Mein Vater hat Ernst S. verhaftet

Max Butz (1908–1984) arbeitete während des Zweiten Weltkriegs für die schweizerische Spionageabwehr im Abschnitt Bodensee-Rheintal. Sein Sohn eröffnet mit seinen persönlichen Erinnerungen die neue Saiten-Serie «Die Ostschweiz im Dritten Reich».

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Max Butz (links) Landjäger in Lüthisburg. (Bilder: Privatarchiv Richard Butz)

In un­se­rer Stu­be in St.Gal­len hing, so­lan­ge ich mich er­in­nern kann, ei­ne Ur­kun­de. Sie war mei­nem Va­ter, Max Butz-Zemp (1908–1984), ge­wid­met und zeig­te ei­nen wa­che­hal­ten­den Schwei­zer Sol­da­ten im lan­gen Uni­form­man­tel, mit Stahl­helm und be­waff­net mit ei­nem Ka­ra­bi­ner. Un­ter­zeich­net von Hen­ri Gu­i­san, wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs Ge­ne­ral und Ober­be­fehls­ha­ber der Schwei­zer Ar­mee, dankt er im Na­men der Eid­ge­nos­sen­schaft mei­nem Va­ter für den von ihm ge­leis­te­ten Ein­satz in die­ser Zeit. Da­mit an­ge­spro­chen war des­sen Tä­tig­keit in der Po­li­ti­schen Ab­tei­lung der St.Gal­ler Kan­tons­po­li­zei und als aus­ser­or­dent­li­cher In­spek­tor bei der Bun­des­po­li­zei in der Spio­na­ge­ab­wehr.

Kurz nach Kriegs­en­de wur­de er der ers­te De­tek­tiv der Kan­tons­po­li­zei und stieg schliess­lich zum Chef der Kri­po St.Gal­len auf. Ich ha­be mei­nen Va­ter nur in Zi­vil­klei­dung er­lebt, stets mit Hut, bei Re­gen­wet­ter im Re­gen­man­tel und mit Schirm, da­bei fast im­mer ei­ne Zi­ga­ret­te im Mund. So glich er dem le­gen­dä­ren Kom­mis­sar Mai­gret aus der gleich­na­mi­gen Ro­man­se­rie von Ge­or­ges Si­me­non oder dem ker­ni­gen Wacht­meis­ter Stu­der aus den Kri­mi­nal­ro­ma­nen von Fried­rich Glau­ser. 

Auf den sonn­täg­li­chen Spa­zier­gän­gen er­zähl­te mein Va­ter oft von sei­nen Er­leb­nis­sen wäh­rend der Kriegs­zeit. Die Spa­zier­gän­ge führ­ten meist nach Abt­wil zum Grab sei­nes 1918 an der Spa­ni­schen Grip­pe ver­stor­be­nen Va­ters, eben­falls Po­li­zist, oder zum Wild­park Pe­ter und Paul. Auf dem Weg dort­hin wies er uns im­mer wie­der auf Vil­len am Ro­sen­berg hin, in de­nen Na­zi­sym­pa­thi­san­ten ge­wohnt hat­ten oder im­mer noch wohn­ten. Er be­rich­te­te von näch­te­lan­gen Über­wa­chun­gen die­ser Vil­len.

Bloss «ein ar­mer Siech»

Re­gel­mäs­sig stand er vor der noch heu­te am Ein­gang zur Kin­der­fest­wie­se ste­hen­den, ge­heim­nis­voll er­schei­nen­den und als Hom­mage an Ri­chard Wag­ner so be­nann­ten Vil­la «Wahn­fried», dem da­ma­li­gen Deut­schen Kon­su­lat mit an­ge­schlos­se­ner Spio­na­ge­ab­tei­lung. Im Volks­mund hiess sie «Vil­la Wahn­sinn». Er er­zähl­te über­dies von Na­zi­tref­fen im ehe­ma­li­gen Schüt­zen­gar­ten­saal, der ge­gen tau­send Per­so­nen fass­te, von Auf­mär­schen der Na­zi­an­hän­ger oder von ei­nem Na­zi­lo­kal ober­halb der Was­ser­gas­se. 

