Metzger, Engel, Himmel und Tante Bergs Rosengebüsch
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Saiten fragt mich an, ob ich eine Würdigung schreiben würde für Anita, und das mache ich gerne, weil ich Anita als Person, als Künstlerin, als Kunstvermittlerin sehr schätze. Ein bisschen Schiss hab ich natürlich auch, denn wie soll ich Anita Zimmermann in 8000 Zeichen mit meinen Worten gerecht werden?
Ich beginne zu schreiben und merke bald: Ich brauche Bilder. So viele Projekte Anita schon gemacht hat, so unverschämt wenig spuckt mir das World Wide Web dazu aus. Das einzige, was ich machen kann, ist: Anita fragen. Ein paar Stunden später steht sie mit einem Computer unter dem Arm vor meiner Tür. «Hier, wähl doch am besten selber aus!»
Nun sitze ich also vor Anitas Rechner, das Abenteuer beginnt. Beim Aufstarten lächelt mir ein gezeichnetes, sternäugiges Gesichtchen entgegen. Ich schliesse Browser-, E-Mail- und Whatsapp-Fenster und öffne den Bilderordner. Rubrik: Zuletzt gesichert. Es geht vom Jetzt ins Zurück ohne chronologische Garantie und mit vielen Auslassungen. Die Datensicherung endet mit Aufnahmen aus dem Projekt Schildkrötenherz, das gegen Ende 2018 entstanden ist und während des «Heimspiels» 2018/19 im Kunstmuseum St.Gallen zu sehen und zu hören war.
(Bild: Archiv Anita Zimmermann)
Ein aus gut zwanzig Kunst- und Kulturschaffenden bestehender Chor taucht aus dem Becken des Volksbades auf und singt, vor Nässe triefend, ein griechisches Liebeslied. Es schwappt mir knapp zehn Jahre Archivmaterial entgegen. Das passt gut, denn Anita kenne ich auch nicht viel länger. Und auch dieser relativ kurze Zeitraum bietet mehr als genug an nicht Zusammenfassbarem.
2014 organisierte ich gemeinsam mit Daniela Stolpp eine erste Ausstellung. Vor der Vernissage hatte ich jede Nacht denselben Albtraum: Ich spazierte so laut wie falsch singend durch ein Dorf und bemerkte erst viel zu spät, dass überall die Fenster offenstanden. Alle konnten mithören. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mit dem wohligen Gefühl unterwegs gewesen, im Pyjama spazieren zu können, ohne dass mich jemand zur Kenntnis nimmt. Und nun war mein Tatendrang grösser geworden als meine Freude am Unsichtbarsein.
Feste soll man feiern, wie sie fallen. Runde erst recht. Zum 70. Geburtstag der St.Galler Künstlerin, Netzwerkerin und Vermittlerin Anita Zimmermann organisiert eine Projektgruppe (Ueli Vogt, Denise Weder, Jacques Erlanger und Liselotte Hunziker-Kraessig) unter dem Titel «A–Z» verschiedene Aktionen, mit denen sie Zimmermann ehrt.
«Ihr kreatives Universum ist vielschichtig und komplex, es fällt schwer, sich einen Überblick zu verschaffen», heisst es im Projektbeschrieb. «A–Z» soll diese Vielfalt zeigen und der Öffentlichkeit in neuer Form zugänglich machen. Es sei der Versuch, eine Synopse ihres Werks und ihrer Tätigkeiten zu erstellen um dadurch den lebendigen Prozess, der Anita Zimmermanns einzigartige Herangehensweise an Kunst, Kommunikation und Vernetzung aufzuzeigen.
«A–Z» gliedert sich in drei Teilprojekte: «A–Zsynopse» ist eine «vergleichende Auslegeordnung» in der Hauptpost St.Gallen (Wettbewerbsraum im 3. Obergeschoss), also eine Art Schau ausgewählter Werke; sie dauert von Freitag, 11. September, bis Sonntag, 27. September. «A–Zwirbel» ist eine Ausstellung von Plakaten, die insgesamt 19 Künstler:innen Zimmermann gewidmet haben. Die Plakate sind von Montag, 14. September, bis Freitag, 25. September, am Kornhausplatz und in der Gutenbergstrasse beim St.Galler Hauptbahnhof zu sehen. Im Dezember erscheint dann «A–Zine», eine auf 300 Exemplare limitierte Publikation mit Beiträgen von Ursula Badrutt, Corinne Schatz, Kristin Schmidt, Fiona Lusti, Andi Giger und Gianni Jetzer. Ausserdem dauert noch bis Montag, 14. September, das Projekt «Metzger und Engel», eine Beflaggung der Metzger- und der Engelgasse in der St.Galler Altstadt im Sinne einer Carte blanche von Anita Zimmermann.
