Durchregieren in Innerrhoden – Legiferieren in St.Gallen

Wie die Lotteriefondsgelder aufgeteilt und verwendet werden, unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Auch wer dabei mitreden darf, wird unterschiedlich gehandhabt – und ist teils umstritten. Ein Blick in die Ostschweizer Verteilpraxis.

(Bilder: Studio Toericht)

St.Gal­len

St.Gal­len kennt kei­ne se­pa­ra­te Re­ge­lung zum Um­gang mit den Lot­te­rie­fonds­gel­dern. Die Ver­ga­be­pra­xis rich­tet sich nach di­ver­sen Richt­li­ni­en auf Ge­set­zes- und Ver­ord­nungs­stu­fe. Man fin­det den Be­griff «Lot­te­rie­fonds» im Kul­tur­för­de­rungs­ge­setz, im Kul­tur­er­be­ge­setz so­wie im Ge­setz über Bei­trä­ge an Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len und in ei­ni­gen re­gie­rungs­rät­li­chen Ver­ord­nun­gen. Viel­mehr, als dass Geld aus dem Lot­te­rie­fonds ver­wen­det wer­den darf, steht dar­in aber nicht.

Ge­mäss Kul­tur­för­de­rungs­ver­ord­nung wer­den die An­trä­ge für Lot­te­rie­fonds­bei­trä­ge als Nach­trags­kre­di­te be­han­delt und da­her dem Kan­tons­rat halb­jähr­lich zur Ge­neh­mi­gung vor­ge­legt. Da der Kan­tons­rat die Bud­get­ho­heit in­ne­hat, kann er auch letzt­in­stanz­lich über die Spre­chung oder Strei­chung sämt­li­cher Lot­te­rie­fonds­bei­trä­ge be­stim­men. St.Gal­len ist ein Son­der­fall: In den al­ler­meis­ten Kan­to­nen darf das Par­la­ment gar nicht oder erst ab ei­nem ge­wis­sen Be­trag in die­sen ope­ra­ti­ven Ge­schäf­ten mit­re­den, in Zü­rich et­wa bei den Kul­tur-, Denk­mal­schutz- oder Sport­fonds erst bei An­trä­gen ab 2 Mil­lio­nen Fran­ken.

Ge­mäss An­ga­ben, die der Kan­ton St.Gal­len ge­gen­über der in­ter­kan­to­na­len Geld­spiel­auf­sicht (Ge­spa) macht, flos­sen 2024 rund zwei Drit­tel der Lot­te­rie­fonds­gel­der – oder knapp 17 Mil­lio­nen Fran­ken – in die Kul­tur. Bei rund der Hälf­te die­ses Be­trags han­delt es sich al­ler­dings um den Lot­te­rie­fonds­an­teil des Kan­tons­bei­trags an Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len (KTSG), der von Ge­set­zes we­gen 40 Pro­zent be­trägt, 60 Pro­zent stam­men aus dem or­dent­li­chen Kan­tons­bud­get. Mit Aus­nah­me von KTSG ist bis­lang nicht ex­pli­zit vor­ge­se­hen, dass wie­der­keh­ren­de Bei­trä­ge aus dem Lot­te­rie­fonds ge­spro­chen wer­den. Es ist aber auch nicht aus­drück­lich un­ter­sagt. In ei­ner Mo­ti­on for­dern die bür­ger­li­chen Kan­tons­rats­frak­tio­nen u.a. ei­ne Quo­ten­re­ge­lung nach Spar­ten.

(Infografiken: DOME; Quelle: Jahresbericht 2024 der interkantonalen Geldspielaufsicht GESPA)

Thur­gau

Im Thur­gau ent­schei­det ge­mäss Ge­setz über den Lot­te­rie- und Sport­fonds der Re­gie­rungs­rat über die Ver­ga­be von ein­ma­li­gen Bei­trä­gen bis 3 Mil­lio­nen Fran­ken und über neue jähr­lich wie­der­keh­ren­de Bei­trä­ge bis 1 Mil­li­on Fran­ken. Hö­he­re Be­trä­ge müs­sen dem Gros­sen Rat (Par­la­ment) vor­ge­legt wer­den und un­ter­ste­hen dem fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum. Der Re­gie­rungs­rat ent­schei­det eben­so über die An­tei­le, die in die­se bei­den Töp­fe (Lot­te­rie­fonds und Sport­fonds) flies­sen. Das Ver­hält­nis hat sich seit 2018 stark ver­än­dert, wie Thur­gau­kul­tur nach­ge­zählt hat: von 81:19 zu 78:22, zu 75:25 und ab 1. Ja­nu­ar 2026 gilt das Ver­hält­nis 70:30. Die Ent­wick­lung lief al­so im­mer zu Un­guns­ten von Kul­tur, Wis­sen­schaft, Bau­kul­tur und So­zia­lem.

