Der Neonazipfarrer
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Kann das Holocaust-Leugnen nicht lassen: Pfarrer Gerd Zikeli gibt dem Schweizer Fernsehen im Januar 1980 kurz vor seiner Abwahl ein Interview. (Bilder: Sozialarchiv Zürich)
Im Sommer 1985 schreibt Kurt Bigler einen Leserbrief an die Ostschweizer AZ. Der Holocaustüberlebende, Pädagoge und Ehemann der ersten ordentlich gewählten Bundesrichterin der Schweiz ist besorgt. Pressemeldungen über nazistische Umtriebe in Deutschland nehmen zu. Zur Sprache kommt im Leserbrief auch Otto Ernst Remer, einst Generalmajor der Wehrmacht, nun rechtsextremer Publizist und mehrfach verurteilter Holocaust-Leugner. Und noch eine Person wird erwähnt: «In einem Nebenzimmer arbeitet als ‹Sekretär› Gerd Zikeli, unrühmlich bekannt aus seiner geistlichen Tätigkeit als Seelenhirte in St.Gallen, daselbst entlassen wegen neonazistischer Tätigkeiten, der jetzt auf anderen Gefilden weidet.»
Bigler zeigt sich vor allem schockiert über eine verdeckte Recherche des «Stern», die von einem «Kameradschaftstreffen» ehemaliger SS-Männer berichtet. Dort hält Remer demnach ein Feuerzeug in die Luft, lässt Gas ausströmen und fragt, was das sei. Die von schallendem Gelächter und Schenkelklopfen begleitete Antwort: «Ein Jude, der Sehnsucht hat nach Auschwitz.»
Einem solchen Kaliber hat sich der einstige Pfarrer, den die Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell im Februar 1980 zum Teufel gejagt hatte, als Sekretär angedient. Aus dem protestantischen Gottesdiener ist ein neonazistischer Altnaziassistent geworden, der weiterhin in einschlägigen Zeitschriften publiziert, den Holocaust leugnet und in Nachkriegsdeutschland verbotene Literatur vertreibt.
Seine Wandlung vollzog sich natürlich nicht über Nacht. Wie ein ehemaliger enger Weggefährte Zikelis später berichten wird, soll Zikeli über zwei Schreibmaschinen verfügt haben, eine für die Predigten, eine für seine Agitation. In der Schweizer Öffentlichkeit bleibt sein politisches Wirken lange verborgen. Erst die Recherchen des Herisauer Journalisten und WOZ-Mitgründers Jürg Frischknecht enttarnten den Neonazi 1979 (siehe Infobox).
1979 veröffentlichten Jürg Frischknecht, Peter Haffner, Ueli Haldimann und Peter Niggli das 500 Seiten starke Standardwerk Die unheimlichen Patrioten – Politische Reaktion in der Schweiz – Ein aktuelles Handbuch. Es war ein grossangelegter Rundumschlag, in dem diverse rechtsextreme Organisationen und deren Protagonist:innen porträtiert wurden und der die Verbindungen etablierter rechtsbürgerlicher Kreise zu Alt- und Neonazis und anderen Rechtsextremist:innen in der Schweiz erstmals systematisch offenlegte. Die Recherche war unter anderem als Reaktion auf die rassistisch motivierte Schwarzenbach-Initiative von 1971 entstanden. Etliche Ehrverletzungsklagen gingen an die Adresse der vier Autoren, die vor Gericht allerdings nicht standhielten. 1984 erschien die «6. nicht mehr zensurierte», um knapp 300 Seiten erweiterte Auflage.
