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«Säuberung vom Nazigesindel»

Hitlergruss in St.Gallen: Nationalsozialist:innen feiern am 2. Mai 1942 im St.Galler Schützengarten-Saal den Tag der Deutschen Arbeit, vorne auf der Bühne steht eine Jugendgruppe. (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)

Hitlergruss in St.Gallen: Nationalsozialist:innen feiern am 2. Mai 1942 im St.Galler Schützengarten-Saal den Tag der Deutschen Arbeit, vorne auf der Bühne steht eine Jugendgruppe. (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)

Unter massivem öffentlichem Druck wiesen der Bund und die Kantone nach dem Zweiten Weltkrieg über 1000 besonders belastete Nazis aus der Schweiz aus. Familienangehörige mitgezählt, verliessen rund 2000 Personen das Land – davon gut 300 aus der Ostschweiz.

Es war so et­was wie ei­ne Wie­der­an­eig­nung. Im St.Gal­ler «Schüt­zen­gar­ten», wo das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Frei­zeit­werk «Kraft durch Freu­de» in den zwölf Jah­ren zu­vor im­mer wie­der Fa­mi­li­en­aben­de und so­ge­nann­te Bun­te Aben­de ver­an­stal­tet, wo die Reichs­deut­sche Ge­mein­schaft je­weils An­fang Mai den «Tag der na­tio­na­len Ar­beit» und im Herbst das Ern­te­dank­fest be­gan­gen, wo­hin der deut­sche Kon­sul re­gel­mäs­sig zum Jah­res­tag der «Macht­er­grei­fung» und zu Hit­lers Ge­burts­tag ein­ge­la­den hat­te – aus­ge­rech­net hier fand am 5. Ju­ni 1945 ei­ne macht­vol­le Ge­gen­de­mons­tra­ti­on statt.

Or­ga­ni­sa­tor:in­nen wa­ren die So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei (SP) und das Ge­werk­schafts­kar­tell der Stadt St.Gal­len. Im gros­sen Saal, auf der Ga­le­rie, auf der Büh­ne und zum Teil noch in den Gän­gen dräng­ten sich nach An­ga­ben des frei­sin­ni­gen «St.Gal­ler Tag­blatts» und der kon­ser­va­ti­ven «Ost­schweiz» rund 2000 Per­so­nen, aus Sicht der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen «Volks­stim­me» wa­ren es so­gar «weit über 2000», nach Schät­zung des – wie frü­her schon bei den Na­zi-An­läs­sen eben­falls an­we­sen­den – Ver­tre­ters der Po­li­ti­schen Po­li­zei im­mer­hin «über 1500».

Auf­ruf an die Be­völ­ke­rung, Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und Fa­schis­ten zu mel­den

Wor­um es den Ver­sam­mel­ten ging, fass­te ei­ne zum Schluss der Kund­ge­bung ein­stim­mig ver­ab­schie­de­te Re­so­lu­ti­on zu­sam­men: «Aus­wei­sung und Ent­zug der Nie­der­las­sung ge­gen­über al­len ak­ti­ven Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und Fa­schis­ten samt de­ren Fa­mi­li­en». Oder wie es ei­ner der Red­ner prä­gnant und ge­mäss des «Volks­stim­me»-Be­richt­erstat­ters un­ter «rie­si­gem Bei­fall» for­mu­lier­te: Ge­for­dert wer­de die «Säu­be­rung der Schweiz vom Na­zi­ge­s­in­del».

