Rauchende Raben
Das schwedische Start-up Corvid Cleaning ging Ende des letzten Jahres viral, weil es eine Maschine entwickelt hatte, die Krähen im Austausch für eingesammelte Zigarettenstummel mit Leckereien belohnte. Eine Art Pfandautomat für Rabenvögel! Die Vögel sind ohnehin berühmt und berüchtigt für ihre ausserordentliche Intelligenz – in freier Wildbahn benutzen sie Werkzeuge, lassen Nüsse von Fahrzeugen knacken und bedanken sich bei Menschen, die sie gefüttert haben, mit kleinen Geschenken. Raben können sich nicht nur Gesichter merken, sondern wurden schon beim gemeinschaftlichen Schmieden von Plänen erwischt. Geflügelte Genies!
Die Idee, den Spieltrieb und die Tauschfähigkeit der Vögel zum Müllsammeln zu nutzen, ist indes nicht neu: Der französische Freizeitpark Puy du Fou setzte 2018 eine Bande von Krähen mit den grandiosen Namen Boubou, Bamboo und Bricole als Aufräumkommando ein. Der Präsident des Parks gab damals zu Protokoll: «Der Zweck der Krähen ist es, die Menschen zum Nachdenken anzuregen. Die Vögel tun etwas, wozu wir viel besser fähig sind als sie, also sollten wir ihrem Vorbild folgen.» Puh, wer sagt es dem Herrn Präsidenten?
Schon 2009 hatte der selbsternannte «quintessentielle Hacker» Josh Klein einen Snackautomaten gebastelt, in dem Raben gefundene Münzen gegen Essen tauschten (oder wie wir Menschen es nennen: bezahlten!). Klingt irgendwie fair. Aber kann es das überhaupt sein, wenn ein derartiges Machtgefälle zwischen den Lebewesen vorherrscht?
Die Geschichte der Menschheit ist seit jeher eng daran gebunden, andere Arten auszubeuten. Das «Nutz» in Nutztier kommt ohne Zweifel von ausnutzen. Entsprechend schmal ist der tierethische Grat, auf dem wir uns bewegen, wenn wir Eigenheiten von Tieren gezielt ausbeuten, damit sie unseren Scheiss wegräumen. Vereinzelt kommt es dennoch zu symbiotischen Win-win-Situationen: Das Billion-Oyster-Project etwa hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Milliarde Austern im Hafen von New York anzusiedeln. Die Muscheln filtern verschmutztes Wasser extrem effektiv und schichten sich zu verwachsenen Riffen auf, die nachweislich für maritime Artenvielfalt sorgen. Im Gegensatz dazu laufen die müllsammelnden Raben durchaus Gefahr, sich zu vergiften. Zigistummel, von denen jährlich Milliarden einfach weggeworfen werden, gelten als extrem schädlich. Vollgesogen mit allerlei Giftstoffen dauert es Jahrzehnte, bis sich eine Kippe zersetzt hat.
Schlussendlich wurde das Krähen-Start-up ohnehin von den erbarmungslosen Fäusten des Kapitalismus zermalmt: Die Tiere arbeiteten zwar für eine Handvoll Erdnüsse, die Firma selbst warf indes keinerlei Gewinn ab und ging folgerichtig im Oktober 2025 bankrott. Die virale Weltberühmtheit erfolgte sozusagen posthum, als sich die Raben längst wieder auf dem freien Arbeitsmarkt beweisen mussten.
JEREMIAS HEPPELER, 1989, lebt und arbeitet als Künstler, Musiker und Autor im Donautal und irgendwie auch überall sonst in den intermedialen Zwischenräumen dieser Welt. In seiner Kolumne streift Heppeler literarisch durch das kunterbunte Tierreich des Popkultur-Planeten Erde – auf der Suche nach den seltsamsten Lebewesen, den absurdesten Fakten und den erschreckendsten Umweltsünden. Die Illustration stammt ebenfalls aus seiner Feder.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Selbstverständlich wollen wir das Bestiarium frei von Clickbait halten, aber bei einer Schlagzeile der Marke «Warum sind die Hunde in Tschernobyl blau?» wird auch der integerste Tierkolumnist schwach. Zu aufregend sind die Bilder, die sich umgehend vor dem inneren Auge auftun: Kunterbunt…
Reiche Menschen tragen in einem absurden Mass zum Klimawandel und der Zerstörung unseres Planeten bei. Das ist ein Fakt. Und da die Regierungen unseres Planeten einen Teufel tun, die Superreichen adäquat zu besteuern oder in irgendeiner anderen Art und Weise zur Rechenschaft zu ziehen, scheint…
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.