Ein erstaunliches Werk
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Herbert Rauchs Steine aus dem Jahr 2009 (Bild:pd/© Edition 108/Herbert Rauch)
Mehr als 30 Jahre war Herbert Rauch (1929–2012) Briefträger in Rankweil. Neben diesem ungeliebten, aber gewissenhaft verrichteten Broterwerb, der den Unterhalt der achtköpfigen Familie sicherte, verfolgte er eine ganz andere Passion. Seine wahre Leidenschaft galt der Fotografie. Kaum war die Post ausgetragen und die dunkelblaue Uniform ausgezogen, verschwand Herbert Rauch in der Dunkelkammer, um nach Stunden der Beschäftigung, des Experimentierens und des Ausarbeitens seiner Fotografien, als ein anderer Mensch wieder im Alltag aufzutauchen.
Die Motive, die er im Bild festhielt, waren vielfältig: Neben Porträts seiner Kinder, die sich an «ewige» Sitzungen vor der Kamera – bis die Einstellung für den Vater endlich perfekt schien – erinnern, fotografierte Herbert Rauch mit Spürsinn für das sich Verändernde und Vergängliche, das Geschehen im Dorf: den Abbruch alter Häuser, Baustellen, Brände und ihre Folgen, Dorforiginale, Prozessionen, Märkte und Musikfeste und vieles mehr.
Während diese dokumentarischen Aufnahmen, die in ihrer Ganzheit über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren eine einzigartige Dorfchronik liefern, als «Archiv Herbert Rauch» von der Marktgemeinde Rankweil verwaltet und aufgearbeitet werden und bereits in zwei Büchern publiziert wurden, entstand parallel dazu ein mehr als erstaunliches künstlerisches Œuvre. Dieses konsequent in Schwarz-Weiss gehaltene Spätwerk, das seiner Entdeckung lange harren sollte, wird nun in Auszügen erstmals öffentlich gemacht. So gesehen titelt der Fotoband, erschienen im eigens für die Herausgabe von Fotobüchern gegründeten Verlag Edition 108, hinter dem der renommierte Vorarlberger Gestalter René Dalpra – seines Zeichens ebenfalls künstlerisch fotografisch tätig – steht.
Begleitend zur Publikation, die Ende Mai im Vereinshaus Rankweil inmitten einer Auswahl von Fotografien vorgestellt wurde, ist über den Sommer im neuen «Schauraum René Dalpra» in Altach eine Ausstellung zu sehen – als späte, längst überfällige Würdigung und Sicherung eines erstaunlichen Lebenswerks.
Künstler hätte sich Herbert Rauch nie genannt. Dafür waren seine Ansprüche an sich selbst zeitlebens viel zu hoch, seine Selbstzweifel übermächtig. Stets auf der Suche nach Perfektion, war er selten zufrieden mit sich, erinnert sich Johannes Rauch, ältester Sohn und ehemaliger Gesundheitsminister, der den künstlerischen Nachlass zusammengetragen hat. Ein aufwendiges Unterfangen, denn in einer Radikalität, die ihresgleichen sucht, traf der Vater eine gnadenlose Auswahl der Bilder.
Der Künstler Herbert Rauch (Bild: pd/© Edition 108/Herbert Rauch)
Was vor seinem kritischen Auge keinen Bestand hatte, wurde verworfen, von hundert Aufnahmen blieben meist nur zwei oder drei übrig. Von den für Herbert Rauch gelungenen Aufnahmen fertigte er einen einzigen Abzug an und vernichtete sämtliche Negative. Die schönsten seiner Schwarz-Weiss-Fotografien, insgesamt nicht mehr als einige hundert ausgearbeitete Bilder, verarbeitete er zu Serien von Grusskarten, die er in eigens gemachten Papierboxen samt den passenden Kuverts zu besonderen Anlässen in der Familie und im engsten Freundeskreis verschenkte. Diese Karten, von denen natürlich auch einige verschickt worden sind, bilden die Basis für das nun vorliegende Fotobuch, von Johannes Rauch in Kleinarbeit wie Puzzlestücke gesucht und wieder zusammengeführt.
