Am Schluss balancieren die 13 Palmblätter scheinbar schwerelos wie ein gigantisches Mobile auf der Bühne. Die Sanddorn-Balance ist einmal mehr gelungen, nach Minuten, in denen das Publikum den Atem angehalten hat. So wie vor 21 Jahren, 1996, als Mädir Eugster die Balance zum ersten Mal vorgeführt hat, als Teil der Rigolo-Produktion Sanddorn. Und so wie seither bei zahllosen Aufführungen weltweit – was keine Übertreibung ist: Mit steigender internationaler Nachfrage hat Mädir Eugster vor rund zehn Jahren begonnen, seine Technik weiterzugeben, an die älteste Tochter Lara, die in Kanada beim Cirque de Soleil als «Balance Goddess» auftritt, an die Tänzerinnen Miyoko Shida und Naima Rhyn, an Laras Ehemann Andreis Jacobs und schliesslich an die jüngste Tochter Marula, die die Nummer jetzt in der Bühnenproduktion Wings zeigt.
Die Sanddorn-Balance wurde zum Exportartikel, zur «Marke». Auf YouTube werden die Balance-Videos zu hunderttausenden aufgerufen, 2013 wird Mädir Eugster in Japan zum Kamiwaza (Meister) ernannt, Miyoko Shida gewinnt den höchsten russischen Zirkuspreis, Mädir balanciert zur Parlamentseröffnung im schwedischen Reichstag mit dem Königspaar in der ersten Reihe oder vor illustrem Publikum in Dubai. Die Nummer ist bei Galas, in Shows, bei privaten und öffentlichen Anlässen gefragt.
Das Goldstückli
Die Palmblätter sind damit zu einem Balanceakt auch der anderen Art geworden: Lebensversicherung und «Altersrente», wie Mädir lachend sagt, für ihn und Rigolo. Mit den Einnahmen konnte auch das Wings-Projekt entwickelt, vor- und querfinanziert werden. Rund anderthalb Millionen Franken habe die mehrjährige Erarbeitungsphase gekostet, bevor es bühnenreif war und damit erst Fördergelder bekommen konnte.
Ein «Goldstückli» also – Marula Eugster nennt die Balance so und meint es im doppelten Sinn, künstlerisch und finanziell. Es sei ein riesiges Privileg, sie aufführen zu können. Auch ein Stress? Nervosität gehöre dazu, aber auch das Hochgefühl, dass ein ganzes Publikum mitfiebert, minutenlang. Und wenn die Palmblätter einmal kippen? «Dann fange ich nochmal von vorne an.» Diese Gefahr bestehe aber höchstens im Freien, bei Wind, ergänzt Mädir.
Die Balance ist auch jetzt in Wings der Schluss- und Höhepunkt. Das Stück ist um diese Nummer gebaut. Bei der ersten«Staffel», 2014/15, ging Wings rund 200 Mal über die Bühnen der Schweiz, aber auch beim Fringe Festival in Edinburgh. Für die jetzige zweite Aufführungsreihe im Jubiläumsjahr habe man erneut gefeilt und perfektioniert und den roten Faden um die Entwicklungsgeschichte der von Marula verkörperten jungen Frau verstärkt.
20 Vorstellungen stehen bis Mitte Dezember auf dem Programm, 10’000 Besucherinnen und Besucher werden erwartet. Rigolo heute: Das ist ein KMU mit rund 20 auf und hinter der Bühne für die Show beschäftigten Personen in einer Branche, die Mädir «genauso anspruchsvoll wie Oper oder Musical» findet. Auf der einen Seite beherrschen die ganz Grossen die Szene – Fura dels Baus etwa, und allen voran der Cirque de Soleil: 1984 wie Rigolo als Strassentheater entstanden, ist er heute laut Wikipedia ein Unternehmen mit 5000 Beschäftigten, davon 1300 Artisten, mit 750 Millionen Dollar Jahresumsatz, festen Spielstätten in Quebec und Las Vegas, Gastspielen in allen Ecken der Welt und mehrheitlich im Besitz von Investoren aus Dubai und China.
Mädir Eugster mit dem Eisenross in der Jubiläums-Ausstellung.
Auf der anderen Seite sind es die kleinen regionalen «neuen» Zirkusse – in der Ostschweiz machen momentan Michael Fingers Cirque de Loin oder das Cabaret Grotesque der Compagnie Buffpapier von sich reden. Dazwischen bewegen sich die ebenfalls in der Ostschweiz, in Altstätten domizilierten Mummenschanz oder Karls Kühne Gassenschau. Sie alle haben klein angefangen. Und sind gewachsen, wie Rigolo.
Professionalisierung hat ihren Preis
Ist Rigolo kommerziell geworden? Kommt drauf an, was das genau heissen soll, antwortet Mädir Eugster im Gespräch ein paar Tage vor der Premiere in der Olmahalle. Begonnen hat auch Rigolo auf der Strasse – damals für viele Neuland, ein Ort des Ausprobierens und Entdeckens, frei, sehr improvisiert, der VW-Bus war das Mass aller Dinge. Das wäre für Mädir heute kein Thema mehr. «Wir hatten das Glück, einfach anzufangen und gesund zu wachsen», sagt er. Rigolo wolle aber auch heute «lieber nicht ganz gross» werden.
Sechs Artistinnen und Artisten, alle in verschiedenen Rollen im Stück involviert, das sei eine ideale Zahl, um auf und neben der Bühne zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Umgekehrt habe Rigolo früher viel mit Laien gearbeitet, heute stehen längst Profiartisten auf der Bühne.
