Zwei Fluchtgeschichten nach Argentinien

Clément Moreau (1903–1988) war in St.Gallen als Grafiker bekannt. Zusammen mit seiner Frau, der St.Gallerin Nelly Meffert-Guggenbühl (1904–1999), lebte er lange im argentinischen Exil. Ein gemeinsames Werk der beiden ist jetzt nach 85 Jahren erschienen: ein Kinderbuch.

Linolschnitt aus dem Buch Nacht über Deutschland, der wohl bekanntesten Arbeit von Jupp. Sie zählt zu den bedeutendsten Werken antifaschistischer Kunst aus dem Exil. Für dieses Bild stand Nelly Modell.

Tim, Tom und Ma­ry ist ei­ne Kin­der-Flucht­ge­schich­te aus dem Zwei­ten Welt­krieg. Die Nie­der­lan­de sind kein si­che­rer Ort mehr. Tim flieht zu Ver­wand­ten nach Lon­don – al­lein. Doch als auch dort Bom­ben fal­len, reist er ge­mein­sam mit Cou­sin Tom und Cou­si­ne Ma­ry auf ei­nem Schiff vol­ler wei­te­rer Kin­der nach Bue­nos Ai­res. An Bord ist auch ei­ne Kat­ze, die Tim aus ei­nem bom­bar­dier­ten Haus ge­ret­tet hat.

Die aben­teu­er­li­che Kin­der­ge­schich­te über Flucht und So­li­da­ri­tät ent­stand 1940. Am frü­hen Nach­mit­tag des 14. Mai je­nes Jah­res bom­bar­dier­te die deut­sche Luft­waf­fe Rot­ter­dam. Hun­der­te Men­schen star­ben. Die Alt­stadt wur­de fast voll­stän­dig zer­stört. Der nie­der­län­di­sche Wi­der­stand ge­gen die Na­zis brach zu­sam­men. Noch am sel­ben Tag leg­te ein letz­tes Schiff mit 80 Kin­dern vom Ha­fen in IJ­mui­den nach Li­ver­pool ab.

An­ti­fa­schis­ti­sches En­ga­ge­ment zwingt zur Flucht

Mög­li­cher­wei­se wa­ren die­se Mel­dun­gen aus den Nie­der­lan­den der Aus­lö­ser für Clé­ment Mo­reau und Nel­ly Mef­fert-Gug­gen­bühl, die Ge­schich­te von Tim, Tom und Ma­ry zu zeich­nen und zu schrei­ben. Clé­ment – bür­ger­lich Carl Mef­fert, ge­nannt «Jupp» – ar­bei­te­te da­mals be­reits in Ar­gen­ti­ni­en als po­li­ti­scher Zeich­ner und als Kunst­leh­rer. Nel­ly war dort Kin­der­psy­cho­lo­gin. Die Kin­der­ge­schich­te er­schien als Se­rie in Zei­tungs­bei­la­gen mit Aus­mal­bil­dern und kur­zen Tex­ten. Sie ist er­fun­den – Kin­der­ret­tungs­ak­tio­nen die­ser Art nach Ar­gen­ti­ni­en gab es nie. Doch sie stell­te ei­nen di­rek­ten Be­zug zu ar­gen­ti­ni­schen Kin­dern her und er­mög­lich­te ih­nen, Ver­ständ­nis und Iden­ti­fi­ka­ti­on zu ent­wi­ckeln.

1940 ha­ben Jupp und Nel­ly be­reits ei­ne kom­pli­zier­te Flucht hin­ter sich. Jupp, im deut­schen Ko­blenz ge­bo­ren, hat mit ers­ten Il­lus­tra­tio­nen in den 1920er-Jah­ren in Ber­lin Er­folg. Doch sie wer­den ihm ge­fähr­lich, weil er den an­ti­fa­schis­ti­schen Wi­der­stand un­ter­stützt. Ab 1929 lebt er il­le­gal in der Schweiz, aber auch in Pa­ris. 1933 lernt er die aus St.Gal­len stam­men­de Nel­ly Gug­gen­bühl ken­nen. Sie ar­bei­tet in Zü­rich als Se­kre­tä­rin im Ar­chi­tek­tur­bü­ro Hub­a­cher & Stei­ger, das zur «Ver­ei­ni­gung für Neu­es Bau­en» ge­hört. Das Zett-Haus am Zür­cher Stauf­fa­cher stammt von die­sen Ar­chi­tek­ten, eben­so die Sied­lung Neu­bühl in Wol­lis­ho­fen, in der meh­re­re Ein­wan­de­rer­fa­mi­li­en le­ben.

Der Wolgaschiffer auf dem Weg nach Berlin: Karikatur von 1944 (Bilder: pd)

Karikatur aus der Zeitschrift «Contra» von 1938. Im Begleittext steht: «Nach der Einnahme Österreichs wendet sich die Nazischlange der Tschechoslowakei zu. Wird sie den Bissen schlucken können?»

