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Tänzerin gegen Hitler

Julia Marcus in ihrer Hitler-Parodie, vermutlich 1927 (Bild: Willi Saeger, Berlin/Deutsches Kabarettarchiv)

Julia Marcus in ihrer Hitler-Parodie, vermutlich 1927 (Bild: Willi Saeger, Berlin/Deutsches Kabarettarchiv)

Eine Heidi-Aufführung am Stadttheater brachte die St.Gallerin Julia Marcus (1904–2002) zum Neuen Tanz. Nach Stationen in Zürich, Dresden und Berlin lebte und arbeitete sie ab 1933 in Frankreich. Auch während der deutschen Besatzung blieb sie überzeugte Kommunistin.

Im Som­mer 1994 sass die Aus­drucks­tän­ze­rin, Cho­reo­gra­fin, Tanz­päd­ago­gin, Tanz­kri­ti­ke­rin und Über­set­ze­rin Ju­lia Mar­cus, 89 Jah­re alt, auf ei­ner Bank am Bo­den­see. Sie war in Be­glei­tung ei­ner Freun­din in die Ost­schweiz ge­kom­men, weil sie noch ein­mal in den Bo­den­see tau­chen woll­te. Den Bo­den­see kann­te und lieb­te Ju­lia Mar­cus als be­geis­ter­tes Mit­glied der «Wan­der­vo­gel-Be­we­gung» seit ih­ren Ju­gend­jah­ren. 1904 in St.Gal­len ge­bo­ren, ging sie, erst 18-jäh­rig, nach Zü­rich, bald dar­auf nach Dres­den und wei­ter nach Ber­lin. 1933 emi­grier­te sie nach Frank­reich, wo sie hoch­be­tagt im Ju­li 2002 starb.

Ju­li­as jü­di­scher Va­ter, 1878 in Ber­lin ge­bo­ren und spä­ter nach St.Gal­len ein­ge­wan­dert, war Mu­sik­päd­ago­ge, oft an­ecken­der Mu­sik­kri­ti­ker, Kon­zert­pia­nist, No­ten­ver­käu­fer bei der Fir­ma Hug, Hand­schrif­ten­samm­ler und Schrift­stel­ler. Als letz­te­rer er­folg­los, fand er kei­nen Ver­le­ger für sei­ne Pu­bli­ka­tio­nen und muss­te sie im Ei­gen­ver­lag her­aus­ge­ben. Auch sein in Buch­form ver­öf­fent­lich­ter Vor­schlag für ei­ne neue No­ten­schrift fand kei­nen An­klang. Als Ju­lia acht Jah­re alt war, ver­liess der Va­ter die Fa­mi­lie für ei­ne Kla­vier­schü­le­rin. Dies stiess die Mut­ter, ei­ne deut­sche Pro­tes­tan­tin, und ih­re drei Kin­der in Ar­mut. Sie wa­ren ge­zwun­gen, aus der an­ge­se­he­nen Spi­ser­gas­se in ein ärm­lich gel­ten­des Quar­tier im Os­ten der Stadt um­zu­zie­hen.

Ju­lia Mar­cus er­in­ner­te sich: «Die­ser Woh­nungs­wech­sel be­deu­te­te für uns et­was Schreck­li­ches», und: «Ich litt furcht­bar dar­un­ter, dass mein Va­ter nicht mehr mit uns leb­te, das galt als ei­ne gros­se Schan­de.» Weil Ot­to Mar­cus 1942 in Un­frie­den mit St.Gal­len starb, ver­mach­te sei­ne Toch­ter aus zwei­ter Ehe des­sen wert­vol­le Samm­lung von 96 Ori­gi­nal­hand­schrif­ten von Kom­po­nis­ten, Mu­si­kern und Schrift­stel­lern der Stadt Wien. 

