Die Aura des wissenschaftlichen Antisemitismus

Emil Abderhalden 1940 in seinem Labor an der Universität Halle (Bilder aus Gabathulers Abderhalden-Biografie, vgl. Literaturliste)

Mit Ernst Rüdin, Otto Schlaginhaufen und Emil Abderhalden stammen drei namhafte Eugeniker und Rassenhygieniker aus dem Kanton St.Gallen. Alle standen in Verbindung zum Dritten Reich. Abderhaldens Nähe zum Nationalsozialismus ist allerdings umstritten.

Der Psych­ia­ter, Hu­man­ge­ne­ti­ker und Ras­sen­hy­gie­ni­ker Ernst Rü­din, 1874 in St.Gal­len ge­bo­ren und 1952 in Mün­chen ge­stor­ben, war ein über­zeug­tes NSDAP-Mit­glied und lei­te­te wäh­rend zwölf Jah­ren kom­mis­sa­risch das «In­sti­tut für Ras­sen­hy­gie­ne» in Mün­chen. 1939 ehr­te ihn Adolf Hit­ler mit der «Goe­the-Me­dail­le für Kunst und Wis­sen­schaft». 1945 ent­zog ihm die Schweiz das Bür­ger­recht. 

Der An­thro­po­lo­ge, Eth­no­lo­ge und Ras­sen­hy­gie­ni­ker Ot­to Schlag­inhau­fen, 1897 in St.Gal­len ge­bo­ren und 1973 in Kilch­berg ge­stor­ben, führ­te von 1927 bis 1932 ein Eu­ge­nik-Gross­pro­jekt durch, mit dem Ziel, ei­ne Ras­sen­ty­po­lo­gie der Schwei­zer Be­völ­ke­rung zu er­stel­len. Mit sei­nen Mes­sun­gen woll­te er die wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­gen für ei­ne wirk­sa­me Eu­ge­nik fin­den. Sei­ne Er­geb­nis­se ver­öf­fent­lich­te er nach En­de des Zwei­ten Welt­kriegs in zwei Bän­den un­ter dem Ti­tel An­thro­po­lo­gia Hel­ve­ti­ca.

Der Phy­sio­lo­ge und Psy­cho­lo­gi­sche Che­mi­ker Emil Ab­der­hal­den, 1877 in Ober­uz­wil ge­bo­ren, schwei­ze­risch-deut­scher Dop­pel­bür­ger, wirk­te von 1911 bis 1945 als Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Hal­le an der Saa­le. Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs grün­de­te Ab­der­hal­den den «Bund zur Er­hal­tung und Meh­rung der deut­schen Volks­kraft». 1922 be­gann er sei­ne Tä­tig­keit als Her­aus­ge­ber und Re­dak­tor der Zeit­schrift «Ethik», die er 16 Jah­re spä­ter auf­grund schwin­den­der Nach­fra­ge ein­stell­te. 1932 über­nahm er das Prä­si­di­um der «Deut­schen Aka­de­mie der Na­tur­for­scher Leo­pol­di­na», ein Jahr da­nach be­grüss­te er das deut­sche «Ge­setz zur Ver­hü­tung erb­kran­ken Nach­wuch­ses» und trat in den «Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Leh­rer­bund» ein.

1938 mel­de­te er dem Gau­lei­ter in Hal­le, dass «un­se­rer Aka­de­mie nur Per­sön­lich­kei­ten an­ge­hö­ren, die kei­ne Ju­den sind». Die be­tref­fen­den Kar­tei­kar­ten wur­den von ihm aus­sor­tiert und nach dem Zu­sam­men­bruch des Drit­ten Rei­ches wie­der ein­ge­fügt. Ob die­se Hand­lung vor­aus­ei­len­der Ge­hor­sam war oder ge­schick­tes Tak­tie­ren, bleibt bis heu­te of­fen. An­de­rer­seits wur­den in sei­ner Amts­zeit nam­haf­te Ras­sen­hy­gie­ni­ker in die «Leo­pol­di­na» auf­ge­nom­men, die­se aber nur zum Teil auf Vor­schlag des Prä­si­den­ten.

