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Ein Blick in Zwischenwelten

Im neuen Stück Samar zwischen welt des Tanztheaters Rigolo geht es um Übergänge. Archaisch, sphärisch und vor allem sehr persönlich. 

Durchdringender Blick von Nadika Mohn (Bild: pd/Claudia Toggweiler)

Durchdringender Blick von Nadika Mohn (Bild: pd/Claudia Toggweiler)

Mit ei­nem al­les durch­drin­gen­den Blick rennt sie aufs Pu­bli­kum zu. Wird fast in Zeit­lu­pe zu­rück­ge­wor­fen. Eilt er­neut da­von, scheint zu flie­hen, oh­ne ent­kom­men zu kön­nen. Hin­ter ihr wölbt und win­det sich ein rie­si­ges weis­ses Tuch in ei­nem ganz ei­ge­nen Tanz. 

Sie, das ist die Tän­ze­rin Na­di­ka Mohn, ei­ne der vier Tän­zer:in­nen des neu­en Stücks Sa­mar zwi­schen welt des Tanz­thea­ters Ri­go­lo. Und ihr Blick wirkt noch nach, wenn der Rest des Zau­bers längst ver­flo­gen ist. 

Am 17. Sep­tem­ber fei­ert das Stück in der Wi­ler Lok­re­mi­se Pre­mie­re, da­nach tourt es bis Sep­tem­ber 2026 durch die Deutsch­schweiz. Sai­ten war im Ju­li beim gut be­such­ten öf­fent­li­chen Show­ing, und ob­wohl da­mals nur ein­zel­ne, un­fer­ti­ge Aus­schnit­te zu se­hen wa­ren, konn­te man schon er­ah­nen, wo­hin die Rei­se geht. 

Ar­cha­isch bis sphä­risch

Im Zen­trum der In­sze­nie­rung steht ein schwar­zes Me­tall­ge­rüst. Dar­an hängt schlaff ein rie­si­ges weis­ses Tuch. Die re­du­zier­te Ku­lis­se fügt sich naht­los in die in­dus­tri­el­le Ar­chi­tek­tur der Wi­ler Lok­re­mi­se ein. Al­les wirkt roh und gleich­zei­tig sphä­risch. 

Zu ei­gens kom­po­nier­ter Mu­sik von Alex­and­re Dai Cas­taing ent­fal­ten Na­di­ka Mohn, An­na Zur­kir­chen, Mik­haïl Mon­nin und Mat­this Pau­pert ih­re Be­we­gun­gen. Cho­reo­gra­fin Ma­ru­la Eu­gs­ter und ihr Team wähl­ten die vier Tän­zer:in­nen aus über 650 Be­wer­bun­gen aus.

Die Kör­per der Per­for­men­den win­den sich, rin­gen, hal­ten ein­an­der, las­sen los. Sie ver­schmel­zen und stos­sen sich ab, ver­lie­ren und fin­den das Gleich­ge­wicht. Die Be­we­gung bleibt da­bei nicht am Bo­den: Be­fes­tigt mit ei­ner Art Klet­ter­gurt zie­hen sich die Tan­zen­den ge­gen­sei­tig in die Hö­he, dre­hen sich in der Luft um die ei­ge­ne Ach­se und sin­ken zu­rück in die Ar­me der an­de­ren. In man­chen Mo­men­ten wirkt es, als wür­den sie ge­mein­sam Ab­schied neh­men, um im nächs­ten Au­gen­blick in neu­es Le­ben zu er­wa­chen.

Und na­tür­lich sieht al­les leicht aus, doch der Schein trügt. Ge­ra­de die Ar­beit in der Ver­ti­ka­len sei ei­ne Her­aus­for­de­rung ge­we­sen, er­zäh­len die Künst­ler:in­nen im öf­fent­li­chen Ge­spräch, weil das Seil auf je­de Nu­an­ce re­agie­re. «Man muss sich sehr auf­ein­an­der ver­las­sen und spürt so­fort, wie es den an­de­ren geht», sagt ei­ne Tän­ze­rin.

Per­sön­li­che In­spi­ra­ti­on

Das Stück führt das Pu­bli­kum, so heisst es in der Me­di­en­mit­tei­lung, «auf sinn­li­che Wei­se in das Reich der Zwi­schen­wel­ten, in­spi­riert durch exis­ten­zi­el­le Über­gän­ge wie Ge­burt, Tod und Trans­for­ma­ti­on». Und Sa­mar, so viel er­fährt man, be­deu­tet im Ara­bi­schen «das Ge­spräch bei Ein­bruch der Nacht». Und be­reits in den am Show­ing ge­zeig­ten Sze­nen sind die­se Über­gän­ge, oder eben die­se Rei­sen durch die Zwi­schen­wel­ten, fass­bar. 

Tanzen in Zwischenwelten (Bild: pd/Claudia Toggweiler)

Tanzen in Zwischenwelten (Bild: pd/Claudia Toggweiler)

Für Ma­ru­la Eu­gs­ter ist die In­sze­nie­rung auch ei­ne per­sön­li­che Ver­ar­bei­tung: Mit dem Stück setzt sie sich mit dem Tod ih­res Va­ters Mä­dir Eu­gs­ter aus­ein­an­der, der im Jahr 2023 ver­starb. Die­ses Ab­schied­neh­men sei von Trau­er und Schmerz eben­so ge­prägt ge­we­sen wie von La­chen und gros­ser Nä­he, er­zählt sie im Ge­spräch mit Sai­ten. Dass sie die­se in­ti­me Er­fah­rung durch die künst­le­ri­sche Um­set­zung nun öf­fent­lich ma­che, sei für sie ei­ne ganz ei­ge­ne Form des Los­las­sens.

Zu­gleich be­tont Eu­gs­ter, dass das Stück kei­ne ein­deu­ti­ge Bot­schaft trans­por­tie­ren sol­le. Al­le sol­len et­was Ei­ge­nes mit­neh­men, sei es ei­ne Ge­schich­te des Ab­schie­des, der Wie­der­kehr oder ein­fach nur Freu­de über das Ge­se­he­ne. 

Tanz­thea­ter Ri­go­lo – Sa­mar zwi­schen welt: 17. Sep­tem­ber bis 28. Sep­tem­ber, mitt­wochs bis sams­tags je­weils 20 Uhr, sonn­tags ab 18 Uhr, Lok­re­mi­se Wil. 
In Wil wird das Tanz­thea­ter be­glei­tet vom Kunst­fes­ti­val «Sa­mar Ex­pe­ri­ence»: 17. Sep­tem­ber bis 28. Sep­tem­ber, mitt­wochs bis sams­tags je­weils 18.30 Uhr, sonn­tags ab 16.30 Uhr, Lok­re­mi­se Wil.
Wei­te­re Vor­stel­lun­gen des Tanz­thea­ters bis Sep­tem­ber 2026 in He­ris­au, Zü­rich, St.Gal­len, Schaff­hau­sen, Lu­zern und Chur.

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