Akt­mo­dell und Tän­ze­rin

Erst­mals mit Tanz in Be­rüh­rung kam Ju­lia Mar­cus über das Er­leb­nis ei­ner im St.Gal­ler Stadt­thea­ter auf­ge­führ­ten dra­ma­ti­sier­ten Fas­sung von Jo­han­na Spy­ris Hei­di. In da­zwi­schen ein­ge­streu­te Rei­gen tanz­ten Ab­sol­vent:in­nen der avant­gar­dis­ti­schen Jac­ques-Dal­cro­ze-Schu­le. Für die jun­ge Ju­lia, die be­reits im Al­ter von 13 Jah­ren ar­bei­ten muss­te, war die­se Auf­füh­rung ei­ne Of­fen­ba­rung und führ­te sie zur Tanz­päd­ago­gin Mar­grit For­rer-Bir­baum (1891–1971). Sie war ei­ne Schü­le­rin der bei­den Pio­nie­re des Neu­en Tan­zes, Ru­dolf von La­ban und Emi­le Jac­ques-Dal­cro­ze, und Lei­te­rin der ers­ten Tanz­trup­pe am St.Gal­ler Stadt­thea­ter.

Julia Marcus als junge Schülerin der Dresdner Palucca-Tanzschule (Bild: Akademie der Künste, Berlin, Mary-Wigman-Archiv, Nr. 397)

Julia Marcus als junge Schülerin der Dresdner Palucca-Tanzschule (Bild: Akademie der Künste, Berlin, Mary-Wigman-Archiv, Nr. 397)

Die Tanz­stun­den fi­nan­zier­te sie als Akt­mo­dell, da­mals, wie sich Mar­cus er­in­nert, ei­ne in St.Gal­len ziem­lich ver­pön­te Tä­tig­keit. In Zü­rich nahm sie Stun­den bei der La­ban-Schü­le­rin Su­zan­ne Per­rot­tet. Ih­ren Un­ter­halt und die Tanz­stun­den fi­nan­zier­te sie wei­ter­hin als Akt­mo­dell, so auch als Vor­la­ge für zwei Frau­en­fi­gu­ren, die den Ein­gang der ehe­ma­li­gen Schwei­ze­ri­schen Volks­bank un­weit des Zür­cher Pa­ra­de­plat­zes zie­ren.

1925 ging Mar­cus nach Dres­den, da­mals das Mek­ka des Neu­en Tan­zes, und zu Ma­ry Wig­man. Die­se war ei­ne füh­ren­de Ver­tre­te­rin der Tan­za­vant­gar­de, ver­ehr­te, was Mar­cus da­mals nicht wuss­te, aber auch Adolf Hit­ler. Zwei Jah­re spä­ter schloss sie ih­re Aus­bil­dung mit ei­nem Di­plom der Wig­man-Schu­le ab. «Das war», sag­te Mar­cus rück­bli­ckend, «ei­ne Be­frei­ung (...), kein Kor­sett mehr, kei­ne ho­hen Ab­sät­ze, man übt nackt, be­wegt den Kör­per frei in al­le Rich­tun­gen.» 1928, da­mals be­reits Grup­pen­tän­ze­rin im Bal­lett­ensem­ble der Deut­schen Oper Ber­lin, prä­sen­tier­te sie an der «Schwei­ze­ri­schen Aus­stel­lung für Frau­en­ar­beit» mit dem So­lo «Ägyp­ti­sches Lied» ih­re ers­te ei­ge­ne Cho­reo­gra­fie. 