Der Vor­stel­lung von Ras­sen­hy­gie­ne den Bo­den be­rei­tet

Ab­der­hal­dens che­misch-psy­cho­lo­gi­sche For­schun­gen, die zum Teil heu­te um­strit­ten sind, be­fass­ten sich vor al­lem mit Er­näh­rung und Stoff­wech­sel. Als So­zi­al­ethi­ker kämpf­te er für Fa­mi­li­en­för­de­rung, ge­gen Al­ko­hol, Ni­ko­tin und Ab­trei­bung. Nach dem Ers­ten Welt­krieg or­ga­ni­sier­te er für et­wa 100’000 un­ter­ernähr­te Kin­der, vie­le von ih­nen tu­ber­ku­lös, Fe­ri­en­auf­ent­hal­te in der Schweiz, liess wäh­rend der In­fla­ti­on für mit­tel­lo­se Hal­len­ser:in­nen Volks­kü­chen, Le­se- und Wär­me­stu­ben ein­rich­ten und gab den An­stoss zur Schaf­fung von 1675 Klein­gär­ten in Hal­le. 

Der deut­sche Me­di­zin­ethi­ker und -his­to­ri­ker An­dre­as Fre­wer hat sich ein­ge­hend mit Ab­der­hal­dens zwie­späl­ti­ger Hal­tung ge­gen­über An­ti­se­mi­tis­mus und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus aus­ein­an­der­ge­setzt. In sei­nem Buch Me­di­zin und Mo­ral in Wei­ma­rer Re­pu­blik und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus kommt er zum Schluss, dass, «ent­ge­gen vie­ler bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen, doch von ei­nem leich­ten, durch die Zeit­um­stän­de sti­mu­lier­ten, la­tent-op­por­tu­nis­ti­schen An­ti­se­mi­tis­mus im Lau­fe der 1930er-Jah­re aus­ge­gan­gen wer­den muss».

Als Bei­spiel zi­tiert er Ab­der­hal­den aus sei­ner Be­spre­chung des Bu­ches Sitt­li­che Ent­ar­tung und Ge­bur­ten­schwund im Jah­re 1938 wie folgt: «In ei­nem wei­te­ren Ab­schnitt geht der Ver­fas­ser auf die jü­di­sche Zer­set­zungs­ar­beit auf dem Ge­biet des Se­xu­el­len ein. Es sind sehr erns­te Wor­te, die der Ver­fas­ser an das deut­sche Volk rich­tet (…).» Es wä­re, so Fre­wers Kom­men­tar, für Ab­der­hal­den «ein leich­tes ge­we­sen, an­ti­se­mi­ti­sche Pas­sa­gen des Ori­gi­nal­au­tors, wenn schon nicht zu kri­ti­sie­ren, so doch we­nigs­tens zu über­ge­hen». Sein Fa­zit: «Ab­der­hal­den tat dies nicht. Es ent­steht viel­mehr die Au­ra des wis­sen­schaft­lich-theo­re­ti­schen An­ti­se­mi­tis­mus, die viel­fach dem vul­gä­ren Um­set­zen der ‹Ras­sen­hy­gie­ne› erst den Bo­den be­rei­tet hat.» 

Zum Ver­hält­nis von Ab­der­hal­den zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus hat Fre­wer mehr­fach be­las­ten­de Aus­sa­gen ge­fun­den. In ei­nem Brief, da­tiert vom 15. Au­gust 1938, schrieb er bei­spiels­wei­se an ei­nen nicht mehr be­kann­ten Kol­le­gen: «Es ist wun­der­bar, dass Deutsch­land seit Jahr­hun­der­ten zum ers­ten Mal ei­nen ge­nia­len Füh­rer und Di­plo­ma­ten hat, der weiss, was von Mo­ment zu Mo­ment die Stun­de ge­schla­gen hat, der nie zö­gert, viel­mehr voll und ganz zu­packt und so in ra­schen Zü­gen dem deut­schen Volk ei­ne Stel­lung ge­ge­ben hat, die aus­ser­or­dent­lich viel stär­ker ist, als sie es je war. Nun muss der in­ne­re Aus­bau in je­der Be­zie­hung voll­endet wer­den.»