«Beim Aussuchen, was bleibt, war er sehr kritisch. Er wollte nur das Beste erhalten, das hat sich mit den besseren Kameras noch gesteigert», berichtet Maria Rauch, die Frau von Herbert Rauch. So machte er auch bei der Ausrüstung keine Zugeständnisse. Schilling für Schilling zusammengespart von den Trinkgeldern, die er als Briefträger beim Auszahlen der Renten im Dorf erhielt, war auch hier nur das Beste gut genug: Herbert Rauch nannte eine legendäre Leica und eine Hasselblad sein Eigen.
Das Fotografieren hat Herbert Rauch aus Büchern gelernt, die Grossen des Fachs, allen voran Edward Weston und Ansel Adams, waren ihm Vorbild und Inspiration. Obschon er selbst nie ausgestellt hätte, besuchte er nach seiner Pensionierung mit grossem Interesse viele Fotoausstellungen in Winterthur, Zürich, Salzburg und Wien, «um zu sehen, was ‹die Guten› machen». Rauchs Methode war fortwährendes Forschen und Tüfteln, das Experimentieren mit Material, Motiv und Belichtungszeiten. Die eigentliche Magie passierte aber in der Dunkelkammer, wo sich Herbert Rauch in der Entwicklung und Ausarbeitung seiner Aufnahmen als wahrer Meister erwies. Zunächst in beengten räumlichen Verhältnissen ein Provisorium im Badezimmer, stand ihm nach dem Bau des Eigenheims endlich ein eigener Raum zur Verfügung, in dem er viel Zeit zubrachte.
Aber auch die Motive forderten ihn. Wochen-, monate-, ja jahrelang arbeitete er sich an seinen Sujets ab. Besonders die für den Fotoband und die Ausstellung als Kontrastpaar von Schwere und Leichtigkeit wunderbar ausgewählten Werkgruppen der «Steine» und «Federn» beschäftigten ihn: «Veränderungen am Licht, die Verwendung von neuem Papier und verschiedenen Filmen, die Herausarbeitung von Grautönen in der Dunkelkammer, die Suche nach dem richtigen Winkel, der Schärfentiefe, der Tiefenschärfe, der unbedingte Wille, die Sprache des Objekts zu verstehen, das vor ihm lag», beschreibt Johannes Rauch das Vorgehen seines Vaters im Buch.
Eine Aufnahme von Federn von Rauch (Bild: pd/© Edition 108/Herbert Rauch)
Selbst entworfene und gebaute Apparaturen und Konstruktionen optimierten die Beleuchtung und liessen die Steine scheinbar schweben. Adern und Strukturen im Gestein, die von der Natur fein gezeichneten Muster der Federn erscheinen im Zoom der Vergrösserung zunehmend abstrakt und erhalten eine fast grafische Dimension. Tiefes, samtiges Schwarz und feinste Grau-Nuancierungen sprechen für die meisterhafte Ausarbeitung und verleihen dem Alltäglichen, in unmittelbarer Umgebung in der Natur Gefundenen, eine neue, auratische Anmutung.
Einer, der schon früh von der Qualität der Fotografien von Herbert Rauch beeindruckt war, ist René Dalpra. Das Bild eines schwebenden Steins, das er 1993 bei der Mitgestaltung eines CD-Covers für den Big Band Club Dornbirn erstmals gesehen hat, liess ihn ebenso wenig los, wie die Idee zu einem Buch, das er nun gemeinsam mit Johannes Rauch konzipiert und zusammen mit seinem Sohn Adrian Dalpra gestaltet hat. Mit viel Liebe zum Detail, Feinsinn und dem Gespür für das Medium, das auch das seine ist, hat René Dalpra einen Band realisiert, den man gern zur Hand nimmt. Hochwertig reproduzierte, ungemein präsente Bilder treffen auf ein äusserst angenehm zu berührendes Papier, kein Text stört die Abfolge der Fotos.
Und auch wenn Herbert Rauch, wie Sohn Johannes vermutet, vielleicht nicht mit der Veröffentlichung seiner Fotografien einverstanden gewesen wäre – die Perfektion der Umsetzung hätte ihm bestimmt gefallen.
(Dieser Text erschien zuerst bei der Ausgabe Juli / August 2026 der Kulturzeitschrift AT)
Herbert Rauch: So gesehen. Verlag Edition108, Altach 2026.
Herbert Rauch: «So gesehen», bis Samstag, 12. September, Schauraum René Dalpra, Edition 108, Altach.
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