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Kultur und Journalismus: Zwei, die sich brauchen

Kulturstammtisch-Moderator Eric Facon, fotografiert von Michael Calabro
Kulturstammtisch-Moderator Eric Facon, fotografiert von Michael Calabro

Am letzten Kulturstammtisch des Jahres wird über den Zustand des Kulturjournalismus diskutiert. Darüber, was ihn ausmacht und wie sich Leser:innen im Kulturkosmos orientieren könnten, wenn sich dieser verändert.

Den Kul­tur­jour­na­lis­mus gibt es schon so lan­ge wie die Zei­tun­gen selbst. Und seit je­her hat er die­sel­be Auf­ga­be: Über Li­te­ra­tur, Thea­ter, Mu­sik, über Kunst zu be­rich­ten – und da­mit Ver­ständ­nis zu för­dern, Ori­en­tie­rung zu bie­ten, Brü­cken zu schla­gen und Wis­sen zu ver­mit­teln. Der Kul­tur­jour­na­lis­mus ist Ver­mitt­ler zwi­schen Ver­an­stal­ter:in­nen, Kunst­schaf­fen­den und der Öf­fent­lich­keit.

Was aber pas­siert mit dem Kul­tur­jour­na­lis­mus, wenn die Kul­tur we­ni­ger wird? Wenn weg­fällt, wor­über be­rich­tet wer­den soll? Und um­ge­kehrt, wenn über die Kul­tur nicht mehr be­rich­tet wer­den kann, weil nie­mand für die Be­richt­erstat­tung be­zah­len möch­te oder kann? Wie kön­nen sich die Le­ser:in­nen ori­en­tie­ren, was kön­nen sie le­sen und wie könn­te man die­se Ent­wick­lung auf­hal­ten? 

Am Kul­tur­stamm­tisch die­sen Don­ners­tag – es ist der letz­te in die­sem Jahr – geht Mo­de­ra­tor Eric Fa­con zu­sam­men mit Sai­ten-Re­dak­to­rin Ve­ra Zat­ti, Re­bec­ca Schny­der (Thea­ter­au­torin, Kul­tur­pro­du­zen­tin) und Jo­han­nes Sie­ber (Kul­tur­un­ter­neh­mer, Po­li­ti­ker) die­sen Fra­gen auf den Grund.

Es sind The­men und Fra­gen, mit de­nen sich auch Sai­ten erst letz­tes Jahr im Rah­men ei­nes Kul­tur­kon­gres­ses be­fasst hat: Wie steht es um die Zu­kunft des Kul­tur­jour­na­lis­mus? Da­mals spra­chen zahl­rei­che Ex­pert:in­nen wie die St.Gal­ler Re­gie­rungs­rä­tin Lau­ra Bucher, die Na­tio­nal­rä­tin, Ver­le­ge­rin und Chef­re­dak­teu­rin («P.S.») Min Li Mar­ti oder der Jour­na­list und Kul­tur­re­dak­tor («NZZ») Frank Heer mit dem Pu­bli­kum über die Er­war­tun­gen an den Kul­tur­jour­na­lis­mus und wor­aus die­ser heu­te über­haupt be­steht. Ant­wor­ten dar­auf gab es ei­ni­ge, zu dis­ku­tie­ren noch mehr und am En­de war klar: Kul­tur und Jour­na­lis­mus sind es­sen­zi­ell für ei­ne funk­tio­nie­ren­de Ge­sell­schaft – und ge­fragt. Und sie be­din­gen sich ge­gen­sei­tig. Folg­lich braucht es För­de­rung in bei­den Be­rei­chen.

Schon vor ei­nem Jahr war die The­ma­tik ak­tu­ell. Nun ste­hen ei­ni­ge Spar­pa­ke­te vor der Tür, die klei­ne­re und grös­se­re Aus­wir­kun­gen auf die Kul­tur ha­ben wer­den, wie Sai­ten im ak­tu­el­len De­zem­ber-Heft be­rich­tet. Aus­ser­dem ha­ben zahl­rei­che Me­di­en in die­sem Jahr Stel­len strei­chen müs­sen, und im nächs­ten März stimmt die Schweiz über die SRG-Hal­bie­rungs­in­itia­ti­ve ab.

