Tim, Tom und Mary ist eine Kinder-Fluchtgeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Niederlande sind kein sicherer Ort mehr. Tim flieht zu Verwandten nach London – allein. Doch als auch dort Bomben fallen, reist er gemeinsam mit Cousin Tom und Cousine Mary auf einem Schiff voller weiterer Kinder nach Buenos Aires. An Bord ist auch eine Katze, die Tim aus einem bombardierten Haus gerettet hat.
Die abenteuerliche Kindergeschichte über Flucht und Solidarität entstand 1940. Am frühen Nachmittag des 14. Mai jenes Jahres bombardierte die deutsche Luftwaffe Rotterdam. Hunderte Menschen starben. Die Altstadt wurde fast vollständig zerstört. Der niederländische Widerstand gegen die Nazis brach zusammen. Noch am selben Tag legte ein letztes Schiff mit 80 Kindern vom Hafen in IJmuiden nach Liverpool ab.
Antifaschistisches Engagement zwingt zur Flucht
Möglicherweise waren diese Meldungen aus den Niederlanden der Auslöser für Clément Moreau und Nelly Meffert-Guggenbühl, die Geschichte von Tim, Tom und Mary zu zeichnen und zu schreiben. Clément – bürgerlich Carl Meffert, genannt «Jupp» – arbeitete damals bereits in Argentinien als politischer Zeichner und als Kunstlehrer. Nelly war dort Kinderpsychologin. Die Kindergeschichte erschien als Serie in Zeitungsbeilagen mit Ausmalbildern und kurzen Texten. Sie ist erfunden – Kinderrettungsaktionen dieser Art nach Argentinien gab es nie. Doch sie stellte einen direkten Bezug zu argentinischen Kindern her und ermöglichte ihnen, Verständnis und Identifikation zu entwickeln.
1940 haben Jupp und Nelly bereits eine komplizierte Flucht hinter sich. Jupp, im deutschen Koblenz geboren, hat mit ersten Illustrationen in den 1920er-Jahren in Berlin Erfolg. Doch sie werden ihm gefährlich, weil er den antifaschistischen Widerstand unterstützt. Ab 1929 lebt er illegal in der Schweiz, aber auch in Paris. 1933 lernt er die aus St.Gallen stammende Nelly Guggenbühl kennen. Sie arbeitet in Zürich als Sekretärin im Architekturbüro Hubacher & Steiger, das zur «Vereinigung für Neues Bauen» gehört. Das Zett-Haus am Zürcher Stauffacher stammt von diesen Architekten, ebenso die Siedlung Neubühl in Wollishofen, in der mehrere Einwandererfamilien leben.
Der Wolgaschiffer auf dem Weg nach Berlin: Karikatur von 1944 (Bilder: pd)
Karikatur aus der Zeitschrift «Contra» von 1938. Im Begleittext steht: «Nach der Einnahme Österreichs wendet sich die Nazischlange der Tschechoslowakei zu. Wird sie den Bissen schlucken können?»
Weil immer mehr Intellektuelle aus Deutschland in die Schweiz fliehen, richten die Architekten im Zett-Haus ein Büro ein. Nelly hilft dort den Flüchtlingen mit dem amtlichen Papierkram und bei der Unterkunftssuche. Eines Tages steht Jupp vor ihrer Türe – die beiden werden ein Paar.
Er zeichnet für Gewerkschaften und Arbeiter:innenzeitschriften und ist im politischen Untergrund aktiv. Doch als papierloser Künstler muss er sich ständig an neuen Orten verstecken. Eines Nachts um 3 Uhr durchsucht die Polizei Nellys Wohnung. Sie sucht Jupp. 1935 beschliessen die beiden, nach Argentinien auszureisen. Nellys Vater finanziert die Reise.
Kritik an den Nazis und an Argentiniens Politik
In Argentinien zeichnet Jupp weiter politische Karikaturen. Bis 1944 bleibt das Land im Zweiten Weltkrieg neutral, erklärt dann aber 1945, auf Druck der USA hin, Deutschland den Krieg. Jupps Zeichnungen kommentierten das politische Geschehen dieser Kriegsjahre. Sie erschienen in zahlreichen Zeitungen, Broschüren, Magazinen und auf Flugblättern. Unter anderem im «Argentinischen Tageblatt», ursprünglich eine Zeitung für Auslandschweizer:innen. Wegen seiner klaren antifaschistischen Haltung gewinnt das Blatt neues Publikum – nicht ohne Widerstand: Es kommt zu Konflikten mit der deutschen Botschaft, zu Gerichtsprozessen, Anzeigenboykotten, Übergriffen auf Redaktor:innen und sogar zu Brandanschlägen.
