Ein Werdenberger Politstar – laufend, strickend, stets geerdet
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
SP-Frauen unter sich: Hildegard Fässler (links) 2011 beim Empfang von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (Mitte) im Garten von Käthi Gut (rechts) in Buchs. (Bild: pd/Daniel Gut)
Hildegard Fässlers politische Karriere begann 1992 im St.Galler Kantonsrat. Ausserdem amtierte sie als Präsidentin der SP Kantonalpartei. Damals war ich Mitglied der Geschäftsleitung der Kantonalpartei, und hier begann unsere langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit. Von 1997 bis 2013 gehörte Hilde dem Nationalrat an, einige Jahre davon als Präsidentin der SP-Fraktion.
Während ihrer Zeit als Nationalrätin galt Hilde Fässler mehrere Jahre als einflussreichste Politikerin der Schweiz, sie war einer der Stars in der Arena des Schweizer Fernsehens. Besonders erfreut und stolz war sie über ihre Wahl in die bedeutsame Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK). Sie präsidierte sechs Jahre den Verband Kinderbeutreuung Schweiz (Kibesuisse) und 16 Jahre lang auch den umweltbewussten und sozial engagierten Wohneigentrümer:innenverband Casafair (vormals: Hausverein Schweiz), der 1988 als politisches Gegengewicht zum bürgerlichen Hauseigentümerverband gegründet worden war. Zudem wirkte sie als Präsidentin der Greina Stiftung, spielte aber auch im Fussballteam des Nationalrats.
Sie war Gründungsmitglied des Club Helvétique, dessen Ziel die Pflege des eidgenössischen Staatsgedankens und der demokratischen, fortschrittlichen Entwicklung der Institutionen des Bundes ist.
Ihre Tätigkeiten als Lobbyistin für soziale, feministische, ökologische Anliegen beschränkte sich auf gemeinnützige, meist bescheiden oder gar nicht bezahlte Organisationen. Sie gehörte nicht zu den Volksvertreter:innen, die gegen hohe Bezahlung im Parlament vor allem privatwirtschaftliche Interessen vertreten.
Nach ihrem Rücktritt aus dem Nationalrat wirkte Hilde Fässler unermüdlich in zahlreichen Organisationen. So gründete sie zusammen mit der Sozialistischen Bodensee-Internationale den Verein Prix Wasserfrau, der von 2002 bis 2024 im Dreiländereck Deutschland, Österreich und Schweiz alljährlich einen Preis an Personen vergab, die sich in besonderem Masse in Gleichstellungsfragen engagierten.
Hilde Fässler 2019 am Altacher Silvesterlauf (Bild: pd)
Lokal war Hilde Kopräsidentin der Freunde des Schlosses Werdenberg. Beim jährlichen Jassturnier in ihrer Wohngemeinde Grabs machte sie ebenso engagiert mit wie in verschiedenen Kommissionen und lokalen Vereinen. Die bezaubernde Sinnfonie beim Lukashaus Grabs, ein künstlerischer, inklusiver Landschaftspark, war auf eine Idee von Hilde zurückzuführen. Im Hilfswerk von This Isler engagierte sie sich als Kassierin. Jeden Mittwochmorgen traf sie sich in Buchs mit betagten Freund:innen zum Kaffee.
Unvergessen bleibt der von Hilde organisierte Besuch von Simonetta Sommaruga 2011 in unserem Garten in Buchs, wo die damalige Bundesrätin von den SP Frauen Werdenberg begeistert empfangen wurde.
In ihrer Gemeinde Grabs wirkte sie bei der Ortsplanung mit und setzte sich dort besonders für die Interessen der Sportvereine ein. Sport war ihr wichtig. Hilde war Mitgründerin des Lauftreffs Buchs, bei dem sie bis zu ihrer Erkrankung aktiv mitmachte. Sie lief bei fünf World Marathon Majors mit. Der sechste Marathon in Tokyo, für den sie schon länger trainiert hatte, musste dann leider infolge ihrer Erkrankung ohne Hilde stattfinden.
Nach ihrem Rücktritt aus dem Nationalrat sowie demjenigen mehrerer Werdenberger SP Frauen aus dem Kantonsrat rief ich eine monatliche Diskussions- und Strickrunde ins Leben, bei dem gemeinsam gestrickt – und debattiert – wird. Hilde, die erfolgreiche Politikerin und unermüdliche Sportlerin, fehlte nur selten bei diesen Treffen. Sie strickte sehr gerne, oft Babysachen für Kinder aus der Familie. Und ihre Diskussionsbeiträge waren immer substanziell.
Ausser mir persönlich wird auch dieser politischen Strickrunde sowie all ihren Freunden und Freundinnen aus Politik, Sport und Gesellschaft die warmherzige Frau, das Polit-Talent Hilde Fässler schmerzlich fehlen.
Käthi Gut-Spreiter, 1950, war ursprünglich Lehrerin für Handarbeit und Hauswirtschaft, später Familienrichterin beim Kreisgericht Werdenberg Sarganserland. Sie politisiert seit den 1980er-Jahren bei den SP Frauen Werdenberg, später war sie viele Jahre in der Geschäftsleitung der SP-Kantonalpartei und im Vorstand der SP-Werdenberg. Ein politisches Amt hatte sie nie inne. Sie engagierte sich vor allem in kantonalen und nationalen Wahlkämpfen, vernetzte und organisierte politische Anlässe in ihrer Heimatregion. Mit Hildegard Fässler war sie seit 1990-Jahren befreundet.
Musik
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