Brauntöne im St.Galler Kultur- und Wissenschaftsbetrieb
Auch in der intellektuell-kultivierten Elite St.Gallens schaute man in den 1930er- und 40er-Jahren mit einiger Sympathie nach Norden und Süden. Zu den Braungesinnten zählten etwa einige Rotarier, ein späterer HSG-Rektor und ein Theaterdirektor.
Der Frontist und spätere HSG-Rektor Adolf Jöhr mit zwei Pferden ca. 1930 (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)
Im Mai 1940 befürchtet die Schweiz den Einmarsch deutscher Truppen. Ausgerechnet in dieser kritischen Situation erhält der Bundesrat zwischen dem 15. November gleichen Jahres und bis Anfang 1941 drei Eingaben der «Aktion zur Wahrung der schweizerischen Neutralität». Unterschrieben haben sie insgesamt 173 angesehene Persönlichkeiten, alles Männer, davon rund die Hälfte Offiziere. Sie fordern unter anderem: Einführung einer Pressezensur, Entfernung von Kritikern faschistischer Diktaturen aus wichtigen Staatsstellungen, die Einhaltung einer strikten Neutralität und eine Wiedergutmachung für verurteilte Frontisten und Landesverräter.
Wer die Unterzeichner der später so bezeichneten «Eingabe der 200» sind, gibt der Bundesrat erst 1946 nach starkem innenpolitischem Druck bekannt. Sechs von ihnen leben in St.Gallen, unter ihnen der Stickereifabrikant und überzeugte Hitleranhänger Arnold Mettler-Specker, der Zahnarzt Hans Grünenfelder und der einflussreiche Landesring-Politiker Jules Maeder. Zwei weitere Unterzeichner sind im Kanton St.Gallen ansässig, sechs in Teufen.
Mettler-Specker und der angesehene St.Galler Textilunternehmer Max Stoffel sind bis 1945 Mitglieder im 1925 gegründeten St.Galler Rotary Club. Sie sind nicht die einzigen mit einer nazifreundlichen Einstellung. Kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933 reist eine St.Galler Delegation nach München und berichtet anschliessend begeistert über Adolf Hitlers Grundsteinlegung für das Haus der Deutschen Kunst. Drei Jahre später nimmt Club-Präsident Alfred Brunner an einem Rotarier-Lunch in München teil. In seinem Rapport kritisiert er die Schweizer Presse, die an allem herummäkle, «was aus dem Deutschen Reich zu berichten ist».
Noch vor diesen Deutschlandbesuchen hören 1932 die St.Galler Mitglieder vier Referate zum Thema «Hat der geistig und körperlich Minderwertige ein Recht auf das Leben?». Der Grundtenor der Referate, die nachher die Mitglieder als Sonderdruck erhalten, geht mehr oder weniger deutlich in Richtung von Massnahmen wie Zwangssterilisationen oder sogar schonender Tötung von Betroffenen.
Als antijudaistisch, antisemitisch und profaschistisch treten mehrere St.Galler Persönlichkeiten öffentlich auf. Dem Antijudaismus zuzurechnen ist der streitbare und wortmächtige reformierte Pfarrer an der Linsenbühlkirche, Jakobus Weidenmann, der aber kein Nazi-Sympathisant ist. 1938 lässt er dennoch in einer Predigt verlauten: «Gewiss, was ‹Jude› im üblen Sinn des Wortes ist unter Christen, Heiden und Judäern, verdient unseren Abscheu.» Er weist dann auf zwei charakteristische Längsschnitte im Judentum hin. Der eine führt für ihn von Kain über Judas und Shylock «zu einigen geistigen und moralischen Brunnenvergiftern des 19. und 20. Jahrhunderts», der andere von Abraham über Mose, die Propheten und Nathan den Weisen «zu einigen der grössten wissenschaftlichen und moralischen Wohltätern der Menschheit».
Anfänglich eindeutig antisemitisch tritt der in Appenzell geborene, christlich-konservativ geprägte und -kämpferische Publizist Johann Baptist Rusch auf. 1924 veröffentlicht er eine Schrift unter dem Titel Über die Judengefahr – Eine nicht antisemitische sachliche Betrachtung der Frage. Angehängt sind der Schrift Die Protokolle der Weisen von Zion. Diese Hetzschrift erscheint erstmals 1903 in Russland, wird 1921 von der Londoner «Times» als nicht authentisch entlarvt, bleibt aber bis heute ein vielzitiertes Referenzdokument des weltweiten Antisemitismus und einer angenommenen jüdischen Weltverschwörung.