Ei­ne sym­bio­ti­sche Be­zie­hung

Kul­tur­schaf­fen­de tun folg­lich gut dar­an, fle­xi­bel und doch be­harr­lich zu blei­ben. Da­mit sind nicht nur Künst­ler:in­nen ge­meint, son­dern auch Ver­mitt­ler:in­nen, Ku­ra­tor:in­nen oder eben Kul­tur­jour­na­list:in­nen. Bei Sai­ten be­deu­ten Be­harr­lich­keit – und das lässt sich wohl auch auf an­de­re Kul­tur­ma­ga­zi­ne an­wen­den –, an The­men dran zu blei­ben, vor al­lem klei­ne­re Pro­jek­te und Ver­an­stal­ten­de ab­zu­bil­den und dass der Kul­tur­be­griff sehr breit de­fi­niert ist: Kul­tur ist auch Po­li­tik und auch Ge­sell­schaft. Fle­xi­bi­li­tät heisst, Vor­stel­lun­gen und Er­war­tun­gen an den Jour­na­lis­mus, an die Bei­trä­ge im­mer wie­der zu über­prü­fen und zu schau­en, wel­che Le­ser:in­nen, was und auf wel­chen Platt­for­men le­sen möch­ten. Der­weil müs­sen sich aber Kunst­schaf­fen­de wie auch Kul­tur­jour­na­list:in­nen un­wei­ger­lich mit For­men der Kul­tur­för­de­rung aus­ein­an­der­set­zen. 

Ei­ne Mög­lich­keit wä­re die För­de­rung des Kul­tur­jour­na­lis­mus über fi­nan­zi­el­le Bei­trä­ge der öf­fent­li­chen Hand, wie sie auch kul­tu­rel­le In­sti­tu­tio­nen und Pro­jek­te selbst von Kan­ton und oder Bund er­hal­ten. Denn Kul­tur und (Kul­tur-)Jour­na­lis­mus sind eng mit­ein­an­der ver­wo­ben. Kul­tur ent­fal­tet viel­leicht erst rich­tig ih­re Wir­kung, wenn sie ver­han­delt wird, Be­rich­te und Be­spre­chun­gen zie­hen Pu­bli­kum an, so ent­steht ein Dis­kurs über die Wer­ke. Der Kul­tur­jour­na­lis­mus trägt ei­nen we­sent­li­chen Teil da­zu bei. Und die­ser Dis­kurs ist letzt­end­lich zen­tral für den Er­halt der De­mo­kra­tie, weil er Aus­tausch und Ver­stän­di­gung und das Aus­ein­an­der­set­zen mit un­ter­schied­li­chen Ge­dan­ken und In­for­ma­tio­nen er­mög­licht. Da­bei ist Kul­tur­jour­na­lis­mus auch ei­ne Art von Ver­mitt­lung: Manch­mal braucht es Über­set­zung, manch­mal Ein­ord­nung, manch­mal Be­schrei­bung.

Me­di­en­för­de­rung ja? Und wenn ja, wie viel?

Erst kürz­lich er­klär­te der Re­gie­rungs­rat des Kan­tons St.Gal­len in ei­ner Ant­wort auf zwei An­fra­gen zum The­ma Me­di­en­för­de­rung (Aus­wir­kung der SRG-Kür­zun­gen und Me­di­en­viel­falt), dass er ei­ne sol­che zur­zeit prü­fe und da­für die Mo­del­le aus an­de­ren Kan­to­nen ana­ly­sie­re. So exis­tie­ren in Bern, Frei­burg, Genf oder Grau­bün­den be­reits Kon­zep­te und stel­len­wei­se ers­te kan­to­na­le Ge­set­zes­grund­la­gen für ei­ne di­rek­te oder in­di­rek­te Me­di­en­för­de­rung. In St.Gal­len stiess al­ler­dings schon 2020 ei­ne Mo­ti­on der SP in die­sel­be Rich­tung auf Gra­nit. 

