Kultur und Journalismus: Zwei, die sich brauchen
Am letzten Kulturstammtisch des Jahres wird über den Zustand des Kulturjournalismus diskutiert. Darüber, was ihn ausmacht und wie sich Leser:innen im Kulturkosmos orientieren könnten, wenn sich dieser verändert.
Den Kulturjournalismus gibt es schon so lange wie die Zeitungen selbst. Und seit jeher hat er dieselbe Aufgabe: Über Literatur, Theater, Musik, über Kunst zu berichten – und damit Verständnis zu fördern, Orientierung zu bieten, Brücken zu schlagen und Wissen zu vermitteln. Der Kulturjournalismus ist Vermittler zwischen Veranstalter:innen, Kunstschaffenden und der Öffentlichkeit.
Was aber passiert mit dem Kulturjournalismus, wenn die Kultur weniger wird? Wenn wegfällt, worüber berichtet werden soll? Und umgekehrt, wenn über die Kultur nicht mehr berichtet werden kann, weil niemand für die Berichterstattung bezahlen möchte oder kann? Wie können sich die Leser:innen orientieren, was können sie lesen und wie könnte man diese Entwicklung aufhalten?
Am Kulturstammtisch diesen Donnerstag – es ist der letzte in diesem Jahr – geht Moderator Eric Facon zusammen mit Saiten-Redaktorin Vera Zatti, Rebecca Schnyder (Theaterautorin, Kulturproduzentin) und Johannes Sieber (Kulturunternehmer, Politiker) diesen Fragen auf den Grund.
Es sind Themen und Fragen, mit denen sich auch Saiten erst letztes Jahr im Rahmen eines Kulturkongresses befasst hat: Wie steht es um die Zukunft des Kulturjournalismus? Damals sprachen zahlreiche Expert:innen wie die St.Galler Regierungsrätin Laura Bucher, die Nationalrätin, Verlegerin und Chefredakteurin («P.S.») Min Li Marti oder der Journalist und Kulturredaktor («NZZ») Frank Heer mit dem Publikum über die Erwartungen an den Kulturjournalismus und woraus dieser heute überhaupt besteht. Antworten darauf gab es einige, zu diskutieren noch mehr und am Ende war klar: Kultur und Journalismus sind essenziell für eine funktionierende Gesellschaft – und gefragt. Und sie bedingen sich gegenseitig. Folglich braucht es Förderung in beiden Bereichen.
Schon vor einem Jahr war die Thematik aktuell. Nun stehen einige Sparpakete vor der Tür, die kleinere und grössere Auswirkungen auf die Kultur haben werden, wie Saiten im aktuellen Dezember-Heft berichtet. Ausserdem haben zahlreiche Medien in diesem Jahr Stellen streichen müssen, und im nächsten März stimmt die Schweiz über die SRG-Halbierungsinitiative ab.
Kulturschaffende tun folglich gut daran, flexibel und doch beharrlich zu bleiben. Damit sind nicht nur Künstler:innen gemeint, sondern auch Vermittler:innen, Kurator:innen oder eben Kulturjournalist:innen. Bei Saiten bedeuten Beharrlichkeit – und das lässt sich wohl auch auf andere Kulturmagazine anwenden –, an Themen dran zu bleiben, vor allem kleinere Projekte und Veranstaltende abzubilden und dass der Kulturbegriff sehr breit definiert ist: Kultur ist auch Politik und auch Gesellschaft. Flexibilität heisst, Vorstellungen und Erwartungen an den Journalismus, an die Beiträge immer wieder zu überprüfen und zu schauen, welche Leser:innen, was und auf welchen Plattformen lesen möchten. Derweil müssen sich aber Kunstschaffende wie auch Kulturjournalist:innen unweigerlich mit Formen der Kulturförderung auseinandersetzen.