Diese Professionalisierung hat ihren Preis, Rigolo braucht viel Publikum. 10’000 Theaterbesucher, das seien immer noch weniger als bei einem einzigen Fussballmatch – «so gesehen wäre ich gern noch etwas kommerzieller», sagt Mädir. «Wir werden aber nie etwas spielen, bloss weil wir denken, das komme gut an. Alles, was wir machen, entsteht aus innerem Antrieb.» Beim Entwickeln der Geschichten spiele Lena Roth die Hauptrolle. Er, Mädir, sei der, «der sie zu verwirklichen versucht». Gegenüber dem «grossen» Cirque de Soleil grenzt sich Eugster ab: «Wir sind kleiner und stiller. Und inhaltlich probieren wir tiefer zu gehen.»
Aufbau des Palais Lumière, ca. 1992.
Das zeigt die Rigolo-Geschichte. Die Anfänge im Strassentheater sind noch stark von Klamauk geprägt, dann ändert sich die Ausrichtung. 1990 spielt Rigolo in seinem eigens erbauten «Palais Lumière» aus Weidenholz Mondaufgang nach dem Buch von Luisa Francia, 1993 tanzen die Geister der Erde in der Salpeterhöhle bei Gossau, es folgen Stücke wie Der Weltenbaum, Feuerfisch, Die Tänze der Königin von Saba oder Sanddorn.
Seither hängt Rigolo das Etikett des «Esoterischen» an. «Mädir Eugster löst in der glaubhaften Verkörperung eines modernen Schamanen seinen Anspruch ein, Theater erneut mit seinen Wurzeln, jenen des Rituals, zu verbinden», schrieb die «Basler Zeitung» einmal. Im Dezember 1995, in einer der frühen Saiten-Ausgaben, die der Königin von Saba gewidmet ist, schildert Adrian Riklin, mit welcher «geradezu allergischen Skepsis gegenüber allem Esoterischen» er an einem nebligen Morgen ins Toggenburg zu Rigolo fährt. Vier Stunden später sieht er sich «von den Vorurteilen geheilt» und hat erlebt, dass Rituale hier nicht einfach kopiert, sondern «mit eigenen, glaubwürdigen Inhalten» gefüllt würden. «Begriffe wie Symbolik, Esoterik oder Selbstverwirklichung sind plötzlich überflüssig geworden.»
Artistische Höchstleistungen
Und heute, nochmals 20 Jahre später in Wings? In der Olmahalle ruft eine Ausstellung das ganze Rigolo-Schaffen in Erinnerung. Der Feuerfisch, die Königinnen-Kostüme, Mondsymbole, aber auch der rostige Pferdekopf aus den Erinnerungen in Eisen von 1984 erzählen von damals. Auf der Bühne ist vom «handglismeten» Requisitengeist von damals aber nichts mehr zu spüren. In 14 Stationen erzählt Wings in loser Folge den Lebensweg einer jungen Frau von der Geburt bis zur Sanddorn-Balance als «Erfüllung», wie das Finale in der noch immer Rigolo-typischen Initiations-Terminologie heisst.
«Geister der Erde» in der Salpeterhöhle, 1993.
Im Zentrum: artistische Höchstleistungen in perfekter Licht- und Bühnentechnik, von Karyna Konchakivska und Suren Bozyan am Seil, von Daniel Borak, der einen rasanten Steptanz-Battle mit Perkussionist Julius Oppermann hinlegt, von Marula Eugster in einer poetischen Sequenz mit zwei Tauben, im minutiös gesteuerten, mirakulösen «Tanz» der blauen Bälle, der Paradenummer von Kemal Dempster, oder im hochfliegenden «Big Bird» mit Jenny Ritchie und Marula Eugster.
Als Leitmotiv schwebt eine Feder durchs Stück, sie schreibt Sinnsprüche auf den Bühnenvorhang, die uns dazu einladen, unser Leben zu ändern. «Erkenne, wer du bist und gewinne den Mut, dich selbst zu leben». Ob man damit etwas anfangen kann, ist vermutlich Geschmackssache, ebenso wie der Soundtrack, der ab Konserve ziemlich dick aufträgt.
«Wings» St.Gallen, Olmahalle 1: Bis 17. Dezember, jeweils Do-So Zürich, Samsung Hall: 26., 29., 30. Dezember
rigolo.ch
Die Artistik der Rigolos hätte Kraft genug auch mit weniger Breitband-Sound. Das beweist der tosende Applaus am Ende der Premiere: Standing Ovation für Marula Eugster und das ganze Ensemble. Und viele Blumen für alle, die zur Rigolo-Familie gehören oder an Wings in irgendeiner Rolle beteiligt waren. Sie versammeln sich auf der Bühne und werden verdankt von Nuria, der mittleren Tochter, die heute die Rigolo GmbH leitet.
40 Jahre werden gefeiert, herzlich und persönlich, und da ist sie wieder, diese Rigolo-Doppelnatur: der Rigolo der glitzernden Shows, des Entertainments, der internationalen Reputation – und der Rigolo des Familienclans, das Toggenburger Netzwerk mit all den Freunden und Kindern von Freunden, die Rigolo teils von Anfang an kennen und an dessen Entwicklung Anteil genommen haben. Wie es ein langjähriger Weggefährte beim Gespräch in der Pause sagt: «Wir sind mit Rigolo älter und reifer geworden.»
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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