Hitler, Goebbels, Mussolini und Co. steckt Jupp in alberne Kostüme, zeichnet sie als blosses Skelett oder als Tiere. Hitler –
seine häufigste Figur – zeigt er nie als mächtiges Monster, sondern klein, unbeholfen oder bereits tot. Nur die «Nazischlange», die er 1938 in der Zeitschrift «Contra» publiziert, wirkt bedrohlich.
Nelly trägt die Familie
Ehefrau Nelly lernt in Buenos Aires Telma Recca kennen. Deren Mann ist Architekt und soll der «Vereinigung für Neues Bauen» beitreten, so kommt der Kontakt zustande. Telma Recca baut ein kinderpsychologisches Ambulatorium auf und bildet Nelly zur Kinderpsychologin aus. Buenos Aires galt schon damals als Hochburg der Psychoanalyse.
Nelly findet rasch einen guten Zugang zu Kindern: Sie kniet sich zu ihnen nieder, um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie spricht ihre Sprache. Auch dank ihr spielen Kinder in Jupps Werken immer wieder eine zentrale Rolle. Sie waren die verletzlichsten Opfer des Faschismus – und gleichzeitig die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Carl und Nelly Meffert 1936 in Argentinien (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv).
Jupp und Nelly bekommen selbst zwei Kinder: Argentina (Tina) und Claudio. Weil die Eltern so beschäftigt sind, werden die beiden häufig fremdbetreut und Claudio besucht später ein Internat. Nach dem Krieg widmet sich Jupp in seinen Karikaturen vor allem der politischen Realität Argentiniens. Doch er wird morphiumabhängig. Die Aufträge werden weniger, aber Nelly hält zu ihm und die Familie über Wasser. Nach einem weiteren Rückfall Anfang der 1960er-Jahre schickt Nelly Jupp in die Schweiz. Dort macht er einen Entzug und zieht nach St.Gallen, um sich um Nellys Eltern zu kümmern.
Als 1962 eine Militärjunta in Argentinien putscht, wird für Jupp eine Rückkehr wegen seines früheren politischen Engagements zu gefährlich. Nelly und Tochter Tina – die inzwischen mit Vanina selbst Mutter geworden ist – entscheiden sich, nach St.Gallen umzuziehen. Claudio bleibt in Argentinien und arbeitet als Schauspieler.
Zurück in St.Gallen
Nelly findet in ihrer alten Heimat eine Stelle als Kinderpsychologin im Bedahaus, Jupp als Zeichner fürs Schauspielhaus Zürich und als Lehrer an der Kunstgewerbeschule St.Gallen. Er sei beliebt gewesen, weiss Enkelin Vanina Huber-Falbo, die mit ihrer Familie in der Stadt wohnt: charismatisch, engagiert, humorvoll, doch innerlich verwahrlost. Viele Probleme wurzelten in Jupps Kindheit. Er kam mit elf Jahren in eine Erziehungsanstalt, mit 16 trat er dem Spartakusbund bei, der in Deutschland gegen den Ersten Weltkrieg protestierte. Sein Vater verriet ihn, was den Jugendlichen für dreieinhalb Jahre ins Zuchthaus brachte.
Die Verhältnisse nach der Rückkehr in die Schweiz sind schwierig. Jupp ist kaum für die Familie da. Er lebt mit seiner Geliebten in Zürich – mitfinanziert von Nelly. Sie bekocht gar Jupps Freundin. «Nelly war nie moralisch, aber menschlich», sagt Enkelin Vanina. «Ohne sie wäre das Familienschiff Meffert untergegangen. Sie war die Kapitänin, hatte sich aufgeopfert, ohne selbst Opfer zu sein. Es war ihr Programm und sie konnte nicht anders.»
Längst ist Clément Moreau wiederentdeckt. Seine Arbeiten und sein Leben sind im erstmals 1978 erschienen Ausstellungskatalog Grafik für den Mitmenschen umfassend dokumentiert. Er erlebte noch Ausstellungen und Ehrungen. Nach einer Laudatio bei einer Vernissage im St.Galler Waaghaus bemerkte Nelly allerdings humorvoll und trocken, da vergessen wurde zu erwähnen, dass Jupp ja nicht die ganze Zeit single war.
Die Geschichte von Tim, Tom und Mary ist jetzt, 85 Jahre nach ihrer Entstehung, zum ersten Mal als Buch unter Clément Moreaus Namen erschienen. Doch sie ist – wie sein gesamtes Vermächtnis – auch das Werk von Nelly Meffert-Guggenbühl.
Weiterlesen:
Clément Moreau: Tim, Tom und Mary – Eine Bildergeschichte über Flucht und Solidarität, Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin und Leipzig 2025.
Bernhard Brack-Zahner: Nichts Menschliches ist mir fremd – Das Leben von Nelly Meffert-Guggenbühl, Appenzeller-Verlag, Herisau 2004.
Clément Moreau / Carl Meffert: Grafik für den Mitmenschen, Ausstellungskatalog, Berlin 1978 und Limmatverlag 1980 (vergriffen).