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«Schweigen gibt der Gewalt Raum»

Moderatorin Laura Manser, Frau Statthalter Monika Rüegg Bless und Sozialpädagogin Mirjam Tester sprechen über geschlechterspezifische Gewalt. (Bild: lom)

Moderatorin Laura Manser, Frau Statthalter Monika Rüegg Bless und Sozialpädagogin Mirjam Tester sprechen über geschlechterspezifische Gewalt. (Bild: lom)

Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.

Joya Däh­ler, Lau­ra Man­ser und Zoe Neff ha­ben ge­nug. Die drei Ap­pen­zel­le­rin­nen wol­len nicht mehr schwei­gen. Sie wol­len re­den, und zwar über ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche, ins­be­son­de­re se­xua­li­sier­te Ge­walt. Des­halb ha­ben sie für Diens­tag­abend ei­ne Dis­kus­si­ons­run­de zum The­ma «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» or­ga­ni­siert.

Dass sie da­mit ei­nen Nerv tref­fen, zeigt das gros­se In­ter­es­se. Be­reits ei­ne Vier­tel­stun­de vor Be­ginn sind in der Men­sa des Gym­na­si­ums St.An­to­ni­us in Ap­pen­zell al­le Stüh­le be­setzt und es müs­sen zu­sätz­li­che Sitz­ge­le­gen­hei­ten ge­bracht wer­den. Mehr als 100 Men­schen sind ge­kom­men, so­wohl jün­ge­re als auch äl­te­re, die meis­ten aus Ap­pen­zell und der nä­he­ren Um­ge­bung.

«In vie­len Städ­ten der Schweiz fin­den re­gel­mäs­sig sol­che Ver­an­stal­tun­gen statt, in Ap­pen­zell bis­her nicht», sagt Joya Däh­ler, die in Ba­sel So­zio­lo­gie und Ge­schlech­ter­for­schung stu­diert hat. Da­bei ma­che ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt auch vor Ap­pen­zell In­ner­rho­den nicht halt. «Es wird nur viel zu oft dar­über ge­schwie­gen.» Mit dem Ge­sprächs­abend wol­len die jun­gen Frau­en ei­nen Raum schaf­fen, in dem Er­fah­run­gen ge­teilt, Per­spek­ti­ven aus­ge­tauscht und ge­sell­schaft­li­che Ta­bus hin­ter­fragt wer­den kön­nen.

14 Fe­mi­zi­de bis En­de Ju­ni 2026

Dass ein sol­cher Dia­log nö­tig ist, zei­gen auch die ak­tu­el­len Zah­len. Häus­li­che Ge­walt bleibt in der Schweiz ein weit ver­brei­te­tes Pro­blem, und im­mer wie­der en­den Ge­walt­ta­ten ge­gen Frau­en töd­lich. Die Zahl der re­gis­trier­ten Fäl­le häus­li­cher Ge­walt be­wegt sich seit Jah­ren auf ho­hem Ni­veau, und durch­schnitt­lich al­le zwei Wo­chen wird ei­ne Frau von ih­rem Ehe­mann, Part­ner, Ex-Part­ner oder von ei­nem an­de­ren männ­li­chen Fa­mi­li­en­mit­glied ge­tö­tet. Zu­sätz­lich über­lebt je­de Wo­che min­des­tens ei­ne Frau ei­nen ver­such­ten Fe­mi­zid. Bis En­de Ju­ni 2026 sind in der Schweiz be­reits 14 Fe­mi­zi­de be­gan­gen wor­den. Hier­zu­lan­de gibt es je­doch kei­ne of­fi­zi­el­le Stel­le, die Fe­mi­zi­de sys­te­ma­tisch als ei­ge­ne Ka­te­go­rie er­fasst. «Des­halb bil­den die­se Zah­len nur ei­nen Teil der Rea­li­tät ab, die Dun­kel­zif­fer ist gross», sagt Joya Däh­ler. 

Die Zah­len er­schüt­tern und sind schwer aus­zu­hal­ten. Doch sie sol­len nicht sprach­los ma­chen, son­dern zum Hin­schau­en und Han­deln er­mu­ti­gen. Die­se Bot­schaft zieht sich auch durch die an­schlies­sen­de Po­di­ums­dis­kus­si­on mit Mo­ni­ka Rüegg Bless, Frau Statt­hal­ter von Ap­pen­zell In­ner­rho­den, und Mir­jam Tes­ter, So­zi­al­päd­ago­gin im Frau­en­haus St.Gal­len.