Adolf Jöhr in späten Jahren (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)
Will nicht, dass die Schweizer Presse immer an allem herummäkelt, was aus Deutschland kommt: Chefchirurg und Rotarierpräsident Alfred Brunner (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)
Rusch, von 1918 bis 1954 Besitzer und Alleinredaktor der im Kanton St.Gallen erscheinenden «Schweizerischen Republikanischen Blätter», wandelt sich ab 1933 vom radikalen Befürworter zum entschiedenen Gegner des Antisemitismus. Als wertkonservativer Publizist schreibt er fortan gegen den Nationalsozialismus an, propagiert die Idee einer christlich-sozialen Erneuerung der Schweiz und polemisiert gegen die von ihm befürchtete Überfremdung des Landes.
Eine äusserst widersprüchliche Persönlichkeit ist der in St.Gallen katholisch aufgewachsene Nationalökonom und Publizist Jacob Lorenz. Er wird SP-Mitglied und verlässt 1919 die Partei wieder, erklärt sich als konfessionslos, dann tritt er wieder in die katholische Kirche ein. 1933 gründet er die bis 1957 bestehende Wochenzeitung «Das Aufgebot» und führt die gleichnamige politische Bewegung an. Ähnlich wie die schweizerische Frontenbewegung engagiert sich Lorenz für eine politische Erneuerung der Schweiz, jedoch unter Wahrung von Demokratie und nationaler Eigenart. Er distanziert sich trotz seinen antiliberalen, antikapitalistischen und antisemitischen Tendenzen von Faschismus und Nationalsozialismus, verficht aber die Idee einer korporativen Ordnung. Damit gemeint ist eine erzwungene oder freiwillige Zusammenarbeit von Staat und gesellschaftlichen Interessengruppen wie beispielsweise Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbänden, um politische Entscheidungen zu treffen.
1937 erscheint gleichzeitig in Leipzig und Bern die vom Nationalökonomen Walter Adolf Jöhr verfasste umfangreiche Dissertation Die ständische Ordnung. Zu dieser Zeit ist er aktives Mitglied der schweizerischen Frontenbewegung und der Auffassung, dass sich Liberalismus und Sozialismus überlebt haben. Für ihn ist die «geschichtliche Mission» des Faschismus, die durch diese Ideologien auseinandergebrochene Gesellschaft wieder zu einer Einheit zu führen. Er ist zudem der Meinung, dass neben der offiziellen Führer- und Funktionärsschicht in den demokratischen Parteien noch eine inoffizielle, im Dunkeln der Anonymität verharrende, nicht minder mächtige Führerschaft bestehe. Diese habe ihren Sitz unter anderem in Geheimbünden wie der Freimaurerei, in Cliquen wie dem Judentum, Interessenverbänden wie der Schwerindustrie oder dem Finanzkapital, in ausländischen Mächten oder Mächten kirchlicher Art.
Selber Nazi oder bloss von diesen instrumentalisiert? Othmar Schoeck, 1917–1944 Leiter der Symphoniekonzerte des Konzertvereins St.Gallen (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)
Fritz Bois, eingetragenes NSDAP-Mitglied und 1926–1945 Teil des Ensembles am Stadttheater St.Gallen (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)
In Teilen der Schweizer Presse werden Jöhrs Gedankengänge, nicht zuletzt wegen ihrer antisemitischen Schlagseite, sehr kritisch aufgenommen. Jöhr lehrt ab 1937, trotz Protesten seitens der damals noch schwachen St.Galler SP, an der Handelshochschule St.Gallen (heute Universität St.Gallen) und widerruft später seine damaligen Ideen. 1957 wird er zum Rektor ernannt, engagiert sich für den Neubau auf dem Rosenberg und unterstützt als Kunstsinniger die damals umstrittene Ausstattung des Campus mit zeitgenössischen Kunstwerken.
