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«Grosses Lob für diesen Keller»

Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.

(Bild: Sara Spirig)

(Bild: Sara Spirig)

Sai­ten: Nach 22 Jah­ren Kel­ler­büh­ne: Was ist dei­ne Bi­lanz?

Mat­thi­as Pe­ter: Als ich an­fing, wa­ren die Pu­bli­kums­zah­len un­be­frie­di­gend, rund 8000 pro Spiel­zeit. Ich konn­te sie rasch stei­gern, und über die Jah­re hat sich die Be­su­cher:in­nen­zahl zwi­schen 13’000 und 16’000 ein­ge­pen­delt. Die­se Kon­stanz ist ein gros­ses Glück – sie hat na­tür­lich ent­schei­dend mit den Künst­le­rin­nen und Künst­lern zu tun, die je ei­ge­nes Pu­bli­kum an­ge­spro­chen ha­ben. 

Kul­tur im Kel­ler – was ist die Qua­li­tät die­ses Raums?

In den An­fän­gen hiess es oft, Kel­ler­thea­ter, das sei vor­bei, ein Re­likt von frü­her. Aber ich war über­zeugt: Wenn man rich­tig pro­gram­miert, kommt es gut. Und von den Künst­ler:in­nen ha­ben wir stets po­si­ti­ve Rück­mel­dun­gen be­kom­men. Mi­chel Gam­men­tha­ler brach­te es ein­mal auf den Punkt: «Nach drei Sät­zen ha­be ich die Leu­te.» Der Tun­nel, das Ge­wöl­be, die Blick­rich­tung, all das schafft ei­ne ge­ball­te La­dung Auf­merk­sam­keit und ei­nen Aus­tausch zwi­schen Büh­ne und Pu­bli­kum, der ein­zig­ar­tig ist. Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler als Thea­ter­raum!

Kei­ne Nach­tei­le?

Seit die Be­stuh­lung fix ist, ha­ben wir ei­ne rei­ne Guck­kas­ten­büh­ne. Das ver­hin­dert et­wa ex­pe­ri­men­tel­le In­sze­nie­run­gen mit wech­seln­den Schau­plät­zen. Aber für un­se­re Haupt-Pro­gramm­schie­nen – Ka­ba­rett, Chan­son, Klein­kunst, Sprech­thea­ter – spielt das kei­ne Rol­le.

Du sprichst von Klein­kunst. Ist der Be­griff nicht ab­wer­tend, auch wenn ihn die Kel­ler­büh­ne be­nutzt und er so­gar auf den Kul­tur­säu­len der Stadt steht?

Es ist ein Be­griff aus der Ent­ste­hungs­zeit. Auf der ei­nen Sei­te stand das «gros­se» Stadt­thea­ter – auf der an­de­ren Sei­te gin­gen über­all Kel­ler­thea­ter und an­de­re klei­ne Spiel­stät­ten auf. Die De­vi­se war: Wir schaf­fen im klei­nen Rah­men gu­te Pro­duk­tio­nen, die sich qua­li­ta­tiv mit den gros­sen Büh­nen mes­sen kön­nen. Nein, ab­wer­tend war und ist das nicht ge­meint. Es gibt ganz gross­ar­ti­ge Klein­kunst.

Du hat­test nie das Be­dürf­nis, ei­nen an­de­ren Be­griff zu prä­gen?

Zu Be­ginn hät­te ich et­was an­de­res gern er­setzt, näm­lich den Na­men «Kel­ler­büh­ne». Der Kel­ler, die Schwel­le, da hin­un­ter­zu­stei­gen – die­ses Bild stör­te mich. Aber der Vor­stand hat­te klar ent­schie­den: Der Na­me bleibt. Ich konn­te gut da­mit le­ben. Die Kel­ler­büh­ne lebt ja auch von der Tra­di­ti­on, von der Leis­tung der Grün­der­ge­nera­ti­on.  

… ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die zu­sam­men mit dem Kel­ler in Eh­ren ge­al­tert ist. Wie steht es um die Jun­gen? 