Ge­sprächs­lei­te­rin und Jour­na­lis­tin Lau­ra Man­ser greift zu­nächst den Vor­fall auf, bei dem am dies­jäh­ri­gen Lands­ge­mein­de-Wo­chen­en­de mut­mass­lich K.-o.-Trop­fen ver­ab­reicht wur­den. Die In­ner­rho­der Kan­tons­po­li­zei ver­öf­fent­lich­te da­zu ei­ne Me­di­en­mit­tei­lung und such­te Zeu­gen. Kon­kre­te Er­kennt­nis­se oder Hin­wei­se blie­ben je­doch aus. «Der Vor­fall hat mich be­trof­fen und ohn­mäch­tig ge­macht», sagt Mo­ni­ka Rüegg Bless. «Ge­ra­de weil es für Be­trof­fe­ne oft mit gros­ser Scham ver­bun­den ist, müs­sen wir dar­über re­den.»

Nicht weg­schau­en

Ge­walt ge­gen Frau­en wird oft erst sicht­bar, wenn sie be­reits es­ka­liert ist. «Da­bei fängt sie meist viel frü­her an», er­klärt Mir­jam Tes­ter. Nicht mit Schlä­gen, son­dern mit sub­ti­lem kon­trol­lie­ren­dem oder be­sitz­ergrei­fen­dem Ver­hal­ten. Mit der Zeit neh­me die Ge­walt zu, wäh­rend die Wahr­neh­mung der Be­trof­fe­nen im­mer häu­fi­ger in­fra­ge ge­stellt wer­de. «Je län­ger das dau­ert, des­to schwie­ri­ger wird es, aus die­ser Dy­na­mik aus­zu­bre­chen.»

Mo­ni­ka Rüegg Bless be­tont, wie wich­tig es des­halb sei, Warn­zei­chen ernst zu neh­men. «Wenn wir von sol­chen Si­tua­tio­nen hö­ren, dür­fen wir sie nicht klein­re­den.» Statt­des­sen gel­te es, Be­trof­fe­ne zu stär­ken und auf Un­ter­stüt­zungs­an­ge­bo­te hin­zu­wei­sen. Dass in Ap­pen­zell fast je­de und je­der je­de und je­den kennt, kann Fluch und Se­gen zu­gleich sein. «Vie­le war­ten lan­ge, be­vor sie Hil­fe ho­len oder die Po­li­zei ein­schal­ten», sagt sie. Gleich­zei­tig kön­ne die so­zia­le Nä­he aber auch tra­gen, wenn das Um­feld hin­schaue und Un­ter­stüt­zung an­bie­te.

Im Frau­en­haus er­le­be sie im­mer wie­der, er­gänzt die So­zi­al­päd­ago­gin, wie ent­las­tend der Aus­tausch mit an­de­ren Be­trof­fe­nen sein kön­ne. Das Ge­fühl, nicht al­lein zu sein, hel­fe, Scham- und Schuld­ge­füh­le ab­zu­bau­en und ers­te Schrit­te der Ver­ar­bei­tung zu ge­hen.

Für Mo­ni­ka Rüegg Bless be­ginnt Prä­ven­ti­on im All­tag. Der Kan­ton ha­be mit der Leis­tungs­ver­ein­ba­rung mit dem Frau­en­haus ei­nen wich­ti­gen Schritt ge­macht, gleich­zei­tig brau­che es Sen­si­bi­li­sie­rung, sicht­ba­re Be­ra­tungs­an­ge­bo­te und Zi­vil­cou­ra­ge. «Wenn wir et­was be­ob­ach­ten, dür­fen wir nicht weg­schau­en.»

Ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt laut Mir­jam Tes­ter auch die Er­zie­hung. Statt Mäd­chen im­mer mehr Ver­hal­tens­re­geln mit­zu­ge­ben, müs­se mit Bu­ben über Gren­zen, Re­spekt und Ver­ant­wor­tung ge­spro­chen wer­den. «Ver­än­de­rung be­ginnt im Klei­nen, et­wa in­dem se­xis­ti­sche Sprü­che nicht un­wi­der­spro­chen blei­ben oder Be­trof­fe­ne ernst ge­nom­men wer­den», sagt sie. Ih­re Bot­schaft zum Schluss ist eben­so ein­fach wie ein­dring­lich: «Schwät­zen hilft. Schwei­gen ist das, was der Ge­walt Raum gibt.»

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