Neustart für Meter und Offcut
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Der Meter ist in diese Shedhalle von Bischof Textil an der Burgstrasse gezügelt. (Bilder: dag)
Noch ist nicht alles an seinem Platz. Grosse Kabelspulen liegen auf dem Boden, Leitungen hängen von der Decke, rund um das Empfangspult stapeln sich Kisten. Doch schon lässt sich erahnen, was hier bald wieder möglich sein wird: Näh- und andere Maschinen stehen bereit, Werkzeug liegt parat, Schrauben sind säuberlich sortiert, daneben stehen Ton- und Keramikgefässe. In einem Raum riecht es nach Holz, in einem anderen nach frisch gestrichener Farbe.
Hier, in einer ehemaligen Lagerhalle von Bischoff Textil an der Burgstrasse 20, zwischen der Sporthalle Kreuzbleiche und der Leonhardskirche, richtet sich der neue Meter ein. Beim Rundgang mit Marco Müller und Sarah Burtscher Mitte August ist die Werkstatt noch nicht ganz bereit für die Neueröffnung. Diese steht nun aber bevor: Diesen Samstag steigt das Wiedereröffnungsfest. Ab Mittwoch, 2. September, ist der Meter wieder regulär geöffnet.
Der Meter ist eine offene und betreute Werkstatt für Holz, Metall, Textil und Keramik. Hier kann man jeweils von Mittwoch bis Sonntag Maschinen und Werkzeug gegen ein Entgelt benützen, das Material muss man – ausser in der Keramikwerkstatt – selber mitbringen. Nach eigener Beschreibung versteht sich der Meter als «soziokulturelles Angebot, welches das generationen- und kulturübergreifende Lehren und Lernen unterstützt». Der Zusammenschluss diverser Aktivitätsbereiche ermögliche es, neue Dinge auszuprobieren, Know-how auszutauschen und transdisziplinäre Projekte zu schaffen.
Das Angebot stösst auf Anklang: Die Zahl der zahlenden Nutzer:innen hat sich von 1000 im Jahr 2022 auf inzwischen rund 2000 verdoppelt. Darin nicht eingerechnet sind die aktiven Mitglieder, die für einen Jahresbeitrag von 300 Franken die Werkstätten unbegrenzt nutzen können.
Die Idee einer offenen Werkstatt hatten Marco Müller, Lea Giezendanner und Adrian Kolb während der Covid-Pandemie. Müller studierte damals Soziale Arbeit und ging in seiner Bachelorarbeit der Frage nach, für wen so ein Angebot nützlich sein könnte. Das Resultat: die gesamte Bevölkerung. Bei der Suche nach einem geeigneten Raum kam das Meter-Team mit den Macherinnen des Materialmarkts Offcut in Kontakt. Gemeinsam besichtigten sie die Räume an der Ulmenstrasse 5 und schlossen sich mit dem Atelier Vielraum zur Gemeinschaft «Ulmen5» zusammen. Wenig später kamen das Repair Café und die Glacé-Manufaktur Angelati von Angela Genziani hinzu. Fortan stand «Ulmen5» nicht nur für die Adresse, sondern auch für die Gemeinschaft der fünf angeschlossenen Betriebe.
Von Anfang an war jedoch klar, dass die Zwischennutzung maximal bis Mitte 2027 dauern würde – die Liegenschaft im Herzen des Lachen-Quartiers wird einem Neubau weichen. So begann gewissermassen gleich nach der Eröffnung von «Ulmen5» die Suche nach einem neuen Raum. Am Anfang hätten sie das Ziel verfolgt, für alle fünf Betriebe gemeinsam einen neuen Standort zu finden, sagt Müller. Doch schon ziemlich bald habe sich herausgestellt, dass das nicht möglich sein würde. «Es sind zu viele verschiedene Ansprüche. Weil wir einige sehr schwere Maschinen haben, brauchen wir einen Raum mit einer entsprechenden Bodenlast.»
Hinzu komme, dass es praktisch unmöglich sei, in St.Gallen grosse Räume oder Liegenschaften zu finden, die einigermassen zentral gelegen und dazu bezahlbar seien. Heute belegt «Ulmen5» rund 600 Quadratmeter, für alle fünf Betriebe zusammen müssten an einem neuen Ort 1500 bis 2000 Quadratmeter zur Verfügung stehen, sagt Müller.