Am 1. April 1943, kurz nach dem deutschen Stalingrad-Desaster, führt die Berliner Staatsoper vor ausverkauftem Haus, begleitet von heftigen Bombenangriffen, die Oper in vier Akten Das Schloss Dürande auf. Die Musik stammt vom hochangesehenen Schweizer Komponisten Othmar Schoeck, von 1917 bis 1944 Leiter der Symphoniekonzerte des Konzertvereins St.Gallen. Die literarisch als verunglückt eingestufte Nachdichtung der gleichnamigen Novelle von Joseph von Eichendorff stammt vom Dichter, Schriftsteller und Maler Hermann Burte, der ein eifriger Verfechter völkischer Ideologien und später ein überzeugter Nazi-Anhänger ist. Reichsmarschall Hermann Göring bezeichnet die Oper, möglicherweise weil ihm die Explosion im Finale als wehrkraftzersetzend missfällt, als «Bockmist» und lässt sie nach vier Aufführungen absetzen. Auch später in Zürich hat die Oper keinen Erfolg.
Bis heute wird gerätselt, warum sich der bedeutende Musiker und Komponist Schoeck mit dieser musikalisch als hochwertig eingestuften Oper zu einem derartigen textlichen Machwerk und der Aufführung in Berlin hinreissen liess. Sein britischer Biograf Chris Walton versuchte es mit dieser Erklärung: «Schoeck kann uns heute als Musterbeispiel dienen, wie ein Künstler, der sich für unpolitisch hält, aber erfolgreich sein will, sich durch totalitäre Mächte schrittweise ausnützen lassen kann.»
Kein Zweifel besteht hingegen an der nationalsozialistischen Einstellung des aus dem Sudentenland stammenden Theo Modes, St.Galler Theaterdirektor von 1919 bis 1923 sowie von 1932 bis 1938. Bei der zweiten Ernennung wird sein Mitkonkurrent, der jüdische Dramatiker, Regisseur und überzeugte Antifaschist Werner Johannes Guggenheim, übergangen. Modes entlässt ihn 1933 nach wiederholten Auseinandersetzungen über die Ausrichtung und das Programm des Stadttheaters. Anfänglich hält sich Modes mit politischen Äusserungen vorsichtig zurück und fördert auch schweizerisches Schauspielschaffen. Er verstrickt sich aber zunehmend in politische Widersprüche und wird schliesslich entlassen.
Im Ensemble befinden sich zu dieser Zeit gesichert vier Mitglieder der NSDAP, unter ihnen Fritz Bois, der vor allem mit komischen und tragikomischen Rollen beim hiesigen Theaterpublikum beliebt ist. Er wird nach dem Krieg entlassen, findet keine Theateranstellung mehr und muss fortan als Staubsaugervertreter arbeiten.
Modes geht nach seiner Entlassung zurück nach Deutschland und tritt 1939 offiziell in die NSDAP ein. Im gleichen Jahr übernimmt er die Gesamtleitung aller volksdeutschen Bühnen in der zerschlagenen und annektierten Tschechoslowakei und arbeitet als Intendant an verschiedenen deutschen Theatern. Nach Kriegsende tritt er etwa als Chefdramaturg in Dresden und Regisseur in Görlitz in Erscheinung und arbeitet an einer Geschichte des sudetendeutschen Theaters, die als verschollen gilt. 1962 stirbt Modes, nie in der DDR als «Wendehals» zur Rechenschaft gezogen, in Leipzig.
Clément Moreau (1903–1988) war in St.Gallen als Grafiker bekannt. Zusammen mit seiner Frau, der St.Gallerin Nelly Meffert-Guggenbühl (1904–1999), lebte er lange im argentinischen Exil. Ein gemeinsames Werk der beiden ist jetzt nach 85 Jahren erschienen: ein Kinderbuch.
Die Ostschweiz im Dritten Reich (IX)
Eine Heidi-Aufführung am Stadttheater brachte die St.Gallerin Julia Marcus (1904–2002) zum Neuen Tanz. Nach Stationen in Zürich, Dresden und Berlin lebte und arbeitete sie ab 1933 in Frankreich. Auch während der deutschen Besatzung blieb sie überzeugte Kommunistin.
Die Ostschweiz im Dritten Reich (VII)
Neben den reichsdeutschen Gruppen waren auch Schweizer Bürger in der Ostschweiz aktiv. Sie setzten sich für eine helvetische Variante des Faschismus ein und forderten den Anschluss an das Dritte Reich.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?