Rechtsextremismus in der Ostschweiz

Pe­ter Stahl­ber­ger macht den Auf­takt zur neu­en Sai­ten-Se­rie, die an die letzt­jäh­ri­ge Ar­ti­kel­rei­he «Die Ost­schweiz im Drit­ten Reich» an­knüpft. Rechts­extre­mes Ge­dan­ken­gut ist nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs nicht ein­fach aus der Ost­schweiz ver­schwun­den. Es hat über­dau­ert, sich ver­än­dert und im­mer wie­der mo­der­ni­siert – und ist in un­ter­schied­li­cher Ge­stalt im­mer wie­der zu­ta­ge ge­tre­ten. Sai­ten möch­te in die­ser Se­rie in lo­ser Fol­ge den un­ter­schied­li­chen Er­schei­nungs­for­men des Rechts­extre­mis­mus und Fa­schis­mus in der Ost­schweiz nach­spü­ren – von 1945 bis heu­te.

We­ni­ge Ta­ge spä­ter setz­te die SP-Frak­ti­on im St.Gal­ler Stadt­par­la­ment noch ei­nen drauf. In der Dis­kus­si­on über ei­nen Vor­stoss zu den bis­her er­folg­ten und noch ge­plan­ten Aus­wei­sun­gen brach­te sie ei­nen An­trag ein, der sich di­rekt an die Stadt­be­völ­ke­rung rich­te­te. Das Par­la­ment, hiess es dar­in, «ruft die Be­völ­ke­rung auf, den Stadt­rat in sei­nen Be­stre­bun­gen wirk­sam zu un­ter­stüt­zen und ihm an die Hand zu ge­hen bei der Aus­fin­dig­ma­chung von Leu­ten, die sich ak­tiv ge­gen un­ser Land ver­gan­gen und un­ser Gast­recht in gröb­li­cher Wei­se ver­letzt und miss­braucht ha­ben». Trotz ei­ni­ger Nein-Stim­men und zahl­rei­cher Ent­hal­tun­gen aus den Rei­hen der Frei­sin­ni­gen und der Kon­ser­va­ti­ven kam der An­trag durch.

Aus­wei­sun­gen durch den Bun­des­rat: St.Gal­len in der «Spit­zen­grup­pe»

Das Pro­blem nur: Für Aus­wei­sun­gen wa­ren der Bun­des­rat und in be­stimm­ten Fäl­len die Kan­to­ne, nicht aber kom­mu­na­le Be­hör­den zu­stän­dig. Ih­re Rechts­grund­la­gen hat­ten die vom Bun­des­rat aus­ge­spro­che­nen Lan­des­ver­wei­sun­gen in der Bun­des­ver­fas­sung (Ge­fähr­dung der in­ne­ren oder äus­se­ren Si­cher­heit), die durch die Kan­to­ne ver­füg­ten Aus­wei­sun­gen im Bun­des­ge­setz über Auf­ent­halt und Nie­der­las­sung der Aus­län­der (Miss­brauch des Gast­rech­tes, öf­fent­li­ches In­ter­es­se an ei­ner Aus­wei­sung).

Der St.Galler Zeichner Fritz Gilsi kombinierte in dieser «Nebelspalter»-Karikatur zwei aktuelle Ereignisse der unmittelbaren Nachkriegszeit: die «Säuberung» der Schweiz von NSDAP-Mitgliedern (Davos war lange eine Nazi-Hochburg) und das massenhafte Auftauchen von Maikäfern im Frühsommer 1945. (Bild: pd)

Der St.Galler Zeichner Fritz Gilsi kombinierte in dieser «Nebelspalter»-Karikatur zwei aktuelle Ereignisse der unmittelbaren Nachkriegszeit: die «Säuberung» der Schweiz von NSDAP-Mitgliedern (Davos war lange eine Nazi-Hochburg) und das massenhafte Auftauchen von Maikäfern im Frühsommer 1945. (Bild: pd)

