«Mein Gott, da ist ja ein Mensch»

Drei Ausstellungen – zwei in Altstätten, eine in Vaduz – erinnern an die Zeit während des Zweiten Weltkriegs im Rheintal. Der Fokus liegt auf persönlichen Erinnerungen von Zeitzeug:innen. Auch kritische Themen werden nicht ausgespart.

Soldaten in Gasmasken 1938 vor dem Museumseingang der Prestegg in Altstätten. Die Aufnahme ist ein glücklicher Zufallsfund während der Ausstellungsrecherchen. (Bild: pd/Gemeindearchiv Diepoldsau)

Es muss ei­nes Abends 1938 oder 1939 ge­we­sen sein, als die Wid­naue­rin Päuli Spi­rig, da­mals kaum 16 Jah­re alt, von ih­rer Mut­ter in den Schopf hin­aus­ge­schickt wur­de, um Schol­len zu ho­len. Ge­trock­ne­te Torf­zie­gel wur­den im Rhein­tal da­mals wie­der öfter als Brenn- und Heiz­ma­te­ri­al ge­nutzt, weil Koh­le vor al­lem während des Krie­ges knapp war. Als Päuli in den Schopf trat und im Dun­keln nach den Schol­len griff, spürte sie plötz­lich ein kal­tes Bein in ih­ren Händen.

«Mein Gott, da ist ja ein Mensch!», schrie sie und rann­te hin­aus. Päulis Va­ter eil­te ins Tenn und frag­te den Un­be­kann­ten, was er da ma­che. Als er be­merk­te, dass die­ser tropf­nass war, be­rich­te­te er der Mut­ter, die den Mann so­fort her­ein­hol­te, ihm tro­cke­ne Klei­der von Päulis Brüdern gab und ei­ne war­me Sup­pe auf­tisch­te. Auf die Fra­ge der Mut­ter, war­um er so nass sei, ant­wor­te­te der Mann, dass er von Öster­reich her­ge­kom­men sei, sich nicht ha­be ori­en­tie­ren können in der Dun­kel­heit und ein­fach ir­gend­wo in den Rhein ge­stie­gen und herüber­ge­schwom­men sei.

«Wir wuss­ten, dass er ein Ju­de war», er­zähl­te Päuli Spi­rig in ei­nem In­ter­view im De­zem­ber 2023, mitt­ler­wei­le 100 Jah­re alt. Ein­mal sei ei­ner mit viel Geld über die Gren­ze ge­kom­men, er ha­be den Leu­ten Geld be­zahlt, da­mit sie die Po­li­zei raus­hiel­ten. «Wir ha­ben halt die Po­li­zei kom­men las­sen, da­mit sie ihn ab­ho­len können», sagt sie. «Das war bes­ser so.»

All­tags- und Frau­en­ge­schich­ten

Die­se Epi­so­de von Päuli Spi­rig, die im März die­ses Jah­res ver­starb, spie­gelt den All­tag während der schwie­ri­gen Zeit um den Zwei­ten Welt­krieg im St.Gal­ler Rhein­tal in mehr­fa­cher Hin­sicht: Flucht, Man­gel­wirt­schaft, das Drit­te Reich in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft, die sich zu­spit­zen­de mi­li­täri­sche La­ge, Bin­nen­flucht. Und sie ver­deut­licht auch: Die Stim­men, die heu­te nicht spre­chen, schwei­gen für im­mer. Die Ge­ne­ra­ti­on der Zeit­zeug:in­nen stirbt aus.

Landwirt:innen bei der Ernte (Bild: pd/Archiv der Gemeinde Au)

Hier­in liegt ver­mut­lich der gröss­te Wert der drei Aus­stel­lun­gen un­ter dem Ti­tel «Ge­mein­sam er­in­nern im Rhein­tal – 1938–1945», ei­ner Ko­ope­ra­ti­on des Mu­se­ums Pre­st­egg in Altstätten mit dem Jüdi­schen Mu­se­um Ho­hen­ems (JMH) und dem Liech­ten­stei­ni­schen Lan­des­mu­se­um Va­duz: im Fest­hal­ten und Er­zählen per­sönli­cher Er­in­ne­run­gen an die­se welt­his­to­ri­sche Zeit.