Seit 2020 hat die Schwei­zer Me­di­en­bran­che aber wei­te­re mas­si­ve Ein­schnit­te er­lebt. Al­lein 2025 ist es zu zahl­rei­chen Kür­zun­gen und Ent­las­sun­gen ge­kom­men : Die SRG hat an­ge­kün­digt, bis 2029 900 von 5600 Stel­len zu strei­chen. Dar­un­ter fal­len beim SRF noch in die­sem Jahr zahl­rei­che Stel­len so­wie auch beim RTS und beim RSI. Die Gra­tis­zeit­schrift «20 Mi­nu­ten» stellt per En­de 2025 die Print­aus­ga­be ein, fu­sio­niert Re­dak­tio­nen und schliesst meh­re­re Re­gio­nal­bü­ros. Auch Rin­gier, «Ana­bel­le» und ei­ni­ge Ra­dio­sta­tio­nen ent­las­sen Mit­ar­bei­ten­de. Lo­kal­zei­tun­gen ver­schwin­den. Ins­ge­samt geht es laut ei­ner Re­cher­che der Re­pu­blik um weit über 1000 ver­lo­re­ne oder ge­fähr­de­te Me­di­en­jobs. För­der­bei­trä­ge durch die Kan­to­ne an die Me­di­en­viel­falt könn­te hier Ab­hil­fe schaf­fen und ist je nach­dem viel­leicht auch im In­ter­es­se der Bür­ger:in­nen. Ge­ra­de im Kul­tur­jour­na­lis­mus, wo eben auch der In­halt der Be­richt­erstat­tung selbst, näm­lich die Kul­tur im­mer klei­ner ge­spart wird.

Ge­gen ei­ne Fi­nan­zie­rung des (Kul­tur-)Jour­na­lis­mus spricht aber das obers­te Cre­do des Jour­na­lis­mus: Un­ab­hän­gig­keit. Darf Jour­na­lis­mus über öf­fent­li­che Bei­trä­ge fi­nan­ziert wer­den? Ist er dann noch kri­tisch? Wo liegt über­haupt der Un­ter­schied zwi­schen öf­fent­li­cher und pri­va­ter Fi­nan­zie­rung? War­um führt das ei­ne in un­se­ren Köp­fen zu mehr und das an­de­re zu we­ni­ger Ab­hän­gig­keit? Und was be­deu­ten Un­ab­hän­gig­keit über­haupt im Be­reich Kul­tur­jour­na­lis­mus?

Die Kri­se als Chan­ce

Über vie­le die­ser Fra­gen, die sich die Re­dak­tio­nen im Land die­ser Ta­ge stel­len, dis­ku­tie­ren am Don­ners­tag auch Eric Fa­con und sei­ne Gäs­te. Ant­wor­ten sind we­der leicht zu fin­den noch ein­deu­tig. Auch in der Sai­ten-Re­dak­ti­on.

Un­wei­ger­lich müs­sen sich Kul­tur­jour­na­list:in­nen und -Ma­ga­zi­ne der Fra­ge stel­len, wel­che Form von Kul­tur­jour­na­lis­mus ge­fragt ist, wie man In­hal­te und For­men ver­bes­sern und wei­ter­ent­wi­ckeln kann.Dar­aus er­ge­ben sich aber auch Chan­cen für den Kul­tur­jour­na­lis­mus so wie für Kul­tur­schaf­fen­de. Zu­letzt hat Sai­ten bei­spiels­wei­se ei­nen Kul­tur­news­let­ter ge­schaf­fen, der wö­chent­lich drei Kul­tur­tex­te pu­bli­ziert. Der News­let­ter ist das Re­sul­tat ge­nau sol­cher Ge­dan­ken um Po­ten­ti­al und mög­li­che Wei­ter­ent­wick­lun­gen. Er ist für zwei Jah­re durch ein Crowd­fun­ding und Stif­tungs­gel­der fi­nan­ziert. Ver­fasst wird er von Ve­ra Zat­ti, der Kol­le­gin, die sich am Stamm­tisch mit Eric Fa­con über den Kul­tur­jour­na­lis­mus un­ter­hal­ten wird.

Kul­tur­stamm­tisch: 4. De­zem­ber, 18.30 Uhr, Mi­li­tär­kan­ti­ne, St.Gal­len. 

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