Ein Taumel von Grün
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Die Schauspielerin Suramira Vos im Blüten-Schmetterlingskostüm (Bild: pd/ Helen Prates de Matos)
Aus dem Gebüsch flattert etwas heran, halb Schmetterling, halb Blüte, ein pflanzlich-tierisch-menschliches Zwitterwesen. Es fordert dazu auf, die Ohren zu öffnen für das Murmeln, Flüstern, Rascheln, Knacken, Zittern um uns herum. Und lockt uns dann an seinen «Dämmerungsplatz» im abendlichen Zwielicht, mit einem poetischen Versprechen – «Das Blau wird sich über deine Schultern legen und über deine Gewissheiten».
Der Botanische Garten ist ein zauberhafter Ort, erst recht an diesem sonnengesättigten Abend, einem Probetermin wenige Tage vor der Premiere. Die Besucher:innen sind schnell verführt von Schauspielerin Suramira Vos im Blüten-Schmetterlingskostüm, riechen an unbekannten Blumen, stecken den Kopf ins Farn, tauchen ein in den Kosmos von Silberbaldrian, Japanischem Schnurbaum, Wohlriechender Engelstrompete. Und bestaunen zusammen mit der Schauspielerin die «multizentrische» Lebensweise der Pflanzen.
In der Dämmerung wächst ein Flüstern ist das Stück betitelt, das im St.Galler Botanischen Garten am 22. August (ausverkaufte) Premiere hat. Entwickelt haben es Sebastian Ryser und Helen Prates de Matos zusammen mit Schauspielerin Suramira Vos, Tänzerin Elenita Queiroz, Musikerin Anna Traufer, Autorin Laura Vogt, Videokünstlerin Sabine Burchard, Soundspezialist Andi Peter und Lichtmeister Thomas Kolter.
Den Garten zu erkunden mit Künstler:innen aus unterschiedlichen Sparten und deren je verschiedenen «Sprachen»: Diese Neugier stand am Anfang des Projekts, sagt Sebastian Ryser. Das Kollektiv tauchte in den Garten ein, liess sich von Namen und Düften betören, recherchierte zu Pflanzenkunde und -geschichte, stellte Fragen. Und fand dabei begeisternde und manchmal auch unbequeme Antworten.
Auf dem szenischen Rundgang kommt man an sprechenden Büschen vorbei, schärft im Blumengarten die Sinne, hört die fleischfressenden Pflanzen singen. Tänzerin Elenita Queiroz bespielt die Allee mit einer wurzelsuchenden Performance. Anna Traufers Kontrabass bekommt im Tropenhaus Konkurrenz von den Pfeilfröschen. Suramira Vos singt das Lob der variantenreichen Fort-Pflanzung. Und wirft kurzerhand die Linné’sche Namensordnung der Pflanzenwelt über den Haufen.
Die Tänzerin Elenita Queiroz bei ihrer Performance (Bild: pd/ Helen Prates de Matos)
Namen als Kontrollversuch des Menschen gegenüber der ihm überlegenen, bedrohlich wildwuchernden Pflanzenwelt? Das Stück bringt Fragen wie diese ein, spielerisch-poetisch, im Tropenhaus auch politisch. Wir erfahren, dass die alles verdrängende Riesen-Seerose «Victoria» heisst, benannt nach der damaligen englischen Königin, ein Kind des Kolonialismus wie der Kakao, die Bananenpalme und viele andere der hier gedeihenden Tropenpflanzen – deren ursprüngliche, indigene Namen dabei unter die Räder kamen.
In drei Gruppen wird das Publikum an die wechselnden Garten-Stationen geführt und theatralisch, tänzerisch und musikalisch begleitet, erläutert Szenografin Helen Prates de Matos. Man erlebt das Zwielicht, die einbrechende Nacht, Wärme, vielleicht Regen. Und immer wieder: Grün, Grün in allen Facetten, 100 Shades of Green, in diesem Hitzesommer willkommen wie wohl kaum je zuvor.
Ein Taumel und Traum von Grün, den das Stück heiter und vielstimmig, nachdenklich und mit Respekt vor den Wundern der Natur feiert. «Hat dich der Garten verändert?», fragt eine Stimme zum Schluss.
In der Dämmerung wächst ein Flüstern: Premiere 22. August (ausverkauft), weitere Vorstellungen 23. bis 30. August, Botanischer Garten St.Gallen.
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