Furioses Klanggewitter
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das New Yorker Ensemble TAK beim Konzert im Kultbau. (Bilder: Martin Flüge)
Es beginnt mit einem Schock. Die Geige schrammt, die Kontrabassklarinette röhrt, ein Presslufthammermoment. Flöte, Stimme und Xylophon setzen einen weichen, vorsichtigen Kontrapunkt, dann der nächste bohrende, raumerschütternde Subbass. So fängt Teil 1 von Interbeing an, einer mehrteiligen Komposition des Amerikaners Eric Wubbels: umwerfend.
«Interbeing» meint in der Achtsamkeitspraxis das gegenseitige Verbundensein und Sich-Verbinden. Im Fortgang von Teil eins, mit der Klarinette im Lead, erhält man eine Ahnung, was das musikalisch bedeutet. Mit höchster Konzentration und phänomenaler Präzision interagieren die fünf Mitglieder des Ensembles TAK, meisseln Akzente, stürzen sich in rasenden Aufruhr, unterbrochen durch fast schon romantische Melodiefetzen. Das Klanggemälde lässt an klirrende Eiskristalle denken, an berstende Felsen, Wüsten. Es endet im Sturm.
Teil 2 nennt sich «Bread» und nährt unsere Ohren auf ganz andere Weise. Das Ensemble setzt sich an einen Tisch, die Geigerin gibt an der Stirnseite den Ton an, die Sängerin lässt Wassergläser und eine Zither sirren, Schüsseln und Bierflaschen vibrieren. In der musikalischen Mahlzeit klingt Orientalisches an, von weitem ein Kinderlied, schwebende Obertöne, klanglich feingesponnene Dialoge auf dem Weg zur Stille. So intim und entspannt kann Neue Musik auch sein.
Im abschliessenden Teil mit dem Untertitel «Root and Vein» heizt der Perkussionist mit beinharten Paukenschlägen den Raum auf, die Mitmusikerinnen stimmen in minimalen rhythmischen Verschiebungen nach und nach ein, der Puls steigt, Polyrhythmen schwirren und löschen jede Erinnerung an Drei- oder Viervierteltakt aus. Das Tempo überschlägt sich, die Lautstärke nichts für Tinnitusgeplagte, der Effekt: orgiastisch. Das Publikum applaudiert elektrisiert.
Flötistin Laura Cocks, Klarinettistin Madison Greenstone, Sängerin Charlotte Mundy, Geigerin Marina Kifferstein und Perkussionist Ellery Trafford haben 2013 in New York zusammengefunden und zählen zu den experimentierfreudigsten Ensembles der zeitgenössischen Klassik. Das erweist sich auch beim zweiten Stück des Abends. In Love, Crystal and Stone setzt der Iraner Ashkan Behzadi Gedichte von Federico Garcia Lorca in ein fragiles Gewebe von Lauten und Klängen um. Die Sängerin haucht und flüstert, lässt Silben explodieren und in sich zusammenfallen. Die Körper der Musiker:innen tanzen.
Einmal meint man von fern Glockengeläut zu hören, Stimme und Klarinette unterhalten sich, Flöte und Geige fallen heftig ins Gespräch ein. Tonsplitter, Trommelschläge, scharfe Dissonanzen evozieren immer wieder Gefahr, vielleicht inspiriert durch die Verfolgung und Ermordung des Dichters 1936 durch Francos Faschisten. Eine scharfkantige, dann wieder zärtliche Poesie durchzieht die als «work in progress» über Jahre sich weiterentwickelnde Komposition.
Nach dem Mondrian Ensemble und dem Pianisten Giorgos Konstantinou gastierten mit dem Ensemble TAK erneut Neue-Musik-Spezialisten von Weltrang beim diesjährigen Contrapunkt-Zyklus. Man hätte dem ereignishaften Abend ein zahlreicheres Publikum gegönnt. Zum experimentellen Jazz, zur frei improvisierten Musik und anderen innovativen Musikszenen gäbe es Schnittmengen und Geistesverwandtschaften genug – aber vielleicht nimmt man dort die als «schwierig» geltende zeitgenössische Klassik zu wenig wahr?
Gelegenheiten, das zu ändern, gäbe es jedenfalls, im Monatstakt: Contrapunkt-Konzert Nummer 4 bringt am 25. Oktober das litauische Vokalquintett Vokalinio Meno Tinklas in die Kirche St.Mangen, mit Werken von Rubert Huber und anderen. Am 27. November verspricht das Ensemble Bruit im Pfalzkeller «Hybride Formen», unter anderem mit dem Stück We Are Prepared von Cathy van Eck für Improvisatoren, Stühle, Sensoren und Elektronik. Den Saisonschluss macht am 5. Dezember, wiederum im Kultbau an der Konkordiastrasse, ein Doppelkonzert mit den Schweizer Ensembles Ako Amo und Sc’ööf.
Geplant ist auch schon das kommende Jahr: Dann feiert Contrapunkt sein 40-Jahr-Jubiläum. Neben der regulären Konzertreihe, soviel verrät Vorstandsmitglied Martin Flüge, steht vom 24. bis 26. September 2027 ein dreitägiges Festival auf dem Programm, unter anderem mit einer Uraufführung von Alfons K. Zwicker, der 1987 zusammen mit Daniel Fuchs die Reihe für zeitgenössische Klassik ins Leben gerufen hatte.
contrapunkt-sg.ch
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