Im Mai 1940 befürchtet die Schweiz den Einmarsch deutscher Truppen. Ausgerechnet in dieser kritischen Situation erhält der Bundesrat zwischen dem 15. November gleichen Jahres und bis Anfang 1941 drei Eingaben der «Aktion zur Wahrung der schweizerischen Neutralität». Unterschrieben haben sie insgesamt 173 angesehene Persönlichkeiten, alles Männer, davon rund die Hälfte Offiziere. Sie fordern unter anderem: Einführung einer Pressezensur, Entfernung von Kritikern faschistischer Diktaturen aus wichtigen Staatsstellungen, die Einhaltung einer strikten Neutralität und eine Wiedergutmachung für verurteilte Frontisten und Landesverräter.
Wer die Unterzeichner der später so bezeichneten «Eingabe der 200» sind, gibt der Bundesrat erst 1946 nach starkem innenpolitischem Druck bekannt. Sechs von ihnen leben in St.Gallen, unter ihnen der Stickereifabrikant und überzeugte Hitleranhänger Arnold Mettler-Specker, der Zahnarzt Hans Grünenfelder und der einflussreiche Landesring-Politiker Jules Maeder. Zwei weitere Unterzeichner sind im Kanton St.Gallen ansässig, sechs in Teufen.
Mettler-Specker und der angesehene St.Galler Textilunternehmer Max Stoffel sind bis 1945 Mitglieder im 1925 gegründeten St.Galler Rotary Club. Sie sind nicht die einzigen mit einer nazifreundlichen Einstellung. Kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933 reist eine St.Galler Delegation nach München und berichtet anschliessend begeistert über Adolf Hitlers Grundsteinlegung für das Haus der Deutschen Kunst. Drei Jahre später nimmt Club-Präsident Alfred Brunner an einem Rotarier-Lunch in München teil. In seinem Rapport kritisiert er die Schweizer Presse, die an allem herummäkle, «was aus dem Deutschen Reich zu berichten ist».
Noch vor diesen Deutschlandbesuchen hören 1932 die St.Galler Mitglieder vier Referate zum Thema «Hat der geistig und körperlich Minderwertige ein Recht auf das Leben?». Der Grundtenor der Referate, die nachher die Mitglieder als Sonderdruck erhalten, geht mehr oder weniger deutlich in Richtung von Massnahmen wie Zwangssterilisationen oder sogar schonender Tötung von Betroffenen.
Ein antijudaistischer Prediger und zwei Publizisten mit antisemitischen Tendenzen
Als antijudaistisch, antisemitisch und profaschistisch treten mehrere St.Galler Persönlichkeiten öffentlich auf. Dem Antijudaismus zuzurechnen ist der streitbare und wortmächtige reformierte Pfarrer an der Linsenbühlkirche, Jakobus Weidenmann, der aber kein Nazi-Sympathisant ist. 1938 lässt er dennoch in einer Predigt verlauten: «Gewiss, was ‹Jude› im üblen Sinn des Wortes ist unter Christen, Heiden und Judäern, verdient unseren Abscheu.» Er weist dann auf zwei charakteristische Längsschnitte im Judentum hin. Der eine führt für ihn von Kain über Judas und Shylock «zu einigen geistigen und moralischen Brunnenvergiftern des 19. und 20. Jahrhunderts», der andere von Abraham über Mose, die Propheten und Nathan den Weisen «zu einigen der grössten wissenschaftlichen und moralischen Wohltätern der Menschheit».
Anfänglich eindeutig antisemitisch tritt der in Appenzell geborene, christlich-konservativ geprägte und -kämpferische Publizist Johann Baptist Rusch auf. 1924 veröffentlicht er eine Schrift unter dem Titel Über die Judengefahr – Eine nicht antisemitische sachliche Betrachtung der Frage. Angehängt sind der Schrift Die Protokolle der Weisen von Zion. Diese Hetzschrift erscheint erstmals 1903 in Russland, wird 1921 von der Londoner «Times» als nicht authentisch entlarvt, bleibt aber bis heute ein vielzitiertes Referenzdokument des weltweiten Antisemitismus und einer angenommenen
jüdischen Weltverschwörung.
