Das Schöne an der Provinz
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
«Den haben wir für euch organisiert!», witzelt Saiten-Redaktorin Daria Frick, als wir uns dem Firmenapéro auf dem Vorplatz der Lokremise, einem spartenübergreifenden Kulturzentrum neben dem Hauptbahnhof, nähern; den weiss gedeckten Tischen, den elegant gekleideten Gäst:innen, die mit Anzug und Krawatte der Nachmittagshitze trotzen. Die Lokremise sei eher ein Ort für institutionalisierte Kunst, sagt Daria, die uns an diesem Tag gemeinsam mit ihren Redaktionskolleg:innen David Gadze, Roman Hertler und Vera Zatti durch St.Gallen führt. Dies wird beim Rundgang durch das aufgewertete Depot deutlich, das einst der Wartung von Dampflokomotiven diente und seit Anfang der 2000er-Jahre fortlaufend zum Kulturzentrum umgewandelt wurde.
Während bis 2004 die Galerie Hauser & Wirth hier eingemietet war, sind es heute verschiedene Institutionen: Das Kunstmuseum ist mit einem Ausstellungsraum präsent, das Theater St.Gallen mit zwei Bühnen für Produktionen, die etwas «edgier» sind, wie es Daria formuliert. Neben dem Gastronomiebetrieb befindet sich in der Lokremise auch das Programmkino Kinok, das laut Roman gegenüber dem letzten verbliebenen Kommerzkino in der Innenstadt noch kein Publikum an die Streamingdienste verloren hat. In der Lokremise sei er nicht so oft, doch wenn, dann am ehesten für einen Film.
Mit Blick auf dieses Kulturzentrum, auf die Institutionen, die hier eingemietet sind, drängt sich uns die Frage auf, welchen Stand die freie Theaterszene in der Stadt hat. Ähnlich wie in Luzern wird auch in St.Gallen die Debatte über die Verteilung öffentlicher Gelder zwischen institutionalisierter und freier Szene immer wieder geführt. «Die Stadt hat der freien Szene schon lange ein eigenes Haus versprochen. Umgesetzt wurde dies bisher aber nicht», sagt Roman. «Die freie Szene hat als festen Raum lediglich den Pool. Allerdings dürfen dort aufgrund von Einsprachen aktuell keine grösseren Veranstaltungen stattfinden – und er ist ohnehin nur eine Zwischennutzung.»
Ein Kontrapunkt zur institutionalisierten Lokremise erwartet uns danach. Beim Projektraum 4½ werden wir von Patricia Stillhart und Daniel Zünd empfangen, die uns durch das kleine Erdgeschoss eines Wohnhauses führen, durch die kühlen und verwinkelten Räume, die seit 2014 als niederschwellige Ausstellungsräume dienen. Hatte eine neunköpfige Gruppe um Patricia und Daniel die Ausstellungen am Anfang noch kuratiert, «den Daumen hochgehalten oder nach unten gezeigt», wie Daniel es beschreibt, können sich Kunstschaffende heute ganz unkompliziert für eine Woche einmieten. Ohne Bewerbung, ohne Jurierung. «Auch für uns ist jede Ausstellung eine Überraschung», sagt Patricia.
Von Ausstellungen über Konzerte bis hin zu Performances fand hier schon so ziemlich alles statt, oft von noch unbekannten Künstler:innen, manchmal auch von solchen, die sich später in der Szene etablierten. «Marius Bear hat hier mal ein Konzert gespielt, als ihn noch niemand kannte», erinnert sich Daniel, während er inmitten der aktuell im Projektraum ausgestellten Installation steht und immer wieder die von der Decke baumelnden Sprechblasen streift, wenn er beim Erzählen mit den Händen gestikuliert.
Diesen kleinen und einigermassen wild bespielten Projektraum gibt es, weil der Eigentümer einst keine Verwendung mehr dafür hatte – und ihn den heutigen Betreiber:innen spontan an einem Beizentisch zur Verfügung stellte. Obwohl man, so Patricia, vermutlich nicht mehr so schnell an einen solch günstigen Raum komme, sei die finanzielle Situation dennoch herausfordernd: Öffentliche Fördergelder bekommt der Projektraum 4½ aktuell nicht, weil er kein kuratiertes Jahresprogramm vorzuweisen hat.
Ein vages Gefühl sagt uns, dass ein ähnliches Konzept in Luzern deutlich grössere Mühe hätte, eine solch anarchistische Haltung zu bewahren. St.Gallen scheint in dieser Hinsicht eigensinniger unterwegs zu sein und sich der allgemeinen Professionalisierung des Kulturbetriebs stärker zu entziehen.
Auf dem Weg zur nächsten Station erwähnt Roman nebenbei, dass Patricia als DJ Pa-Tee eine «Techno-Koryphäe» sei, «eine feste Grösse in der regionalen Szene». Dass Patricia darüber kein Wort verloren hat und auch Daniel erst ganz am Schluss und auf Nachfrage erklärte, in der Stadt als «Kulturjunkie» durchaus einen Namen zu haben, ist wohl Ausdruck einer Haltung, die wir auch von vielen Kulturschaffenden in der Zentralschweiz kennen: Menschen, die sich nicht als Einzelgänger:innen sehen, sondern als Teil eines grösseren Ökosystems.