Weil im­mer mehr In­tel­lek­tu­el­le aus Deutsch­land in die Schweiz flie­hen, rich­ten die Ar­chi­tek­ten im Zett-Haus ein Bü­ro ein. Nel­ly hilft dort den Flücht­lin­gen mit dem amt­li­chen Pa­pier­kram und bei der Un­ter­kunfts­su­che. Ei­nes Ta­ges steht Jupp vor ih­rer Tü­re – die bei­den wer­den ein Paar.

Er zeich­net für Ge­werk­schaf­ten und Ar­bei­ter:in­nen­zeit­schrif­ten und ist im po­li­ti­schen Un­ter­grund ak­tiv. Doch als pa­pier­lo­ser Künst­ler muss er sich stän­dig an neu­en Or­ten ver­ste­cken. Ei­nes Nachts um 3 Uhr durch­sucht die Po­li­zei Nel­lys Woh­nung. Sie sucht Jupp. 1935 be­schlies­sen die bei­den, nach Ar­gen­ti­ni­en aus­zu­rei­sen. Nel­lys Va­ter fi­nan­ziert die Rei­se.

Kri­tik an den Na­zis und an Ar­gen­ti­ni­ens Po­li­tik

In Ar­gen­ti­ni­en zeich­net Jupp wei­ter po­li­ti­sche Ka­ri­ka­tu­ren. Bis 1944 bleibt das Land im Zwei­ten Welt­krieg neu­tral, er­klärt dann aber 1945, auf Druck der USA hin, Deutsch­land den Krieg. Jupps Zeich­nun­gen kom­men­tier­ten das po­li­ti­sche Ge­sche­hen die­ser Kriegs­jah­re. Sie er­schie­nen in zahl­rei­chen Zei­tun­gen, Bro­schü­ren, Ma­ga­zi­nen und auf Flug­blät­tern. Un­ter an­de­rem im «Ar­gen­ti­ni­schen Ta­ge­blatt», ur­sprüng­lich ei­ne Zei­tung für Aus­land­schwei­zer:in­nen. We­gen sei­ner kla­ren an­ti­fa­schis­ti­schen Hal­tung ge­winnt das Blatt neu­es Pu­bli­kum – nicht oh­ne Wi­der­stand: Es kommt zu Kon­flik­ten mit der deut­schen Bot­schaft, zu Ge­richts­pro­zes­sen, An­zei­gen­boy­kot­ten, Über­grif­fen auf Re­dak­tor:in­nen und so­gar zu Brand­an­schlä­gen.

Hit­ler, Goeb­bels, Mus­so­li­ni und Co. steckt Jupp in al­ber­ne Kos­tü­me, zeich­net sie als blos­ses Ske­lett oder als Tie­re. Hit­ler – 
sei­ne häu­figs­te Fi­gur – zeigt er nie als mäch­ti­ges Mons­ter, son­dern klein, un­be­hol­fen oder be­reits tot. Nur die «Na­zi­schlan­ge», die er 1938 in der Zeit­schrift «Con­tra» pu­bli­ziert, wirkt be­droh­lich.

Nel­ly trägt die Fa­mi­lie

Ehe­frau Nel­ly lernt in Bue­nos Ai­res Tel­ma Rec­ca ken­nen. De­ren Mann ist Ar­chi­tekt und soll der «Ver­ei­ni­gung für Neu­es Bau­en» bei­tre­ten, so kommt der Kon­takt zu­stan­de. Tel­ma Rec­ca baut ein kin­der­psy­cho­lo­gi­sches Am­bu­la­to­ri­um auf und bil­det Nel­ly zur Kin­der­psy­cho­lo­gin aus. Bue­nos Ai­res galt schon da­mals als Hoch­burg der Psy­cho­ana­ly­se.

Nel­ly fin­det rasch ei­nen gu­ten Zu­gang zu Kin­dern: Sie kniet sich zu ih­nen nie­der, um ih­nen auf Au­gen­hö­he zu be­geg­nen. Sie spricht ih­re Spra­che. Auch dank ihr spie­len Kin­der in Jupps Wer­ken im­mer wie­der ei­ne zen­tra­le Rol­le. Sie wa­ren die ver­letz­lichs­ten Op­fer des Fa­schis­mus – und gleich­zei­tig die Hoff­nung auf ei­ne bes­se­re Zu­kunft.

Carl und Nelly Meffert 1936 in Argentinien (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv).

Jupp und Nel­ly be­kom­men selbst zwei Kin­der: Ar­gen­ti­na (Ti­na) und Clau­dio. Weil die El­tern so be­schäf­tigt sind, wer­den die bei­den häu­fig fremd­be­treut und Clau­dio be­sucht spä­ter ein In­ter­nat. Nach dem Krieg wid­met sich Jupp in sei­nen Ka­ri­ka­tu­ren vor al­lem der po­li­ti­schen Rea­li­tät Ar­gen­ti­ni­ens. Doch er wird mor­phi­um­ab­hän­gig. Die Auf­trä­ge wer­den we­ni­ger, aber Nel­ly hält zu ihm und die Fa­mi­lie über Was­ser. Nach ei­nem wei­te­ren Rück­fall An­fang der 1960er-Jah­re schickt Nel­ly Jupp in die Schweiz. Dort macht er ei­nen Ent­zug und zieht nach St.Gal­len, um sich um Nel­lys El­tern zu küm­mern.

