Should I Stay or Should I go
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
Olaf Breunings Skulptur 20 mm in der Ausstellung in Schaffhausen (Bild: pd)
Es könnte einer jener drei Affen sein, die sich einst die Augen, die Ohren, den Mund zuhielten, um nicht zu sehen, zu hören, zu reden, um über Schlechtes hinwegzugehen. Eine Verdrängungspraxis, um die Wirklichkeit in all ihren Facetten nicht wahrzunehmen.
Der süsse Bronze-Affe von Olaf Breuning macht es anders. Er sitzt auf seinem schicken Marmor-Sockel und betrachtet das Ende eines langen blauen Seils in seiner Hand. Ein wenig wie Der Denker von August Rodin oder Dürers Melencolia. Allerdings nicht grübelnd, eher ratlos. Was er wohl sieht? Er wirkt konsterniert, gar erschüttert.
Oder ist das eine Interpretation und er ist einfach neugierig, wie es sich für einen Affen gehört? 20 mm, so der Titel der Arbeit, die im grossen Ausstellungssaal des Museums Allerheiligen in Schaffhausen zu sehen ist. Sie bietet ein eingängiges Bild für die 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte, die mit dem 300 Meter langen und im Raum ausgelegten Seil repräsentiert sind. 20 Millimeter davon sind in Gold markiert: die Zeit der Menschen auf der Erde. Sie reichten aus, den Planeten bis fast oder ganz zum Kollaps zu bringen.
Im letzten Raum – bereits im Komplex des Kammgarn-Gebäudes – stehen wir vor Out of Balance und wissen: Das muss das Bild sein, das dem Äffchen am spiegelglatten Ende des Zeitstrangs ins Auge gesprungen ist. Ineinander verkeilte Ritterrüstungen bilden einen Hügel aus menschlichen Gestalten mit Rollschuhen. Die Stimmung ist zugleich düster und festlich ausgelassen, es könnte auch eine Partyszene sein, der ganze Raum ein Rollschuh-Dancefloor.
Wehrhaftigkeit und demonstrative Stärke sind ausser Kontrolle und zu Fall gebracht, tragisch-komisch und widersprüchlich, mit Assoziationen zwischen Massengrab und spielenden Kindern schwankend. Das gibt auch Hoffnung, mit Zynismus abgeschmeckt: Aufstehen, wenn du am Boden liegst. Das Changieren zwischen Lachen und Weinen, Schmerz und Spass zeichnet das Schaffen des Multimediakünstlers noch immer aus. Die Beziehung zwischen Konsumgesellschaft und Umweltbewusstsein sowie die andauernde Selbstüberschätzung der Menschen sind in den Vordergrund gerückt.
Prekär verspielt auch das Bild an der Wand. Ein Fotodruck zeigt eine wilde Landschaft, scheinbar unberührte Natur. Auf einem Felsvorsprung die Erde, am Kippmoment, sie wird gleich abstürzen. Seit Olaf Breuning aus New York City weg und aufs Land gezogen ist, entstehen vermehrt Fotografien ohne menschliche oder andere Wesen. Noch immer baut er in aufwendigen Inszenierungen die Fotovorlage auf. In den 1980er-Jahren ist er dafür bekannt geworden, meist mit satirisch überzeichneten Gestalten, deren Blicke frontal aus dem Bild auf das Publikum gerichtet sind.
The Edge zeigt die die Erde am Kippmoment (Bild: (Bild: Olaf Breuning und Galerie Semiose, Paris))
Wer beobachtet hier wen? Für The Edge sei er allein mit dem als Erde bemalten Ball auf den Sporn geklettert, habe ihn am richtigen Ort platziert, behelfsmässig befestigt, sei auf die andere Seite gestiegen und habe das Bild gemacht, ohne Zwischenfall, erzählt der Künstler. Glück gehabt. Black Hole in My Garden inszenierte er gleich zu Hause – als Reaktion auf das 2019 erstmals fotografisch festgehaltene Schwarze Loch im Weltall.
Olaf Breuning, 1970 geboren, im Thurgau und in Schaffhausen aufgewachsen, absolvierte eine Lehre als Fotograf in Winterthur, studierte anschliessend Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich samt Nachdiplomstudium, war ein gefeierter Jungkünstler, vielfach ausgezeichnet und mit zahlreichen Ausstellungen in namhaften Institutionen. Dann zog er nach New York. In der Schweiz war sein Schaffen nur noch vereinzelt zu sehen. In Schaffhausen stellte er letztmals vor 25 Jahren als Manor-Kunstpreis-Träger 2000 aus. In der Kunsthalle St.Gallen war er 1998 zu Gast.
Unterdessen ist Olaf Breuning nachdenklicher geworden, wie der Bronze-Affe. Zumindest vermitteln dies die neueren Arbeiten. Aber er ist seiner Gedankenwelt und Formensprache treu geblieben. Der Humor hat ihn nicht verlassen. Mit Leave Me Alone, einer wandfüllenden Fototapete, begrüsst er die Ankommenden im Treppenhaus. Eine vierköpfige Bigfoot-Familie spaziert vorbei, ihre Augen auf uns gerichtet. Das kleinste der haarigen Wesen führt die Gruppe an. «Meine Tochter», so Olaf Breuning verschmitzt. Sie taucht auch in anderen Fotoinszenierungen auf. Freunde und Freundinnen, die Familie waren von Anfang an in diese Tableaux Vivants einbezogen.
Familie Bigfoot unterwegs: Leave Me Alone aus dem Jahr 2024 (Bild: Olaf Breuning und Galerie Semiose, Paris)
«Humans» passt auch deshalb perfekt ins Museum Allerheiligen, weil unter demselben Dach wie die Kunst auch die Archäologie, die Geschichte und die Natur zu Hause sind. Immer wieder bindet Olaf Breuning in seinem Schaffen unterschiedliche Zeiten zusammen. Für Simple Human (2026) entführt er in ein Musical mit Familie Feuerstein-Stimmung und lässt uns bei loderndem Licht in ein an einer Astkonstruktion befestigtes iPhone schauen.
Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz befragt er sich und die Rolle von Kunst im neuen Zeitalter und füllt uns die Ohren mit existenziellen Fragen: «Should I Stay or Should I go?» Wie eine ironisierte Ahnengalerie der Zukunft hat er weitere klischierte Charaktere mit KI an sich selbst ausprobiert und durchgespielt. Amüsant überzeichnet.
Doch zurück in den ersten Saal mit dem charismatischen Affen. Und den 60 Bleistift-Zeichnungen, die ihn alphabetisch nach Titel aufgereiht umkreisen. Hier zeigt sich der Ursprung der Bildfindungen, die rasche Umsetzung der vielen Gedanken und Ideen, wie der Irrsinn Mensch und das alltägliche Drama unserer Zeit leicht verständlich sichtbar gemacht werden kann.
Olaf Breuning – «Humans»: bis Sonntag, 27. September, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen.
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Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
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