Beim gemeinsamen Abendessen im Restaurant Splügen, gleich bei der imposanten Stiftsbibliothek um die Ecke, dreht sich das Gespräch dann um die publizistische Verwurzelung des Saiten und des «Null41» in einem verblüffend vitalen und doch überschaubaren Kulturkuchen, der viel wohlige Nestwärme bereithält, herzlichen und niederschwelligen Zugang bietet – aber oft auch Ansprüche stellt, die zu erfüllen nicht immer ganz leichtfällt.
Eigentlich böte es sich an, nach dem Abendessen das Kulturfestival, das dieses Jahr sein zwanzigstes Jubiläum feiert, zu besuchen. Den Auftakt zum fast dreiwöchigen Musikprogramm im Innenhof des Kulturmuseums macht To Athena. «Eine von euch, oder?», fragt Roman mit einem Augenzwinkern. Auch das ist so eine Sache, die St.Gallen und -Luzern verbindet: Viele umschwärmte Künstler:innen entfliehen den beiden Provinzstädten, weil sie in grösseren Kulturbiotopen wesentlich mehr Entfaltungs-, Vernetzungs- und Aufstiegspotenzial vorfinden. Auch To Athena wohnt längst nicht mehr in der Zentralschweiz. «Stahlberger, Dachs oder Femi Luna sind unserer Region aber treu geblieben», ergänzt Daria.
Ohnehin wollen uns die Gastgeber:innen heute viel lieber noch eine etwas rohere Seite St.Gallens zeigen, nämlich «Musik und Abgründe», wie Roman vielsagend verspricht. Und so brechen wir auf, um die schmale, mehrere hundert Meter lange Mülenenschlucht hinaufzuwandern. Ein bisschen Wildnis mit grünem Dickicht und rauschenden kleinen Wasserfällen, mitten in der Innenstadt. Während wir uns schwitzend und schnaufend über Brücken und Treppenstufen hinaufkämpfen, kündigen in der Ferne eine farbige Lichterkette und heiteres Geplauder die Lukas Bar an. Sie liegt ganz oben am Hang, wie eine Belohnung für den steilen Aufstieg, und ist nach dem Betreiber benannt, der uns prompt mit einer Runde Appenzeller aufs Haus empfängt. Orte wie die Lukas Bar sind uns bestens vertraut, diese Schlupflöcher des Alltags, in denen sich lose Gemeinschaften bilden und lokales Wissen zirkuliert. Sie erinnert uns ein wenig an Tschuppi’s Wonder-Bar in der Luzerner Altstadt, die letztes Jahr schliessen musste. Auch das eine Realität dieser Barkultur: Sie verschwindet zunehmend.
Hier aber ist von Schliessung keine Rede. Was auffällt: Daria, David und Roman umarmen nicht nur Lukas herzlich zur Begrüssung, sondern plaudern mal mit dieser, mal mit jener Person, viele davon augenscheinlich Stammgäste. Aus den Lautsprechern klingt Rock’n’Roll Will Never Dead von Superpunk, im Innenraum, lang und schmal wie ein Schlauch, reihen sich Schallplatten in den Regalen und stehen Sofas aus den 1950er-Jahren.
Später wird auf der kleinen Bühne neben dem Tresen eine Band spielen. Die Lukas Bar ist eine jener Bars, die untrennbar mit der Person verbunden sind, die sie schmeisst. «Lukas ist nicht der Beste darin, seine Konzerte in den sozialen Medien zu bewerben. Man muss sie aktiv suchen», sagt David und zeigt uns das selbstgestaltete Poster mit dem aktuellen Programm. Fast jeden dritten Abend finden hier Konzerte statt. Wohl auch deshalb hat uns die Redaktion auf den Hügel geführt: um uns eine Ecke der Stadt zu zeigen, wo Kultur fernab von Fördertöpfen und Diskurs entsteht, aus blosser Leidenschaft fürs Zusammenkommen. Ein weiterer Flyer sticht uns ins Auge, es wird für ein Tischfussballturnier geworben. «Wichtigste Regel: Seid lieb zueinander», steht darauf.
Die Hitze lässt endlich nach, in der Ferne blitzt es heftig. Hier oben über der Stadt fühlt es sich keineswegs nach Abgrund an. Wir setzen uns draussen auf die Treppe. Als eine junge, Englisch sprechende Gruppe an uns vorbeispaziert, fragen wir, ob es sich um HSG-Studierende handle. «Die sind drüben, auf dem anderen Hügel», sagt Daria. Offenbar bewegt sich die Hochschule nicht nur in sozialer Hinsicht in einer eigenen Welt, sondern auch geografisch, ein bisschen anders als in Luzern, wo sich der Hochschul- und Unibetrieb mit der Stadt vermengt, zumindest teilweise.
Kurz vor Aufbruch werden wir von Lukas in ein Gespräch verwickelt. Er philosophiert über die Bedeutung von Bars, darüber, dass jede Bar ihre eigene Wahrheit habe, zitiert Filme, um seinen Punkt zu verdeutlichen, schweift wieder ab, bietet uns ein Zimmer über der Bar an, falls wir doch noch fürs Konzert bleiben wollen. Während die Saiten-Redaktion noch etwas länger bleibt, brechen wir auf.
Auf dem Weg Richtung Bahnhof lassen wir unseren Besuch Revue passieren. Wir sind uns einig: Hierher kommen wir wieder. Vielleicht ist uns dann schon ein Gesicht vertraut, im Splügen, in der Lukas Bar. Ebendas ist das Schöne an der Provinz.
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Lotteriefonds
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