Als 1962 ei­ne Mi­li­tär­jun­ta in Ar­gen­ti­ni­en putscht, wird für Jupp ei­ne Rück­kehr we­gen sei­nes frü­he­ren po­li­ti­schen En­ga­ge­ments zu ge­fähr­lich. Nel­ly und Toch­ter Ti­na – die in­zwi­schen mit Va­ni­na selbst Mut­ter ge­wor­den ist – ent­schei­den sich, nach St.Gal­len um­zu­zie­hen. Clau­dio bleibt in Ar­gen­ti­ni­en und ar­bei­tet als Schau­spie­ler.

Zu­rück in St.Gal­len

Nel­ly fin­det in ih­rer al­ten Hei­mat ei­ne Stel­le als Kin­der­psy­cho­lo­gin im Be­da­haus, Jupp als Zeich­ner fürs Schau­spiel­haus Zü­rich und als Leh­rer an der Kunst­ge­wer­be­schu­le St.Gal­len. Er sei be­liebt ge­we­sen, weiss En­ke­lin Va­ni­na Hu­ber-Fal­bo, die mit ih­rer Fa­mi­lie in der Stadt wohnt: cha­ris­ma­tisch, en­ga­giert, hu­mor­voll, doch in­ner­lich ver­wahr­lost. Vie­le Pro­ble­me wur­zel­ten in Jupps Kind­heit. Er kam mit elf Jah­ren in ei­ne Er­zie­hungs­an­stalt, mit 16 trat er dem Spar­ta­kus­bund bei, der in Deutsch­land ge­gen den Ers­ten Welt­krieg pro­tes­tier­te. Sein Va­ter ver­riet ihn, was den Ju­gend­li­chen für drei­ein­halb Jah­re ins Zucht­haus brach­te.

Die Ver­hält­nis­se nach der Rück­kehr in die Schweiz sind schwie­rig. Jupp ist kaum für die Fa­mi­lie da. Er lebt mit sei­ner Ge­lieb­ten in Zü­rich – mit­fi­nan­ziert von Nel­ly. Sie be­kocht gar Jupps Freun­din. «Nel­ly war nie mo­ra­lisch, aber mensch­lich», sagt En­ke­lin Va­ni­na. «Oh­ne sie wä­re das Fa­mi­li­en­schiff Mef­fert un­ter­ge­gan­gen. Sie war die Ka­pi­tä­nin, hat­te sich auf­ge­op­fert, oh­ne selbst Op­fer zu sein. Es war ihr Pro­gramm und sie konn­te nicht an­ders.»

Längst ist Clé­ment Mo­reau wie­der­ent­deckt. Sei­ne Ar­bei­ten und sein Le­ben sind im erst­mals 1978 er­schie­nen Aus­stel­lungs­ka­ta­log Gra­fik für den Mit­men­schen um­fas­send do­ku­men­tiert. Er er­leb­te noch Aus­stel­lun­gen und Eh­run­gen. Nach ei­ner Lau­da­tio bei ei­ner Ver­nis­sa­ge im St.Gal­ler Waag­haus be­merk­te Nel­ly al­ler­dings hu­mor­voll und tro­cken, da ver­ges­sen wur­de zu er­wäh­nen, dass Jupp ja nicht die gan­ze Zeit sin­gle war.

Die Ge­schich­te von Tim, Tom und Ma­ry ist jetzt, 85 Jah­re nach ih­rer Ent­ste­hung, zum ers­ten Mal als Buch un­ter Clé­ment Mo­re­aus Na­men er­schie­nen. Doch sie ist – wie sein ge­sam­tes Ver­mächt­nis – auch das Werk von Nel­ly Mef­fert-Gug­gen­bühl.

Wei­ter­le­sen:
Clé­ment Mo­reau: Tim, Tom und Ma­ry – Ei­ne Bil­der­ge­schich­te über Flucht und So­li­da­ri­tät, Ver­lag Hentrich & Hentrich, Ber­lin und Leip­zig 2025.
Bern­hard Brack-Zah­n­er: Nichts Mensch­li­ches ist mir fremd – Das Le­ben von Nel­ly Mef­fert-Gug­gen­bühl, Ap­pen­zel­ler-Ver­lag, He­ris­au 2004.
Clé­ment Mo­reau / Carl Mef­fert: Gra­fik für den Mit­men­schen, Aus­stel­lungs­ka­ta­log, Ber­lin 1978 und Lim­mat­ver­lag 1980 (ver­grif­fen).

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