Raumplanung als Hebel gegen die Wohnungskrise
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
Berlingen im Thurgau geht mit seiner revidierten Ortsplanung auch gegen den Wohungsmangel vor. (Bilder: Ladina Bischof)
Ein Grossteil der Dorf-, Wohn- und Gewerbezone der idyllischen Gemeinde Berlingen am Südufer des Untersees ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) als Ort von nationaler Bedeutung eingestuft. Das dicht bebaute Ortszentrum mit reformierter Kirche und Hafenanlage hat sich entlang der gebogenen Seestrasse zwischen Schaffhausen und Kreuzlingen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert kontinuierlich entwickelt. Die nahezu geschlossenen Strassenfronten aus trauf- und giebelständigen Putz- und Fachwerkbauten prägen das Ortsbild. Insgesamt liegt heute ein feines morphologisches Gewebe mit Fusswegen, untergeordneten Strässchen und weiten Durchblicken vor.
Die Artikelserie «Gutes Bauen Ostschweiz», lanciert vom Architektur Forum Ostschweiz (AFO), das im Juni sein 30-Jahr-Jubiläum feiert, möchte die Diskussion um eine regionale Baukultur anregen. Die Beiträge werden vom AFO, Swiss‑Architects und Saiten gemeinsam veröffentlicht. Die Serie behandelt übergreifende Themen aus den Bereichen Raumplanung, Städtebau, Architektur und Landschaftsarchitektur. Sie geht unter anderem den Fragen nach, welchen Beitrag das Bauen zur Bewältigung der Klimakrise leisten oder wie die Verdichtung historischer Dörfer und Stadtteile gelingen kann.
a-f-o.ch/gutes-bauen
swiss-architects.com
Berlingen begann vor sieben Jahren mit der Revision der Ortsplanung. Die Frage, der sich die meisten Dörfer und Städte der Schweiz stellen müssen, blieb unbeantwortet: Wie lässt sich ein architektonisch wertvoller Ortskern unter Erhalt der baukulturellen Qualitäten und Berücksichtigung der Erhaltensziele des ISOS weiterentwickeln und verdichten? Wiederholt scheiterten Bauvorhaben innerhalb des geschützten Zentrums, weil die Anforderungen des Inventars entweder unklar erschienen oder in der Ortsplanung nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Für Bauwillige war oft nicht nachvollziehbar, was möglich ist und was nicht. Genau im richtigen Moment erreichte Berlingen die Publikation Orte für Menschen des Forums Raumordnung Schweiz. Der unabhängige Verein setzt sich für eine qualitätsvolle Ortsentwicklung und Baukultur ein und hilft Gemeinden, Fachleuten sowie der Öffentlichkeit bei Fragen der Raumentwicklung. Der Gemeinderat fasste 2023 den Beschluss, sich zusammen mit dem Ortsplaner auf einen neuen Weg der Raumentwicklung einzulassen. Die Ortsplanung wurde pausiert.
Ziel war die Entwicklung eines ortsbaulichen Entwurfs für den Dorfteil im ISOS-Gebiet, der die Qualitäten des Ortsbilds respektiert und zugleich Entwicklungsperspektiven aufzeigt. Der Prozess unterschied sich bewusst von einer herkömmlichen Raumplanung, die lediglich Zonen festlegt. Interdisziplinäre Teams aus Architektur, Baugeschichte, Agrarökologie, Kunst und Landschaftsarchitektur analysierten zunächst das Dorf und entwickelten zusammen mit der Planungskommission der Gemeinde und unter Einbezug der kantonalen Denkmalpflege räumliche Zukunftsbilder. Identitätsstiftende Elemente wie vielfältige Freiräume, Durchblicke und Durchwegungen, Strassenräume mit öffentlichen Nutzungen leisten neben historischen Bauten einen zentralen Beitrag zum Ortsbild. Diese sind in den Objektblättern beschrieben und zeigen das jeweilige Potenzial auf. Zur Sicherung dieser städtebaulichen Vision wurden parzellenscharf Baulinien und Firstrichtungen festgesetzt.
Substanzerhalt und Weiterbauzen sind kein Widerspruch: Gemeindepräsident Ueli Oswald fordert von den Behörden, den Einwohner:innen und den Auftragnehmer:innen Mut und Entschlossenheit.
Der Gemeindepräsident und Bauingenieur Ueli Oswald betont, dass sich mit diesem Instrument neue Chancen ergeben haben. Der Prozess habe seine ursprünglich skeptische Haltung gegenüber dem ISOS verändert. Selbst in Bereichen, die aufgrund des ISOS bisher als kaum entwickelbar galten, können nun Möglichkeiten aufgezeigt werden. Substanzerhalt und Weiterbauen erweisen sich nicht als Widerspruch, sondern als aufeinander abgestimmte Strategien zur Sicherung und Fortführung der räumlichen Identität eines Ortes. Die vielschichtige Vision zeigt auf, wie sich das Dorf über Jahrzehnte entwickeln kann. Berlingen mit heute rund 950 Einwohner:innen könnte in den nächsten 50 Jahren um etwa 250 Personen wachsen, ohne seine Identität zu verlieren. Solche Pilotprojekte sind nur möglich, wenn Behördenmitglieder, Einwohner:innen und auch Auftragnehmer:innen mutig und entschlossen sind.
Seit 2024 liegt der ortsbauliche Entwurf nun vor. Ein wichtiges Element bei der Entwicklung war und ist die transparente Kommunikation und die Mitwirkung der lokalen Bevölkerung. Die Gemeinde informierte regelmässig über den Planungsstand und stellte anhand eines privat finanzierten Ortsmodells im Massstab 1:500 auch Zwischenergebnisse vor. Die Verträglichkeit von Veränderungen konnte anhand des Modells anschaulich dargestellt und diskutiert werden. Die Rückmeldungen insgesamt waren bisher positiv; insbesondere das Ziel, mit diesen Leitlinien langfristige Planungssicherheit zu schaffen, fand breite Akzeptanz.
Der Prozess ist längst noch nicht abgeschlossen. Ein wichtiger Meilenstein war die kantonale Vorprüfung der überarbeiteten Planungsinstrumente. Während die kantonale Denkmalpflege die Vorlage positiv beurteilte, äusserte das Amt für Raumentwicklung Vorbehalte gegenüber einzelnen neuen Zonenbenennungen, die nicht dem üblichen Fachjargon entsprachen. «Gartenpflege oder Gartenreparatur» für schützenswerte Gärten oder «Neuinterpretationen und Überformungen» für Bauten der jüngeren Zeit beispielsweise wurden in konstruktiven Gesprächen in bewährte planungsrechtliche Begriffe überführt. Damit wird das Instrument nun mit den Vorgaben des Thurgauer Rechts harmonisiert.
Im Zuge dieser Weiterentwicklung wird der ortsbauliche Entwurf nun in eine überlagernde Orts- und Umgebungsschutzzone überführt und mit einem behördenverbindlichen «Gestaltungsplan ISOS» verbunden. Nach Abschluss der Anpassungen wird die Vorlage erneut dem Kanton zur Vorprüfung eingereicht, parallel dazu startet voraussichtlich ab Herbst 2026 das Mitwirkungsverfahren mit Informationsveranstaltungen und öffentlichen Unterlagen – ein Abschluss dieser Phasen ist frühestens im Sommer 2027 zu erwarten, gefolgt von der öffentlichen Planauflage mit erneuter Einsprachemöglichkeit. Läuft alles wie gewünscht, wird die revidierte Kommunalplanung Berlingen Mitte 2028 in Kraft gesetzt. Einzelne Visiere sind bereits gesetzt.
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