Aufheben, verkaufen oder zerstören?
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Nazi-Trachten hinter Gitter: Die von der NS-Propaganda in Auftrag gegebenen, «weiterentwickelten» Vorarlberger Trachten wurden auch nach 1945 noch hergestellt. (Bilder: pd)
Auf Baustellen weisen orange Markierungen oft auf jene Bereiche hin, in denen Vorsicht geboten ist. Auch das Vorarlberg Museum nutzt die Farbe für ihre Stellwände und Infotafeln und hat die Sammlungsobjekte zudem hinter den metallenen Gittern von Bauzäunen verortet. Ein klarer Hinweis darauf, dass jene Dinge, die das Museum in der Schau «Baustelle Erinnerung/‹Hitler Entsorgen›» ins Zentrum stellt, eben keine harmlosen Relikte sind, auch wenn man ihnen den nationalsozialistischen Hintergrund manchmal nicht sofort ansieht.
Es geht um Stoffe, Schnitte, Motive, um ganze Wohnsiedlungen und um solche Gegenstände, die oft jahrzehntelang in privaten Räumen herumlagen und vielleicht absichtlich gesammelt oder zufällig gefunden irgendwann dann doch im Museum landeten – als «belastetes Erbe». «Erinnerung an den Nationalsozialismus kann und darf nicht einfach ausgestellt werden», sind sich die Ausstellungsgestalterinnen Sabrina Summer und Nina Sturn mit den Kurator:innen Theresia Anwander und Felix Wittwer einig und deshalb stellt das Museum auch nicht die Objekte, sondern den Umgang damit in den Mittelpunkt. Dabei sind auch die Besucher:innen gefragt: Aufbewahren, Verkaufen oder Zerstören?
Familienerinnerung oder Propaganda?
Ein Teil der Schau wurde von der Wiener Ausstellung «Hitler entsorgen – Vom Keller ins Museum» vom Haus der Geschichte Österreich übernommen, die 2022 gezeigt wurde. Die Ausstellung sei damals aufgrund von anonymen Zusendungen und Fragen aus der Bevölkerung nach dem «richtigen» Umgang mit Dingen aus der NS-Zeit entstanden und sie widmete sich dem, was in Kellern, auf Flohmärkten, Online-Portalen oder im Nachlass von Verwandten noch übrig ist von der Zeit des Nationalsozialismus.
Noch bevor die Ausstellung dazu Antworten liefert, werden in einem interaktiven Format zuerst die Besucher:innen befragt: Was macht man mit einer Box voller Reichsmark-Münzen, die von der Grossmutter vererbt wird? Und würde man die wertvollen silbernen Abzeichen und Medaillen, unter denen sich auch ein «Bandenkampfabzeichen» befindet, zu Geld machen? Auf zum Ausfüllen bereitliegenden Karten können Besucher:innen begründen, was sie mit NS-Objekten machen würden, wenn diese zufällig in ihren Besitz gelangen. Im Laufe der 13 Monate, in denen die Ausstellung in Wien geöffnet war, wurden insgesamt 9000 solcher Karten ausgefüllt, wobei sich etwa 70 Prozent für die Aufbewahrung der Objekte entschieden hatte. «Dabei wurde in den Begründungen häufig der Wunsch geäussert, die Objekte in öffentlichen Institutionen aufzubewahren und mit einer aktiven Aufarbeitung sowie Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu verbinden», beschreibt das Museum die Ergebnisse.
Im Rahmen der Sonderausstellung hat das Vorarlberg Museum auch eine Beratungsstelle für NS-Objekte eingerichtet, in der private Besitzer:innen kostenlos, unverbindlich und anonym Dokumente und Gegenstände oder auch Fotos davon vorbeibringen können, um Antworten zur historischen Bedeutung zu erhalten. Die Beratungsstelle unterstützt auch im Hinblick auf die weitere Dokumentation, Verwahrung oder bei einer möglichen Übergabe an eine öffentliche Sammlung. Weitere Beratungstermine sind für Herbst geplant. Die Beratungsstelle soll dann dezentral an verschiedenen Orten in Vorarlberg aufschlagen.
vorarlbergmuseum.at
Was spricht gegen die Zerstörung von Familienerinnerung und Propaganda und welche Funktion können NS-Objekte in Museen und Archiven noch erfüllen? Darf man diese Dinge noch legal besitzen? Und was machen Plattformen für Kleinanzeigen, um dem privaten Verkauf entgegenzuwirken? Umfangreich werden diese und ähnliche Fragestellungen nun auch im Vorarlberg Museum verhandelt. Dabei werden auch Scham, Faszination und das Interesse thematisiert, das augenscheinlich von den NS-Objekten ausgelöst wird. In den drei Stationen «Aufbewahren», «Verkaufen» und «Zerstören» wird Aufschluss und Orientierung darüber gegeben, anhand welcher Kriterien wie mit den Objekten umgegangen wird.