Der Thur­gau fi­nan­ziert di­ver­se Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen im Kul­tur­be­reich über den Lot­te­rie­fonds. Der gröss­te jähr­li­che Be­trag fliesst in die Denk­mal­pfle­ge (2,5 Mil­lio­nen Fran­ken), ge­folgt von der Thur­gau­er Kul­tur­stif­tung (1,5 Mil­lio­nen), die das zeit­ge­nös­si­sche Kunst­schaf­fen för­dert. Grös­se­re Be­trä­ge er­hal­ten vor al­lem Thea­ter und Mu­se­en oder zum Bei­spiel das Kul­tur­zen­trum Ei­sen­werk in Frau­en­feld. Ab­züg­lich des Denk­mal­schut­zes und der Kul­tur­stif­tung sind et­wa 4,3 Mil­lio­nen jähr­lich wie­der­keh­ren­de, an Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen ge­bun­de­ne Aus­ga­ben, die Sum­me der Pro­jekt­bei­trä­ge be­trägt 4 Mil­lio­nen Fran­ken. Ein Gross­teil der Thur­gau­er Kul­tur­aus­ga­ben kommt aus dem Lot­te­rie­fonds, aus der Staats­rech­nung stam­men ein­zig der Bei­trag an Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len (1,6 Mil­lio­nen Fran­ken) so­wie klei­ne­re Bei­trä­ge an das Schwei­ze­ri­sche In­sti­tut für Kunst­wis­sen­schaft (5000), das Schwei­ze­ri­sche Ju­gend­schrif­ten­werk (3500), die ch-Stif­tung (2600) und für den jähr­li­chen Kul­tur­preis in­klu­si­ve Fei­er (36’000 Fran­ken).

Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den

In Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den ge­neh­migt die Re­gie­rung die Lot­te­rie­fonds­bei­trä­ge. Der Kan­tons­rat hat hier kei­ne ope­ra­ti­ven Mit­be­stim­mungs­rech­te. Die Aus­zah­lun­gen von Swiss­los an den Kan­ton weist der Re­gie­rungs­rat drei Töp­fen zu: dem kan­to­na­len Lot­te­rie­fonds, dem Kul­tur­fonds und dem Sport­fonds.

Die An­trä­ge im Lot­te­rie­fonds für ge­mein­nüt­zi­ge Pro­jek­te be­ar­bei­tet das Fi­nanz­de­par­te­ment, im Kul­tur­fonds das Amt für Kul­tur und im Sport­fonds das Amt für Volks­schu­le und Sport. Der Kul­tur­fonds, aus dem Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den sei­ne Kul­tur­för­de­rung fi­nan­ziert, speist sich so­wohl aus Lot­te­rie­fonds­gel­dern (82 Pro­zent oder 1,4 Mil­lio­nen Fran­ken) als auch aus Mit­teln des or­dent­li­chen Staats­haus­halts (18 Pro­zent oder 300’000 Fran­ken). Die­se Auf­tei­lung gilt ab 2026 und wur­de kürz­lich vom Kan­tons­rat in der Bud­get­de­bat­te be­schlos­sen. Da­bei wur­de der An­teil aus dem kan­to­na­len Bud­get um ei­nen Vier­tel ge­kürzt, da­für der An­teil an Lot­te­rie­fonds­gel­dern er­höht, so­dass der Kul­tur­fonds un­ter dem Strich so­gar mi­ni­mal bes­ser da­steht als vor dem kan­to­na­len «Ent­las­tungs­pro­gramm 25+». Dies al­ler­dings zu­las­ten des Sport­fonds.

Jähr­lich leis­tet Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den via Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen wie­der­keh­ren­de Bei­trä­ge aus dem Kul­tur­fonds an In­sti­tu­tio­nen von kan­to­na­ler Be­deu­tung. In der Pe­ri­ode von 2022 bis 2025 war es rund 1 Mil­li­on Fran­ken pro Jahr. So­mit sind rund 60 Pro­zent der im Kul­tur­fonds zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel wie­der­keh­ren­de Bei­trä­ge und an Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit Mu­se­en (620’000 Fran­ken), Bi­blio­the­ken (60’000 Fran­ken) und an­de­ren In­sti­tu­tio­nen (370’000 Fran­ken) ge­bun­den.

Das Bild für Appenzell Ausserrhoden verzerrt sich, es ist der einzige Kanton, der für das Jahr 2024 einen Betrag im Bereich «Übrige gemeinnützige Projekte» ausweist. Einen Grossteil dieser ausserordentlichen Ausgaben machen die Beiträge an das Zürcher Sechseläuten und die Böögg-Verbrennung in Heiden am 22. Juni 2024 aus.