Eine Möglichkeit wäre die Förderung des Kulturjournalismus über finanzielle Beiträge der öffentlichen Hand, wie sie auch kulturelle Institutionen und Projekte selbst von Kanton und oder Bund erhalten. Denn Kultur und (Kultur-)Journalismus sind eng miteinander verwoben. Kultur entfaltet vielleicht erst richtig ihre Wirkung, wenn sie verhandelt wird, Berichte und Besprechungen ziehen Publikum an, so entsteht ein Diskurs über die Werke. Der Kulturjournalismus trägt einen wesentlichen Teil dazu bei. Und dieser Diskurs ist letztendlich zentral für den Erhalt der Demokratie, weil er Austausch und Verständigung und das Auseinandersetzen mit unterschiedlichen Gedanken und Informationen ermöglicht. Dabei ist Kulturjournalismus auch eine Art von Vermittlung: Manchmal braucht es Übersetzung, manchmal Einordnung, manchmal Beschreibung.
Erst kürzlich erklärte der Regierungsrat des Kantons St.Gallen in einer Antwort auf zwei Anfragen zum Thema Medienförderung (Auswirkung der SRG-Kürzungen und Medienvielfalt), dass er eine solche zurzeit prüfe und dafür die Modelle aus anderen Kantonen analysiere. So existieren in Bern, Freiburg, Genf oder Graubünden bereits Konzepte und stellenweise erste kantonale Gesetzesgrundlagen für eine direkte oder indirekte Medienförderung. In St.Gallen stiess allerdings schon 2020 eine Motion der SP in dieselbe Richtung auf Granit.
Seit 2020 hat die Schweizer Medienbranche aber weitere massive Einschnitte erlebt. Allein 2025 ist es zu zahlreichen Kürzungen und Entlassungen gekommen : Die SRG hat angekündigt, bis 2029 900 von 5600 Stellen zu streichen. Darunter fallen beim SRF noch in diesem Jahr zahlreiche Stellen sowie auch beim RTS und beim RSI. Die Gratiszeitschrift «20 Minuten» stellt per Ende 2025 die Printausgabe ein, fusioniert Redaktionen und schliesst mehrere Regionalbüros. Auch Ringier, «Anabelle» und einige Radiostationen entlassen Mitarbeitende. Lokalzeitungen verschwinden. Insgesamt geht es laut einer Recherche der Republik um weit über 1000 verlorene oder gefährdete Medienjobs. Förderbeiträge durch die Kantone an die Medienvielfalt könnte hier Abhilfe schaffen und ist je nachdem vielleicht auch im Interesse der Bürger:innen. Gerade im Kulturjournalismus, wo eben auch der Inhalt der Berichterstattung selbst, nämlich die Kultur immer kleiner gespart wird.
Gegen eine Finanzierung des (Kultur-)Journalismus spricht aber das oberste Credo des Journalismus: Unabhängigkeit. Darf Journalismus über öffentliche Beiträge finanziert werden? Ist er dann noch kritisch? Wo liegt überhaupt der Unterschied zwischen öffentlicher und privater Finanzierung? Warum führt das eine in unseren Köpfen zu mehr und das andere zu weniger Abhängigkeit? Und was bedeuten Unabhängigkeit überhaupt im Bereich Kulturjournalismus?
Über viele dieser Fragen, die sich die Redaktionen im Land dieser Tage stellen, diskutieren am Donnerstag auch Eric Facon und seine Gäste. Antworten sind weder leicht zu finden noch eindeutig. Auch in der Saiten-Redaktion.
Unweigerlich müssen sich Kulturjournalist:innen und -Magazine der Frage stellen, welche Form von Kulturjournalismus gefragt ist, wie man Inhalte und Formen verbessern und weiterentwickeln kann.Daraus ergeben sich aber auch Chancen für den Kulturjournalismus so wie für Kulturschaffende. Zuletzt hat Saiten beispielsweise einen Kulturnewsletter geschaffen, der wöchentlich drei Kulturtexte publiziert. Der Newsletter ist das Resultat genau solcher Gedanken um Potential und mögliche Weiterentwicklungen. Er ist für zwei Jahre durch ein Crowdfunding und Stiftungsgelder finanziert. Verfasst wird er von Vera Zatti, der Kollegin, die sich am Stammtisch mit Eric Facon über den Kulturjournalismus unterhalten wird.
Kulturstammtisch: 4. Dezember, 18.30 Uhr, Militärkantine, St.Gallen.
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