Kategorie
Autor:innen
Jahr

Voller Widersprüche

Die Schauspielerin Irina Wrona in ihrer Rolle als Stephanie Hollenstein  (Bild: pd/Filmstill)

Die Schauspielerin Irina Wrona in ihrer Rolle als Stephanie Hollenstein  (Bild: pd/Filmstill)

Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.

Das Le­ben schreibt die wil­des­ten Ge­schich­ten. Ei­ne Bin­sen­weis­heit, wie sie im Bu­che steht. Und, zu­ge­ge­ben, et­was aus­ge­lutscht. Nur passt sie im Fal­le der vor­arl­ber­gi­schen Ma­le­rin Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) ein­fach zu gut. Die Künst­le­rin war les­bisch, eman­zi­piert, Sol­da­tin – und glü­hen­de NSDAP-An­hän­ge­rin. Kei­ne Mit­läu­fe­rin. Nein. Sie trat der Par­tei schon 1934 bei. Da war sie in Ös­ter­reich noch ver­bo­ten. 

Die Ge­schich­te hat be­reits ver­gan­ge­nes Jahr ei­ni­ges an Be­ach­tung ge­fun­den: Die Ös­ter­rei­che­rin Ni­na Schedl­may­er ver­öf­fent­lich­te ei­ne Bio­gra­fie über Hol­len­stein, die im Ap­pen­zell le­ben­de Au­torin Bri­git­te Herr­mann ei­nen Ro­man. Nun folgt mit Im Schat­ten der Bil­der von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger ein Do­ku­men­tar­film über die am­bi­va­len­te Künst­le­rin, der his­to­ri­sche Re­cher­che mit ei­ner fik­tio­na­li­sier­ten Ebe­ne ver­bin­det. Die im All­gäu le­ben­de Re­gis­seu­rin (be­kannt durch die Fern­seh­se­rie Lin­den­stras­se) hat rund vier Jah­re an ih­rem Werk ge­ar­bei­tet. Es sei ein «künst­le­ri­scher Ar­beits­pro­zess» ge­we­sen, er­klärt sie im Ge­spräch mit Sai­ten. Am 5. Ju­li ist die Ur­auf­füh­rung in Ki­nok in St.Gal­len.

Do­ku­men­tar­film mit be­son­de­rer Ebe­ne

«Was wür­de sie [Hol­len­stein] mir ant­wor­ten, wenn sie könn­te?» Die Fra­ge steht am An­fang von Im Schat­ten der Bil­der. Mit an­ge­nehm ru­hi­ger Stim­me führt die Re­gis­seu­rin selbst durch den es­say­is­ti­schen Film, der Ste­pha­nie Hol­len­steinsLe­ben chro­no­lo­gisch auf­zeigt.

Die Ma­le­rin wuchs in Lust­en­au in bäu­er­li­chem Um­feld auf. 1904 wird sie an der Kunst­ge­wer­be­schu­le in Mün­chen auf­ge­nom­men und ist wohl ei­ne der ein­zi­gen oh­ne bil­dungs­bür­ger­li­chen Hin­ter­grund. Als der 1. Welt­krieg aus­bricht, zieht sie un­ter dem Na­men Ste­phan Hol­len­stein in den Krieg, muss aber die Ar­mee ver­las­sen, als auf­fällt, dass sie ei­ne Frau ist. Spä­ter kehrt sie als Kriegs­ma­le­rin zu­rück an die Front. 

In der Zwi­schen­kriegs­zeit ar­bei­tet sie als Ma­le­rin, ist auf Rei­sen und hat wech­seln­de Be­zie­hun­gen mit un­ter­schied­li­chen Frau­en. Ih­re Kunst wird ge­för­dert – auch von dem wich­ti­gen, jü­di­schen Kunst­samm­ler Hein­rich Rie­ger. 1934 tritt sie in die NSDAP ein, und wird zur be­geis­ter­ten An­hän­ge­rin. Nach und nach bricht sie al­le Kon­tak­te zu Rie­ger ab und en­ga­giert sich ak­tiv für den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Von 1938 bis 1943 wird sie Vor­sit­zen­de der Ver­ei­ni­gung bil­den­der Künst­le­rin­nen Ös­ter­reichs – ver­mut­lich in­stal­liert von Funk­tio­nä­ren der NSDAP. 1944 stirbt sie in Wien an ei­nem Herz­in­farkt.