Ernst Schrämli (links) mit Kollege oder Bruder hoch zu Ross (Bild: Schweiz. Bundesarchiv)

Max Butz, irgendwann Ende der 1970er-Jahre

Auf ei­nem die­ser Spa­zier­gän­ge, mög­li­cher­wei­se auf dem Weg nach Abt­wil, fiel auch erst­mals der Na­me Ernst S.: Ernst Schräm­li, im Sit­ter­tal auf­ge­wach­sen und zu­letzt wohn­haft in ei­nem Zim­mer bei Frau Lüt­hy an der Zeug­haus­gas­se 20, hat­te er An­fang Ja­nu­ar 1942 nach der An­zei­ge ei­nes Zim­mer­nach­barn we­gen Spio­na­ge ver­haf­ten müs­sen. Schräm­li hat­te vier Gra­na­ten aus ei­nem un­be­wach­ten Mu­ni­ti­ons­de­pot der Ar­mee ge­stoh­len so­wie Skiz­zen von Ar­til­le­rie- und Bun­ker­stel­lun­gen an­ge­fer­tigt und al­les dem Ab­wart des Deut­schen Kon­su­lats über­ge­ben. An­ge­klagt we­gen Lan­des­ver­rats, wur­de Ernst S. vom zu­stän­di­gen Di­vi­si­ons­ge­richt zum To­de ver­ur­teilt und am 10. No­vem­ber 1942 um Mit­ter­nacht in ei­nem Wäld­chen bei Jon­schwil hin­ge­rich­tet. 

Für mei­nen Va­ter war die­ses Ur­teil viel zu hart und ein gros­ses Un­recht. Denn Ernst S., so sag­te er im­mer wie­der, sei bloss «ein ar­mer Siech» und sein Ver­ge­hen nicht wirk­lich schwer ge­we­sen. Die «rich­ti­gen» Na­zis, die «gros­sen Fi­sche», wie er sie nann­te, ha­be er da­ge­gen lan­ge Zeit nur be­ob­ach­ten und le­dig­lich über sie be­rich­ten dür­fen. Ge­än­dert ha­be sich das erst nach der von den Deut­schen im Win­ter 1942/43 ver­lo­re­nen Schlacht von Sta­lin­grad. Da­mit ha­be sich das En­de des Drit­ten Rei­ches an­ge­deu­tet, und bald dar­auf sei von Bern ein här­te­res Vor­ge­hen ge­gen Na­zi­an­hän­ger an­ge­ord­net wor­den. 

Mit Mei­en­berg woll­te er nicht re­den

Wann im­mer mein Va­ter von Ernst S. er­zähl­te, schwang ein bit­te­rer Un­ter­ton mit. Das hat­te auch da­mit zu tun, dass er, gleich wie mei­ne Mut­ter, halb­deut­scher Her­kunft war. Mit Em­pö­rung be­rich­te­te er von ei­ner Raz­zia beim be­reits er­nann­ten zu­künf­ti­gen Gau­lei­ter der Re­gi­on St.Gal­len. Auf des­sen Li­qui­da­ti­ons­lis­te, die er dort vor­fand, fi­gu­rier­te sein ei­ge­ner Na­me weit oben. Für uns, mei­ne Mut­ter und sei­ne drei Söh­ne, hät­te das, da­von war er über­zeugt, eben­falls schlim­me Fol­gen ge­habt. Wo­mög­lich wä­re es so­gar zu ei­ner Ver­schi­ckung nach Deutsch­land ge­kom­men. 

Zu un­se­ren am Bo­den­see woh­nen­den deut­schen Ver­wand­ten hielt mein Va­ter lan­ge Di­stanz. Die­se lo­cker­te sich über die Jah­re et­was. Doch ganz gab er sein Miss­trau­en ge­gen­über Deutsch­land nie auf, und er reis­te, von ge­le­gent­li­chen Ver­wand­ten­be­su­chen ab­ge­se­hen, kaum je dort­hin, da­ge­gen lie­bend ger­ne nach Frank­reich, Spa­ni­en oder Ita­li­en.

Mit Ni­klaus Mei­en­berg woll­te mein Va­ter nicht re­den, und als des­sen Ernst-S.-Re­por­ta­ge 1974 erst­mals in Buch­form er­schien, be­fand er sie zwar als fak­tisch kor­rekt, aber zu reis­se­risch ge­schrie­ben. Zu­rück­hal­tend war er eben­falls, wenn es um Paul Grü­nin­ger ging. Per­sön­lich moch­te er ihn nicht be­son­ders, be­män­gel­te, er ha­be sich gern als «Herr» auf­ge­führt und ihm – so wie an­de­ren Po­li­zei­re­kru­ten – so­gar be­foh­len, im Dienst sein Pri­vat­au­to zu wa­schen. Zu­dem sei sein Le­bens­wan­del nicht un­ta­de­lig ge­we­sen. Trotz sei­ner Vor­be­hal­te ver­tei­dig­te er Grü­nin­gers Ein­satz für jü­di­sche Flücht­lin­ge, die­ser sei aus mo­ra­li­scher und mensch­li­cher Sicht ge­se­hen rich­tig ge­we­sen, auch wenn er viel­leicht zu weit ge­gan­gen sei. Aus der Kam­pa­gne ge­gen Grü­nin­ger, auch in­ner­halb des Po­li­zei­korps, und dem aus sei­ner Sicht un­wür­di­gen Ge­ran­gel um des­sen Nach­fol­ge, hielt er sich aber her­aus.