Im Sommeratelier in der Remise Weinfelden findet derweil von Samstag, 29. August, bis Samstag, 19. September, die Ausstellung «… der Himmel gehört mir …» statt. Zimmermann ist während der Öffnungszeiten der Ausstellung anwesend. (dag)
a-bis-z.org
Kurz vor der Ausstellungseröffnung fürchtete ich mich schrecklich vor der drohenden Kritik der angeblich nicht existierenden Kunstszene. Ich war mir sicher, dass es sie gab, also die Kritik, aber sie kam einfach nicht zu mir. Das war noch viel schlimmer.
Dann kam Anita. Sie fand die Ausstellung schrecklich provinziell und überhaupt schrecklich. Genau vor dieser Faust hatte ich mich gefürchtet, hatte mich irgendwie darauf gefreut und schwankte danach mehrere Tage zwischen Erschütterung und Empörung. So begann unsere Freundschaft. Ich lernte Anita von Anfang an als scharfsinnige und direkte Kritikerin kennen und schätzen. So viel zum Metzger.
Zurück ins Bildarchiv: Schöne Stadttaubenporträts. Der Schädel eines «rezenten afrikanischen Löwen», Löwen bei der Jagd, Löwen im Rudel. Es geht opulent weiter: Anita gleitet in ihrem zartrosa Pistenbully-Kleid durch die Gassen Venedigs. Etwas weniger elegant gekleidet, dennoch gut gelaunt: Christian Meier, Sonja Rüegg und Thomas Stüssi. Caravaggio, Anish Kapoor. Ausgetauschtes, selbst Gesehenes. Gezeichnete, zeichnende Hände. Daneben Smilies, Wäscheklammern. Eine gezeichnete Hand, die eine Wäscheleine zeichnet. Eine Hand, die ihren Zeigefinger in eine Tasse Kaffee tunkt.
Anita ist Zeichnerin und ihr Zeichnen erlebe ich als Zauberei. Es ist die Magie des Geschichtenerzählens, die Magie der Wiederholung. Da tauchen sie immer wieder auf: die kleinen, mir so vertrauten Gesichter, die kleinen Gespenster. Manchmal lächeln sie. Da sind Affen, tanzende Kinder, immer wieder Hände.
Anita bezeichnet das Zeichnen selbst als «schöne Selbstgespräche» mit Feder und Tusche. «Zeichnen passiert im Kopf.» Es geht nicht um den fertigen Bogen, sondern darum, Welten zu erfassen, abzutasten, neue Welten aufzutun.
Ich scrolle an Sätzen wie «Wir kommen alle in den Himmel», aber auch «Der Himmel gehört mir» vorbei. Rotlichtbilder aus dem «Grauen Himmel» und halsbrecherische Abfahrten am kleinsten Skigebiet der Welt. Der Skilift, Christian ziemlich glücklich, Thomas wahrscheinlich auch, aber das sieht man nicht so gut, weil er gerade schwungvoll ein Loch in den Hang haut. Sonja ist gerade am Telefon mit irgendeiner Holzlatte unter dem Arm. Porträts der Freiwilligen vom Gartenbauamt, aus der Nachbarschaft, tätige Menschen.
Insgesamt 19 Künstler:innen ehren Anita Zimmermann zu ihrem 70. Geburtstag mit einer Plakataktion, die in der St.Galler Innenstadt zu sehen sein wird. Wir haben die Kunstschaffenden um ein kurzes Statement zur Jubilarin gebeten. Hier eine (fast komplette) Auswahl.
«Anita schafft mit ihrer Arbeit Orte, an denen Kunst, Austausch und Gemeinschaft selbstverständlich zusammenfinden. Projekte wie der ‹Geile Block› oder der ‹Hiltibold› zeigen, wie wichtig unabhängige Kulturprojekte neben Institutionen sind. Sie machen St.Gallen lebendiger und inspirieren mich in meiner eigenen Arbeit in Kollektiven, selbst zugängliche Räume für Kunst und Begegnung zu schaffen.»
