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Weisses Vakuum und eine rote Krawatte

Die Ausstellungshalle im St.Galler Kubik-Areal (Bild: pd/Marc Hansjörg Lieberherr)

Die Ausstellungshalle im St.Galler Kubik-Areal (Bild: pd/Marc Hansjörg Lieberherr)

Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.

Ein Raum, mehr ei­ne Hal­le. Weis­se Ka­cheln, weis­se De­cken­ver­klei­dung, da­zwi­schen graue Me­tall­kon­struk­tio­nen. Ein gel­ber Hän­ge­tas­ter bau­melt von der De­cke, leuch­tet fast ob all der Farb­lo­sig­keit. Al­les wirkt ste­ril. 

Dass die Son­nen­strah­len durch die schräg­ge­stell­ten Storen drin­gen, macht es et­was we­ni­ger be­klem­mend. Da­bei soll­ten die gar nicht of­fen sein. «Wir möch­ten ei­gent­lich ganz schlies­sen. Müs­sen aber noch schau­en, wie wir die Wet­ter­sen­so­ren um­ge­hen kön­nen», so die St.Gal­ler Ku­ra­to­rin Mi­ri­am D’Er­ri­co. Mit ih­rer Aus­stel­lung «Trans­lu­zent» be­spielt sie die ehe­ma­li­gen Räum­lich­kei­ten der Kel­len­ber­ger AG im Ku­bik-Are­al in St.Gal­len im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung. An die­sem Mitt­woch be­fin­det sich die Schau noch im Auf­bau.

Trans­lu­zent, das be­deu­tet so viel wie «licht­durch­läs­sig». Und un­ter die­sem Schlag­wort fin­den sich hier in St.Gal­len Po­si­tio­nen von vier Kunst­schaf­fen­den, die D’Er­ri­co aus ih­rem be­stehen­den Netz­werk ge­win­nen konn­te: Rit­ta So­phan­na, Ri­car­do Me­li, Lo­ris Mau­er­ho­fer und Marc Hans­jörg Lie­ber­herr. «Ih­re Wer­ke er­gän­zen sich gut, und pas­send zum Aus­stel­lungs­ti­tel ar­bei­ten sie al­le eher mit ge­deck­ten Far­ben», so die Ku­ra­to­rin. Tat­säch­lich ist die Schau al­les an­de­re als bunt – ein­zig ei­ne ro­te Kra­wat­te bricht die blas­se Äs­the­tik auf.

Lee­re Re­den, hän­gen­des Rück­grat

Die lin­ke Raum­hälf­te ist leer. «Der Raum soll durch das Licht­spiel wir­ken und für sich selbst spre­chen», sagt Mi­ri­am D’Er­ri­co. Von die­sem weis­sen Va­ku­um schwenkt der Blick nach rechts. Ein säu­ber­lich ge­bü­schel­tes Recht­eck aus Er­de. Ein Grab? Viel­leicht. Als «Dreck­hau­fen» be­zeich­net es der St.Gal­ler Künst­ler Marc Hans­jörg Lie­ber­herr. Und ob nun Grab oder Dreck­hau­fen, da­vor sind Schu­he so dra­piert, als wä­re je­mand so­eben in die­ses Stück Er­de ge­sprun­gen – oder ge­fal­len.  

Und ob­schon die In­sze­nie­rung am An­fang der Aus­stel­lung liegt, ist sie das En­de von Lie­ber­herrs Tri­lo­gie Po­li­ti­cal Sep­si­sI-III. Ein Dra­ma in drei Ak­ten, das im hin­ters­ten Raum der Aus­stel­lung sei­nen An­fang nimmt, in ei­nem von drei trans­pa­ren­ten Glas­ku­ben, die einst wohl mal Bü­ros wa­ren. Ein schwar­zes Red­ner:in­nen­pult. Auf dem Bo­den ver­streu­te lee­re Sei­ten. «Die in­halts­lo­sen Re­den der hier ab­we­sen­den Per­son sind ent­blösst. Das Macht­ver­hält­nis zwi­schen Red­ner:in und Zu­hö­rer:in­nen­schaft ist ge­bro­chen», be­schreibt der St.Gal­ler Künst­ler die von ihm ent­wor­fe­ne Sze­ne­rie. 

Die An­spie­lung auf je­nes po­li­ti­sche Ge­ha­be, bei dem we­der Fak­ten noch Auf­rich­tig­keit zäh­len und Bull­shit auf der Ta­ges­ord­nung steht, scheint of­fen­sicht­lich. Bei Lie­ber­herr zu­min­dest nimmts dann ei­ne gu­te Wen­dung. Der zwei­te Akt: Schwar­zer Na­del­strei­fen­an­zug mit leuch­tend ro­ter Kra­wat­te über der Glas­ku­bus­wand, Red­ner:in gibt auf. Der drit­te Akt: Ob Grab oder Dreck, Red­ner:in ist ver­schwun­den, hat sich in Luft (oder in Dreck) auf­ge­löst.