Der Grossteil dieses Artikels beruht auf Jürg Frischknechts publizierten Rechercheergebnissen sowie von ihm zusammengetragenem Quellenmaterial, Briefkopien, Gesprächsnotizen etc., die sich heute in seinem Gesamtnachlass im Sozialarchiv in Zürich befinden. (hrt)
Jürg Frischknecht (1947–2016)
Gerd Zikeli kommt am 10. Februar 1937 im siebenbürgischen Agnita zur Welt. Er gehört der deutschsprachigen Minderheit an. In seiner Heimat studiert er Theologie, wird 1962 ordiniert und zieht 1964 nach Hessen. Da er dort nicht zum Pfarrer gewählt wird, bewirbt er sich im zürcherischen Stallikon, wo er 1968 von der evangelisch-reformierten Kirche angestellt wird. 1976 verlässt er Stallikon Richtung St.Gallen, allerdings nicht ganz freiwillig: Weil er sich weigert, eine Kollekte von HEKS und Brot für Brüder durchzuführen – angeblich, weil sich die Hilfswerke für die «kommunistische Sache» einspannen liessen –, ist seine Wiederwahl gefährdet. In der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell findet der Seelenhirte eine neue Herde.
Am 16. Januar 1971 treffen sich im Zunftsaal des Restaurants Sternen in Zürich-Oerlikon die Altherren der 1946 gegründeten Arminia-Verbindung. Ihr Gründer, erster Sprecher und Sekretär ist der Zürcher Psychiater Heinz Manz vulgo Lützow (1924–1994), der seine Couleur gerne um den SS-Totenkopf und andere Naziabzeichen erweitert. Auf seinem Bierhumpen prangt der Reichsadler mit Hakenkreuz. Im Sternen gründen sie sich 1971 neu als Arminia Europa-Burschenschaft. Frischknecht bezeichnet das Treffen als «Geburtsstunde des Neonazismus in der Schweiz». Zwei Tage später feiern sie in Manz’ Privatkneipe das 25-jährige Bestehen der Verbindung im Beisein von «fünfzig Bundesbrüdern aus sechs Vaterländern Europas»: Die Herren stammen aus Deutschland, Holland, Österreich, Ungarn, Russland und der Schweiz. Auch die Schwesterverbindung Falkenstein aus Salzburg, angeführt vom ehemaligen SS-Offizier Walther Zwickler, gibt sich die Ehre.
Diese Abende laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Das Bier fliesst in Strömen. Und je länger die Sauferei dauert, desto mehr kommt Manz in Fahrt und gerät ins Schwärmen über das Dritte Reich. Immer wieder wird dem «grossen toten Adolf Hitler» gehuldigt und für den Führer-Stellvertreter Rudolf Hess eine Schweigeminute ausgerufen. Am 20. April 1974, zur 85. Geburtstagfeier für den Führer, hängt Manz gar ein Hitler-Porträt an die Wand.
Psychiater und Arminia-Gründer Heinz Manz in Burschenschafts-Couleur vor seinem reich(s-) dekorierten Humpen.
Die Arminen reisen oft an Veranstaltungen ins nahe Ausland, etwa an den von den rechtsextremen Zeitschriften «Nation Europa» und «Mut» organisierten «1. National-europäischen Jugendkongress» 1972 in Planegg bei München. Teil der Arminia-Delegation ist auch Gerd Zikeli vulgo Klingsor, obwohl er erst ein Jahr später offiziell beitritt und in den Vorstand gewählt wird. Vom zweiten Kongress in Frankreich 1973 ist der Pfarrer aus Stallikon so beeindruckt, dass er ihm für «Nation Europa» ein ganzseitiges Erinnerungsgedicht widmet: «Der Blutspur des Mohnes folgend kamen wir aus allen Teilen des Reiches Europas. (…) Von allen Enden dieses gedemütigten Erdteils werden wir aufbrechen stärker als heute».
Den 9. November 1973, den 50. Jahrestag von Hitlers gescheitertem Putschversuch in München, begeht die Arminia besonders feierlich. Von Pfarrer Zikeli stammt der Vorschlag zur «liturgischen Gestaltung» des Jubiläums: «Totenehrung. Es werden 16 braune Kerzen entzündet / die Korona erhebt sich / Verlesung der Namen der Gefallenen.» Es werden Auszüge aus Hitler-Reden und martialische bis makabre Gedichte und Prosa aus dem Reich und der Schweiz vorgelesen. Die 45-minütige Feier ist auf Tonband festgehalten, «ein schauerliches Dokument, das den Führerkult und die schwülstige Todesromantik sinnlich wahrnehmbar macht», schreibt Frischknecht später darüber.