Der Umzug eröffnet neue Möglichkeiten. Am alten Standort stiess der Meter an seine Grenzen, sowohl was den Platz als auch die Infrastruktur betrifft. «In der Keramikwerkstatt standen sich die Leute regelmässig auf den Füssen rum. Und immer wieder mussten wir Kund:innen sogar abweisen, weil oft alle Arbeitsplätze einer bestimmten Werkstatt besetzt waren», sagt Burtscher. Auch die Einführungskurse, die für die Maschinen in der Holz- und der Metallwerkstatt Pflicht sind, konnten mangels Platzes nicht mehr richtig durchgeführt werden.
Diese Probleme gehören nun der Vergangenheit an. Die Meterfläche hat sich von etwa 250 auf rund 550 Quadratmeter mehr als verdoppelt. Während es an der Ulmenstrasse 17 Arbeitsplätze gab, sind es jetzt etwa doppelt so viele – neu auch einer, um Velos zu reparieren. Und die einzelnen Bereiche sind nun voneinander abgetrennt, damit man sich nicht mehr in die Quere kommt.
Dafür musste die grosse Lagerhalle zunächst in kleinere Einheiten unterteilt werden. Das Team zog zwischen den Y-förmigen Stützen Trennwände ein – mit Fenstern zwischen den einzelnen Bereichen, obwohl es nur wenig Tageslicht hat. Dadurch wirken die Räume einladend. Im Sinne der Wiederverwertung (und aus Kostengründen) verwendete das Meter-Team dafür diverse Materialien, die woanders nicht mehr gebraucht wurden oder von Abbruchhäusern stammen: Holzplatten, Brandschutztüren, Werkbänke, Möbel. Vieles konnten sie dank ihres Netzwerks oder über Zirkulie, das Zentrum für Zirkuläres Bauen in Triesen (Liechtenstein), beziehen. Auch Maschinen, die ersetzt werden mussten, wurden wenn immer möglich aus zweiter Hand beschafft. Einzig den grossen Keramik-Brennofen, der das Ende seiner Lebensdauer erreicht hatte, musste der Verein neu kaufen.
Trotzdem war der zweimonatige Umbau für den Verein ein finanzieller Lupf, denn auch grössere bauliche Eingriffe waren nötig: Weil gewisse Maschinen viel Energie brauchen, mussten Starkstromleitungen installiert werden. Ausserdem wurden neue Wasserleitungen verlegt.
Der Mietvertrag am neuen Ort läuft vorerst drei Jahre. Denn gleich neben der Lagerhalle, in der sich der Meter nun befindet, ist ein 74-Meter-Hochhaus geplant. Die beiden Shedhallen von Bischoff Textil bleiben zwar erhalten, auf die Mieterschaft könnte sich das trotzdem auswirken. Doch unabhängig davon, ob das Hochhaus realisiert werden kann oder nicht, hat der Meter die Zusicherung, auf dem Areal bleiben zu können – notfalls an einem anderen Ort.
Offcut steht der Umzug erst noch bevor. Der Markt für Restmaterialien hat an der Heiligkreuzstrasse 2, unweit des Bahnhofs St.Fiden, eine neue Bleibe gefunden. Ende Oktober schliesst der heutige Standort, in der ersten Novemberwoche wird dann gezügelt und der neue Laden fertig eingerichtet, ehe am 7. November die Wiedereröffnung am neuen Ort erfolgt.
Bei Offcut findet sich alles, was das Herz von Bastler:innen und Handwerker:innen höher schlagen lässt. Das Herzstück des Angebots sind Stoffe, von riesigen Stoffbahnen über Vorhänge, Schürzen oder Leintücher bis zu kleinen Stoffresten. Doch es gibt praktisch nichts, was man bei Offcut nicht findet, um die Kreativität auszuleben: Papier in allen Grössen und Farben, Karton, Holz, Tannzapfen, Farben, leere Gonfigläser, Knöpfe und Schnallen, Schrauben, Metallwaren, Kabel, Schaufensterpuppen … Die Materialien bekommt Offcut von Firmen oder Privatpersonen, die einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten wollen. Denn hier bekommt vieles, das sonst in der Entsorgung landen würde, ein zweites Leben.
Offcut ist ein Netzwerk mit Läden in Zürich, Bern, Basel, Frauenfeld und eben St.Gallen. Doch jeder Standort ist unabhängig. Zudem arbeitet Offcut mit diversen regionalen Akteuren wie beispielsweise dem Makerspace Werkpark in Gais zusammen.
