Der Einzähnige
Die Angst geht um im indischen Bundesstaat Jharkhand: Ein Serientäter hat alleine im noch jungen Jahr 2026 über 20 Menschen durch stumpfe Gewalt getötet. Profiler beschreiben den Verdächtigen als männlich, jung und unberechenbar. Das Grauen schlug nachts und mit unbeschreiblicher Brutalität zu und hinterliess eine Schneise der Zerstörung. Obwohl zahlreiche Ermittler aus benachbarten Distrikten der Sonderkommission zur Hilfe eilten, konnte der Täter bislang nicht gefasst werden. Zeugen schilderten ein ungewöhnliches Detail: Im Gegensatz zu seinen Artgenossen besitzt der vermeintliche Mehrfachmörder nur einen Stosszahn!
Yes – und hier zergeht die falsche Fährte, denn Heppelers Bestiarium bleibt auch in dieser Ausgabe eine Kolumne über Tiere und nicht über True-Crime-Reportagen. Obwohl letztere ja auch im Jahr 2026 tierisch angesagt bleiben. Der Mensch besitzt eine extreme Faszination für das Extreme. Und das schwammige Genre True Crime triggert in uns seit Jahrhunderten gewachsene und einst durch Moritate gestillte Interessensinstinkte: Menschen, die sich am Rande der Moral bewegen, erregen unsere unbedingte Aufmerksamkeit, weil sie nicht nur eine potenzielle Gefahr für das eigene Ich, sondern auch für die Gesellschaft an sich darstellen.
Tiere indes werden nur dann als gefährlich oder gar kriminell geframed, wenn sich ihre Taten gegen Menschen richten. Auch deshalb ging die eingangs angeteaste Geschichte des wildgewordenen Elefantenbullen weltweit viral. Dabei scheinen die Hintergründe der Story auf verschiedenen Ebenen tragisch. Denn die totgetrampelten Menschen waren allesamt bettelarme Bauern, die sich dazu gezwungen sahen, auf ihren Feldern zu schlafen, um diese vor Diebstählen zu beschützen. Der junge Elefantenbulle, dem tatsächlich ein halber Stosszahn fehlt, könnte laut Wissenschaftlern nach einer sozialen Ausgrenzung aus seiner Herde die Kontrolle verloren haben. Seither irrt er orientierungslos durch die schwindende Heimat seiner Ahnen und lässt seine Wut an den vermeintlich Schwächsten aus. Die Geschichte erinnert im Kern an den ungewöhnlichen indischen Horrorfilm Jallikattu, wobei es dort ein wilder Stier war, der für Angst und Schrecken sorgte.
Die Anzahl tödlicher Elefantenangriffe stieg in Indien zuletzt exponentiell an, da die natürlichen Territorien der Dickhäuter unwiederbringlich durch Menschenhand zerstört werden. Wo Mensch und Tier zuvor nur selten aufeinandertrafen, ist die Konfrontation heute unvermeidlich. Und trotz KI-Frühwarnsystemen starben in den vergangenen fünf Jahren circa 2800 Menschen durch entsprechende Attacken.
Und natürlich leiden vor allem die Elefanten selbst: Etwa 10 Prozent ihrer transgenerationalen Migrationsrouten wurden bereits zerstört, was zu einem Anstieg von oft tödlichen Zugunfällen, Stromschlägen und Vergeltungsvergiftungen führt. Die menschliche Kapitalismuskultur zerstört auch hier in Zeitraffern die gewachsene Natur und provoziert Konflikte, die keine Gewinner:innen kennen.
JEREMIAS HEPPELER, 1989, lebt und arbeitet als Künstler, Musiker und Autor im Donautal und irgendwie auch überall sonst in den intermedialen Zwischenräumen dieser Welt. In seiner Kolumne streift Heppeler literarisch durch das kunterbunte Tierreich des Popkultur-Planeten Erde – auf der Suche nach den seltsamsten Lebewesen, den absurdesten Fakten und den erschreckendsten Umweltsünden. Die Illustration stammt ebenfalls aus seiner Feder.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Das schwedische Start-up Corvid Cleaning ging Ende des letzten Jahres viral, weil es eine Maschine entwickelt hatte, die Krähen im Austausch für eingesammelte Zigarettenstummel mit Leckereien belohnte. Eine Art Pfandautomat für Rabenvögel! Die Vögel sind ohnehin berühmt und berüchtigt für ihre…
Kolumne: Heppelers Bestarium
Selbstverständlich wollen wir das Bestiarium frei von Clickbait halten, aber bei einer Schlagzeile der Marke «Warum sind die Hunde in Tschernobyl blau?» wird auch der integerste Tierkolumnist schwach. Zu aufregend sind die Bilder, die sich umgehend vor dem inneren Auge auftun: Kunterbunt…
Reiche Menschen tragen in einem absurden Mass zum Klimawandel und der Zerstörung unseres Planeten bei. Das ist ein Fakt. Und da die Regierungen unseres Planeten einen Teufel tun, die Superreichen adäquat zu besteuern oder in irgendeiner anderen Art und Weise zur Rechenschaft zu ziehen, scheint…
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.