Lan­ge Zeit, bis zur ab­seh­ba­ren Nie­der­la­ge Deutsch­lands im Früh­jahr 1945, wur­de von die­sen In­stru­men­ten nur zu­rück­hal­tend Ge­brauch ge­macht. Auch wa­ren die Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deut­sche Ar­bei­ter­par­tei (NSDAP) und ih­re Un­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen - in der Schweiz nicht et­wa ver­bo­ten. Viel­mehr be­gnüg­te man sich da­mit, sie eben­so wie die ita­lie­ni­schen Fa­schis­ten und «un­zu­ver­läs­sig er­schei­nen­de» schwei­ze­ri­sche Per­so­nen und Or­ga­ni­sa­tio­nen durch die Bun­des­po­li­zei, die Po­li­zei­en der Kan­to­ne und in grös­se­ren Städ­ten durch die ört­li­chen Po­li­zei­or­ga­ne über­wa­chen zu las­sen. Die Stadt St.Gal­len, Zen­trum der re­gi­ons­weit mit­glie­der­stärks­ten, bis ins Ap­pen­zel­ler­land rei­chen­den NSDAP-Orts­grup­pe, bil­de­te auf Er­su­chen des Kan­tons des­halb im Herbst 1938 ei­nen so­ge­nann­ten Spe­zi­al­dienst: ei­ne ei­ge­ne, an­fäng­lich drei und wäh­rend des Krie­ges fünf Fahn­der um­fas­sen­de Po­li­ti­sche Po­li­zei, die über die Jah­re ins­ge­samt mehr als 550 Ver­samm­lun­gen aus­län­di­scher – vor­wie­gend deut­scher – und schwei­ze­ri­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen kon­trol­lier­te und über de­ren Ver­lauf Be­rich­te ver­fass­te.

Am 1. Mai 1945, als an­ge­sichts des Kriegs­ver­laufs de­fi­ni­tiv kei­ne deut­schen Ver­gel­tungs­mass­nah­men mehr zu er­war­ten wa­ren, be­schloss der Bun­des­rat dann doch noch die Auf­lö­sung der NSDAP. Und ei­ne Wo­che spä­ter, als über­all in der Schweiz die Ka­pi­tu­la­ti­on des Hit­ler­staa­tes ge­fei­ert wur­de, fan­den lan­des­weit 364 Haus­durch­su­chun­gen statt (29 im Kan­ton St.Gal­len, da­von 12 in der Haupt­stadt, un­ter an­de­rem im Deut­schen Heim an der Hal­den­stras­se 1, so­wie 18 im Thur­gau). Zu­sam­men mit den Dos­siers und Rap­por­ten der Po­li­ti­schen Po­li­zei dien­ten die bei den Durch­su­chun­gen si­cher­ge­stell­ten Un­ter­la­gen in der Fol­ge als Ba­sis für die be­hörd­li­chen Aus­wei­sungs­ver­fü­gun­gen.

Vom Bun­des­rat wur­den zwi­schen dem 29. Mai 1945 und dem 1. Fe­bru­ar 1946 to­tal gut 350 füh­ren­de NSDAP-Mit­glie­der aus der Schweiz aus­ge­wie­sen. Un­ter den Kan­to­nen stand da­bei Ba­sel-Stadt mit 57 voll­zo­ge­nen Aus­wei­sun­gen an der Spit­ze. Da­hin­ter folg­ten et­wa gleich­auf Zü­rich mit 42 und St.Gal­len mit – je nach Quel­le – 41 oder 42 ab­ge­scho­be­nen Na­zis. Aus dem Thur­gau muss­ten fünf, aus Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den drei Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf bun­des­rät­li­ches Ge­heiss die Schweiz ver­las­sen. Da vie­le der Be­trof­fe­nen ver­hei­ra­tet wa­ren und Kin­der hat­ten, lag die Zahl der ef­fek­tiv Aus­ge­reis­ten in der Re­gel hö­her: Aus St.Gal­len bei­spiels­wei­se kehr­ten to­tal 87, aus dem Thur­gau 13 Per­so­nen «heim ins Reich», das es nun nicht mehr gab.