«Gemeinsam erinnern im Rheintal: 1938–1945»

«Nah am Krieg – Liech­ten­stein 1939 bis 1945»: bis 11. Ja­nu­ar 2026, Liech­ten­stei­ni­sches Lan­des­mu­se­um, Va­duz

«Im Schat­ten des Kriegs – All­tag im Rhein­tal»: bis 27. Ja­nu­ar 2027, Mu­se­um Pre­st­egg, Altstätten

«Ret­ten­de Schweiz? – Flucht im Rhein­tal»: bis 27. Ja­nu­ar 2027, Mu­se­um Pre­st­egg, Altstätten

 

Aus­ge­wähl­te Be­gleit­ver­an­stal­tun­gen:

Die un­ter­bro­che­ne Spur: Film über An­ti­fa­schist:in­nen in der Schweiz 1933–1945, 23. Ok­to­ber, 19 Uhr, Dio­ge­nes Thea­ter, Altstätten

Zug der Frei­heit: Vor­trag der Pädago­gi­schen Hoch­schu­le, 28. Ok­to­ber, 19 Uhr, Mu­se­um Pre­st­egg, Altstätten

Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und Krieg in Vor­arl­berg – Op­fer, Täter, Geg­ner: Vor­trag von Mein­rad Pich­ler, 5. No­vem­ber, 18 Uhr, Liech­ten­stei­ni­sches Lan­des­mu­se­um, Va­duz

Grünin­gers Fall: Film­vor­führung, kom­men­tiert von Ste­fan Kel­ler, 9. No­vem­ber, 11 Uhr, Mu­se­um Pre­st­egg, Altstätten

Re­ha­bi­li­tie­rung von Flucht­hel­fer:in­nen: Vor­trag von
Ju­lia Stucki, 20. No­vem­ber, 19 Uhr, Mu­se­um Pre­st­egg, Altstätten

Ein «Ge­ben und Neh­men»? – Flücht­lin­ge im Dienst des St.Gal­ler Nach­rich­ten­büros «Speer»: Vor­trag von So­phia Boss­hard, 26. No­vem­ber, 18 Uhr, Liech­ten­stei­ni­sches Lan­des­mu­se­um, Va­duz

ge­mein­sam-er­in­nern.ch

Die vom Pre­st­egg ku­ra­tier­te Teil­aus­stel­lung «Im Schat­ten des Krie­ges» be­fasst sich mit dem All­tag, wie ihn die Rhein­ta­ler Be­völke­rung auf Schwei­zer Sei­te von 1938 bis 1945 er­leb­te. Der Zeit­raum ist be­wusst auf ein Jahr vor Kriegs­be­ginn aus­ge­wei­tet, weil sich 1938 Öster­reich ans Drit­te Reich an­schloss, was ei­ne gros­se Flucht­wel­le von Jüdin­nen und Ju­den aus dem Os­ten in Rich­tung Schweiz zur Fol­ge hat­te.

Auch po­li­tisch be­ob­ach­te­te man na­türlich ge­nau, wie sich die Nach­barn im Vor­arl­berg mit dem neu­en Re­gime ar­ran­gier­ten. Schwei­zer:in­nen, die sich eben­falls ei­nen An­schluss er­hoff­ten, blie­ben aber die Min­der­heit. Die Fron­ten­be­we­gung er­hielt vor al­lem auch im Rhein­tal zwar noch­mals et­was Auf­schub, doch ver­fing die vom Bun­des­rat pro­pa­gier­te «geis­ti­ge Lan­des­ver­tei­di­gung» gröss­ten­teils auch hier. In der Aus­stel­lung wird bei­spiel­haft die Ge­schich­te ei­nes Zahn­arz­tes und NS-Sym­pa­thi­san­ten er­zählt, des­sen Haus mit ei­nem Ha­ken­kreuz «ver­ziert» wur­de. Men­schen, die sich dem Reich zu sehr an­schmieg­ten, hat­ten es ge­sell­schaft­lich schwer, vor al­lem, als der Krieg vor­bei war.

