«Ich bin mir vollkommen fremd, wenn ich nicht schreibe»
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die Schauspielerin Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann (Bild: Filmstill/Elliott Kreyenberg)
Am Anfang des Films Jemand, der einmal ich war wird die Darstellerin Sandra Hüller zu Ingeborg Bachmann (1926–1973) gemacht: Die Visagistin setzt ihr die Perücke auf, sie betrachtet sich im Spiegel und probiert eine Bachmann-Pose. Sie geht mit der Regisseurin Regina Schilling durch die Römer Wohnung, die an die letzte Bleibe der Bachmann erinnert, wo sie an ihrem «Todesarten»-Projekt geschrieben hat. Hier werden die beiden Frauen ihre «Geisterbeschwörung» vollziehen. Der Film ist ehrlich, er will nicht nachspielen, sondern legt die Inszenierung offen. Man ist schon etwas beruhigt.
Denn die Ansage «Biopic» weckt grundsätzliches Misstrauen, wohlfeil zudem im Jahr des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann. Kann man das Werk dieser Ikone der feministischen Literatur aus der biografischen Perspektive verstehen? Zumal sie selbst Autobiografisches als Erzählen von «Lebensläufen, Privatgeschichten und anderen Peinlichkeiten» ausgeschlossen hat. Kann man das Leben dieser Autorin erzählen, ohne Höhepunkte und Tiefschläge letztlich doch zur zielgerichteten und kinotauglichen, tragischen Heldinnenreise zurechtzubiegen?
Regina Schilling geht behutsam ans Werk. Die gespielten Szenen sind klar in der Jetztzeit verortet, Handy und E-Scooter inklusive. Sandra Hüller ist zu Beginn hauptsächlich eine Stellvertreterin, die an der Schreibmaschine sitzt, viele Zigaretten raucht, das Telefon nicht abnimmt und Tonaufnahmen von Ingeborg Bachmann hört. Nur einmal imitiert sie die Bachmann, indem sie – gefilmt in Schwarz-Weiss – mehrfach eine Aussage probt: «Ich existiere nur, wenn ich schreibe. Ich bin mir vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.»
Ansonsten montiert der Film zahlreiche historische Ton- und Bildaufnahmen, um den Aufstieg der Dichterin zu zeigen: Preisverleihungen, Lesungen, Interviews, aber auch Aussagen über sie, etwa von Verleger Siegfried Unseld, Professor Walter Jens oder dem Künstlerfreund Hans Werner Henze. Im Jahr 1953 schaffte es die junge Lyrikerin gar auf das «Spiegel»-Cover, nachdem sie den Preis der Gruppe 47 gewonnen hatte. Hier trickst der Film ein bisschen, denn die abschätzigen Aussagen über schreibende Frauen des Kritikers Marcel Reich-Ranicki galten nicht ihr.
Was die Montage deutlich machen will: Es waren stets Männer, die den Ton angaben. Der Filmplot findet darin seinen biografischen Schlüssel. Ingeborg Bachmann wuchs in Klagenfurt auf, ihr Vater war Mitglied der NSDAP. Ihre Umzüge nach Wien, München und Rom werden gelesen als Versuch, sich aus den provinziellen und patriarchalen Strukturen zu befreien. Der Film deutet es mit dem wiederkehrenden Zugvogel-Motiv an. Bachmanns Tragik wird damit begründet, dass sie sich in Verhältnissen wiederfand, die nicht minder patriarchal geprägt waren.
Regina Schilling schreibt damit eine Linie fort, die unter Bachmann-Deutern verbreitet ist, spätestens seit dem Erscheinen ihres Briefwechsels mit Max Frisch (Wir haben es nicht gut gemacht. Piper und Suhrkamp, Berlin 2022) 2022 jedoch mit einigen Fragezeichen versehen werden muss. Die Regisseurin platziert Max Frisch am Kipppunkt. Sein Rückblick auf die vierjährige Liebesbeziehung beginnt so: «Ich kann zuerst einfach melden...»
Bachmann selbst äussert sich im Film dazu nicht, aber die Veränderungen werden augenfällig gemacht: Sandra Hüller besichtigt Trümmer. Zu den Zigaretten kommen jetzt auch Alkohol und Tabletten. Manisch schneidet sie Zeitungsmeldungen über Todesfälle aus. Der Versuch, den Wahnsinn nun doch nachzuspielen, gipfelt in einem Abend, an dem sich Hüller aufdonnert und irgendwann im Rotlichtviertel landet. Es ist nicht die stärkste Szene des Films.
Viel besser in Erinnerung bleibt ein Ausschnitt aus einem Interview von 1971. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen Ingeborg Bachmann lächelt. Allerdings ein sehr sibyllinisches Lächeln – und dann sagt sie bestimmt: «Die Männer sind unheilbar krank.» Der Interviewer reagiert irritiert. «Woran?» «Na, sie sind es. Wissen Sie das nicht?» Es sind solche Perlen aus den Archiven, die den Film sehenswert machen. Dokumentarisch ist er stark, auch wenn er mit der Auswahl und der nicht-chronologischen Anordnung des Materials dem beabsichtigten Plot zudient.
Die Szenen mit der Darstellerin Hüller wirken als Bindeglieder und erfüllen damit einen dramaturgischen Zweck, ebenso wie die sehr sorgfältig ausgesuchte Musik. Sie sind nötig für ein Kinoformat, aber nicht unbedingt zum Verständnis von Bachmanns Werk. Dieses bleibt Literatur, also gestaltete Wirklichkeit. Bestenfalls weckt der Einblick in das Leben dieser Autorin das Interesse daran, sich in ihre Texte zu vertiefen. Dazu der Lesetipp für Einsteiger:innen: die Erzählungen Das dreissigste Jahr von 1961.
Jemand, der einmal ich war: ab Donnerstag, 20. August, Kinok St. Gallen. Ab Freitag, 21. August, Kino Cameo, Winterthur.
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