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Ein temporäres Kunsthaus am Roten Platz

Das «Kunsthaus am Roten Platz» verwandelt ein leerstehendes Gebäude an der Fronstrasse 15 in St. Gallen bis zum Jahresende in ein buntes Haus. (Bilder: Lilli Kim Schreiber)

Das «Kunsthaus am Roten Platz» verwandelt ein leerstehendes Gebäude an der Fronstrasse 15 in St. Gallen bis zum Jahresende in ein buntes Haus. (Bilder: Lilli Kim Schreiber)

Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden. 

Im leer­ste­hen­den Ge­bäu­de an der Fron­gar­ten­stras­se 15 in St.Gal­len herrscht wie­der Voll­be­trieb. Fran­ces­co Bo­n­an­no steht in der ehe­ma­li­gen Zahn­arzt­pra­xis zwi­schen Kunst­wer­ken und Werk­zeug. Es lau­fen die letz­ten Vor­be­rei­tun­gen für ei­ne Aus­stel­lung, die längst grös­ser ge­wor­den ist als ur­sprüng­lich ge­plant. Sein Te­le­fon klin­gelt im­mer wie­der, doch Bo­n­an­no bleibt ent­spannt. Wäh­rend der letz­ten fünf Mo­na­te hat er na­he­zu Tag und Nacht für sein «Kunst­haus» am Ro­ten Platz ge­ar­bei­tet. Am Sams­tag­abend wird das es end­lich er­öff­net.

Ei­gent­lich soll­te es ein Pro­jekt im über­schau­ba­ren Rah­men wer­den. Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner gleich ums Eck ge­le­ge­nen Ga­le­rie Macel­le­ria d’ar­te woll­te Bo­n­an­no, der En­de Au­gust 70 Jah­re alt ge­wor­den ist, 36 Künst­ler:in­nen zu­sam­men­brin­gen. Doch die Idee ver­brei­te­te sich rasch in sei­nem na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Netz­werk. Aus 36 wur­den schliess­lich 85 Kunst­schaf­fen­de. Sie zei­gen mehr als 450 Wer­ke auf vier Eta­gen. 

Was sie ver­bin­det? Bo­n­an­no ant­wor­tet knapp: «Dass sie al­le Kunst ma­chen und ei­ne Ver­bin­dung zu mir und zur Macel­le­ria d`ar­te auf­wei­sen.» Dann prä­zi­siert er: «Je­der schafft und prä­sen­tiert sein ei­ge­nes Uni­ver­sum in die­sem Kunst­haus.» Die Schau ver­steht sich da­mit we­ni­ger als mu­sea­le Aus­stel­lung denn als par­ti­zi­pa­ti­ve Ga­le­rie, in der auch na­he­zu al­le aus­ge­stell­ten Wer­ke ge­kauft wer­den kön­nen. 

M.S. Bastian und Isabelle L.  arbeiten mit grossflächigen Leinwänden und kreieren fantasievolle Illustrationen alltäglichen Lebens.

M.S. Bastian und Isabelle L.  arbeiten mit grossflächigen Leinwänden und kreieren fantasievolle Illustrationen alltäglichen Lebens.

Das «Bun­te Haus», wie es Bo­n­an­no nennt, bleibt bis En­de Jahr. Das Rah­men­pro­gramm um­fasst un­ter an­de­rem ein Ar­chi­tek­tur­ge­spräch mit Car­los Mar­ti­nez, der die «Stadt­lounge», bes­ser be­kannt als Ro­ter Platz, ge­mein­sam mit der Künst­le­rin Pi­pi­lot­ti Rist ent­wor­fen hat, ei­ne Per­for­mance mit Alex­and­re Peli­chet oder ei­nen Kin­der­nach­mit­tag. Was ge­nau an den ein­zel­nen Ta­gen pas­siert, liegt da­bei weit­ge­hend in den Hän­den der Kunst­schaf­fen­den. «Je­de und je­der von ih­nen soll ei­nen Tag ge­stal­ten», er­klärt Bo­n­an­no.

Der Ver­net­zer

Er ha­be lan­ge ge­nug Rot ge­se­hen, sagt Bo­n­an­no mit Blick auf den Ro­ten Platz. Seit 16 Jah­ren ist sei­ne «Kunst­metz­ge­rei», die er einst in ei­ner ehe­ma­li­gen Metz­ge­rei an der Metz­ge­ras­se er­öff­net hat­te, in­wi­schen hier. Nun wol­le er für et­was Ab­wechs­lung sor­gen. Sei­ne tem­po­rä­re In­ter­ven­ti­on in das Ge­bäu­de sei da­bei kei­nes­wegs als Pro­test ge­meint, ganz im Ge­gen­teil. «Kunst ist ge­ra­de nicht so be­liebt, weil es an­de­re Pro­ble­me in der Grau­heit der Welt gibt. Da­her woll­te ich et­was Bun­tes ma­chen», sagt er. Und fügt hin­zu: «Kunst soll wie­der den Zweck er­fül­len, zu er­freu­en.» Wenn das ge­lingt und die Kunst Men­schen mit­ein­an­der ins Ge­spräch bringt, ist Bo­n­an­no als Künst­ler, Ga­le­rist und Ku­ra­tor in ei­nem zu­frie­den.