Die Arminia gratuliert dem inhaftieren Reichsminister a.D. Rudolf Hess zum 80. Geburtstag.
Mit der Zeit wird Heinz Manz’ Gebaren selbst den hartgesottensten Drittreichfanatikern zu bunt. Ein deutscher «Bundesbruder» und ehemaliges SS-Mitglied stört sich etwa an dessen permanentem Erheben der rechten Hand zum Hitlergruss und am Tragen des SS-Totenkopfs, was erstens die gesamte Burschenschaft diskreditieren könnte und zweitens als Respektlosigkeit empfunden wird all jenen gegenüber, die tatsächlich in der SS gekämpft haben. Falls er sein Tun nicht unterlasse, droht er, werde Manz «noch einmal die Waffen-SS im Einsatz erleben». Auch Zikeli distanziert sich allmählich von Manz.
Der Streit eskaliert 1974, als ein Armine Vorwürfe erhebt, wonach Manz schon ab Ende der 60er-Jahre ein Verhältnis zu einer Prostituierten gepflegt und ihr auch Krankengeschichten aus seiner Praxis anvertraut habe. Die Gesundheitsbehörden hatten es 1969 bei einer Verwarnung belassen, Manz durfte sein Patent behalten. In mehreren internen Verhören wird Manz, für den Frauen lediglich zur «Entrümpelung meiner Hoden» vorgesehen sind, zu dessen Sexualleben befragt. Die Ermittlungsergebnisse schickt Manz eigenhändig an die gesamte Burschenschaft, wodurch die ganze Sache erst öffentlich wird. Es kommt zum Bruch zwischen den «Politischen» um Zikeli und den «Nostalgikern» um Manz.
Neonazi-Blätter der Nationalen Basis Schweiz (NBS) und der mit ihr verbrüderten Ochsenberg-Gruppe aus Lochau: «Visier» vom Juli 1976, «Aktuell» vom September/Oktober 1976 und «Sieg» vom Januar/Februar 1978.
Gerd Zikeli und zwei weitere Ex-Arminen, der Junglehrer Arnold Sennhauser und der Verkäufer Bruno Meier, gründen im Sommer 1974 in einem Nebenzimmer des Zürcher Bahnhofbuffets die Nationale Basis Schweiz (NBS). Laut einem Insider versprayen Zikeli und Sennhauser das Schaufenster eines linken Bücherladens in Zürich-Wiedikon. Ansonsten wird vor allem geschrieben. Wichtigstes Organ der NBS ist das Zweimonatsheft «Visier». Darin breiten die Autoren ihre Träume vom grossdeutschen Reich und dem Nationalsozialismus aus, sie drucken ungeniert Hitler nach und reproduzieren antisemitische Weltverschwörungstheorien.
Auch wenn das Wort «Nationalsozialismus» tunlichst vermieden wird, ist die Botschaft klar. 1975 schreibt Zikeli in einem «Visier»-Aufsatz unter dem Titel Der diffamierte Sozialismus, es gelte den Sozialismus von Marx zu befreien. Denn der Marxismus sei von Hass getrieben, genau wie Marx selbst, dem es «in seinem Blute rumorte (…) als Erbe seiner Rabbinerahnen». Weiter schreibt er die Schuld am Zweiten Weltkrieg dem bedrohlichen Bolschewismus zu, das Dritte Reich habe in Notwehr gehandelt. Auch mit der Sozialdemokratie und dem Liberalismus rechnet er ab. In Hitler und in jenem Sozialismus, der sich an Familie, Stamm und Volk orientiert, sieht er die Heilsbringer: «Was wir schliesslich in diesem Jahrhundert im Kampf gegen den Bolschewismus vor allem auf spanischem Boden und dann während des 2. Weltkriegs erlebten, trug, gleichgültig ob dort im Sieg und hier in der Niederlage, bereits die Verheissung für morgen in sich.»