Die metallische Wirbelsäule Untitled (Backing) vom Thurgauer Künstler Loris Mauerhofer (Bild: pd/Marc Hansjörg Lieberherr)

Die metallische Wirbelsäule Untitled (Backing) vom Thurgauer Künstler Loris Mauerhofer (Bild: pd/Marc Hansjörg Lieberherr)

Die bei­den wei­te­ren Glas­ku­ben be­spielt der Thur­gau­er Lo­ris Mau­er­ho­fer. Im ei­nen zeigt er grau-glän­zen­de Akt­zeich­nun­gen, im an­de­ren das, was un­se­rer Ge­sell­schaft viel­leicht manch­mal et­was fehlt: näm­lich ein Rück­grat. Zu se­hen sind hier in St.Gal­len gleich zwei. In grau und weiss ge­hal­ten hän­gen sie fi­li­gran und zer­brech­lich an ih­ren me­tal­li­schen Vor­rich­tun­gen. Es ge­he um die Ver­letz­lich­keit und die Ver­gäng­lich­keit des Lei­bes, er­zählt D’Er­ri­co für den ab­we­sen­den Mau­er­ho­fer. Die Me­tall­kon­struk­tio­nen ver­lei­hen den Kör­per­frag­men­ten et­was Cy­borg­haf­tes. Er­in­nern an Kör­per, die sich per­ma­nent selbst er­wei­tern: mit Werk­zeug, Schreib­zeug, oder eben mit dem Smart­phone.

Zwi­schen Mee­res­rau­schen und Flug­ha­fen­durch­sa­ge

Am Bo­den vor den drei Glas­käs­ten liegt Ri­car­do Me­lis Werkse­rie Ar­chi­ved. Um­rahmt von kleb­ri­gen Res­ten ei­ner gel­ben Bo­den­mar­kie­rung sind da drei of­fe­ne, mas­si­ve Holz­kis­ten. In sie ein­ge­bet­tet je­weils ei­ne Gips­ar­beit. Dass es Gips ist, sieht man nicht so­fort. Schwer und spe­ckig, wir­ken die Ob­jek­te, ge­hal­ten in er­di­gen Farb­tö­nen. Er­in­nern an ar­chäo­lo­gi­sche Block­ber­gung oder ein Hüft­ge­lenk von ir­gend­ei­nem un­be­kann­ten We­sen. Es sei­en Ab­güs­se von Ton­nega­ti­ven, er­klärt Me­li, der eben­falls aus dem Thur­gaui­schen kommt. Sei­nen Ar­beits­pro­zess be­zeich­net er als «un­lear­ning the ma­te­ri­al»: Er rüh­re auch mal Gips mit Kaf­fee an oder be­ar­bei­te das Ma­te­ri­al mit Feu­er.

Gipsobjekt in Holzkiste - Ricardo Melis Werkserie Archived (Bild: pd/Marc Hansjörg Lieberherr)

Gipsobjekt in Holzkiste - Ricardo Melis Werkserie Archived (Bild: pd/Marc Hansjörg Lieberherr)

Im Jahr 2022 ha­be er, Me­li, die­se drei Gips­ob­jek­te zu­letzt ge­zeigt – oh­ne die Holz­kis­ten. Seit­her la­gern sie in sei­nem Ate­lier – in eben die­sen Kis­ten. Für «Trans­lu­zent» in­ter­pre­tie­re er die­se Ar­bei­ten als Ar­chi­ved neu. Im Zen­trum ste­he der Ar­chiv­cha­rak­ter der halb ver­pack­ten Ar­te­fak­te. «Was bleibt üb­rig, das man über­haupt auf­be­wah­ren könn­te, und was da­von wird tat­säch­lich be­wahrt? Wer be­stimmt das, wer hat die Deu­tungs­ho­heit? Das be­ein­flusst, wie wir un­se­re Ver­gan­gen­heit ein­ord­nen, und auch, wie wir heu­te den­ken», so Me­li. Ar­chi­ve, so viel ist klar, sind se­lek­tiv und nie­mals neu­tral. 

Über al­le­dem schwingt die Au­dio­in­stal­la­ti­on von Rit­ta So­phan­na in Dau­er­schlei­fe. Es sei­en Auf­zeich­nun­gen von Er­leb­nis­sen der Zür­cher Künst­le­rin mit Freund:in­nen, mit der Fa­mi­lie oder vom Un­ter­wegs­sein, er­klärt D’Er­ri­co stell­ver­tre­tend für So­phan­na. Im Zen­trum ste­he das Los­las­sen von und das Wach­sen am Ver­gan­ge­nen. Mee­res­rau­schen, ein Fest, ei­ne Flug­ha­fen­durch­sa­ge. An­fangs ist die Ton­spur sehr prä­sent, ver­si­ckert dann und wird zu ei­nem Hin­ter­grund­rau­schen von Er­in­ne­run­gen, die ei­nem selbst nicht ge­hö­ren. Ist wie ein Echo aus ei­ner frem­den Ver­gan­gen­heit, das zu­min­dest klang­lich als ein bunt-war­mes Ge­gen­stück die eher küh­le At­mo­sphä­re hier im Ku­bik-Are­al um­armt.

«Trans­lu­zent» – bis Sams­tag, 29. Au­gust, je­weils 17 bis 19 Uhr, Ku­bik Are­al, St. Gal­len.

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
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Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
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«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

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Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
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Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

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Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

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Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

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Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

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Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

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Von  David Gadze
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WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
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FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

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Senf