An­ti­fa­schis­ti­sche Tän­ze­rin

Ih­re ei­ge­nen cho­reo­gra­fi­schen Ideen setz­te Jui­la Mar­cus in zahl­rei­chen So­lo­num­mern um, et­wa im Ka­ba­rett Die Wes­pen von Le­on Hirsch, im Ka­ba­rett der Ko­mi­ker am Kur­fürs­ten­damm oder in Wer­ner Fincks le­gen­dä­rem, Hit­ler ver­spot­ten­den Ka­ba­rett Die Ka­ta­kom­be. Ne­ben Par­odien, zum Bei­spiel als be­klei­de­te «Nackt­tän­ze­rin» oder ei­ner auf den schwarz­ame­ri­ka­ni­schen «Black­face»-Dar­stel­ler Al Jol­son, ar­bei­te­te Mar­cus ih­re kom­mu­nis­ti­sche Über­zeu­gung in ver­schie­de­ne So­lo­num­mern ein. Mit Ghan­di und der bri­ti­sche Lö­we setz­te sie sich für die Ge­walt­lo­sig­keit und ge­gen den Ko­lo­nia­lis­mus ein, sie tanz­te zu Hans Eis­lers So­li­da­ri­täts­lied, trat mit Ernst Busch auf und sorg­te 1927 für Auf­se­hen mit ei­ner Hit­ler-Par­odie. Ei­gent­lich, er­in­nert sie sich, sei sie furcht­bar pri­mi­tiv ge­we­sen, aber da­mals ha­be man dar­über ge­lacht: «Ich trug ei­ne Mas­ke und kam an­mar­schiert als le­ben­des Ha­ken­kreuz zu den Klän­gen des Gla­dia­to­ren­mar­sches. (...) Da­mals woll­te Hit­ler sich mit der Kir­che ver­söh­nen, al­so ging das Ha­ken­kreuz auf die Knie, tat fromm, als ob es be­te­te und zum Him­mel fleh­te, und zum Schluss leg­te es wie­der mi­li­tä­risch los.»

Ihr letz­tes in Ber­lin ge­tanz­tes Stück hiess Wal­zer 1933. In die­sem Jahr wur­de sie als Kom­mu­nis­tin und An­ti-Na­tio­nal­so­zia­lis­tin de­nun­ziert und von der Po­li­zei ver­nom­men. Sie konn­te sich aber her­aus­re­den. Doch ge­mäss den Ras­sen­vor­stel­lun­gen der Na­zis galt sie als Halb­jü­din, dies ob­wohl ihr Va­ter längst zum Pro­tes­tan­tis­mus über­ge­tre­ten war. Da­mit war sie für die Deut­sche Oper nicht mehr trag­bar und wur­de trotz Pro­test ih­rer­seits ent­las­sen. Über Po­len und Wien floh sie nach Zü­rich. Hier fühl­te sie sich als Emi­gran­tin nicht will­kom­men und zog wei­ter nach Pa­ris. 

Un­ge­bro­chen ge­gen den Fa­schis­mus

Oh­ne gül­ti­ges Vi­sum leb­te Ju­lia Mar­cus vor­erst il­le­gal in Pa­ris. Das än­der­te sich erst, als sie 1938 den aus Mar­ti­ni­que stam­men­den In­ge­nieur Da­ni­el Tar­dy hei­ra­te­te. Mit ihm leb­te sie – nach ei­ge­nen Wor­ten – 42 Jah­re lang in «we­nig glück­li­cher Ehe» zu­sam­men. Bis zum Ein­marsch der Deut­schen in Pa­ris be­weg­te sie sich, ge­schützt auch dank ih­rer Hei­rat, re­la­tiv un­ge­hin­dert in der Pa­ri­ser Bo­hè­me. Sie do­zier­te an der Pan­to­mi­men­schu­le von Jean-Lou­is Bar­rault, ge­hör­te zum Kreis um Jac­ques Pré­vert, tanz­te in Mont­mart­re-Thea­tern und 305-mal in ei­ner Re­vue. Re­gel­mäs­sig ging sie auch zu ei­nem «bal nèg­re» in der Rue Blo­met, wo sie Tar­dy ken­nen­lern­te.