In der Schweiz verbirgt Pfarrer Zikeli seine Geisteshaltung meist hinter dem Pseudonym Robert Schmid, unter dessen Namen die meisten Artikel im NBS-«Visier» erscheinen. In diesen Artikeln werden der Holocaust geleugnet, Verschwörungstheorien ausgebreitet (z.B. soll Willy Brandt in den 30er-Jahren einen Nazi ermordet haben), die Hitlerattentäter von 1944 geschmäht («adlige Sprengstoffexperten») und die Machtübernahme des rechtsextremen Diktators Augusto Pinochet in Chile 1973 gefeiert.
Ohne Pseudonym tritt Gerd Zikeli hingegen in der deutschen Öffentlichkeit auf. In offenen Briefen wendet sich «Gerd Zikeli, Pfarrer, St.Gallen-Bruggen, Schweiz» etwa wegen eines inhaftierten Kroaten an Bundeskanzler Helmut Schmidt oder an den Münchner Oberbürgermeister Erich Kiesel, weil dieser einen NPD-Protest gegen die TV-Serie Holocaust verboten hat. Im militanten Neonaziblatt «Die Bauernschaft» wird im Juli 1979 Kiesels Antwortschreiben sowie eine Replik Zikelis veröffentlicht, in der er die Serie als «mörderisches Attentat sowohl auf den Geist der Wahrhaftigkeit als auch gegen den Geist des Verständnisses» bezeichnet. Bei dieser Gelegenheit erwähnt Zikeli auch den Bonn-Korrespondenten des «St.Galler Tagblatt», Hansmartin Schmid, dessen Berichterstattung über Holocaust «an Gemeingefährlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt». Für diesen «kriminellen Tatbestand» müsste Schmids journalistische Tätigkeit «auf dem Boden der Bundesrepublik» demnach «sofort verboten» werden.
Auf der einen Seite Schreibverbote fordern, auf der anderen Seite publizistische Schützenhilfe leisten: 1976 inseriert in zwei «Visier»-Ausgaben die rassistisch-hetzerische Zeitschrift «Aktuell – Das Magazin für denkende Deutsche» mit den Worten: «Wenn Sie durch und über die jungen Rechten in Österreich unterrichtet werden wollen, lesen Sie den ‹Aktuell-Jugend Pressedienst›.» Im Gegenzug wirbt die NBS im selben Jahr in einer «Aktuell»-Ausgabe für ihr «Visier». «Aktuell» (ab 1978: «Sieg») wird seit 1973 in Lochau bei Bregenz am Bodensee von Walter Ochsenberger und seinem Bund Volkstreuer Jugend herausgegeben. Nach behördlichem Verbot tauft sich die Gruppe in Bund Nationaleuropäischer Jugend um.
Finanzielles regelt die «Aktuell»-Redaktion über ihr Konto bei der Schweizerischen Bankgesellschaft SBG (Vorgängerin der heutigen UBS) in St.Margrethen. Ihr «Schweiz-Korrespondent», der Solothurner Altphilologe Konrad Hess (nicht verwandt, aber zumindest geistig verschwägert mit Reichsminister a.D. Rudolf Hess), erklärt später gegenüber Jürg Frischknecht, die Nationale Basis Schweiz sei ursprünglich als Ableger des Ochsenberg-Bundes geplant gewesen. Hess wird die Ochsenberger-Gruppe irgendwann «zu extrem», er tritt zurück. NBS-Sennhauser übernimmt dessen Korrespondentenjob bei «Aktuell».
