Lustiges Massenartensterben
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
In 40 Millionen Jahren: schöne neue Welt mit Juri (Annabel Hertweck). (Bilder: Tanja Dorendorf)
«Es wird super», verspricht Juri. Sie moderiert im Clownskostüm die ultimative, galaxieweit ausgestrahlte TV-Reality-Show «Survival Planet Earth». Thema: das Massenartensterben, das im späten 21. Jahrhundert dem Leben auf der Erde den Garaus machte. Jetzt, 40 Millionen Jahre später, versuchen die Humanoiden einer anderen Galaxie das damalige Geschehen zu rekonstruieren.
Klar, dass der Homo sapiens dabei schlecht wegkommt. «Ihr seid die besten Zerstörer, mit denen ich je zusammengearbeitet habe», lobt Juri (Annabel Hertweck) am Schluss den einzig Überlebenden der Gattung, der es auf Planet B geschafft hat. Boris Baumann heisst er, ist Versicherungsvertreter aus Frauenfeld und einigermassen irritiert über den Job, die ganze Menschheit im Casting zum Massenartensterben zu vertreten.
Planet B, die bissige Weltuntergangskomödie des Autor:innen-Duos Yael Ronen und Itai Reicher, war der Beitrag des Schauspiels an die diesjährigen St.Galler Festspiele. Gespielt wurde unter freiem Himmel, in der «Parkbühne» des Theaters mit Blick auf den Stadtpark – wenn man nicht gerade wie wir den einzigen Regentag dieses Hitzesommer-Festivals erwischt hat.
Aber auch im Ausweichsaal, dem Studio, funktionierte das Stück «super». Wir fieberten mit, wenn das tattrige Huhn (Diana Dengler), die todessüchtige Fledermaus (Christian Hettkamp), der depressive Panda (Jonathan Fiebig), das gnadenlose Krokodil (Julia Buchmann), die effiziente Ameise (Manuel Herwig) und der woke Stadtfuchs (Jonathan Fink) gegen Versicherungsvertreter Boris (Anja Tobler) zum Endzeit-Showdown antraten. Eine Superladung Ironie, Sprachwitz samt rabenschwarzer Politbotschaft, rasant inszeniert von Anna Marboe in einem Retro-Bühnenbild von Elisabeth Weiss: All das zusammen bot grosses Amüsement.
Dabei gibt es nichts zu lachen. Den heissesten Juni aller Zeiten haben wir grad hinter uns, ein Höllenjuli heizt Südeuropa ein, in Südfrankreich fackeln schon Wälder und Wohnmobile ab, das Mittelmeer ist fünf Grad wärmer als normal, in den Alpen drohen Murgänge, in Meeresnähe Überschwemmungen. Und das sind bloss die mutmasslich harmloseren Spitzen der menschenverschuldeten Klimakatastrophe. Es brennt an allen Ecken.
Bloss: Wen kümmerts? «Die Menschen waren sehr gut darin, unangenehme Tatsachen zu ignorieren», sagt einer der Humanoiden im Stück Planet B – «aber nicht so gut darin, sie zu überleben.» Applaus!
Applaus ist immer gut – Handeln wäre besser. Am besten radikal, wenn es noch eine Wende im Zerstörungswerk geben soll, für das uns bekanntlich kein Planet B in Aussicht gestellt ist.
Casting-Star Panda (Jonathan Fiebig, Mitte) und die Konkurrenz.
Die französische Autorin Emilia Roig (auf die auch das Programmheft von Planet B hinweist) plädiert dafür, «Beziehung statt Beherrschung» zu üben. «Die Erde ist kein passives Objekt, das auf unsere Hilfe angewiesen ist», schreibt sie im jüngsten Buch Lieber Sohn oder So rettest du die Welt. «Sie ist eine uralte mächtige Intelligenz, die Wandel, Zerstörung und Erneuerung in sich trägt. Sie braucht uns nicht. Sie hat Eiszeiten, Meteoriteneinschläge und Massensterben überstanden. Die Frage ist nicht, ob sie uns überlebt – sondern ob wir lernen, uns wieder als Teil von ihr zu begreifen.»
Für diese «radikale Neuorientierung» (Roig) benutzt sie ein gutes altes deutsches Wort: Fürsorge. Kollektive Fürsorge meint Pflege der Lebendigkeit statt Zerstörung. «Und genau das geschieht bereits: in Bewegungen für radikale Demokratie, solidarische Ökonomien, dekoloniale Reparatur, ökologische Selbstbestimmung. Die Ressourcen sind da: Nahrung, Wissen, Technologien, Beziehungen. Die Mittel haben wir. Jetzt brauchen wir den Mut, dem alten Paradigma zu widersprechen.» Das klingt, selten genug, hoffnungsvoll.
Planet B, das Stück, endet hingegen ohne Trost. Sieger im Endzeit-Game sind die Ameisen – sie übernehmen das Regime auf der Erde. Der Mensch hingegen wird abserviert auf einen Planeten B, wo die Bienen das Sagen haben. Ein Finale, das uns ins Sinnieren bringen kann. Oder ins Handeln. Zeit genug dafür wäre, mindestens bis zu den nächsten Festspielen.
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