so nicht nur an dem Tag, an dem er statt­fin­det, son­dern schon am Tag da­vor.» Und oft fän­den am sel­ben Ort gleich an­schlies­send Af­ter-Par­tys bis in die Nacht hin­ein statt. «All das be­kom­men auch wir zu spü­ren.»

«Ein Day­dance schwächt die Club­sze­ne nicht nur an dem Tag, an dem er statt­fin­det, son­dern schon am Tag da­vor.»

Reto Allenspach, Inhaber Alpenchique und Eden

Doch wäh­rend ei­ni­ge Clubs in der Schweiz in den letz­ten Jah­ren Um­satz­ein­bus­sen von bis zu 40 Pro­zent ver­kraf­ten müss­ten, sei­en die Um­sät­ze im Al­pen­chi­que sta­bil, sagt Mess­mer. Das lie­ge auch dar­an, dass das Pu­bli­kum et­was äl­ter sei. Des­we­gen sei man auch we­ni­ger der Schnell­le­big­keit von Trends aus­ge­setzt. Das Eden hin­ge­gen spricht eher die Jün­ge­ren an – und seit kur­zem die ganz Jun­gen, al­so die 16- bis 18-Jäh­ri­gen. Je­den Frei­tag und an ei­nem Sams­tag im Mo­nat gibt es Ü16-Par­tys, an den üb­ri­gen Sams­ta­gen gilt Min­dest­al­ter 18. «Wir stel­len fest, dass die­se Al­ters­grup­pe ei­nen gros­sen Drang hat, aus­zu­ge­hen und das Nacht­le­ben zu er­le­ben. Das war bei der Ge­ne­ra­ti­on da­vor we­gen der Co­ro­na­pan­de­mie noch an­ders», sagt Mess­mer. Da­mit be­stä­tigt er den Ein­druck, den auch Da­ni­el We­der vom Kugl und Re­né Mei­er vom De­zent ge­äus­sert ha­ben.

Das zeigt sich auch an den Schlan­gen, die sich re­gel­mäs­sig bei den Ü16-Par­tys vor dem Eden bil­den und bis zum Schib­e­n­er­tor rei­chen. Es gel­te, noch zwei, drei Jah­re Schnauf zu ha­ben, bis die heu­ti­gen 16- bis 18-Jäh­ri­gen ins Nacht­le­ben «rich­tig» rein­wach­sen und die Clubs wie­der fül­len. Fi­nan­zi­ell sei der Club­be­trieb bei 16+ we­gen des Kon­sum­ver­hal­tens weit­aus her­aus­for­dern­der als bei 18+, er­gänzt Al­len­spach. Aber das sei ei­ne In­ves­ti­ti­on in die Zu­kunft, sie sich hof­fent­lich aus­zah­len wer­de: Wenn man die Jun­gen ans Nacht­le­ben her­an­füh­re, blie­ben sie die­sem auch spä­ter eher er­hal­ten.

Doch auch das Eden hat sich di­ver­si­fi­ziert: Seit Mit­te No­vem­ber letz­ten Jah­res ist es auch ei­ne «Sport­lounge». Diens­tags und mitt­wochs so­wie am Sams­tag­nach­mit­tag läuft Fuss­ball, da­zu gibt es Bil­li­ard, Darts und Snacks. Frei­tag und Sams­tag bleibt fürs Club­bing re­ser­viert.

Die Kopf­schmer­zen dürf­ten noch an­hal­ten

Doch trotz des Her­an­wach­sens ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on sind sich Re­to Al­len­spach und An­dy Mess­mer ei­nig, dass sich die Schwie­rig­kei­ten fürs Club­bing in den kom­men­den Jah­ren wei­ter ver­schär­fen wer­den. Auch Schlies­sun­gen von Clubs sei­en durch­aus rea­lis­tisch.

Es deu­tet al­so vie­les dar­auf hin, dass die Kopf­schmer­zen der Club­sze­ne noch ein Weil­chen an­dau­ern wer­den. Die wirk­sams­te Pil­le da­ge­gen dürf­te die Flucht der Ju­gend­li­chen aus den so­zia­len Me­di­en in die rea­le Welt sein, die Da­ni­el We­der vom Kugl und Re­né Mei­er vom De­zent fest­zu­stel­len glau­ben. Wie lan­ge sie an­hal­ten wird, bleibt ab­zu­war­ten. Aufs und Abs gibt es schon seit Jahr­zehn­ten, mit je­der neu­er Ge­ne­ra­ti­on kom­men neue Ge­wohn­hei­ten.

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