«Anita ist mir eine fantasievolle, sensible, aufmerksame Künstlerfreundin. In St.Gallen ist ihr Alter Ego Leila Bock eine Ausnahmeerscheinung. Sie ist laut, hat Visionen und setzt diese mit unermüdlichem Elan und Begeisterung um. Ihre Kunstprojekte haben ein grosses Echo im Publikum aus sämtlichen Bevölkerungsschichten. Anita und Leila haben Mut.»
«Die ‹Geilen Blöcke› waren für mich immer sehr wichtige Ausstellungsmöglichkeiten. Ich war bei allen dabei und konnte raumgreifende Installationen realisieren. Das machte echt Spass. Anita beriet mich auch bei der Umsetzung, auch das schätzte ich. Diese ‹Geilen Blöcke› sind für die lokale Kunstszene extrem wichtig.»
«Für Anita Zimmermann und ihr Publikum gilt: Wer nicht hört, muss sehen. Und wer sieht, erkennt ihr Tun.»
«Sie ist eine Macherin, pure Energie, sie wirbelt auf und reisst ein. Ihr Mut, ihre Konsequenz und ihre Haltung inspirieren mich. Ihre Sichtweise auf die Kunst bereichert mich. Mit ihrem Engagement macht sie die Ostschweizer Kunstszene sichtbar und hält sie lebendig – seit Jahrzehnten, und zwar richtig geil. Danke Anita! Danke Leila Bock!»
«Anita bewundere ich für ihre unglaubliche Energie und ihren bedingungslosen Einsatz für die Kunst. Es ist beeindruckend, wie sie die regionale Kunstszene fördert und immer wieder neu Ausstellungsmöglichkeiten schafft. Anita ist eine extreme Macherin, Umsetzerin und Vernetzerin … und immer fliesst Herzblut. Mit Anita werden Ideen grösser, wilder und verrückter – und wenn der Flow stimmt, ist die Zusammenarbeit einfach super, super, SUPER.»
«Anita Zimmermann in ihrem Blaumann und ihr Dalmatiner gehören für mich schon fast zum Stadtbild. Ihre Präsenz gibt mir ein gutes Gefühl, denn ich weiss: Da ist jemand, der aktivistisch in der Kunstszene der Stadt mitmischt. Sie eckt an, drückt den Finger in die Wunde, zeigt auf, was fehlt, und erzeugt bewusst Reibung. Ihre Beharrlichkeit beeindruckt mich.
Die Arbeit von Anita Zimmermann und ihrer Kunstfigur Leila Bock finde ich wichtig, weil sie ausserhalb bestehender Strukturen Räume schafft, in denen sich Kunstschaffende austauschen, vernetzen, kreieren und ausstellen können. Und das auf eine sehr direkte und nahbare Art, ohne dabei an Qualität oder Haltung zu verlieren.»
«Ich bin ja der festen Überzeugung, dass es mehrere von ihr geben muss. Wie wäre es sonst möglich, dass sie mitten in der Hochphase eines komplexen Projekts, wo sie sich auch verausgabt, nebenbei noch drei andere stemmt und trotzdem nie an Verspieltheit einbüsst. Interessanterweise sind auch alle von ihnen die liebenswürdigsten, sperrigen Rotzlöffel, die ich kenne!»
«Ich erinnere mich, wie ich Anita 1991 im Kunstkiosk bei der Talstation der Mühleggbahn begegnet bin, den sie zusammen mit anderen Künstler:innen eröffnet hatte. Da war ich 9 Jahre alt. Anita hat mich schon damals fasziniert. Ich finde es total beeindruckend, mit welcher Energie sie immer wieder neue Projekte auf die Beine stellt und so neue Möglichkeiten für die Künstler:innen-Community schafft. Bravo!»
«Beharrlich, leidenschaftlich – für schräge Ideen, gegen bescheidene Projekte, für ein Leben in der Stadt St.Gallen, gegen Vereinnahmung, für die Kulturszene, gegen den Jugendwahn, für neu eroberte Räume, gegen Hindernisse, für unkomplizierte Umnutzungen, für Künstlerinnen und Künstler, für ihre Dalmatinerin ... das ist für mich Anita Zimmermann.»
«Kompromisslos schafft sie einzigartige Gruppenausstellungen ohne Themendiktat. Damit plädiert sie für absolute Freiheit und Selbstbestimmung der Künstler:innen. Genau diese Haltung macht Anitas Wirken für mich so besonders.»
«Anita Zimmermann hat es geschafft, die Stadt mit Kulturorten zu überziehen: ‹Geiler Block›, ‹die Klause›, ‹Hiltibold›, ‹Grauer Himmel›. Jeder Ort offen für Künstler:innen und Publikum und eine Freude für Anita.»
