Die Frage nach dem guten Leben

Robin (Ulrich Hoppe) und Rose (Jana Alexia Rödiger) holt die Affäre ein, die sie vor vier Jahrzehnten hatten. (Bilder: Milena Schilling)

Die Kinder am Theater Konstanz zeigt ein kluges und gleichzeitig ungemütliches Stück über die Konsequenzen eines gelebten Lebens. Es geht um Verantwortung, Verbitterung, Frust und auch um die richtigen Entscheidungen – aber welche sind das genau? Und was passiert, wenn wir sie verpassen?

Es ist ein Über­ra­schungs­be­such, aber kei­ner der gu­ten Art, als Ro­se plötz­lich in Ha­zels Wohn­zim­mer steht – nach 38 Jah­ren, wo doch er­zählt wur­de, dass sie be­reits ver­stor­ben sei. Nie­mand hat mehr da­mit ge­rech­net, dass sie noch­mal auf­taucht. Und mit ihr kom­men sie hoch: die Geis­ter der Ver­gan­gen­heit, und sie wir­beln Staub auf, der sich schon lan­ge über all die Er­in­ne­run­gen und Er­fah­run­gen ge­legt hat. Ha­zel und ihr Ehe­mann Ro­bin ha­ben sich näm­lich ei­gent­lich ein recht ge­müt­li­ches Zu­hau­se für ih­ren Ru­he­stand ge­schaf­fen. Sie le­ben in ei­nem klei­nen Fe­ri­en­häus­chen im Nir­gend­wo, pflan­zen Ge­mü­se an und ha­ben es sich so ge­müt­lich ge­macht, wie es eben geht.

Die Um­stän­de sind we­nig ein­la­dend, wie sich im Lau­fe des Stü­ckes her­aus­stellt: Al­le drei Prot­ago­nist:in­nen ha­ben ih­re be­ruf­li­chen Kar­rie­ren in ei­nem Atom­kraft­werk ab­sol­viert, in dem sich vor ei­ni­gen Jah­ren ein Un­fall er­eig­ne­te. Das Meer schwapp­te wie «über­ko­chen­de Milch» über den Land­strich. Seit­her ist die Ge­gend ato­mar ver­seucht, un­wirt­lich, iso­liert von der Aus­sen­welt.

Ei­ne Drei­ecks­be­zie­hung, die Nar­ben hin­ter­lässt

Gleich zu Be­ginn des Stü­ckes wird klar, dass die bei­den Frau­en Ha­zel und Ro­se sich gut ken­nen, al­te Freun­din­nen sind, und man fragt sich, war­um sich im­mer wie­der ei­ne pas­siv-ag­gres­si­ve Stim­mung über ih­ren Dia­log legt. Man hegt ei­ne Ver­mu­tung, die sich be­stä­tigt, als Ro­bin, Ha­zels Ehe­mann, die Büh­ne be­tritt. Jetzt ist klar: Hier geht es um ei­ne Drei­ecks­be­zie­hung. Ro­se hat­te vor vier Jahr­zehn­ten ei­ne Af­fä­re mit Ha­zels Mann. Und die­se Ge­schich­te hat Nar­ben hin­ter­las­sen, die noch im­mer schmer­zen. Ein gros­ser Reiz der In­sze­nie­rung (Re­gie: Pa­trick O. Beck, Dra­ma­tur­gie: Hau­ke Pock­randt) liegt dar­in, dass sie al­len drei Fi­gu­ren die­ser Drei­ecks­be­zie­hung glei­cher­mas­sen Raum gibt und wir so­mit die Ge­schich­te aus drei Per­spek­ti­ven er­le­ben.

Da sind die bei­den Frau­en: Freun­din­nen, Kol­le­gin­nen, aber auch Ri­va­lin­nen, Kon­kur­ren­tin­nen – in ih­rer ge­sam­ten Weib­lich­keit. Ha­zel (dar­ge­stellt von Mi­chae­la Al­len­dorf) hat sich für Per­fek­ti­on, Leis­tung und ei­ne «Di­ät aus Yo­ga und Jo­ghurt» ent­schie­den, wie ihr Mann Ro­bin sti­chelt. Sie ist ei­ne der Frau­en, die Kar­rie­re ge­macht und gleich­zei­tig vier Kin­der gross­ge­zo­gen hat. Ihr All­tag ist bis ins kleins­te De­tail – bis hin zu ih­rer Skin­ca­re – hoch­funk­tio­nal und durch­or­ga­ni­siert. Sie ist ei­ne von den Frau­en, die nie­mals oh­ne Son­nen­schutz aus dem Haus ge­hen.