Adolf Jöhr in späten Jahren (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)
Will nicht, dass die Schweizer Presse immer an allem herummäkelt, was aus Deutschland kommt: Chefchirurg und Rotarierpräsident Alfred Brunner (Bild: Staatsarchiv St.Gallen)
Rusch, von 1918 bis 1954 Besitzer und Alleinredaktor der im Kanton St.Gallen erscheinenden «Schweizerischen Republikanischen Blätter», wandelt sich ab 1933 vom radikalen Befürworter zum entschiedenen Gegner des Antisemitismus. Als wertkonservativer Publizist schreibt er fortan gegen den Nationalsozialismus an, propagiert die Idee einer christlich-sozialen Erneuerung der Schweiz und polemisiert gegen die von ihm befürchtete Überfremdung des Landes.
Eine äusserst widersprüchliche Persönlichkeit ist der in St.Gallen katholisch aufgewachsene Nationalökonom und Publizist Jacob Lorenz. Er wird SP-Mitglied und verlässt 1919 die Partei wieder, erklärt sich als konfessionslos, dann tritt er wieder in die katholische Kirche ein. 1933 gründet er die bis 1957 bestehende Wochenzeitung «Das Aufgebot» und führt die gleichnamige politische Bewegung an. Ähnlich wie die schweizerische Frontenbewegung engagiert sich Lorenz für eine politische Erneuerung der Schweiz, jedoch unter Wahrung von Demokratie und nationaler Eigenart. Er distanziert sich trotz seinen antiliberalen, antikapitalistischen und antisemitischen Tendenzen von Faschismus und Nationalsozialismus, verficht aber die Idee einer korporativen Ordnung. Damit gemeint ist eine erzwungene oder freiwillige Zusammenarbeit von Staat und gesellschaftlichen Interessengruppen wie beispielsweise Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbänden, um politische Entscheidungen zu treffen.
Vom Frontisten zum überzeugten Demokraten und Kunstförderer
1937 erscheint gleichzeitig in Leipzig und Bern die vom Nationalökonomen Walter Adolf Jöhr verfasste umfangreiche Dissertation Die ständische Ordnung. Zu dieser Zeit ist er aktives Mitglied der schweizerischen Frontenbewegung und der Auffassung, dass sich Liberalismus und Sozialismus überlebt haben. Für ihn ist die «geschichtliche Mission» des Faschismus, die durch diese Ideologien auseinandergebrochene Gesellschaft wieder zu einer Einheit zu führen. Er ist zudem der Meinung, dass neben der offiziellen Führer- und Funktionärsschicht in den demokratischen Parteien noch eine inoffizielle, im Dunkeln der Anonymität verharrende, nicht minder mächtige Führerschaft bestehe. Diese habe ihren Sitz unter anderem in Geheimbünden wie der Freimaurerei, in Cliquen wie dem Judentum, Interessenverbänden wie der Schwerindustrie oder dem Finanzkapital, in ausländischen Mächten oder Mächten kirchlicher Art.
Selber Nazi oder bloss von diesen instrumentalisiert? Othmar Schoeck, 1917–1944 Leiter der Symphoniekonzerte des Konzertvereins St.Gallen (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)
Fritz Bois, eingetragenes NSDAP-Mitglied und 1926–1945 Teil des Ensembles am Stadttheater St.Gallen (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)
In Teilen der Schweizer Presse werden Jöhrs Gedankengänge, nicht zuletzt wegen ihrer antisemitischen Schlagseite, sehr kritisch aufgenommen. Jöhr lehrt ab 1937, trotz Protesten seitens der damals noch schwachen St.Galler SP, an der Handelshochschule St.Gallen (heute Universität St.Gallen) und widerruft später seine damaligen Ideen. 1957 wird er zum Rektor ernannt, engagiert sich für den Neubau auf dem Rosenberg und unterstützt als Kunstsinniger die damals umstrittene Ausstattung des Campus mit zeitgenössischen Kunstwerken.