Die Aus­stel­lung im Pre­st­egg hat ei­ni­ge sol­che Ge­schich­ten zu bie­ten. Auch sol­che von Bin­nen­flucht: Als sich die mi­li­täri­sche La­ge zu­spitz­te und ein Ein­marsch in die Schweiz be­fürch­tet wur­de, zo­gen je­ne, die es ver­moch­ten oder ein Au­to hat­ten, für ei­ni­ge Zeit in die In­ner­schweiz. Auch die ein­gangs er­wähn­te Päuli Spi­rig ging nach Ein­sie­deln, ob­wohl sie zu­erst ab­lehn­te, weil sie ar­bei­ten muss­te und die Mut­ter das Geld brauch­te.

Die Aus­stel­lung in Altstätten macht aus­ser­dem so wert­voll, dass sie auch ei­nen Fo­kus auf die Rol­le der Frau­en zu je­ner Zeit legt, in der vie­le Männer (und Pfer­de!) im Ak­tiv­dienst wa­ren. Je­ne, die sich ei­ne Flucht in die In­ner­schweiz nicht leis­ten konn­ten, brach­ten in der brenz­ligs­ten Pha­se ih­re Kin­der samt de­ren No­t­ruck­säck­li und das Vieh ins Ap­pen­zel­ler­land. So­fern sie die Möglich­keit da­zu fan­den.

Es lohnt sich, für den Be­such die­ser Teil­aus­stel­lung, wel­che die bei­den Gast­ku­ra­to­rin­nen Mar­grit Bartl- Frank und Ur­su­la Stadl­müller mit In­ter­view-Aus­schnit­ten und bio­gra­fi­schen Ge­schich­ten ge­spickt ha­ben, ge­nug Zeit ein­zu­pla­nen.

JMH hält Schweiz den Spie­gel vor

Das­sel­be gilt in noch grösse­rem Mass für die et­was düste­rer, aber nicht min­der an­sehn­lich ge­stal­te­te Aus­stel­lung «Ret­ten­de Schweiz? Flucht im Rhein­tal» im obe­ren Stock des Mu­se­ums Pre­st­egg. Hier ha­ben die bei­den Ku­ra­to­rin­nen vom Jüdi­schen Mu­se­um Ho­hen­ems, Bar­ba­ra Thimm und Chris­ti­na Nanz, et­li­che Flucht­ge­schich­ten zu­sam­men­ge­tra­gen und in di­ver­sen me­dia­len For­men er­fahr­bar ge­macht. Und na­türlich darf hier der ori­gi­na­le Hand­stock des be­rühm­ten Flücht­lings­ret­ters und St.Gal­ler Po­li­zei­kom­man­dan­ten Paul Grünin­ger nicht feh­len. Ein Ob­jekt, das Han­no Loe­wy, dem Di­rek­tor des JMH, letz­tes Jahr zur Ver­lei­hung des Rhein­ta­ler Kul­tur­prei­ses Gol­di­ga Törg­ga ge­schenkt wur­de.

Der Fo­kus liegt in «Ret­ten­de Schweiz?» aber nicht auf den Ret­ten­den – das Fra­ge­zei­chen im Ti­tel hat sei­ne be­rech­tig­ten Gründe, vie­le Schutz­su­chen­de wur­den an den Gren­zen ab­ge­wie­sen –, son­dern vor al­lem auf den Flüchten­den, meist Jüdin­nen und Ju­den, aber auch Op­po­si­tio­nel­le, Zwangs­ar­bei­ten­de und De­ser­teu­re.