Wir ha­ben fast im­mer ein durch­misch­tes Pu­bli­kum, von 20 bis 80 Jah­ren. Die Kel­ler­büh­ne ist ein Ge­ne­ra­tio­nen­thea­ter, und ich kann mir nichts Schö­ne­res vor­stel­len. Men­schen un­ter 20 Jah­ren brin­gen wir al­ler­dings nicht in Scha­ren in den Kel­ler hin­un­ter. Aus­ser zum Bei­spiel am Nord­klang-Fes­ti­val, mit dem wir seit Be­ginn zu­sam­men­ar­bei­ten. Da kom­men Jun­ge und sa­gen: «Hey, gei­le Lo­ca­ti­on!» Ob sie dann fürs nor­ma­le Pro­gramm wie­der auf­tau­chen, ist die an­de­re Fra­ge. Aber im­mer­hin ist die Schwel­le ein­mal über­wun­den.

Gren­zen set­zen ja auch die Spar­ten – aber es gab Aus­nah­men, gleich 2004 stan­den un­ter an­de­ren Göl­din und Bit-Tu­ner auf der Büh­ne.

Das war ein Ver­such mit ei­ner Hip-Hop-Schie­ne, aber er hat sich schnell er­le­digt. Den Slam ha­ben wir be­wusst nicht an­ge­tas­tet. St.Gal­len ist ja die Ge­burts­stadt des Schwei­zer Slam, und der Ort da­für war und ist die Gra­ben­hal­le. In den Jah­ren 2004 bis 2008 gab es ge­ne­rell ei­ne «Flur­be­rei­ni­gung» un­ter den St.Gal­ler Lo­ka­len. Pro­fil schär­fen, Über­schnei­dun­gen ver­mei­den, das war die Auf­ga­be. Aus mei­ner Sicht ha­ben wir sie ge­löst. Ein an­de­res Stand­bein wa­ren über lan­ge Zeit Au­tor:in­nen­le­sun­gen – das fällt weg, seit das Li­te­ra­tur­haus so ak­tiv ist.

Pa­lace, Gra­ben­hal­le, Lok­re­mi­se, Thea­ter Trou­vail­le, Thea­ter 111, Raum für Li­te­ra­tur usw.: Bei ih­rer Grün­dung war die Kel­ler­büh­ne noch al­lein auf wei­ter Flur. Ist die heu­ti­ge Kon­kur­renz ein Pro­blem?

Im Ge­gen­teil. Die Gra­ben­hal­le hat ih­re ei­ge­ne Stoss­rich­tung, das Pa­lace so­wie­so – grund­sätz­lich fin­de ich, dass Kon­kur­renz be­lebt. St.Gal­len hat ein sehr gu­tes Kul­tur­kli­ma mit ei­nem breit­ge­fä­cher­ten An­ge­bot. Was ich für uns in An­spruch neh­men darf, ist, dass wir nach Co­ro­na wie­der ge­nau­so gut da­ste­hen wie vor­her, mit ei­ner kon­stan­ten Aus­las­tung von 70 bis 75 Pro­zent – im Ge­gen­satz zu vie­len an­de­ren, die un­ter Pu­bli­kums­schwund lei­den.

Wo­her kommt das?

Wir pro­fi­tie­ren viel­leicht von der Tat­sa­che, dass es in St.Gal­len kei­nen Saal mitt­le­rer Grös­se für 300 bis 400 Leu­te gibt. Vie­le un­se­rer Künst­ler:in­nen spie­len an­ders­wo vor mehr als 138 Leu­ten. Aber sie kom­men hier­her, ers­tens weil wir sie gut ge­pflegt ha­ben, und zwei­tens, weil wir in St.Gal­len die ers­te Adres­se für Ka­ba­rett sind. Was der Vor­stand zum Glück im­mer auch un­ter­stützt hat, sind die klei­nen, fei­nen Ei­gen­pro­duk­tio­nen, ein Igna­zio Si­lo­ne, ein Ja­kob Senn oder die St.Gal­ler Stadt­ro­ma­ne von Har­dung, Hil­ty und Nie­der­mann. Das wa­ren Ent­de­ckun­gen, die sonst kei­ner macht.