Hinter Glaskästen werden auch abgegebene Gegenstände mit NS-Bezug gezeigt und in einem grösseren Zusammenhang erklärt. Anhand dieser einzelnen Beispiele wird auf den früheren Gebrauch, den bisherigen Umgang und den weiteren Nutzen der Objekte eingegangen. Darunter finden sich etwa neben Büchern, Heften und Briefen auch zwei Bronzeköpfe, die Adolf Hitler darstellen, Leinensäcke mit nationalsozialistischem Aufdruck oder auch ein Mikrofon, in das Adolf Hitler «wahrscheinlich» gesprochen haben soll.
Im Vorarlberg Museum wird die Erinnerung als Dauerbaustelle bezeichnet, weil sie nie abgeschlossen sei und die Auseinandersetzung mit belastetem Erbe sich auch durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen mit der Zeit wandelt. Mit der Ausstellung wird der Blick auch auf jene Bereiche gerichtet, «wo das NS-Erbe in Vorarlberg bisher nur am Rande thematisiert wurde: in der Volkskultur, im Kunst- und Ausstellungsbetrieb, in Architektur und Siedlungsbau sowie in Sammlungen», beschreibt der Museumsdirektor Michael Kaspar.
Neben der integrierten Schau aus dem Haus der Geschichte Österreich setzt sich das Vorarlberg Museum auch mit der Trachtenkleidung auseinander und macht deutlich, wie spezielle Schnitte, Farben und Muster in der NS-Diktatur für Propagandazwecke instrumentalisiert und als Codes für Zuordnung und Ausgrenzung genutzt wurden. Dabei wird vor allem Gertrud Pesendorfer (1895–1982) in den Blick genommen, eine Schlüsselfigur der «Trachtenaktion» im «Reichsgau Tirol-Vorarlberg». Die von ihr konzipierten Modelle der «erneuerten Trachten» seien auch nach der NS-Zeit weitergetragen und genäht worden.
Inszenierung für Propagandazwecke
Manche der präsentierten Gemälde aus der eigenen Museumssammlung wirken auf den ersten Blick harmlos und man würde die Landschaften und Stillleben ohne weitere Informationen vielleicht nicht mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen. Doch auch wenn es keinen «NS-Stil» per se gegeben habe, wurde die Kunst für die Verbreitung von Ideologien missbraucht. Hier wird auf den Entstehungskontext und die Biografien der Künstler:innen Bezug genommen und zudem erläutert, wie das Kunstleben vor und nach dem «Anschluss» kontrolliert und organisiert wurde.
Im letzten Teilbereich von «Baustelle Erinnerung» wird auch bei den 17 Südtiroler Siedlungen in Vorarlberg die Frage nach der Bewahrung gestellt. Zwischen 1939 und 1942 wurden 2333 standardisierte Wohnungen für Arbeiter:innen aus Südtirol gebaut, von denen einige auch unter Denkmalschutz stehen. Dass ein Teil der Wohngebäude in Bregenz nun aber abgerissen und durch neue Wohnungen ersetzt werden soll, hat die Debatte um die kulturelle, städtebauliche und geschichtliche Bedeutung der Südtiroler-Siedlung neu entfacht.
Neben den Sammlungsobjekten arbeitet die Ausstellung auch mit Videointerviews, Fotografien und Texten, die oft eine Einordnung der Objekte in einen historischen Zusammenhang ermöglichen und dabei deutlich machen, wie auch scheinbar harmlose Dinge zum politischen Instrument wurden.
«Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe»: Sonderausstellung zum Umgang mit NS-Objekten, 29. August 2027, Vorarlberg Museum, Bregenz.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
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