Es ist aber fai­rer­wei­se an­zu­mer­ken, dass in Fre­wers Buch auch vie­le ent­las­ten­de oder zu­min­dest am­bi­va­len­te Äus­se­run­gen zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus von Ab­der­hal­den zu fin­den sind.

Knatsch im Hal­ler Stadt­rat

Ab­der­hal­dens Ver­stri­ckun­gen mit dem Drit­ten Reich führ­ten 2010 im Stadt­rat von Hal­le, wo es seit 1953 ei­ne nach ihm be­nann­te Stras­se gibt, zu ei­ner fünf­jäh­ri­gen po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung, be­glei­tet von ei­nem teil­wei­se er­bit­tert ge­führ­ten Wis­sen­schafts­streit. Aus­gangs­punkt war ein An­trag von Bünd­nis 90/Grü­ne, die Stras­se um­zu­be­nen­nen. Mit ei­ner in­ter­fa­kul­tä­ren In­itia­ti­ve un­ter­stütz­ten über 40 Aka­de­mi­ker:in­nen die­sen Vor­stoss, der schliess­lich ab­ge­lehnt wur­de.

Abderhalden-Gedenkstein in der Kleingartenanlage Galgenberg in Halle

Umstrittener Strassenname in Halle

Für die­sen Ent­scheid wur­den ver­schie­de­ne Gut­ach­ten an­ge­for­dert. Dar­in stell­ten sich wie­der­um meh­re­re Wis­sen­schaft­ler:in­nen auf die Sei­te von Ab­der­hal­den und fan­den Er­klä­run­gen und Ent­schul­di­gun­gen für des­sen Ver­hal­ten in der NS-Zeit. In sei­nem um­fang­rei­chen Bei­trag zur De­bat­te schreibt Rü­di­ger vom Bruch, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät, ab­schlies­send, dass Ab­der­hal­dens Le­bens­werk re­spekt­ein­flös­send sei, aber durch­aus nicht un­pro­ble­ma­tisch blei­be, und: «Für un­kri­ti­sche Ver­eh­rung taugt er eben­so we­nig wie für ei­ne le­bens­frem­de Ab­ur­tei­lung.» Über den Ent­scheid des Stadt­rats zeig­te sich die hal­len­si­sche Jü­di­sche Ge­mein­de sehr ent­täuscht. 

St.Gal­ler Fan blen­det Ab­der­hal­dens NS-Nä­he aus

Ei­nen glü­hen­den Ver­eh­rer hat­te Ab­der­hal­den schon lan­ge vor dem Stras­sen­na­men­streit mit dem St.Gal­ler Pri­mar­leh­rer und Hob­by­his­to­ri­ker Ja­kob Ga­ba­t­hul­er ge­fun­den. 1991 ver­öf­fent­lich­te die­ser nach lang­jäh­ri­gen Re­cher­chen sein Buch Emil Ab­der­hal­den – Sein Le­ben und Werk. Dar­in ist das The­ma Ab­der­hal­den und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus fast voll­stän­dig aus­ge­blen­det. Im Zen­trum steht des­sen Wir­ken als Ethi­ker, Me­diz­in­for­scher, Na­tur­for­scher und Men­schen­freund. «Ihm», so der Au­tor im Klap­pen­text, «lag das Schick­sal der gan­zen Schöp­fung am Her­zen.»

1945 wur­de Ab­der­hal­den, mit­tel­los und als Lei­ter des so­ge­nann­ten «Ab­der­hal­den-Trans­ports», zu­sam­men mit an­de­ren Wis­sen­schaft­ler:in­nen aus der Re­gi­on von den US-Ame­ri­ka­nern zwangs­wei­se in den Wes­ten eva­ku­iert. Zu­rück in der Schweiz ver­öf­fent­lich­te er 1947 sei­ne Ge­dan­ken ei­nes Bio­lo­gen. In der Ein­lei­tung be­zeich­net er die NS-Zeit, oh­ne sie ex­pli­zit so zu nen­nen, als ei­ne Ka­ta­stro­phe und als «ein noch nie da­ge­we­se­nes Un­glück, her­ein­ge­bro­chen über die Mehr­zahl der Völ­ker».