In die Re­kon­struk­ti­on von Hol­len­steins Le­ben fü­gen sich in Im Schat­ten der Bil­der im­mer wie­der Be­zü­ge zum his­to­ri­schen Kon­text, aber auch zur Ge­gen­wart ein. Da­bei be­geg­net man ver­schie­de­nen Ex­pert:in­nen. Et­wa Oli­ver Heinz­le, Ge­mein­de­ar­chi­var in Lust­en­au. Geor­gia Holz, Ar­chi­va­rin bei der Ver­ei­ni­gung bil­den­der Künst­le­rin­nen Ös­ter­reichs. Oder die be­reits er­wähn­te Au­torin Ni­na Schedl­may­er. Fo­to­gra­fien, Film­ma­te­ri­al oder Ar­chi­va­li­en il­lus­trie­ren das Er­zähl­te eben­so wie Ma­le­rei­en und Zeich­nun­gen der Künst­le­rin. Wer­ke, bei de­nen man mit lai­en­haf­tem Blick denkt, dass sie von der NSDAP auch als so­ge­nann­te «ent­ar­te­te Kunst» hät­ten klas­si­fi­ziert wer­den kön­nen.

Die do­ku­men­ta­ri­sche Ebe­ne ver­webt Wei­zen­eg­ger mit ei­ner fik­tio­na­li­sier­ten. «Über Ste­pha­nie Hol­len­stein gibt es nur sehr we­ni­ge pri­va­te Zeug­nis­se. In An­leh­nung an ei­ne sys­te­mi­sche Auf­stel­lungs­ar­beit ha­be ich die Schau­spie­le­rin Iri­na Wro­na in ih­rer Rol­le als Ste­pha­nie Hol­len­stein mit den Aus­sa­gen der heu­ti­gen Ex­pert:in­nen kon­fron­tiert. Da­durch ent­steht ein emo­tio­na­ler Zu­gang zu die­ser Fi­gur, über de­ren In­nen­le­ben wir nur sehr we­nig wis­sen», be­schreibt die Re­gis­seu­rin ihr Vor­ge­hen. 

Auf die­se Form der Fik­tio­na­li­sie­rung muss man sich ein­las­sen. Aber sie hat ih­ren Reiz, was ver­mut­lich auch an der ro­hen und un­mit­tel­ba­ren Per­for­mance von Wro­na liegt. Die­se ver­kör­pert die Ma­le­rin als ei­nen Men­schen, der wohl nichts mehr fürch­tet, als be­deu­tungs­los zu sein.

Die Fra­ge nach dem «Wie»

Der Film kommt oh­ne vi­su­el­len Fir­le­fanz aus. Die Ge­schich­te fes­selt auch so. Be­harr­lich drängt sich die Fra­ge nach dem «Wie» auf. Ei­ne na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche, les­bi­sche Künst­le­rin. Wie geht das? Der Ar­chiv­mit­ar­bei­ter Oli­ver Heinz­le er­klärt, dass der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus da­mals auf vie­le Men­schen ei­ne Fas­zi­na­ti­on aus­ge­übt ha­be. Ho­mo­se­xua­li­tät sei da­bei kein Hin­de­rungs­grund ge­we­sen. Im Hin­blick auf Hol­len­stein glaubt er so­gar, so et­was wie ei­ne Kon­ti­nui­tät zu er­ken­nen. Sie sei ei­ne mo­der­ne Per­son ge­we­sen, und man dür­fe nicht ver­ges­sen: «dass da­mals der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus et­was Mo­der­nes, et­was Zu­kunfts­wei­sen­des ge­we­sen ist in Deutsch­land und Ös­ter­reich». Und mo­dern, er­gänzt Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger im Ge­spräch, sei eben ge­ra­de nicht zwangs­läu­fig po­si­tiv. 

Ab­schlies­sen­de Ant­wor­ten auf das «Wie» lie­fert der Film kei­ne. Viel­mehr macht er deut­lich, dass es die­se viel­leicht gar nicht gibt – oder sie we­sent­lich ba­na­ler sind, als man denkt. Men­schen, das wird klar, sind rich­tig gut dar­in, Ge­gen­sätz­lich­kei­ten aus­zu­blen­den, grad wenn es ums ei­ge­ne Selbst­bild geht.  

Dass die Künst­le­rin Ste­pha­nie Hol­len­stein so am­bi­va­lent wirkt, liegt wohl auch dar­an, dass man sei­ne ei­ge­nen Idea­le und Wert­vor­stel­lun­gen auf die Ma­le­rin pro­ji­ziert. Und da ge­hen Ho­mo­se­xua­li­tät und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein­fach nur schwer zu­sam­men. Die Re­gis­seu­rin Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger sagt da­zu: «Wir den­ken oft, dass es gut oder bö­se gibt, das ei­ne oder das an­de­re, aber das ist nicht so – wir Men­schen sind da viel­schich­ti­ger und eben wi­der­sprüch­li­cher.» 

Im Schat­ten der Bil­der: Pre­mie­re mit Re­gis­seu­rin am Sonn­tag, 5. Ju­li, 11 Uhr, Ki­nok, St.Gal­len. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen bis Sonn­tag, 23. Au­gust.

Die­ser Text wur­de in­fol­ge des Kom­men­tars am 30. Ju­ni kor­ri­giert. Wir ent­schul­di­gen uns in al­ler Form für den Feh­ler.

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751