Geflüchtete in Diepoldsau (Bild: pd)

Nebst den Bio­gra­fien und der künst­le­ri­schen Vi­deo­ar­beit des WOZ-Fo­to­gra­fen Flo­ri­an Bach­mann über den Flucht­raum Rhein­tal sind vor al­lem die bei­den gros­sen Schau­ta­feln mit Zeit­strahl in­ter­es­sant. Auf der ers­ten wer­den Er­eig­nis­se der NS-Po­li­tik der schwei­ze­ri­schen Flücht­lings­po­li­tik von 1933 bis 1948 ge­genüber­ge­stellt. Sie zeigt, wie die­se stets auch ei­ne Re­ak­ti­on auf Ver­schärfun­gen der deut­schen Ras­sen­ge­set­ze ge­gen Jüdin­nen und Ju­den, aber auch ge­gen Rom:nja und Sin­ti:zze war. Zum Bei­spiel als im No­vem­ber 1938 gleich­zei­tig in Deutsch­land die Reichs­po­gro­me wüteten, die Schweiz sich mit dem NS-Re­gime über den J-Stem­pel in den Pässen ei­nig­te und der Bun­des­rat die ras­sis­ti­sche Un­ter­schei­dung von «ari­schen» und «nicht-ari­schen» Reichs­bürger:in­nen über­nahm. Noch 1942 woll­te das Eid­ge­nössi­sche Jus­tiz­de­par­te­ment Jüdin­nen und Ju­den nicht als po­li­ti­sche Flücht­lin­ge an­er­ken­nen. Erst ab Ju­li 1944 ver­fügte es, al­le «an Leib und Le­ben ge­fähr­de­ten» Per­so­nen auf­zu­neh­men.

Der zwei­te Zeit­strahl zeigt ei­ne «un­voll­s­tändi­ge Lis­te der Mei­len­stei­ne der (Nicht-)Er­in­ne­rung an die NS-Ver­bre­chen und den Zwei­ten Welt­krieg» von 1944 bis heu­te. Sie zeigt: Die Schweiz rang sich erst in den 1990er-Jah­ren da­zu durch, ih­re Rol­le im Zwei­ten Welt­krieg ernst­haft auf­ar­bei­ten zu wol­len. Und man er­kennt, oh­ne es in der Aus­stel­lung ex­pli­zit le­sen zu müssen: In der ge­gen­wärti­gen Flücht­lings­po­li­tik chan­giert man bis heu­te zwi­schen hu­ma­ni­tärer Tra­di­ti­on und Über­frem­dungs­dis­kurs.

Fürs­ten­tum zwi­schen Ar­ran­ge­ment und Sou­ve­räni­tät

Viel über Er­in­ne­rungs­kul­tur zu er­zählen wüss­te der His­to­ri­ker Pe­ter Gei­ger (1942–2025). Der ehe­ma­li­ge Präsi­dent der Un­ab­hängi­gen His­to­ri­ker­kom­mis­si­on Liech­ten­stein Zwei­ter Welt­krieg, dem Pen­dant zur schwei­ze­ri­schen «Ber­gi­er-Kom­mis­si­on», starb nach kur­zer, schwe­rer Krank­heit nur ei­nen Mo­nat vor der Eröff­nung der von ihm ku­ra­tier­ten Teil­aus­stel­lung «Nah am Krieg» im Liech­ten­stei­ni­schen Lan­des­mu­se­um Va­duz. Bis zu­letzt ha­be er noch mit­ge­wirkt, be­rich­ten Mu­se­ums­mit­ar­bei­ten­de, für die sein plötz­li­cher Tod ein Schock war. Noch im Ja­nu­ar an der ge­mein­sa­men Pres­se­kon­fe­renz zu den drei Aus­stel­lun­gen er­hielt man ei­nen Ein­druck da­von, mit wel­chem En­ga­ge­ment Gei­ger sich der Zeit um den Zwei­ten Welt­krieg wid­me­te. Er stell­te je­des ein­zel­ne der zwölf The­men­fel­der der Aus­stel­lung kurz vor und hätte wohl noch mehr er­läutert, hätten die pres­san­ten Pres­se­fo­to­graf:in­nen nicht auf das ob­li­ga­te Grup­pen­fo­to ge­drängt. Als Schwei­zer hat­te Pe­ter Gei­ger von An­fang an den fri­schen, kri­ti­schen Aus­sen­blick, was ihm im Länd­le seit sei­ner An­stel­lung als For­schungs­be­auf­trag­ter für Zeit­ge­schich­te am Liech­ten­stein-In­sti­tut ab 1987 wohl nicht nur Freun­de ein­brach­te, aber ei­ner se­riösen Auf­ar­bei­tung der Rol­le des Fürs­ten­tums im Zwei­ten Welt­krieg sehr zu­träglich war.