Die internationalen Verbindungen der NBS reichen auch nach Deutschland und via die Westschweiz bis Frankreich und in das «weisse» Südafrika. Am «4. Nationalen Forum der Volkssozialisten» im September 1975 stellen NBS-Mitglieder die Schweizer Delegation. Ein Jahr später kommt es zum organisatorischen Schulterschluss der NBS, der im internationalen Kontext mit Rechtsterroristen in Kontakt stehende Europäische Neu-Ordnung (ENA) um den Lausanner Gaston-Armand Amaudruz und der militanten Genfer Gruppierung Nouvel Ordre Social (NOS, ab 1979 auch: Forces Nouvelles). Das gemeinsame Programm von NBS, ENA und NOS: Aufnahme des Kampfes auf Schweizer Ebene gegen «Marxismus und Plutokratie», gegen die Unterwürfigkeit der Schweizer Regierung gegenüber den «internationalistischen Weltmächten» und für eine «nationaleuropäische Neugestaltung».
Die Geschichte der Nationalen Basis Schweiz endet im September 1979 mit dem Erscheinen der Unheimlichen Patrioten abrupt. Und Gerd Zikeli wird vom Vorstand der Kirchgemeinde St.Gallen West sofort suspendiert. Er versucht noch, sich gegen das «marxistische Kesseltreiben» gegen seine Person zu wehren, pikanterweise auch mit Verweis auf etliche Fröntler, die trotz ihrer politischen Haltung in der Schweiz Karriere machten durften. Gegenüber dem Schweizer Fernsehen macht er keinen Hehl aus seiner Holocaust-Leugnung. In einem Interview auf die Nazi-Vernichtungslager angesprochen, sagt er, auf deutschem Reichsboden habe es entgegen jahrelangen Behauptungen nie solche «ausgesprochenen Vernichtungslager» gegeben. Auf die Nachfrage des Journalisten, ob es in Polen welche gegeben habe, sagt er: «Es wird behauptet.»
Seine Enttarnung steht kurz bevor: Gerd Zikeli mit seiner 1979er-Konfirmandenklasse vor der Evangelischen Kirche Bruggen in St.Gallen.
Diese Aussagen im öffentlichen Fernsehen helfen Zikeli nicht. An der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung vom 10. Februar 1980 wählen 96,5 Prozent der 1111 anwesenden Straubenzeller Kirchgemeindemitglieder Zikeli aus dem Amt. Der Geschasste strengt in der Folge einige Prozesse wegen Ehrverletzung an: gegen Medienschaffende, Leserbriefschreiber und einen Amtskollegen. Allesamt gehen verloren. Auch gegen seine Entlassung wehrt er sich juristisch, bis schliesslich auch das Bundesgericht im Sinne der Kirchgemeinde entscheidet.
Zikeli steht isoliert da. Bloss zwei Pfarrerkollegen aus der Region setzen sich öffentlich für ihn ein mit Verweis, dass man einen Familienvater nicht ohne weiteres seiner Existenz berauben dürfe. Ein ehemaliger Pfarrer aus Gossau schimpft im Organ der schwarzenbach’schen Nationalen Aktion «Volk+Heimat» über die Kirchenbehörden: «Kommunistische Propaganda und den russischen Imperialisten zugedient, ‹nützliche Idioten›.» Die «Bauernschaft» veröffentlicht in der Juniausgabe 1980 einen Spendenaufruf für den entlassenen Pfarrer.
Im Frühling 1981 weisen die österreichischen Behörden diverse Einreisewillige zurück, die in Lustenau an einem Treffen der österreichisch-neonazistischen Nationaldemokratischen Partei (NDP) teilnehmen wollen. Darunter auch fünf schwarzgekleidete, bestiefelte Jugendliche aus dem Raum Zürich und einen Herrn im grauen Anzug, der als Gastredner geladen ist: Gerd Zikeli. Die Grenzbeamten weisen ihn, weil er die deutsche Staatsbürgerschaft und in der Schweiz bloss eine Niederlassungsbewilligung besitzt, nach Deutschland zurück. Um nach Hauptwil TG zurückzukommen, wo Zikeli seit Kurzem wohnt, muss er um den ganzen Bodensee herumfahren.