Ap­pen­zell In­ner­rho­den

In Ap­pen­zell In­ner­rho­den ent­schei­det die Stan­des­kom­mis­si­on (Re­gie­rung) über die Auf­tei­lung der Lot­te­rie­fonds­gel­der. Ge­mäss ent­spre­chen­dem Stan­des­kom­mis­si­ons­be­schluss ge­hen 20 Pro­zent an den Sport, 48 Pro­zent an die Stif­tung Pro In­ner­rho­den, 8 Pro­zent an die In­ner­rho­der Kunst­stif­tung und 24 Pro­zent ver­blei­ben zu­han­den der Stan­des­kom­mis­si­on zur Ver­ga­be an ge­mein­nüt­zi­ge In­sti­tu­tio­nen und Ver­an­stal­tun­gen.

Die Stif­tung Pro In­ner­rho­den för­dert das «ein­hei­mi­sche kul­tu­rel­le Schaf­fen» und pflegt «das kul­tu­rel­le Er­be». Aus­ser­dem be­treibt sie das Mu­se­um Ap­pen­zell, wo­hin ein gros­ser Teil ih­rer Aus­ga­ben von ins­ge­samt 670’000 Fran­ken für 2024 floss, und un­ter­stützt aus­ser­dem die Volks­bi­blio­thek Ap­pen­zell. Zu­dem sprach Pro In­ner­rho­den 2024 ins­ge­samt 27 Pro­jekt­bei­trä­ge im Um­fang von 83’000 Fran­ken. Die In­ner­rho­der Kunst­stif­tung för­dert das zeit­ge­nös­si­sche Kunst­schaf­fen im Kan­ton mit För­der- und Werk­bei­trä­gen so­wie durch den Er­werb von Kunst­wer­ken. Bei ihr hal­ten sich die jähr­li­chen Ein­nah­men aus dem Lot­te­rie­fonds und Aus­ga­ben von rund 80’000 Fran­ken in et­wa die Waa­ge.

Die Stan­des­kom­mis­si­on ent­rich­te­te 2024 mit ih­rem Lot­te­rie­fonds­an­teil Bei­trä­ge über gut 130’000 Fran­ken. Wie­der­keh­ren­de Jah­res­bei­trä­ge ge­hen an das Volks­mu­sik­zen­trum Root­hu­us Gon­ten, an die Stif­tung Sit­ter­werk in St.Gal­len so­wie an die Buch- und Li­te­ra­tur­för­de­rung Ost+. Die üb­ri­gen Pro­jekt­bei­trä­ge der Be­rei­che So­zia­les, Kul­tu­rel­les und Di­ver­ses wer­den – eben­so wie die drei ge­nann­ten Jah­res­bei­trä­ge – im In­ner­rho­der Ge­schäfts­be­richt nur sum­ma­risch und nicht im Ein­zel­nen aus­ge­wie­sen.

Staatsaufgabe oder gemeinnütziges Anliegen?
Anteile der Kulturausgaben aus dem Lotteriefonds (LF) und dem ordentlichen Staatshaushalt (SH)

Gemäss Bundesgesetz sind die Lotteriefondsgelder strikt zu trennen von der Staatsrechnung und dürfen nicht für öffentlich-rechtliche Aufgaben verwendet werden. In der Bundesverfassung steht ausserdem: «Die Kantone stellen sicher, dass die Reinerträge aus den Spielen (…) vollumfänglich für gemeinnützige Zwecke, namentlich in den Bereichen Kultur, Soziales und Sport, verwendet werden.» Trotzdem wird immer wieder diskutiert, ob bestimmte Projekte, Anlässe oder Institutionen, die aus dem Lotteriefonds finanziert werden, tatsächlich gemeinnützig sind oder dann eigentlich ins Aufgabenheft der Kantone und der öffentlichen Hand fallen würden.

Ein Blick auf das Verhältnis zwischen den Investitionen in die Kulturförderung über den Staatshaushalt und den Beiträgen aus den Lotteriefonds zeigt: Die Ostschweizer Kantone finanzieren einen Grossteil der Kultur über Lotteriegelder. Und das obwohl die Förderung der Kultur auf Gesetzesebene verankert ist. Allerdings ist es schwer, die Zahlen miteinander zu vergleichen, da jeder Kanton die Lotteriefondsgelder anders verbucht und handhabt.

Saiten 2601 Lotterie Chart S28

Quellen: Kulturkonzept des Kantons Thurgau 2023–2026; Aufstelltung des Amtes für Kultur Kanton St.Gallen; Kulturkonzept Appenzell Ausserrhoden 2025, Angaben der AR-Regierung in ihrer Antwort auf die schriftliche Anfrage von KR Matthias Tischhauser vom 3. Juli 2025; Innerrhoder Staatsrechnung 2024.

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