Regelmässig überfliegen alliierte Bomber das Fürstentum Liechtenstein. Am 22. Februar 1945 muss ein amerikanisches Jagdflugzeug im Rhein bei Schaan notlanden. (Bild: pd/Erich Goop/Liechtensteinisches, Landesarchiv, B 26/001/001)

Die ku­ra­to­ri­schen Mit­ar­bei­te­rin­nen Ju­lia Frick und Mar­ti­na So­chin-D’Elia ha­ben Gei­gers Ar­beit an der Aus­stel­lung fort­ge­führt. Die ho­hen Ste­len sol­len die Be­drückt­heit der da­ma­li­gen Zeit ver­mit­teln. Dank der übri­gen, lo­cke­ren und bild­rei­chen Aus­stel­lungs­ge­stal­tung las­tet die Schwe­re dann doch nicht zu stark auf den Be­su­cher:in­nen.

Wie in Altstätten wer­den auch hier kri­ti­sche Aspek­te nicht aus­ge­blen­det: Die liech­ten­stei­ni­schen Ban­ken und ei­ni­ge In­dus­trie­be­trie­be, die un­ter an­de­rem via den schwei­ze­risch-deut­schen Rüstungs­un­ter­neh­mer Emil Bühr­le eng mit dem Drit­ten Reich ver­knüpft wa­ren. Oder die po­li­ti­schen Be­we­gun­gen, die ei­nen An­schluss for­der­ten und deut­lich stärker ver­tre­ten wa­ren als in der Schweiz, aber als Min­der­heit mit we­nig mehr als zehn Pro­zent Zu­stim­mung po­li­tisch kaum Ein­fluss zu neh­men ver­moch­ten. Das Sen­nen­käppli mit Ha­ken­kreuz bleibt ein Ku­rio­sum un­ter den Aus­stel­lungs­ob­jek­ten.

Es gab so­wohl Per­so­nen, die sich frei­wil­lig der Waf­fen-SS an­schlos­sen, als auch Fa­brik­ar­bei­ter, die an ih­rem Ar­beits­platz im na­hen Vor­arl­berg we­gen Un­ge­hor­sams zwangs­re­kru­tiert wur­den und an der Front um­ka­men. Das klei­ne Fürs­ten­tum oh­ne ei­ge­ne Ar­mee war den Mäch­ten rings­um noch stärker aus­ge­lie­fert als die Schweiz, wo man eben­so sei­ne Neu­tra­li­tät be­ton­te, sich aber den­noch ar­ran­gie­ren muss­te und gleich­zei­tig im­mer wie­der die ab­leh­nen­de Hal­tung ge­genüber der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie be­ton­te.

So wur­de die Hoch­zeit von Fürst Franz Jo­sef II. von Liech­ten­stein mit Ge­or­gi­na «Gi­na» von Wilc­zek im März 1943 als Akt sou­ve­räner Selbst­be­haup­tung be­trach­tet und ent­spre­chend in­sze­niert. Zum ers­ten Mal in der Liech­ten­stei­ner Ge­schich­te nahm der Fürst fes­ten Wohn­sitz im an­ge­stamm­ten Staats­ge­biet. Auch, weil die Lände­rei­en in Böhmen und Mähren seit dem An­schluss Öster­reichs 1938 de fac­to von den Na­zis be­setzt wa­ren. Fürs­tin Gi­na galt als volks­nah und fürsorg­lich. Während des Kriegs gab sie Flücht­lin­gen an der Gren­ze zum wer­den­ber­gi­schen Senn­wald Es­sen aus und be­tätig­te sich zeit­le­bens ka­ri­ta­tiv.

