Dynamik in Stein
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
(Bild: pd/Maria Mahler)
Schon jetzt scheint sie gleich abheben zu wollen, die marmorne Frauenfigur mit Flügeln statt Armen. Auch wenn Florian Fuchs etwa die Falten ihrer Toga und die Federn ihrer Schwingen noch nicht bis in die letzten Details wie in seinem kleineren Gipsmodell herausgearbeitet hat. Weil der ursprünglich zehn Tonnen schwere Steinquader nicht in seine Werkstatt an der Glatthalden in Flawil passt, misst, zirkelt, ritzt, bohrt, hämmert und meisselt der Künstler im Freien unter einem Pavillon. Sommers und winters. Zwei Jahre wird ihn die aktuelle Arbeit beschäftigt haben, wenn die Statue nächsten Sommer an ihrem Bestimmungsort in der Region Maloja aufgestellt wird.
Die monumentale Statue ist nach Theano, der Frau des Pythagoras, benannt. Sie galt in der Antike und auch in späterer Rezeption als Inbegriff weiblicher Tugend und Weisheit. Dem Auftraggeber, Spross eines bekannten Bündner Adelsgeschlechts, ging es vor allem um zeitlose und erhabene Schönheit. An den Entwürfen des Künstlers hatte er nichts auszusetzen, einzig dem Gesicht habe er viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die Statue soll dereinst den Vorplatz des sich im Bau befindlichen Familienmuseums zieren.
«Theano ist für mich der bislang grösste und öffentlichkeitswirksamste Auftrag», sagt der 30-jährige Künstler. «Ein solcher Auftrag ist einerseits ein Glücksfall, auch finanziell. Andererseits ist die Verantwortung immens.» Was, wenn etwas schief geht? Wenn zum Beispiel die Nase oder sonst was abbricht oder – noch schlimmer – die stark nach vorne geneigte Figur plötzlich kippt? Aber natürlich ist Fuchs kein Anfänger. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Statik antiker und moderner Plastiken.
Florian Fuchs, 1995 geboren und im ausserrhodischen Bühler aufgewachsen, hat in St.Gallen die Grafikfachklasse und in diesem Rahmen auch ein Praktikum in einer Berliner Agentur absolviert. Die Ausbildung war zwar sehr vielseitig, die Agenturarbeit für seinen Geschmack aber zu computerlastig. So versuchte er sich später unter anderem als Theatermaler und Goldschmied.
Zur Bildhauerei kam er über einen Bekannten seiner Mutter, Christian Aubry, der ein Baukunstunternehmen in Ilanz führt. Eigentlich hatte dieser keinen Ausbildungsplatz zu vergeben, aber als er sich mit Florian Fuchs getroffen und sich dessen Skizzenbücher angesehen hatte, entschied er sich um. Er wollte allerdings keinen herkömmlichen Steinmetz ausbilden, sondern Fuchs’ künstlerisches Talent und materialübergreifendes, musisches Arbeiten fördern. Es fand sich eine Stiftung, die für einen Grossteil der Wohnkosten und die Hälfte des Lehrlingslohns aufkam. Für Fuchs fühlte es sich an wie ein Lottosechser.
Dem Wunsch nach Selbständigkeit folgend, suchte er nach der Lehre nach einer Werkstatt. In der alten Heimat, im Appenzeller Mittelland, wo er immer noch verwurzelt ist, wurde er aber nicht fündig. Von einem früheren Besuch her kannte er Wolfi Steiger, der seine Steinbildhauerwerkstatt auf dem lauschigen, reichlich begrünten Grundstück in der Glatthalden eingerichtet hat. Dieser trat ihm einen Teil seiner eigenen Räumlichkeiten ab. So gehört nun auch Florian Fuchs zu jener Handvoll Künstler:innen, die in dieser Oase der Künste die Industriezone an Flawils Ortseingang beleben.
Die Theano-Figur, gehauen aus Tessiner Cristallina-Marmor, entspricht eigentlich nicht Fuchs’ Stil. Seine Stein- und Bronzearbeiten bewegen sich vom Figurativ-Naturalistischen eher ins Abstrakte. «Ich suche nach einer Art Mittelweg zwischen den beiden Extremen», erklärt Fuchs. Die Ausgangsform orientiert sich dabei meist am natürlichen Aussehen eines Objekts. Erst nach und nach entwickelt er die Figuren weiter – aktuell zum Beispiel eine fürsorgliche, zärtliche, verletzliche Vaterfigur als Gegenentwurf zum stark verbreiteten Männlichkeitsbild von Härte und Stärke.
Fuchs abstrahiert aber stets so, dass die Ursprungsform erkennbar bleibt. Ihn faszinieren Umwandlungsprozesse in der Natur, Metamorphose von Gestein etwa, wie Wasser Steine formt oder Wolken sich bewegen. «Ich will keinen Stillstand abbilden, sondern eine Momentaufnahme von Bewegungen und der Dynamik in der Natur.» Und: «Ich mag es, wenn ich ein Objekt drehen und wenden kann und es nicht nur den einen ‹korrekten› Betrachtungswinkel gibt.»
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Ausstellung in Schaffhausen
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
Kunstausstellung im Thurgau
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Künstler:innenkollektiv Ohm41 lädt zu einer grossen Ausstellung in der Komturei Tobel. «Kipppunkt» untersucht eben solche – kritisch und künstlerisch.
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.