Ein Jahr spä­ter stiess er die Grün­dung des «Hilfs­werks für das geis­ti­ge Deutsch­land» mit an. Des­sen Ziel war es, mit ge­schenk­ten Bü­chern und Zeit­schrif­ten mit­zu­hel­fen, ein neu­es Deutsch­land zu schaf­fen. Noch bis zu sei­nem Tod 1950 lehr­te der viel­fach aus­ge­zeich­ne­te Emil Ab­der­hal­den an der Uni­ver­si­tät Zü­rich. 1990 wur­de ein erst­mals in Thü­rin­gen ent­deck­ter As­te­ro­id nach ihm be­nannt.

 

Wei­ter­le­sen: 

Emil Ab­der­hal­den: Ge­dan­ken ei­nes Bio­lo­gen zur Schaf­fung ei­ner Völ­ker­ge­mein­schaft und ei­nes dau­er­haf­ten Frie­dens, Ra­scher Ver­lag, Zü­rich 1947.

Ja­kob Ga­ba­t­hul­er: Emil Ab­der­hal­den – Sein Le­ben und Werk, her­aus­ge­ge­ben von der Ab­der­hal­den-Ver­ei­ni­gung Watt­wil, Kom­mis­si­ons­ver­lag Ri­baux AG, St.Gal­len 1991.

An­dre­as Fre­wer: Me­di­zin und Mo­ral in Wei­ma­rer Re­pu­blik und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus – Die Zeit­schrift «Ethik» un­ter Emil Ab­der­hal­den, Cam­pus Ver­lag, Frank­furt/New York 2000.

Mat­thi­as M. We­ber: Ernst Rü­din – Ei­ne kri­ti­sche Bio­gra­phie, Sprin­ger Ver­lag, Ber­lin/Hei­del­berg 1993.

Urs Pe­ter Wei­len­mann: Der An­thro­po­lo­ge Ot­to Schlag­inhau­fen, 1879-1973, Ju­ris Ver­lag, Zü­rich 1990.

Chris­toph Kel­ler: Der Schä­del­ver­mes­ser. Ot­to Schlag­inhau­fen – An­thro­po­lo­ge und Ras­sen­hy­gie­ni­ker, Lim­mat Ver­lag, Zü­rich 1999.

Ernst Klee: Das Per­so­nen­le­xi­kon zum Drit­ten Reich – Wer war was vor und nach 1945, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2025.

Die Ostschweiz im Dritten Reich

Na­tür­lich war die Ost­schweiz nie Teil des Drit­ten Reichs. Doch gab es auch hier di­ver­se Kräf­te – Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen –, die nicht der Lo­sung der so­ge­nann­ten «geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­di­gung» folg­ten, son­dern sich für den An­schluss oder zu­min­dest ei­ne An­nä­he­rung an den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und den Fa­schis­mus ein­setz­ten. Die­se von Ri­chard Butz in­iti­ier­te Ar­ti­kel­se­rie will auf­zei­gen, wie viel­fäl­tig die Ver­flech­tun­gen und Ver­net­zun­gen zwi­schen der Ost­schweiz und Hit­lers Re­gime wa­ren. Aber auch die Ge­gen­sei­te, der Ost­schwei­zer An­ti­fa­schis­mus in den 1930/40er-Jah­ren, soll be­leuch­tet wer­den. 80 Jah­re ist es her, seit das Drit­te Reich zu­sam­men­ge­bro­chen ist. An­ge­sichts des glo­bal er­star­ken­den Rechts­po­pu­lis­mus ist es wich­tig, sich auch aus ei­ner re­gio­nal­his­to­ri­schen Per­spek­ti­ve an die­se dunk­le Zeit zu er­in­nern. (red.)

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