«Anita Zimmermann gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Sie hat eine völlig neue und eigenständige Konzeptkunst entwickelt, die von ihr 100 Prozent selfmade geplant und umgesetzt wird. Soziale Plastik, in der gesellschaftlich relevante Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel (kleinstes Skigebiet der Welt), feministische Anliegen (Leila Bock) oder der Fokus auf das Regionale hoch professionell einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.
Als klassisch ausgebildete Künstlerin beherrscht sie Skulptur, Zeichnung, Malerei und Film souverän und kombiniert diese leichtfüssig oder setzt sie als Environment für gigantische Projekte ein. Alles von ihr selbst in überwältigender Schaffenskraft handmade.»
«An Anita Zimmermann:Im Leben Kunst machenLust Energie HandlungskraftErfindungsgabeIch bewundere und fürchte sie»
«Es gibt keine andere Person, die mit solchem Elan das regionale Kunstschaffen sichtbar macht. Wer Anita Zimmermanns Projekte verfolgt und die ‹Geilen Blöcke› besucht, weiss, wie vielfältig, hochstehend und spannend die Ostschweizer Kunstszene ist. Im klassischen Kunstbetrieb gibt es dafür leider immer weniger Raum, weswegen die Arbeit von Anita Zimmermann immer wichtiger wird.»
«Sie will Show, sie macht Show! Scheu vor Aufwand kennt sie nicht und schafft dadurch immer ganze Universen vor allem für die Show anderer Künstler:innen. Manch spannende, oft eigens für die speziellen Orte konzipierten Arbeiten und Happenings würde es ohne Anitas alias Leila Bocks Tatendrang und Kraftakt nicht geben. Danke Anita – und let the show go on!»
«‹Geiiil, aber di letschtä siebenedachtzg Zeiche ghöret mir.› Das war ihre Antwort, als ich wieder mal mit Anita am Mittagstisch sass – einer unserer wichtigsten Begegnungsplattformen, die es in letzter Zeit leider nicht mehr so oft gab, wie ich mir das wünschen würde. Wie sehr wünsche ich dir eine:n Mittagstischgesprächsmitbewohner:in, wie Anita es für mich ist. Begegnungen, bei denen es, retrospektiv betrachtet, weniger um die Nahrung im Bauch geht als um die geistige Bereicherung – vielleicht ganz im Sinne des «pane degli angeli», des Engelsbrots aus Dantes Werk Convivio (deutsch: Das Gastmahl): der weitaus wichtigeren Nahrung. Der himmlischen.
Anita sagt oft, ich sei der beste Koch. ‹Das ist Geschmackssache›, antworte ich jeweils. Die Farbe des Himmels hingegen lässt sich ganz objektiv beurteilen. Und dieser ist über dem Städtlein St.Gallen ganz besonders blau, seit ihn Anita in Besitz genommen hatte. Und vielleicht ist es mit diesem Text ja wie mit dem Himmel: Er wird erst dann richtig schön, wenn ich am Ende die letzten siebenundachtzig Zeichen Anita überlasse: ‹Und ich schicke genau diese siebenundachtzig Zeichen jetzt weiter direkt in den Himmel.›»
«Als Anita 2015 den ersten ‹Geilen Block› in Rotmonten organisierte, lernte ich sie grade richtig kennen. Und ich wusste, dass sie etwas schlecht hört, aber sie gab einem das gute Gefühl verstanden zu werden, sodass diese Einschränkung nicht weiter ins Gewicht fiel. Erst an der Eröffnung wurde mir klar, dass sie praktisch gar nichts hört und sie diese grossartige Ausstellung, zu der gerade dutzende Leute heranströmten, ohne Gehör auf die Beine gestellt hatte. Diese Kraft, trotz allen Schwierigkeiten gross zu denken und es dann auch noch durchzuziehen, beeindruckt mich immer wieder.»
Das schafft Anita: Leute einbinden, die sonst mit Kunst nicht so viel am Hut haben. Durch eine gemeinsame Beschäftigung, einen gemeinsamen Ort, auch eine gemeinsame Sprache finden. «Allein denken ist kriminell.» Dieser Satz des Künstlerduos Chiarenza & Hauser, auch titelgebend für Claudia Willkes Dokumentarfilm über Les Reines Prochaines, hing schön gerahmt an einer weissen Wand an der Schneebergstrasse und scheint programmatisch für alles, was Anita macht.