Gerd Zikeli wird nie mehr als Pfarrer arbeiten. Seiner Weltanschauung hält er aber auch nach seiner definitiven Rückkehr nach Deutschland die Treue. Seine Frau arbeitet, während er sich «in der Rolle des Märtyrers» gefalle, wie eine Informantin Frischknecht 1983 anvertraut. In der Nähe von München betreibt er ein Buchantiquariat, in dem Naziliteratur vertrieben wird. In der «Bauernschaft» wirbt er für sein exquisites Angebot. Seine letzte öffentlich bekannte Anstellung ist jene als Sekretär des Ex-Wehrmachtobersten Otto Ernst Remer. Das jüngste im Zürcher Sozialarchiv überlieferte «Werk» Zikelis ist ein Zeitschriftenartikel, erschienen 2008 im rechtsextremistischen «Volk in Bewegung». Es handelt von der «Rettung des Reichs» durch deutsche Freikorps zwischen 1918 und 1923.
Gerd Zikeli lebt bis heute in Bayern. Zumindest tat er es noch vor einem Jahr, als das «St.Galler Tagblatt» nach der Kündigung eines AfD-Pfarrers im Thurgau an den Fall Zikeli erinnerte. Der Autor erreichte Zikeli 2025 am Telefon, doch ein wirkliches Gespräch sei nicht mehr möglich gewesen, wie er auf Anfrage sagt. Im «Landsberger Tagblatt» ist 2011 ein Artikel über den Garten der Dreigenerationenfamilie Zikeli erschienen. «Opa Zikeli» sei ein Büchernarr und habe eine grosse Bibliothek, heisst es darin. Er sitze oft im Garten und beobachte die Laufenten. Zikeli ist heute 89 Jahre alt.
Rechtsextremes Gedankengut ist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht einfach aus der Ostschweiz verschwunden. Es hat überdauert, sich verändert und immer wieder modernisiert – und ist in unterschiedlicher Gestalt immer wieder zutage getreten. Saiten möchte in dieser Serie in loser Folge den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus und Faschismus in der Ostschweiz nachspüren – von 1945 bis heute.
Unter massivem öffentlichem Druck wiesen der Bund und die Kantone nach dem Zweiten Weltkrieg über 1000 besonders belastete Nazis aus der Schweiz aus. Familienangehörige mitgezählt, verliessen rund 2000 Personen das Land – davon gut 300 aus der Ostschweiz.
Die Ostschweiz im Dritten Reich (XI) – letzter Teil
Auch in der intellektuell-kultivierten Elite St.Gallens schaute man in den 1930er- und 40er-Jahren mit einiger Sympathie nach Norden und Süden. Zu den Braungesinnten zählten etwa einige Rotarier, ein späterer HSG-Rektor und ein Theaterdirektor.
Die Ostschweiz im Dritten Reich (IX)
Eine Heidi-Aufführung am Stadttheater brachte die St.Gallerin Julia Marcus (1904–2002) zum Neuen Tanz. Nach Stationen in Zürich, Dresden und Berlin lebte und arbeitete sie ab 1933 in Frankreich. Auch während der deutschen Besatzung blieb sie überzeugte Kommunistin.
Die Ostschweiz im Dritten Reich (VIII)
Drei Ausstellungen – zwei in Altstätten, eine in Vaduz – erinnern an die Zeit während des Zweiten Weltkriegs im Rheintal. Der Fokus liegt auf persönlichen Erinnerungen von Zeitzeug:innen. Auch kritische Themen werden nicht ausgespart.
Die Ostschweiz im Dritten Reich (VII)
Neben den reichsdeutschen Gruppen waren auch Schweizer Bürger in der Ostschweiz aktiv. Sie setzten sich für eine helvetische Variante des Faschismus ein und forderten den Anschluss an das Dritte Reich.
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
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