Fürstin «Gina» mit Suppenkelle an der Grenze zur Schweiz: Die Liechtensteiner Monarchin half im Mai 1945 eigenhändig bei der Essens- und Hilfsgüterausgabe an Flüchtende. (Bild: pd/Liechtensteinisches Landesarchiv, B 413 001 007)

Grossandrang an der liechtensteinischen Grenze zur Schweiz (Bild: pd/Liechtensteinisches Landesarchiv, B 413 003 047)

Auch die Aus­stel­lung in Va­duz ist sehr reich­hal­tig. Sie er­zählt Ge­schich­te von un­ten eben­so wie je­ne von oben, was in ei­nem fürst­li­chen Mu­se­um ver­mut­lich kaum zu um­schif­fen ist. Der Spa­gat ge­lingt, auch wenn hier ver­sucht wur­de, ei­nem ge­wis­sen Volls­tändig­keits­an­spruch zu ge­nügen, was die Aus­stel­lung trotz schöner Ge­stal­tung sehr dicht und um­fang­reich macht. Auch hier lohnt es sich, ge­nug Zeit für den Mu­se­ums­be­such ein­zu­pla­nen, wenn man wirk­lich in die Bio­gra­fien und die da­ma­li­gen Be­find­lich­kei­ten ein­tau­chen will.

Ge­denk­aus­stel­lung, Lack­mus­test, Haupt­pro­be

An­ge­stos­sen hat das tri­na­tio­na­le Aus­stel­lungs­pro­jekt «Ge­mein­sam er­in­nern im Rhein­tal» die Ju­ris­tin und So­zi­al­ar­bei­te­rin Son­ja Ar­nold vom Mu­se­um Pre­st­egg. Das Jüdi­sche Mu­se­um Ho­hen­ems hat auf ih­re Ko­ope­ra­ti­ons­an­fra­ge so­fort ein­ge­wil­ligt. Am Ran­de der Ta­gung zum Schwei­zer Me­mo­ri­al für die Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus kam man mit dem Liech­ten­stei­ni­schen Lan­des­mu­se­um ins Ge­spräch, auch die­ses erk­lärte sich bald be­reit, sich im Aus­stel­lungs­pro­jekt ein­zu­brin­gen. Bei an­de­ren In­sti­tu­tio­nen im St.Gal­ler Rhein­tal biss man hin­ge­gen auf Gra­nit. Of­fen­bar gibt es land­läufig im­mer noch viel Be­rührungsängs­te mit dem The­ma.

Son­ja Ar­nold präsi­diert den Mu­se­ums­ver­ein Pre­st­egg erst seit 2022 und hat die In­sti­tu­ti­on durch her­aus­for­dern­de per­so­nel­le und fi­nan­zi­el­le Zei­ten ge­steu­ert. Die Eröff­nung der bei­den Aus­stel­lun­gen in Altstätten En­de Au­gust (Va­duz hat be­reits im Mai eröff­net) wa­ren so ge­se­hen auch ein Be­frei­ungs­schlag. Und ei­gent­lich müss­te es der en­ga­gier­ten und um­trie­bi­gen Netz­wer­ke­rin mit die­sem Meis­ter­stück lo­cker ge­lin­gen, die Altstätter Po­li­tik von der Wich­tig­keit die­ses Mu­se­ums als re­gio­na­le Ge­dächt­nis­in­sti­tu­ti­on zu über­zeu­gen und zu ei­nem ent­spre­chen­den fi­nan­zi­el­len Be­kennt­nis zu mo­ti­vie­ren.