Kan­to­na­le Aus­wei­sun­gen: «Mil­de» in St.Gal­len, Här­te im Thur­gau

Im Un­ter­schied zu den be­son­ders gra­vie­ren­den, vom Bun­des­rat ent­schie­de­nen Fäl­len war­fen die auf Kan­tons­ebe­ne zu be­han­deln­den Dos­siers oft heik­le ju­ris­ti­sche und po­li­ti­sche Fra­gen auf. Wie et­wa soll­te mit Deut­schen ver­fah­ren wer­den, die zwar der NSDAP an­ge­hört, sich aber un­auf­fäl­lig ver­hal­ten hat­ten? Und wie mit sol­chen, die nicht Par­tei­mit­glie­der ge­we­sen, je­doch mit de­mons­tra­tiv deutsch­freund­li­chen oder Schweiz-feind­li­chen Äus­se­run­gen in Er­schei­nung ge­tre­ten wa­ren?

Der St.Galler Stadtrat wollte ihn ausweisen, die Kantonsregierung beliess es bei einer Androhung: Schauspieler Fritz Bois, hier als «Mustergatte» zusammen mit der jungen Trudi Gerster in einer Stadttheater-Inszenierung von 1943/44. (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)

Der St.Galler Stadtrat wollte ihn ausweisen, die Kantonsregierung beliess es bei einer Androhung: Schauspieler Fritz Bois, hier als «Mustergatte» zusammen mit der jungen Trudi Gerster in einer Stadttheater-Inszenierung von 1943/44. (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)

Im Un­ter­schied zu den be­son­ders gra­vie­ren­den, vom Bun­des­rat ent­schie­de­nen Fäl­len war­fen die auf Kan­tons­ebe­ne zu be­han­deln­den Dos­siers oft heik­le ju­ris­ti­sche und po­li­ti­sche Fra­gen auf. Wie et­wa soll­te mit Deut­schen ver­fah­ren wer­den, die zwar der NSDAP an­ge­hört, sich aber un­auf­fäl­lig ver­hal­ten hat­ten? Und wie mit sol­chen, die nicht Par­tei­mit­glie­der ge­we­sen, je­doch mit de­mons­tra­tiv deutsch­freund­li­chen oder Schweiz-feind­li­chen Äus­se­run­gen in Er­schei­nung ge­tre­ten wa­ren?

Bei den Ant­wor­ten auf sol­che Fra­gen hand­le es sich «weit­ge­hend um Er­mes­sens­ent­schei­de», räum­te der Thur­gau­er Po­li­zei­di­rek­tor Paul Alt­wegg (1884−1952) im Früh­jahr 1946 vor dem Kan­tons­par­la­ment ein. In­di­rekt gab ihm sein St.Gal­ler Amts­kol­le­ge Al­fred Kess­ler (1885−1951) recht. In ei­nem Schrei­ben an den Schau­spie­ler Fritz Bo­is (1901−1957), der vor al­lem aus Kar­rie­re­grün­den Mit­glied der NSDAP-Orts­grup­pe St.Gal­len ge­wor­den und von der Re­gie­rung schliess­lich nur mit ei­ner Aus­wei­sungs­an­dro­hung – ei­ner Art gel­ben statt der ro­ten Kar­te – be­legt wor­den war, wies Kess­ler An­fang 1946 auf die «ver­hält­nis­mäs­sig mil­de Pra­xis un­se­res Kan­tons» hin. An­ders­wo, gab er Bo­is zu be­den­ken, hät­te «die Zu­ge­hö­rig­keit zur NSDAP al­lein schon für ei­ne Aus­wei­sung ge­nügt».

