Healing Journey von Wil nach Wiener Neustadt
Alles begann in den Kleinstädten des Alpenvorlandes und alle Wege führen zu ihnen zurück. Nachdem ich in der Ostschweiz geboren, sozialisiert und traumatisiert worden war, ging ich da auch in Therapie. Ich begann in St.Gallen, dann kamen Kreuzlingen und Frauenfeld, dann gings westwärts, zuerst nach Winterthur, dann nach Zürich.
Aber wie ich und die Therapeut:innen wissen: You can’t heal where you’ve been hurt. Also ging ich nach rund zehn Jahren Therapie raus aus den Ostschweizer Kleinstädten, weg von Bodensee und Bratwurst nach Wien zu anderen Würsten, wo die Wienerli Frankfurter heissen. Die grösste Stadt am Alpenrand sollte mich heilen und mein Therapeut gab mir neben guten Wünschen auch die Adresse seiner Ausbildnerin mit. Ein Aufstieg auf der Karriereleiter sozusagen, wenn auch als Objekt statt Subjekt, mehr Kosten statt mehr Lohn, aber: alles für die Healing Journey.
Seit einem Jahr fahre ich nun monatlich aus Wien heraus zu meiner neusten Therapeutin, einer Traumaspezialistin in Niederösterreich. Oft ist der Zug voll mit Menschen in Funktionskleidung, mit Wasserbeuteln und faltbaren Fahrrädern, und dann stelle ich mir vor, dass sie alle auch auf einer Healing Journey sind, mit riesigen Rucksäcken voller Traumata, an denen sie kleine Momente der Hoffnung mit Karabinern befestigt haben.
Da, wo ich den Regionalzug verlasse, hängt eine Plakette: Hier sei Rudolf Steiner aufgewachsen. Von der Plakette aus spaziere ich zwei Dörfer weiter zur Praxis. You can’t heal where you’ve been hurt, aber Niederösterreich ist the next best thing: Die Vorgärten und die Fenster sind in den Wintermonaten voller Wichtel mit riesigen Knubbelnasen und während des Sommers blühen Topfpflanzen auf Terrassen. Der Weg führt mich an einer Gärtnerei vorbei, an einem Tierbestatter und an Gartenzäunen, hinter denen Hunde rauf und runter springen und mich anbellen, den queeren, kranken Fremdkörper im mitteleuropäischen Kleinbürgertum. Die Traumaspezialistin ist gut und teuer, die Sitzungen dauern zwei Stunden und unter dem Vordach der Praxis hängen Gebetsfahnen über einem Katzenbett.
Nach der Therapie gehe ich den gleichen Weg zurück, den über 150 Jahre zuvor täglich der örtliche Pfarrer ging, um Rudolf Steiners Familie zu besuchen und dem Bub Lebensratschläge zu geben. Auf dem Rückweg sind die Hunde leiser als zuvor, weil sie zur Mittagszeit unter dem Familientisch liegen, vielleicht aber auch, weil ich ein Stück mehr geheilt bin als Stunden zuvor, einen Schritt näher am gesunden, able-bodied Dasein, einen Schritt näher an Stoffwichteln und Vorgärten mit Tiergräbern drauf. Einen Schritt näher an den Dörfern und Kleinstädten, in denen ich geboren, sozialisiert und traumatisiert worden bin, ein Stück näher an der Ostschweiz. Wenn ich danach wieder heim nach Wien fahre, steige ich um, in Wiener Neustadt oder St.Pölten, in Weinfelden oder Wil.
Mia Nägeli, 1991, ist in der Ostschweiz aufgewachsen und arbeitet als Autorin, Musikerin und Künstlerin mit Pop, Transfeminismus und Trauma. Sie ist Teil des Duos CAPSLOCK SUPERSTAR und des Kollektivs Dieter Meiers Rinderfarm und veröffentlicht mit weiteren Projekten Musik, Filme oder Zines und realisiert Installationen und Performances. Sie lebt in Wien und Basel.
Kolumne: 24/7 Traumacore
«I can’t think of anything worth writing / I just write to you / So that you know that I am alive / And that cinders always remain / Where there once was a fire» 1984 setzte die Sängerin Elena López aus Briefen, die sie nie abgeschickt hatte, die Lyrics des Operating-Theatre-Songs Spring…
Ich bin krank. Repeat after me: Ich bin krank. Bin ich schon lange, muss es aber trotzdem erwähnen, wieder und wieder: Ich bin krank. Sieht man mir nicht an, heisst es dann. Lucky Me, denn wenn die Leute checken, dass ich krank bin, sagen sie nur: Du bist krank. Wieder und…
Der letzte Tag im März ist der International Transgender Day of Visibility. Happy fucking visibility to me, ich brauch die Sichtbarkeit ja, für Aufträge und Preise, fürs Verkaufen von Kunst und Spielen von Konzerten, weil mein Sichtbarsein dafür sorgt, dass queere Cuties in Bibliotheken…
I wanna be beautiful. Obviously, right? Aber das zu sagen, fühlt sich falsch an. Schönheit sei vergänglich, heisst es bei Disney und den Buchreligionen, wahre Schönheit komme von innen, heisst es in Songs von Christina Aguilera bis Gölä, intelligent und lieb sein sei wichtiger, heisst es,…
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.