Zur re­gio­na­len Kul­tur­po­li­tik will sich Son­ja Ar­nold im Mo­ment al­ler­dings nicht äus­sern. Nicht die Zu­kunft des Hau­ses ist jetzt The­ma, son­dern der In­halt der ge­lun­ge­nen Son­der­aus­stel­lung und de­ren Ver­mitt­lung. In ih­rer slo­wa­ki­schen Hei­mat ha­be der Ge­schichts­un­ter­richt ei­nen grösse­ren Stel­len­wert als in der Schweiz, sagt die Pro­jekt­lei­te­rin. Sie will vor al­lem Ju­gend­li­chen und Schul­klas­sen den All­tag während des Zwei­ten Welt­kriegs im Rhein­tal näher­brin­gen. Das über­brücke Gräben zwi­schen Ge­ne­ra­tio­nen und Kul­tu­ren. Im Ge­spräch mit Sai­ten be­rich­tet Ar­nold von ei­nem Va­ter mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, der sich die Aus­stel­lung mit sei­nen Kin­dern an­ge­se­hen hat. Er ha­be be­tont, wie wich­tig er es fin­de, dass sei­ne Kin­der über die Ge­schich­te des Or­tes, an dem sie le­ben, Be­scheid wüss­ten. Sol­che Be­geg­nun­gen oder die per­sönli­chen Er­in­ne­run­gen, die Zeit­zeug:in­nen an Er­zähl­ca­fés im Haus oder auch in Al­ters- und Pfle­ge­hei­men in der Re­gi­on tei­len, sind für sie die Es­senz die­ses mu­sea­len Pro­jekts.

Auch für das Jüdi­sche Mu­se­um Ho­hen­ems hat die Teil­aus­stel­lung im Pre­st­egg ei­ne Be­deu­tung, die über das Ver­mit­tel­te im Saal hin­aus­weist. Es sei auch ei­ne Art «Haupt­pro­be» für das vom Bund ge­plan­te Schwei­zer Me­mo­ri­al für die Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in Die­pold­sau, wie Ku­ra­to­rin Bar­ba­ra Thimm es for­mu­liert. Und für Va­duz wur­de «Ge­mein­sam er­in­nern im Rhein­tal» un­ver­hofft auch zu ei­ner Ge­denk­ver­an­stal­tung für den en­ga­gier­ten «Lan­des­his­to­ri­ker» Pe­ter Gei­ger. Die Kin­der des Krie­ges ster­ben nach und nach, die Er­in­ne­run­gen blei­ben dank sol­cher Pro­jek­te am Le­ben.

Die Ostschweiz im Dritten Reich

Na­tür­lich war die Ost­schweiz nie Teil des Drit­ten Reichs. Doch gab es auch hier di­ver­se Kräf­te – Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen –, die nicht der Lo­sung der so­ge­nann­ten «geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­di­gung» folg­ten, son­dern sich für den An­schluss oder zu­min­dest ei­ne An­nä­he­rung an den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und den Fa­schis­mus ein­setz­ten. Die­se von Ri­chard Butz in­iti­ier­te Ar­ti­kel­se­rie will auf­zei­gen, wie viel­fäl­tig die Ver­flech­tun­gen und Ver­net­zun­gen zwi­schen der Ost­schweiz und Hit­lers Re­gime wa­ren. Aber auch die Ge­gen­sei­te, der Ost­schwei­zer An­ti­fa­schis­mus in den 1930/40er-Jah­ren, soll be­leuch­tet wer­den. 80 Jah­re ist es her, seit das Drit­te Reich zu­sam­men­ge­bro­chen ist. An­ge­sichts des glo­bal er­star­ken­den Rechts­po­pu­lis­mus ist es wich­tig, sich auch aus ei­ner re­gio­nal­his­to­ri­schen Per­spek­ti­ve an die­se dunk­le Zeit zu er­in­nern. (red.)

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