Ei­ne brei­te­re Spu­ren­su­che

Das Er­schei­nen von Ste­fan Kel­lers Buch Grü­nin­gers Fall im Jahr 1993 hat mein Va­ter nicht mehr er­lebt. So muss of­fen­blei­ben, was er zum Auf­tau­chen sei­nes Na­mens dar­in ge­meint hät­te. Die­ses steht in Zu­sam­men­hang mit dem Vor­ge­hen ge­gen Flucht­hel­fer im Rhein­tal, an dem er sich, dienst­lich ver­pflich­tet, be­tei­li­gen muss­te. Es er­füllt mich den­noch mit stil­ler Freu­de, in Jörg Krum­men­ach­ers 2005 er­schie­ne­nem Buch Flüch­ti­ges Glück – Die Flücht­lin­ge im Grenz­kan­ton St.Gal­len zur Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus über mei­nen Va­ter zu le­sen, er ha­be im Herbst 1938 drei Flucht­hel­fer nach ei­ner zwei­tä­gi­gen in­ten­si­ven Be­fra­gung und nach kur­zer Un­ter­su­chungs­haft wie­der lau­fen­las­sen.

Ernst Schrämli (links) war begeisterter Musiker und träumte von einer Gesangskarriere in Berlin. (Bild: Schweiz. Bundesarchiv)

Besuch des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower (der grosse Mann in Schwarz und mit schütterem weissen Haar, ungefähr Bildmitte) an der UNO-Konferenz in Genf 1954: Was hält Bundespolizist Max Butz (ca. fünfter von links) hinter seinem Rücken versteckt, dass es den Blick des Präsidenten auf sich zieht? Rechts neben Eisenhower steht der US-Aussenminister John Foster Dulles (mit in die Hüfte gestemmten Armen).

Die Er­zäh­lun­gen mei­nes Va­ters be­schäf­ti­gen mich bis heu­te. Und über die Jah­re ist dar­aus, um ein Bild von Ni­klaus Mei­en­berg zu über­neh­men, ei­ne ganz be­son­de­re St.Gal­ler Sti­cke­rei ge­wor­den. An­ge­fan­gen hat es mit Wal­ter Mat­thi­as Dig­gel­manns Die Hin­ter­las­sen­schaft (1965). In die­sem Ro­man, der recht Fu­ro­re mach­te, setzt sich der Au­tor mit der aus sei­ner Sicht schlecht be­wäl­tig­ten Ver­gan­gen­heit der Schweiz im Zwei­ten Welt­krieg aus­ein­an­der. Schon bald nach Er­schei­nen or­ga­ni­sier­ten ein Freund und ich da­zu ei­ne Ver­an­stal­tung im Schüt­zen­gar­ten­saal. Ein­ge­la­den war der His­to­ri­ker und Schrift­stel­ler Ge­org Thü­rer, der um Ver­ständ­nis für die da­ma­li­ge Hal­tung der Schweiz warb. Der gut be­such­te An­lass ver­lief recht tur­bu­lent, denn ei­ni­ge der an­we­sen­den ehe­ma­li­gen Ak­tiv­dienst­leis­ten­den be­schimpf­ten uns hef­tig, ei­ner droh­te so­gar ei­ne Ohr­fei­ge an.

Bald dar­auf, 1967, er­schien Al­fred A. Häs­lers Das Boot ist voll, ei­ne sehr kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Schwei­zer Flücht­lings­po­li­tik. Die­ses Buch dien­te dem Re­gis­seur Mar­kus Im­hof als Vor­la­ge für den gleich­na­mi­gen Film. Häs­ler konn­te auf zwei Be­rich­te auf­bau­en, zum ei­nen auf den 416 Sei­ten um­fas­sen­den, so­ge­nann­ten Lud­wig-Be­richt (1957/1966), ver­fasst vom Ju­ris­ten Carl Lud­wig im Auf­trag des Bun­des­rats, und zum an­de­ren auf die neun­bän­di­ge Ge­schich­te der schwei­ze­ri­schen Neu­tra­li­tät (1965–1976) des His­to­ri­kers Ed­gar Bon­jour. Erst viel spä­ter, im Jahr 2002, wur­de in 25 Bän­den der nach Jean-Fran­çois Ber­gi­er und ei­ner Kom­mis­si­on be­nann­te Ber­gi­er-Be­richt ver­öf­fent­licht, der zum Teil hef­ti­ge De­bat­ten aus­lös­te.