«Wir sind ein Laden – und viel mehr», sagt Denise Hofer. Sie leitet zusammen mit Rahel Flückiger den Materialmarkt. Offcut ist ein niederschwelliger Treffpunkt für das Quartier und darüber hinaus, für Jung und Alt, «ein Ort, an dem man einfach sein kann», wie Flückiger sagt. «Ohne diese Motivation würden wir den ganzen Aufwand gar nicht machen.» Ausserdem bietet Offcut Vermittlungsangebote an, etwa für Schulklassen, die in der Werkstatt mit den verschiedenen Materialien kreativ arbeiten können. Auch Teambuildinganlässe oder Versammlungen von Vereinen und Firmen sind möglich.
Rahel Flückiger (links) und Denise Hofer, die Co-Leiterinnen von Offcut.
In der Lachen hätten sie die Chance bekommen, mit einem geringen finanziellen Risiko zu starten, sagt Hofer. Und hier seien sie «ins Quartier hineingewachsen». Doch wie der Meter stösst auch Offcut hier inzwischen an seine Grenzen. Der Laden ist voll, die Werkstatt klein – und die Zeit wäre in einem Jahr ohnehin abgelaufen. «Wir brauchten einen grösseren Ort, um der Entwicklung der vergangenen Jahre auch weiterhin gerecht werden zu können», sagt Flückiger.
In St.Fiden hat der Materialmarkt rund 100 Quadratmeter mehr Fläche zur Verfügung, alles ist auf einer Ebene. Und der Mietvertrag ist unbefristet. Dass Offcut mit dem Wegzug aus dem Lachen-Quartier nach St. Fiden etwas vom Radar verschwinden könnte, befürchten Denise Hofer und Rahel Flückiger nicht, obwohl viele den Stadtteil trotz der guten ÖV-Anbindung als peripher empfinden. «Wir sind jetzt schon daran, uns im Quartier zu vernetzen», sagt Hofer. Und Flückiger ergänzt: «Alles, was wir uns hier aufgebaut haben, kann auch am neuen Ort bestehen bleiben. Man muss einfach zu uns kommen.» Auch die Liegenschaftsbesitzer:innen zeigten sich offen dafür, soziokulturelle Projekte zu unterstützen und den Ort zu beleben.
Mit dem Umzug kommen aber auch hohe Kosten auf Offcut zu, trotz vieler ehrenamtlicher Stunden, die Personen aus dem Umfeld leisten. Die Miete ist doppelt so hoch, und für den neuen Laden braucht es noch diverse bauliche Anpassungen, vom Zugang mit Rampen und Treppen bis zur Innenausstattung. Deshalb hat Offcut Mitte August ein Crowdfunding gestartet. Vom Mindestziel von 25’000 Franken ist bisher knapp die Hälfte zusammengekommen; insgesamt wünscht sich Offcut 40’000 Franken.
Vier Jahre nach der Eröffnung markiert der Auszug von Meter und Offcut nun also den Anfang vom Ende der «Ulmen 5»-Gemeinschaft, zumindest in ihrer bisherigen Form am bisherigen Ort in der Lachen. Dieses kleine «soziokulturelle Biotop», wie es Saiten zur Eröffnung bezeichnete, vereinte Handwerk, Kreativität, Kreislaufwirtschaft und Genuss unter einem Dach. Gerade der Meter und Offcut profitierten auch von der Nähe zueinander: Die Nutzer:innen des Meters konnten bei Bedarf unkompliziert Materialien im Offcut beziehen, auch ausserhalb der Öffnungszeiten. Vielleicht bleibt diese Nähe auch auf Distanz bestehen. «Wir könnten uns vorstellen, bei uns ein externes Lager von Offcut zu integrieren», sagt Sarah Burtscher. Rahel Flückiger und Denise Hofer zeigen sich offen für diese Idee.
Und vielleicht könnte der Geist von «Ulmen5» in einer gemeinsamen IG weiterleben, findet Burtscher. Gemäss Denise Hofer ist es sogar denkbar, dass Vielraum und Repair Café ebenfalls nach St.Fiden aufs gleiche Areal ziehen. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist offen.
Eröffnungsfeier Meter: Samstag, 29. August, ab 12 Uhr, Burgstrasse 20, St.Gallen. meter-sg.ch offcut.ch/sg
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