Cyborg-Kakerlaken
Okay, das wird jetzt ein bisschen abgefahren. Da doom-scrollte ich vor einigen Tagen unschuldig durch die Untiefen der Algorithmen, als mich plötzlich folgende Schlagzeile kalt erwischte: «Forscher haben einen Mini-Tauchanzug für Cyborg-Kakerlaken entwickelt.» Der Blick in den Kalender verriet mir, dass ich mich immer noch im Jahr 2026 befand. Also erstmal No-Hate, so ein Taucheranzug ist garantiert eine tolle Sache und die Entwicklung wahrscheinlich extrem kompliziert, aber … WAS ZUR HÖLLE SIND CYBORG-KAKERLAKEN?
Ohne Furcht stülpte ich mir meinen eigenen Internet-Taucheranzug über und stürzte mich in den brachliegenden Kaninchenbau. Und was soll ich sagen: Die ganze Geschichte ist noch ein bisschen verrückter, als ihr es euch gegenwärtig vorstellen könnt.
Cyborg-Kakerlaken sind keine vollständig künstlichen Roboter, sondern sogenannte Biohybrid-Systeme. Das bedeutet: Es handelt sich um lebende Insekten, die durch an ihr Nervensystem angedockte Elektroden ferngesteuert werden. Die Elektronik gibt dabei ausschliesslich Lenk-Impulse, während die Kakerlake selbst weiterhin läuft und ihre Umgebung wahrnimmt – soll heissen: weiterlebt!
Die Cyborg-Kakerlaken wurden von einem Forschungsteam der Nanyang Technological University in Singapur entwickelt. Geleitet wird das Projekt von Professor Hirotaka Sato, der seit vielen Jahren an sogenannten Insekten-Cyborgs forscht. Auslöser für Satos Forschung war das Erdbeben 2011, das in Japan unter anderem das Atomkraftwerk Fukushima massiv beschädigte und über 18’000 Menschen das Leben kostete. Sato beobachtete die hilflosen Rettungsmissionen und machte sich daran, eine Technik zu entwickeln, die dabei helfen sollte, zerstörte Gebäude nach Überlebenden zu untersuchen. Kakerlaken sind bekannt dafür, selbst unter widrigsten Bedingungen zu überleben. Sie sind robust, ausdauernd und extrem beweglich.
Anstatt eine Art Miniaturroboter zu konstruieren, der die Eigenheiten der Tiere kopierte, entschied sich Satos Team schon bald für eine ressourcenschonende Lösung. Als ideale Basis wurde die Madagaskar-Schabe auserkoren, die in der Lage ist, einen 15 Gramm schweren Rucksack mit Minicontroller, Infrarot-Kamera und einer Funkverbindung zu tragen.
Der Tauchanzug löst das Problem, dass Kakerlaken unter Wasser normalerweise nicht lange atmen können. Er besteht aus einer flexiblen wasserdichten Hülle, kleinen Schläuchen zu den Atemöffnungen (Spirakeln) und einem winzigen Sauerstoffgenerator, in welchem Wasserstoffperoxid und Mangandioxid miteinander reagieren. Crazy!
Bei aller Faszination darf hier aber der moralische Aspekt nicht zu kurz kommen: Wie würden wir reagieren, wenn die Forscher:innen einen Hund oder einen Affen fernsteuern würden, um Verschüttete in Venezuela, Kolumbien oder Indonesien aufzuspüren? Insekten werden in der öffentlichen Wahrnehmung kaum als Lebewesen wahrgenommen. Mit traumwandlerischer Selbstsicherheit zertreten wir Ameisen, elektrifizieren wir Mücken und schlagen Wespen tot. Alle Tiere sind gleich … aber manche sind gleicher als andere!
Jeremias Heppeler, 1989, lebt und arbeitet als Künstler, Musiker und Autor im Donautal und irgendwie auch überall sonst in den intermedialen Zwischenräumen dieser Welt. In seiner Kolumne streift Heppeler literarisch durch das kunterbunte Tierreich des Popkultur-Planeten Erde – auf der Suche nach den seltsamsten Lebewesen, den absurdesten Fakten und den erschreckendsten Umweltsünden. Die Illustration stammt ebenfalls aus seiner Feder.
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