Seit ei­ni­ger Zeit be­schäf­tigt er sich ver­tieft mit dem Kon­zept der Ver­net­zung von Men­schen, Sys­te­men oder Mo­ti­ven. Für sei­ne ei­ge­ne Teil­ga­le­rie im «Kunst­haus» hat der Künst­ler in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren 26 klein- und gross­for­ma­ti­ge Bil­der ge­malt. In Re­gal­schrän­ken bil­den sie sei­ne per­sön­li­che Ide­al­bi­blio­thek. Die Wer­ke kön­nen von den Be­su­cher:in­nen her­aus­ge­nom­men und zu ei­ge­nen Kom­po­si­tio­nen an die Wand ge­hängt wer­den. So lässt sich die Aus­stel­lung im­mer wie­der neu zu­sam­men­stel­len.

Francesco Bonanno mit seinen Arbeiten zur Vernetzung. (Bild: pd) 

Francesco Bonanno mit seinen Arbeiten zur Vernetzung. (Bild: pd) 

Bo­n­an­nos ku­ra­to­ri­sche Hand­schrift be­ginnt be­reits an den Wän­den. Mit Un­ter­stüt­zung hat er 18 da­von in­ner­halb von zehn Ta­gen in zwölf ver­schie­de­nen Far­ben ge­stri­chen. Sie die­nen als Ord­nungs­sys­tem für das Haus: Die Künst­ler:in­nen ha­ben sich bei der Ge­stal­tung ih­rer Räu­me dar­an ori­en­tiert und die Far­ben da­mit selbst zu ei­nem Teil ih­rer ku­ra­to­ri­schen Ent­schei­dun­gen ge­macht.

Kunst in je­der Ecke

Im Trep­pen­haus hän­gen lan­ge Stoff­bah­nen der Tex­til­dru­cke­rei Ar­bon und ver­lei­hen dem in die Jah­re ge­kom­me­nen Bau neue Far­be. Spä­ter sol­len sie dem Lan­des­mu­se­um Zü­rich über­ge­ben wer­den. Den Wän­den ent­lang schlän­gelt sich ein Dra­che nach oben, an den Fens­tern sit­zen Ge­spens­ter, ei­ne An­spie­lung auf den ein­jäh­ri­gen Leer­stand des Hau­ses.

Im ers­ten Ober­ge­schoss ste­hen Ma­schi­nen von De­si­gner Jo­na­than Ow­ad­ja, dar­un­ter ei­ne Mu­sik­ma­schi­ne, die von den Be­su­cher:in­nen be­dient wer­den kann und im Rah­men ei­ner Per­for­mance ei­ne ge­mein­schaft­li­che Kom­po­si­ti­on er­mög­li­chen soll. Dar­über hän­gen Skulp­tu­ren der Pa­ri­ser Künst­le­rin Cor­reia Na­tha­lie. Sie sind aus der Blech­dach­ver­klei­dung des Lou­vre ge­fer­tigt, die nach de­ren Aus­tausch sonst auf dem Sperr­müll ge­lan­det wä­re.

Ein Drache, der an «Elliot, das Schmunzelmonster» erinnert, führt den Wänden entlang in den oberen Stock. 

Ein Drache, der an «Elliot, das Schmunzelmonster» erinnert, führt den Wänden entlang in den oberen Stock. 

Skulpturen von Nathalie Correia aus Blech, das einst den Louvre verkleidete.

Skulpturen von Nathalie Correia aus Blech, das einst den Louvre verkleidete.

Wei­ter geht es vor­bei am Sei­fen­mu­se­um in der Toi­let­te auf der ers­ten Eta­ge und hin­un­ter in den Kel­ler, wo ei­ne Bio-Wein­bar zum «Re­lax­room» ge­hört. Da­zwi­schen be­geg­net man Skulp­tu­ren, Re­li­efs, Fo­to­gra­fien, Druck­gra­fi­ken und Ma­le­rei­en von Kunst­schaf­fen­den aus den USA, Russ­land, Ita­li­en, Deutsch­land und der Schweiz. Ei­nen Raum hat Bo­n­an­no den be­reits ver­stor­be­nen St. Gal­ler Künst­lern ge­wid­met. Dar­un­ter fin­den sich Wer­ke von Die­ter Kem­mann, Da­vid Bür­kler und Ste­fan Schwald.

Benjamin Netanjahu und Donald Trump zieren die Tür des Lifts im zweiten Obergeschoss des Kunsthauses. (Bild: pd)

Benjamin Netanjahu und Donald Trump zieren die Tür des Lifts im zweiten Obergeschoss des Kunsthauses. (Bild: pd)

Po­li­tisch wird es nur, wenn man den Auf­zug nimmt: Auf den Tü­ren prangt ein von der Künst­le­rin Lau­ra Tuong ge­mal­tes Por­trät von Do­nald Trump und Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu, bei­de oh­ne Ho­sen. Der Welt­la­ge kön­ne man sich auch in ei­nem sol­chen Kunst­haus nicht ver­schlies­sen, sagt Bo­n­an­no. Und so sehr Kunst Ab­len­kung schaf­fen mag, ist sie für ihn zu­gleich Aus­druck glo­bal ver­netz­ter Dis­kur­se.


Kunst­haus am Ro­ten Platz, Fron­gar­ten­stras­se 15, St.Gal­len: Ver­nis­sa­ge am Sams­tag, 5. Sep­tem­ber, 18 Uhr; ge­öff­net bis En­de Jahr je­weils don­ners­tags bis sams­tags von 17 bis 20 Uhr und sonn­tags von 14 bis 17 Uhr so­wie an der Mu­se­ums­nacht vom Sams­tag, 12. Sep­tem­ber, ab 18 Uhr. 

www.ogd.ch/kuh­er­code

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
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Das Schö­ne an der Pro­vinz

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Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

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