Julia Marcus 2002 in Paris. Annette von Wangenheim, die Regisseurin und Autorin des Films Tanz unterm Hakenkreuz, hat die Tänzerin bei den Dreharbeiten fotografiert. (Bild: Annette von Wangenheim/Deutsches Tanzarchiv)

Julia Marcus 2002 in Paris. Annette von Wangenheim, die Regisseurin und Autorin des Films Tanz unterm Hakenkreuz, hat die Tänzerin bei den Dreharbeiten fotografiert. (Bild: Annette von Wangenheim/Deutsches Tanzarchiv)

1942 zwan­gen die Deut­schen auch fran­zö­si­sche Jü­din­nen und Ju­den da­zu, den gel­ben Stern zu tra­gen. Die Tar­dys flo­hen vor­erst in die un­be­setz­te Zo­ne, wo sich aber Ju­lia nicht wohl­fühl­te und ih­ren in Pa­ris wir­ken­den Ana­ly­ti­ker ver­miss­te. Zu­rück in der Haupt­stadt, ver­schaff­te sie sich, ver­se­hen mit ei­nem er­schli­che­nen Un­be­denk­lich­keits­ver­merk, ei­ne Stel­le in ei­nem von ei­nem deut­schen Na­zi ge­führ­ten Bau­un­ter­neh­men. Dies si­cher­te ihr Über­le­ben. Dem Kom­mu­nis­mus blieb sie den­noch wei­ter­hin treu und lern­te an ei­ner Fei­er zum 20. Jah­res­tag der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on in Pa­ris den ein Jahr spä­ter auf Be­fehl Sta­lins li­qui­dier­ten Re­vo­lu­tio­när und Po­li­ti­ker Ni­ko­lai Bucha­rin ken­nen.

Nach En­de des Zwei­ten Welt­kriegs gab Ju­lia Mar­cus das Tan­zen auf, ei­ner­seits aus Al­ters­grün­den, an­de­rer­seits aber auch, weil ihr die neu auf­kom­men­den Tanz­rich­tun­gen nicht be­hag­ten. Sie be­gann, von Pa­ris aus Tanz­kri­ti­ken zu schrei­ben, zu­erst für das «St.Gal­ler Tag­blatt», dann 38 Jah­re lang auch für die NZZ. Sie ar­bei­te­te zu­dem als Über­set­ze­rin. «Le­ben konn­te ich da­von nicht», hielt sie rück­bli­ckend fest, «aber es war ein ideel­ler Rück­halt. Ich ar­bei­te­te als Se­kre­tä­rin in ir­gend­ei­nem blö­den Bü­ro, bis ich Ren­te be­kam.» Über ihr wech­sel­vol­les und tap­fe­res Le­ben be­rich­te­te sie in ei­nem bis heu­te lei­der un­ver­öf­fent­licht ge­blie­be­nen Ma­nu­skript un­ter dem Ti­tel «Le­bens­er­in­ne­run­gen – Ei­ne Tän­ze­rin blickt zu­rück».

Die Ostschweiz im Dritten Reich

Na­tür­lich war die Ost­schweiz nie Teil des Drit­ten Reichs. Doch gab es auch hier di­ver­se Kräf­te – Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen –, die nicht der Lo­sung der so­ge­nann­ten «geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­di­gung» folg­ten, son­dern sich für den An­schluss oder zu­min­dest ei­ne An­nä­he­rung an den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und den Fa­schis­mus ein­setz­ten. Die­se von Ri­chard Butz in­iti­ier­te Ar­ti­kel­se­rie will auf­zei­gen, wie viel­fäl­tig die Ver­flech­tun­gen und Ver­net­zun­gen zwi­schen der Ost­schweiz und Hit­lers Re­gime wa­ren. Aber auch die Ge­gen­sei­te, der Ost­schwei­zer An­ti­fa­schis­mus in den 1930/40er-Jah­ren, soll be­leuch­tet wer­den. 80 Jah­re ist es her, seit das Drit­te Reich zu­sam­men­ge­bro­chen ist. An­ge­sichts des glo­bal er­star­ken­den Rechts­po­pu­lis­mus ist es wich­tig, sich auch aus ei­ner re­gio­nal­his­to­ri­schen Per­spek­ti­ve an die­se dunk­le Zeit zu er­in­nern. (red.)

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