Im­mer mehr Ver­flech­tun­gen tre­ten zu­ta­ge

Zur so über die Zeit im­mer viel­fäl­ti­ger wer­den­den spe­zi­el­len «St.Gal­ler Sti­cke­rei» ge­hört auch die «Ein­ga­be der Zwei­hun­dert». Mit ihr for­der­ten im Jahr 1940 173 Mit­glie­der des ger­ma­no­phi­len rechts­bür­ger­li­chen «Volks­bun­des für Un­ab­hän­gig­keit der Schweiz», dar­un­ter auch Ost­schwei­zer Per­sön­lich­kei­ten, ei­ne Rück­sicht auf Er­war­tun­gen von Na­zi-Deutsch­land und die Aus­schal­tung von Chef­re­dak­to­ren füh­ren­der Ta­ges­zei­tun­gen. Hin­zu kom­men Na­men von zahl­rei­chen Ost­schwei­zer An­ti­se­mi­ten, der Um­gang mit den Schwei­zer Spa­ni­en­kämp­fern, un­ter ih­nen meh­re­re Ost­schwei­zer, die nach ih­rer Rück­kehr ins Ge­fäng­nis muss­ten, und die Be­hand­lung von An­ti­fa­schis­ten im Schwei­zer Exil.

Ein trü­bes Ka­pi­tel schrie­ben die drei St.Gal­ler Eu­ge­ni­ker und Ras­sen­theo­re­ti­ker Ernst Rü­din, Emil Ab­der­hal­den, der «Schä­del­ver­mes­ser» Ot­to Schlag­inhau­fen und der Bünd­ner Psych­ia­ter Jo­sef Jör­ger, der Ro­ma, Sin­ti und Je­ni­sche als «erb­lich Min­der­wer­ti­ge» ver­schie­de­nen Ver­fol­gungs­stra­te­gien aus­lie­fer­te, zum Bei­spiel mit dem Pro Ju­ven­tu­te-Pro­jekt «Kin­der der Land­stras­se». Für mich, der ei­ne je­ni­sche Ur­gross­mutter hat­te, ei­ne be­son­ders schmerz­li­che Epi­so­de in der neue­ren Schwei­zer Ge­schich­te.

Die Auf­zäh­lung al­ler Schwei­zer Ver­flech­tun­gen mit dem Drit­ten Reich ist längst nicht voll­stän­dig. Über vie­les weiss man heu­te Be­scheid, an­de­res harrt noch der Auf­ar­bei­tung. Wün­schens­wert wä­re ei­ne auf die Ost­schweiz be­zo­ge­ne Ge­samt­dar­stel­lung, ge­ra­de jetzt, in ei­ner Zeit, in der, 80 Jah­re nach En­de des Zwei­ten Welt­kriegs, auch hier rech­ter Po­pu­lis­mus, Ras­sis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und Xe­no­pho­bie in vie­len Krei­sen wie­der sa­lon­fä­hig ge­wor­den sind.

Die Ostschweiz im Dritten Reich

Na­tür­lich war die Ost­schweiz nie Teil des Drit­ten Reichs. Doch gab es auch hier di­ver­se Kräf­te – Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen –, die nicht der Lo­sung der so­ge­nann­ten «geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­di­gung» folg­ten, son­dern sich für den An­schluss oder zu­min­dest ei­ne An­nä­he­rung an den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und den Fa­schis­mus ein­setz­ten. Die­se von Ri­chard Butz in­iti­ier­te Ar­ti­kel­se­rie will auf­zei­gen, wie viel­fäl­tig die Ver­flech­tun­gen und Ver­net­zun­gen zwi­schen der Ost­schweiz und Hit­lers Re­gime wa­ren. Aber auch die Ge­gen­sei­te, der Ost­schwei­zer An­ti­fa­schis­mus in den 1930/40er-Jah­ren, soll be­leuch­tet wer­den. 80 Jah­re ist es her, seit das Drit­te Reich zu­sam­men­ge­bro­chen ist. An­ge­sichts des glo­bal er­star­ken­den Rechts­po­pu­lis­mus ist es wich­tig, sich auch aus ei­ner re­gio­nal­his­to­ri­schen Per­spek­ti­ve an die­se dunk­le Zeit zu er­in­nern. (red.)

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