Tat­säch­lich mas­sen ge­ra­de et­wa die bei­den Nach­barn St.Gal­len und Thur­gau mit un­glei­chen El­len. Der Kan­ton St.Gal­len setz­te in 37 Fäl­len mit to­tal 56 be­trof­fe­nen Per­so­nen ei­ne Aus­rei­se durch; im Thur­gau ge­schah das je nach Sta­tis­tik in 68 bis 75 Fäl­len mit rund 140 Be­trof­fe­nen. (Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den, auf das im Fol­gen­den nicht mehr ein­ge­gan­gen wird, ver­zeich­ne­te acht Fäl­le mit ins­ge­samt elf aus­ge­reis­ten Per­so­nen.) Die Dis­kre­panz zwi­schen St.Gal­len und dem Thur­gau mu­tet noch er­staun­li­cher an, wenn man sie vor dem Hin­ter­grund des je­wei­li­gen NSDAP-Or­ga­ni­sa­ti­ons­gra­des be­trach­tet: Im Kan­ton St.Gal­len zähl­te die Par­tei zu ih­ren bes­ten Zei­ten über 170, im Thur­gau da­ge­gen nur gut 50 ein­ge­schrie­be­ne Mit­glie­der, die sich auf die Orts­grup­pen St.Gal­len, Rhein­tal, Ror­schach, Wer­den­berg und Wil be­zie­hungs­wei­se Am­ris­wil, Ar­bon, Frau­en­feld, Kreuz­lin­gen und Wein­fel­den ver­teil­ten.

Al­fred Kess­ler und die «ge­wis­sen Be­völ­ke­rungs­krei­se»

Al­les in al­lem er­ge­ben sich so zwei merk­wür­dig in­kon­gru­en­te Bil­der: Bei den vom Bund ver­füg­ten Aus­wei­sun­gen ist St.Gal­len weit über­ver­tre­ten, bei den in die kan­to­na­le Zu­stän­dig­keit fal­len­den hin­ge­gen der Thur­gau. Der ers­te Be­fund lässt sich durch die tra­di­tio­nell gros­se, ins­be­son­de­re zu Zei­ten der Sti­cke­rei­blü­te rasch ge­wach­se­ne deut­sche Be­völ­ke­rungs­grup­pe so­wie das Vor­han­den­sein ei­nes Deut­schen Kon­su­lats in der Stadt St.Gal­len er­klä­ren. Be­zeich­nen­der­wei­se be­tra­fen 40 Pro­zent al­ler Ost­schwei­zer Aus­wei­sungs­fäl­le, die der Bun­des­rat ent­schie­den hat­te, Funk­tio­nä­re im Um­feld der zeit­wei­se rund 100 Mit­glie­der zäh­len­den NSDAP-Orts­grup­pe St.Gal­len und des Kon­su­lats.

War­um aber ent­wi­ckel­te der Thur­gau bei den Aus­wei­sun­gen, die pri­mär in die kan­to­na­le Zu­stän­dig­keit fie­len, ei­ne so viel stren­ge­re Pra­xis als St.Gal­len? Die für die­sen Text ge­nutz­ten Quel­len lie­fern kei­ne ein­deu­ti­gen Ant­wor­ten, höchs­tens Hin­wei­se. Un­ter an­de­rem scheint man im Thur­gau stark auf die Be­rich­te aus den Ge­mein­den ab­ge­stellt zu ha­ben, in de­nen nach dem Weg­fall des äus­se­ren Drucks und vor dem Hin­ter­grund der nun pu­blik wer­den­den De­tails zur Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Jü­din­nen und Ju­den ein har­tes Durch­grei­fen ge­gen die Na­zis ge­for­dert wur­de. Das war in St.Gal­len zwar nicht an­ders; die ein­gangs er­wähn­te Kund­ge­bung im «Schüt­zen­gar­ten» zeig­te es deut­lich. Gleich­wohl wei­ger­te sich der St.Gal­ler kan­to­na­le De­par­te­ments­chef Al­fred Kess­ler in min­des­tens zehn Fäl­len – nicht nur in je­nem von Fritz Bo­is –, An­trä­gen bei­spiels­wei­se des St.Gal­ler Stadt­ra­tes auf Aus­wei­sung von NSDAP-Mit­glie­dern oder be­kann­ten Fa­schis­ten statt­zu­ge­ben. Mit sei­ner dif­fe­ren­zier­ten, am Ein­zel­fall ori­en­tier­ten, «von ge­wis­sen Be­völ­ke­rungs­krei­sen aber sei­ner­zeit stark kri­ti­sier­ten» Hal­tung sei der Kan­ton ins­ge­samt gut ge­fah­ren, heisst es da­zu rück­bli­ckend im re­gie­rungs­rät­li­chen Amts­be­richt von 1946. Der Satz birgt ei­ne par­tei­po­li­ti­sche Poin­te: Zu den «ge­wis­sen Be­völ­ke­rungs­krei­sen» ge­hör­ten zwei­fel­los die SP und die Ge­werk­schaf­ten – just Or­ga­ni­sa­tio­nen al­so, de­nen Al­fred Kess­ler sel­ber ent­stamm­te.