Freundinnen, Kolleginnen, aber auch Rivalinnen und Konkurrentinnen: Rose (Jana Alexia Rödiger) und Hazel (Michaela Allendorf). 

Ihr ge­gen­über steht Ro­se (Ja­na Al­e­xia Rö­di­ger). Ei­ne Sin­gle­frau mit ei­nem re­gen Lie­bes­le­ben: kei­ne Kin­der, kei­ne Haus­tie­re. Sie setzt auf das Kon­zept «Rot­wein und Steak», stellt Ge­nuss vor Sport, ist fle­xi­bel, frei und selbst­be­stimmt. Die­se bei­den Le­bens­kon­zep­te pral­len auf­ein­an­der, wer­den ge­gen­ein­an­der auf­ge­rech­net und in ei­nen gna­den­lo­sen Ver­gleich ge­stellt. Hier bril­lie­ren die bei­den Schau­spie­le­rin­nen, die ih­re je­wei­li­gen The­ma­ti­ken mit ei­ner Selbst­ver­ständ­lich­keit auf die Büh­ne brin­gen, die von der ers­ten Se­kun­de an sitzt.

Als Ro­bin (Ul­rich Hop­pe) hin­zu­kommt, wird das Drei­eck wei­ter be­spielt – im­mer wie­der ge­rät ei­ne der drei Per­so­nen ins Ziel­feu­er. Ul­rich Hop­pe bringt mit gros­ser Läs­sig­keit und Warm­her­zig­keit ei­nen Mann auf die Büh­ne, der sich in sich zu­rück­ge­zo­gen hat. Wir er­le­ben ihn in ei­ner ver­mei­den­den Be­zie­hung zu sei­ner Ehe­frau Ha­zel. In ei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe, ei­nem ge­teil­ten Le­ben: Sie ha­ben vier ge­mein­sa­me Kin­der gross­ge­zo­gen, füh­ren zu­sam­men ei­nen Bio­bau­ern­hof, be­stehen die Her­aus­for­de­run­gen des All­tags. Und sie sind von­ein­an­der ver­letzt. Ha­zel trägt die Nar­ben der Af­fä­re ih­res Man­nes mit sich her­um, und es be­darf nicht viel, dass die­se wie­der auf­plat­zen. Ro­bin hin­ge­gen fühlt sich ein­ge­schränkt, kon­trol­liert und ge­mass­re­gelt. Bei­de tra­gen ei­ne gros­se Ver­zweif­lung in sich, die dar­in wur­zelt, dass sie ein­an­der nicht zu ge­nü­gen schei­nen. Die ato­mar ver­seuch­te Land­schaft ver­stärkt die­se Si­tua­ti­on: Das Paar lebt iso­liert, ab­ge­schnit­ten von der Welt. Ei­ne Ge­mein­schaft zu zweit, in der sich ei­ne in­ne­re Ein­sam­keit aus­brei­tet, die hart an­zu­se­hen ist. Ei­ne «nei­di­sche al­te Zie­ge» trifft auf ei­nen «schwei­ni­schen al­ten Mann».

Ro­bin und Ro­se hin­ge­gen spü­ren so­fort wie­der die ge­gen­sei­ti­ge An­zie­hung. Die Wär­me, den ge­mein­sa­men Hu­mor, die Lei­den­schaft – all das hat die Jahr­zehn­te über­dau­ert. Ih­re Be­geg­nung ent­zün­det das gros­se Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment des Stücks: «Was wä­re wenn?» Wä­ren sie das per­fek­te Paar ge­wor­den? Wä­re ih­re Lie­be die ein­zig wah­re ge­we­sen? Hät­ten sie ei­ne Chan­ce ge­habt, wä­re Ha­zel nicht schwan­ger ge­wor­den?

Die Re­le­vanz der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on

Und hier­mit kom­men wir zu den ti­tel­ge­ben­den Kin­dern, die im Stück nicht auf die Büh­ne kom­men. Es gibt sie nur als In­halt der Dia­lo­ge, als Te­le­fon­an­ru­fe am Ran­de, und den­noch zeigt das Stück, dass sie ei­gent­lich im Zen­trum ste­hen. Sie sind der Grund für die Ent­wick­lung die­ser drei Bio­gra­fien. Für Ro­bin und Ha­zel sind sie der Grund ih­rer Part­ner­schaft, für Ro­se der Grund, sich aus die­ser zu­rück­zu­zie­hen. Sie sind al­so die Ur­sa­che ei­nes Ver­zichts.

In al­len drei Per­so­nen schwingt ein gros­ses schlech­tes Ge­wis­sen mit, da sie al­le im Atom­kraft­werk ge­ar­bei­tet ha­ben. Sie ha­ben ei­nen Feh­ler ge­macht, der das Le­ben vie­ler Men­schen ver­än­der­te, und sie fra­gen sich nach ih­rer Ver­ant­wor­tung, das wie­der in den Griff zu be­kom­men. «Wir kön­nen nicht so wei­ter­ma­chen», sagt Ro­bin an ei­nem Punkt, und man weiss nicht ge­nau, ob er sich auf die ak­tu­el­le ge­sell­schaft­li­che Si­tua­ti­on be­zieht, auf sei­ne Ehe oder auf die ge­mein­sa­me Ver­ant­wor­tung des Paars als El­tern. 

In die­sem Mo­ment öff­net sich das Stück zu ei­ner grös­se­ren Per­spek­ti­ve: Die Kin­der wird zur In­nen­schau der Boo­mer-Ge­ne­ra­ti­on, der von jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen ein ver­ant­wor­tungs­lo­ser Um­gang mit Res­sour­cen vor­ge­wor­fen wird. Die Um­welt ist er­schöpft – und die Be­zie­hun­gen sind es auch. Al­les ist aus­ge­brannt, frus­triert, kurz vor dem Zu­sam­men­bruch. Das spie­gelt sich auch im kar­gen Büh­nen­bild (An­dre­as L. May­er): ei­ne Dreh­schei­be, ein paar spär­li­che Tan­nen, ein Was­ser­spen­der, ei­ne Funk­sta­ti­on. Ei­ne Land­schaft am Rand des Zu­sam­men­bruchs. Und auch das mu­si­ka­li­sche Set­ting ist karg. Nur an ei­ner ein­zi­gen Stel­le, wird ein Song ein­ge­spielt, der wie ei­ne klei­ne Zeit­rei­se funk­tio­niert – zu­rück in das Le­ben vor den Kin­dern, als abends auf Par­tys ge­gan­gen und ge­tanzt wur­de. Ein sen­ti­men­ta­ler Mo­ment, der schnell wie­der kippt, zu­rück in die Stil­le.

Es ist – mal wie­der – kein er­bau­li­cher Thea­ter­abend, aber – mal wie­der – ei­ner, der zum Nach­den­ken an­regt. Es sind kei­ne ein­fa­chen Fra­gen, aber die wich­ti­gen, die hier ver­han­delt wer­den: Wie will ich mein Le­ben ge­lebt ha­ben? Wel­che Form von Weib­lich­keit oder Männ­lich­keit möch­te ich ver­kör­pern? Wel­che Be­zie­hung will ich ge­führt ha­ben, oh­ne in ei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Frus­tra­ti­on zu ge­ra­ten? Wel­che Ent­schei­dun­gen muss ich tref­fen? Wie viel Ver­ant­wor­tung tra­gen El­tern? Ha­zel sagt, sie hät­te ja auch am Mit­tel­meer in ei­nem Oli­ven­hain le­ben und dort 102 Jah­re alt wer­den kön­nen. Die­se Mög­lich­keit bleibt – wie ein lei­ses Echo – im Raum ste­hen. Denn viel­leicht be­glei­tet sie uns al­le: die Vor­stel­lung ei­nes an­de­ren Le­bens, das eben­so mög­lich ge­we­sen wä­re. Wann ge­nau ist es zu spät, noch ein­mal neu zu ent­schei­den? Mit 29 Jah­ren? Mit 67? Und wie viel Zeit bleibt dir noch bis da­hin?


Die Kin­der: bis Sonn­tag, 12. April, Thea­ter Kon­stanz. 
thea­ter­kon­stanz.de 

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