Zur Person

Matthias Peter, 1961, war ab 1980 in Luzern und 1982-84 als Schauspieler und Regieassistent am Stadttheater St.Gallen engagiert. Danach arbeitete er freischaffend als Produzent, Schauspieler, Regisseur und Kulturpublizist. Seit 2004 bis heute leitet er die Kellerbühne St.Gallen, 2014 erschien seine Geschichte der Kellerbühne mit dem Titel Applaus & Zugaben. Mit dem Solostück Schischyphus verabschiedet sich Matthias Peter am 5. und 6. Juni vom Publikum.

kellerbuehne.ch

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Dass ei­ne mit­tel­gros­se Büh­ne fehlt, ist seit Lan­gem ein Är­ger­nis. Eben­so wie die Spar­übun­gen in Stadt und Kan­ton, jüngst der Um­bau des Lot­te­rie­fonds auf Kos­ten der Kul­tur. Müss­te man da nicht aus dem Kel­ler her­aus und auf die Gas­se ge­hen? So wie der Pic-o-Pel­lo-Zir­kus 1975, der ge­gen die ge­plan­te Süd­um­fah­rung und die Zer­stö­rung des Quar­tiers auf dem Damm pro­tes­tier­te – mit Er­folg.

Die Kel­ler­büh­ne ist im We­sent­li­chen ja ein Ein-Mann-Be­trieb. Und de­mons­trie­ren, auf die Gas­se ge­hen ist we­ni­ger mein Ding. Aber der Pic-o-Pel­lo-Zir­kus ist ein fan­tas­ti­sches Bei­spiel für ei­ne Stadt­in­ter­ven­ti­on. Die ge­plan­te Tief­stras­se wä­re üb­ri­gens ge­nau hier, wo wir ste­hen, durch die Bar der Kel­ler­büh­ne durch­ge­gan­gen. 

Spä­ter folg­te der «Gros­se Auf­bruch», wie das neue Buch über die 80er-Jah­re be­ti­telt ist, mit Gra­ben­hal­le, Ki­nok, Kunst­hal­le und an­de­ren. Spürst du heu­te ei­nen Auf­bruchs­geist?

Ich ha­be da­mals in der Gra­ben­hal­le ei­ne der ers­ten Thea­ter­pro­duk­tio­nen in­sze­niert, Seid Sand, nicht Öl im Ge­trie­be der Welt. Das war Wi­der­stands­li­te­ra­tur pur. In­zwi­schen war Co­ro­na, und man­ches ist schwie­ri­ger ge­wor­den, in­halt­lich. Seit­her be­steht die Ge­fahr, dass zum Bei­spiel Igna­zio Si­lo­nes Fon­ta­ma­ra, ei­gent­lich ein Text ge­gen Fa­schis­mus und Dik­ta­tur, von Ver­schwö­rungs­an­hän­gern in­stru­men­ta­li­siert wer­den könn­te. Auf­bruch? Jetzt? Nein. Auch die Klein­kunst-Sze­ne hat sich ver­än­dert.

In­wie­fern?

Ka­ba­rett war einst viel po­li­ti­scher; in jün­ge­rer Zeit ist es et­was zu sehr in der Wohl­fühle­cke ge­lan­det. Es gibt Aus­nah­men, wie Bänz Fried­li, aber vie­le an­de­re Pro­gram­me blei­ben im Pri­va­ten. Und man­che Künst­ler:in­nen sa­gen: Man weiss nicht mehr recht, was man darf auf der Büh­ne. Die Wo­ke­ness-­Wel­le, ge­sell­schafts­po­li­ti­sche For­de­run­gen, In­klu­si­on, Sprach­re­ge­lun­gen … all das führt da­zu, dass man sich ge­wis­se Din­ge nicht mehr recht zu sa­gen ge­traut. Weil mit Re­ak­tio­nen zu rech­nen ist, im Sinn von: Da goht gar nöd! In­so­fern bin ich nicht un­glück­lich, als Lei­ter auf­zu­hö­ren.

Was sind dei­ne Plä­ne für die Zu­kunft, mit dem von dir ge­grün­de­ten «Mo­bi­len Text-Thea­ter St.Gal­len»?

Es bleibt mei­ne Pas­si­on, in mo­no­lo­gi­schen Stü­cken his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten auf­er­ste­hen zu las­sen. Das nächs­te Pro­jekt wid­met sich Ja­kob Stutz, ei­nem Dich­ter aus dem Zür­cher Ober­land, der als «Re­form­päd­ago­ge» auch in Aus­ser­rho­den Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Da­mit wer­de ich im No­vem­ber auch in der Kel­ler­büh­ne zu se­hen sein – als Gast.

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