Die Ostschweiz beben und leben lassen
Im Fotoarchiv: Immer wieder «Hiltibold», Butterblume, noch mehr Hunde, Hundefutter, Spaghettiessen im «Himmel Helvetia» (irgendetwas ist immer am Kochen), noch mehr Freund:innen, Ueli Vogt seriös (?), Marianne Rinderknecht auf einer Parkbank mit einer lebensgrossen Jesusfigur, «die Klause». KI-generierte Kitschbilder mit Vögeln, Hasen und anderem Getier. Dumplings mit Hasenköpfchen. Anita als rauchende Ärztin. Renderings von zylindrischen Formen, die immer wieder auftauchen: als gegossene Brunnenskulptur vor dem Bundesgericht, als aufeinandergetürmte Lampenschirme, ein Kind, dass sich spielerisch tanzend um seine eigene Achse dreht. Anita als leicht überschminkte Grande Dame, die auf einem Bürostuhl sitzt und zentraler Teil des Amtskarussells ist.
Anita Zimmermann bei der Installation des «Hiltibold» an der Goliathgasse. (Bild: Archiv Anita Zimmermann)
Manchen ist Anita Zimmermann ein bisschen too much. Aber es braucht auch einiges, um die Ostschweiz aus ihrem hochgelebten Pragmatismus herauszuschütteln. Und Anita tut viel dafür, dass die Ostschweiz ein bisschen bebt und lebt. Beleben, das bedeutet nicht einfach Spass haben im Rudel, sondern das gemeinsame Erbauen, das Eröffnen, das gegenseitige Ermöglichen. Das selber Teil werden von etwas, das vielleicht schon da ist, das vielleicht nur sichtbar gemacht werden muss, das raus muss.
Für mehr Sichtbarkeit der Kunst, für mehr Ausstellungsflächen für Kunstschaffende, die in der Gegend arbeiten – dafür setzt sich Anita mit viel Kraft ein. Das tut sie mit Worten und besonders mit Ausstellungen, mit Projekten. Es fehlt an Möglichkeiten, und zwar überall.
Aus diesem Missstand ist ihr Alter Ego Leila Bock entstanden, die seit 2015 zahlreiche Projekte ins Leben gerufen hat. Vom ersten «Geilen Block» in Rotmonten bis zu «Der Himmel gehört mir», «Engel und Metzger». Woher kommt die Energie, die all dies möglich macht? Anita erklärt es so: «Leila Bock ist meine Auftraggeberin und ich muss einfach alles machen, was sie sagt.» In dieser Zweisamkeit liegt die Kraft, all diese unglaublichen Projekte zu bewältigen.
Es ist kaum zu glauben, wie die beiden (Anita und Leila) die vielen grossen und kleinen Schritte schaffen, die zwischen einer überirdischen Idee und einer vollbrachten Tatsache stecken. Plötzlich stehen irgendwo neue Türen offen in Rotmonten, an der Goliathgasse, der Engel- und Metzgergasse, in Trogen, in Arbon. Sie trägt viel, diese Leila. Aber sie kommt nie allein. Anita trägt und andere tragen mit. So viel zum Engel.
Vor etwa einem Jahr entdeckte ich mit meinem Sohn Astrid Lindgrens Lotta. Ich konnte nicht anders, als mir diese Lotta als Anita vorzustellen, nur etwas kleiner. Alles andere stimmt: Der überlebenssichere Blick nach vorne, denn der nächste Sprung ins kalte Ungewisse steht kurz bevor. Lotta kann nämlich alles. Sie kann sogar das viel zu grosse Velo von Tante Berg mopsen, damit die Krachmacherstrasse hinunterbrausen und natürlich kopfüber in Tante Bergs Rosengebüsch landen. Dann schreien und sich auch ein bisschen schämen. Nicht fürs Scheitern, aber fürs Velomopsen. Am Schluss kann sie natürlich Velofahren, diese Anita – für immer. So viel zum Himmel.
Angela Kuratli, 1984, ist Grafikerin und Kunsthistorikerin. Sie lebt und arbeitet in Wald AR und Fribourg. Von 2016 bis 2021 war sie Co-Präsidentin der Visarte Ost, von 2021 bis 2025 leitete sie die Geschäftsstelle. Ausserdem realisierte sie diverse Ausstellungsprojekte in der Propstei St.Peterzell und für den Projektraum Nextex (heute Auto). Seit 2021 ist sie Stiftungsrätin der Ausserrhodischen Kulturstiftung und der Schlesinger Stiftung.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
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«Open House St.Gallen»
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Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
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Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.