Da war diese Diskussion. Eigentlich ging es um die Zunahme von psychischen Problemen bei jungen Menschen und wie wir als Gesellschaft damit umgehen sollen. Es platzte einfach aus mir heraus: «Kein Wunder, dass man als 20-Jährige heute total abgefuckt ist. Die Welt ist am Arsch, das System verrottet, die Zukunftsperspektiven sind schäbig. Bringt doch eh alles nix!» Die andern guckten zwar überrascht, mochten aber nicht wirklich widersprechen.
In letzter Zeit ertappe ich mich öfter mit diesem No-Future-Mindset und damit bin ich wohl nicht allein. Wir schaffen es nicht, der Klimakrise geeint entgegenzutreten, überall wird Krieg geführt, die europäische Migrationspolitik ist eine organisierte Tötungsmaschine und die Finanzmärkte gängeln uns, wie sie grad wollen. Von meiner Vielleicht-einmal-Rente, der Vielleicht-einmal-Bildung meiner Gottikinder, der Vielleicht-einmal-Pflege meiner Mutter und anderen Baustellen auf nationaler Ebene will ich gar nicht erst anfangen. Oder davon, dass 70’449 Menschen in diesem Kanton Esther Friedli für eine bessere Ständerätin als Barbara Gysi halten. Ja, verdammt, ich bin hässig. Und ich frage mich zunehmend, was politisch dagegen zu unternehmen wäre, weil gefühlt jegliches Umdenken, jegliche solidarischen Ansätze schon im Keim erstickt werden.
Dann habe ich mich anlässlich des diesjährigen feministischen Streiks auf die Spuren der Politischen Frauengruppe PFG begeben, nachzulesen ab Seite 16. In deren Entstehungszeit, um 1980, herrschte ebenfalls ein No-Future-Groove. Der Slogan der britischen Punk- Bewegung geht auf God Save The Queen von den Sex Pistols zurück, die Krönung von Old King Charles kürzlich war grad noch die erheiterndste Parallele (siehe Bildfang auf Seite7). Jedenfalls wühlte ich in den alten PFG-Akten und versuchte mich irgendwie in diese 80er hineinzuversetzen: als Top Gun im Kino lief, das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst wenige Jahre alt war, der Kalte Krieg und die Apartheid noch herrschten und Tempo 30 ein Schimpfwort war. Und ich schämte mich plötzlich für meine Part-Time-Resignation.
Ich bin keine Historikerin und masse mir auch nicht an, mit knapp 40 den Zeitgeist von einst und heute vergleichen zu können, aber damals muss es sich ähnlich aussichtslos angefühlt haben wie heute. Grad für die Frauen. Jede kleinste gesellschaftliche und gesetzliche Veränderung war ein Kraftakt. Und so schöpfte ich Zuversicht aus all den Parlamentsvoten, Pressemitteilungen, Zeitungsberichten und Gesprächen über anno dazumal. Die PFG-Frauen gaben mir Kraft. Weil sie nicht lockergelassen haben, sich nie von ihren Forderungen haben abbringen lassen. Und weil sie so vieles aufgebaut haben, das noch heute besteht. Wie viele andere vor ihnen.
Der Kampf muss weitergehen, national, international und solidarisch, egal wie aussichtlos er manchmal scheint. Der feministische Kampf sowieso: Wir Frauen sind zwar gesetzlich gleichgestellt, aber wir–und das gilt auch für homosexuelle, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans, agender und genderqueere Menschen – haben immer noch nicht die gleichen Chancen. Wir werden diskriminiert, bevormundet und erleben Gewalt. Wir leisten mehr unbezahlte Care-Arbeit, bekommen tiefere Löhne und weniger Renten. Ganz zu schweigen vom gesellschaftlichen Backlash, der dazu führt, dass das Abtreibungsrecht wieder diskutiert und Aufklärung als Indoktrination verteufelt wird. Gegen all das die Arbeit niederzulegen, ist noch das Mindeste. Nicht nur am 14. Juni. Wir sehen uns also auf der Strasse.
Ausserdem im Juniheft: Das Porträt von Gabriele Barbey über Anita Kast, die 36 Jahre lang für Swissair und Swiss «in der Röhre» gearbeitet hat und jetzt in Rehetobel die Langsamkeit geniesst. Das Abschiedsinterview von Peter Surber mit Schauspieldirektor Jonas Knecht, der das Theater St.Gallen Ende der Spielzeit Richtung Erlangen verlässt. Der Nachruf auf H.R. Fricker von Ursula Badrutt. 30 Jahre Tüchel. Der neue Film über Elfriede Jelinek. Und die Flaschenpost von Jessica Jurassica aus New York.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenStimmrecht von SangmoWarum? Von Jan RutishauserRedeplatz mit mit Thomas K. KellerNebenbei gay von Anna Rosenwasser
Perspektiven
Sie ist über 40 Jahre alt, hat die erste Frauenliste der Schweiz ins Leben gerufen und politisiert bis heute aktiv in St.Gallen: die Politische Frauengruppe PFG. Anlässlich des diesjährigen feministischen Streiks am 14. Juni hat Saiten ins Archiv geschaut und sich mit ehemaligen und heigiten PFG-Frauen über die Geschichte der Partei, die sich nicht als solche versteht, unterhalten. von Corinne Riedener
PFG-Wahlplakat 1988
Sie sagt von sich selbst, sie sei ein Landei. Ausgerechnet Anita Kast, die während 36 Jahren Flugbegleiterin bei Swissair und Swiss war. Mit Saiten blickt sie zurück auf ihre Zeit «in der Röhre», die Geschlechterverhältnisse in der Luft und die Gewerkschaftsarbeit rund ums Grounding der Swissair. von Gabriele Barbey
An Anita Kasts letztem Arbeitstag fliegt der Pilot für sie eine Extrarunde um den Kilimandscharo. (Bild: Privatarchiv Anita Kast)
Flaschenpost aus New York: Von Ratten und Superreichen. von Jessica Jurassica
Kultur
Hierarchien, Highlights, Heimat und die Magie des Theaters: Schauspieldirektor Jonas Knecht im Abschiedsinterview nach sieben Jahren in St.Gallen. von Peter Surber
Schauspieldirektor Jonas Knecht zieht weiter nach Erlangen. (Bild: Mindaugas Matulis)
Nachruf: Zum Abschied von H.R. Fricker (9. August 1947 – 6. Mai 2023). von Ursula Badrutt
Musik: Wie ein Bic Mac – 30 Jahre Tüchel. von David Gadze
Festival: Sommergelbe Kulturflut an den Schaffhauser Kulturtagen. von Kiara Francke
Kino: Abrechnung mit dem Land der Unschuld – der neue Film über Elfriede Jelinek. von Corinne Riedener
Parcours: Literatur-Tage in Arbon, Kontroverses Stück aus Serbien, Musik statt Motoren am Parkplatzfest, Schnellertollermeier im Perron Nord, Umgang mit Kunstnachlässen
Plattentipps: Analog im Junivon Lidija Dragojevic, Magdiel Magagnini und Philipp Buob
Gutes Bauen Ostschweiz (IX): Schwarz ist nicht gleich schwarz. von Stefanie Haunschild
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauer jr.Comic von Julia Kubik
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.