Eine dubiose Oper und ein Nazi als Theaterdirektor
Am 1. April 1943, kurz nach dem deutschen Stalingrad-Desaster, führt die Berliner Staatsoper vor ausverkauftem Haus, begleitet von heftigen Bombenangriffen, die Oper in vier Akten Das Schloss Dürande auf. Die Musik stammt vom hochangesehenen Schweizer Komponisten Othmar Schoeck, von 1917 bis 1944 Leiter der Symphoniekonzerte des Konzertvereins St.Gallen. Die literarisch als verunglückt eingestufte Nachdichtung der gleichnamigen Novelle von Joseph von Eichendorff stammt vom Dichter, Schriftsteller und Maler Hermann Burte, der ein eifriger Verfechter völkischer Ideologien und später ein überzeugter Nazi-Anhänger ist. Reichsmarschall Hermann Göring bezeichnet die Oper, möglicherweise weil ihm die Explosion im Finale als wehrkraftzersetzend missfällt, als «Bockmist» und lässt sie nach vier Aufführungen absetzen. Auch später in Zürich hat die Oper keinen Erfolg.
Bis heute wird gerätselt, warum sich der bedeutende Musiker und Komponist Schoeck mit dieser musikalisch als hochwertig eingestuften Oper zu einem derartigen textlichen Machwerk und der Aufführung in Berlin hinreissen liess. Sein britischer Biograf Chris Walton versuchte es mit dieser Erklärung: «Schoeck kann uns heute als Musterbeispiel dienen, wie ein Künstler, der sich für unpolitisch hält, aber erfolgreich sein will, sich durch totalitäre Mächte schrittweise ausnützen lassen kann.»
Kein Zweifel besteht hingegen an der nationalsozialistischen Einstellung des aus dem Sudentenland stammenden Theo Modes, St.Galler Theaterdirektor von 1919 bis 1923 sowie von 1932 bis 1938. Bei der zweiten Ernennung wird sein Mitkonkurrent, der jüdische Dramatiker, Regisseur und überzeugte Antifaschist Werner Johannes Guggenheim, übergangen. Modes entlässt ihn 1933 nach wiederholten Auseinandersetzungen über die Ausrichtung und das Programm des Stadttheaters. Anfänglich hält sich Modes mit politischen Äusserungen vorsichtig zurück und fördert auch schweizerisches Schauspielschaffen. Er verstrickt sich aber zunehmend in politische Widersprüche und wird schliesslich entlassen.
Im Ensemble befinden sich zu dieser Zeit gesichert vier Mitglieder der NSDAP, unter ihnen Fritz Bois, der vor allem mit komischen und tragikomischen Rollen beim hiesigen Theaterpublikum beliebt ist. Er wird nach dem Krieg entlassen, findet keine Theateranstellung mehr und muss fortan als Staubsaugervertreter arbeiten.
Modes geht nach seiner Entlassung zurück nach Deutschland und tritt 1939 offiziell in die NSDAP ein. Im gleichen Jahr übernimmt er die Gesamtleitung aller volksdeutschen Bühnen in der zerschlagenen und annektierten Tschechoslowakei und arbeitet als Intendant an verschiedenen deutschen Theatern. Nach Kriegsende tritt er etwa als Chefdramaturg in Dresden und Regisseur in Görlitz in Erscheinung und arbeitet an einer Geschichte des sudetendeutschen Theaters, die als verschollen gilt. 1962 stirbt Modes, nie in der DDR als «Wendehals» zur Rechenschaft gezogen, in Leipzig.