Pe­ter Stahl­ber­ger, 1945, ist pro­mo­vier­ter His­to­ri­ker. Bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung ar­bei­te­te er als Re­dak­tor und Kor­re­spon­dent für ver­schie­de­ne Schwei­zer Zei­tun­gen, zu­letzt wäh­rend 17 Jah­ren für die NZZ. 2025 er­schien von ihm das Buch Die Stadt St.Gal­len seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Für die­sen Se­ri­en-Auf­takt hat Stahl­ber­ger in den Ost­schwei­zer Ar­chi­ven bis­her un­ver­öf­fent­lich­tes Zah­len­ma­te­ri­al zu­sam­men­ge­tra­gen.

Quellen und Literatur

All­ge­mei­nes

Rue­di Bras­sel-Mo­ser: «Das Schwei­zer­haus muss sau­ber sein» – Das Kriegs­en­de 1945 im Ba­sel­biet, Lies­tal 1999.

Be­richt des Bun­des­ra­tes an die Bun­des­ver­samm­lung über die an­ti­de­mo­kra­ti­sche Tä­tig­keit von Schwei­zern und Aus­län­dern im Zu­sam­men­hang mit dem Kriegs­ge­sche­hen 1939−1945 (Mo­ti­on Boer­lin), in: Bun­des­blatt I/1946, S. 1ff. (Ers­ter Teil) und II/1946, S. 1085ff. (Er­gän­zun­gen).

Bun­des­ar­chiv, E 4001 D#1973/125#919: Die Ent­wick­lung der «Säu­be­rungs­ak­ti­on», Be­richt Ro­bert Jez­ler, 6. Ju­ni 1952.

St.Gal­len:

Amts­be­richt des Re­gie­rungs­ra­tes an den Gros­sen Rat des Kan­tons St.Gal­len über das Jahr 1946, S. 163.

Staats­ar­chiv St.Gal­len, A 143/06: Deut­sche Na­tio­nal­so­zia­lis­ten: An­ge­droh­te, voll­zo­ge­ne und sus­pen­dier­te Aus­wei­sun­gen; A 143/16: Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Um­trie­be; ARR 001-1945-1925: Fritz Bo­is.

Stadt­ar­chiv St.Gal­len: Pro­to­koll des Stadt­ra­tes, Nr. 3903, 15. Ju­ni 1945 (Po­li­ti­sche Po­li­zei); Nr. 85, 13. Ju­li 1945 (Aus­wei­sung un­er­wünsch­ter Aus­län­der); Nr. 310, 9. Ok­to­ber 1945 (Fritz Bo­is).

Thur­gau:

Re­chen­schafts­be­richt des Re­gie­rungs­ra­tes des Kan­tons Thur­gau an den Gros­sen Rat über das Jahr 1946, S. 102ff.

Staats­ar­chiv Thur­gau, 4’517’0, Dos­siers 2 und 3: Po­li­zei, Ak­ten 2. Welt­krieg.

Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den:

Re­chen­schafts­be­richt des Re­gie­rungs­ra­tes an den Kan­tons­rat von Ap­pen­zell A. Rh., Amts­jahr 1945/46, S. 158ff.
 

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«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
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Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
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In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick