Die kantonalen Wahlen in Zürich und Baselland gelten auch als Gradmesser für die nationalen Wahlen im Herbst. Endlich bedeuten Prozentpünktli wieder die Welt, und die statistische Politanalyse feiert fröhliche Urständ. Beispiel gefällig? Der SVP in Baselland ist es gelungen, ihren Wähler:innenanteil um 0,22 auf 22,88 Prozent zu steigern und damit die SP als bisher stärkste Partei abzulösen. Diese wiederum hat nicht einmal ein ganzes Prozent, aber trotzdem zwei ganze Sitze im Landrat verloren. Wahrlich eine üble Sache, diese Arithmetik.
Wahr ist ebenso, dass die SVP nicht 22,88, sondern im Grunde nur 4,7 Prozent der Stimmen erreicht hat. Dies, wenn man mitrechnet, wer alles nicht wählen geht. Gemeint sind damit nicht bloss die Faulen, die Verdrossenen und die Uninteressierten (43 Prozent), die wählen dürften, sondern auch all jene ohne Schweizerpass, die landesweit immerhin einen Viertel der Bevölkerung ausmachen, Steuern und Sozialabgaben bezahlen – aber eben nicht mitbestimmen dürfen. Warum sich dies und vieles mehr ändern muss, damit die schweizerische Demokratie ihrem Ruf endlich gerecht wird, erklärt im Redeplatz-Interview Arber Bullakaj, Präsident und Gründer der Aktion Vierviertel.
Die Schweiz hadert seit langem mit der tiefen Stimmbeteiligung, die letztlich die Legitimität demokratischer Entscheide in Frage stellt. Das gilt umso mehr, wenn die Entscheide an Landsgemeinden und Bürgerversammlungen gefällt werden, die in der Regel nur von einem verschwindend kleinen Teil der Stimmbevölkerung besucht werden. Auch darum stimmt Rapperswil-Jona am 12. März über die Schaffung eines Stadtparlaments ab. Doch die Gegnerschaft ist stark. Im Abstimmungskampf in der grössten Stadt der Schweiz, die kein eigenes Parlament hat, werden nicht nur demokratiepolitische Grundsatzfragen verhandelt. Da schwingen auch alte Geschichten mit, die die Politik in der Rosenstadt zunehmend blockieren. Saiten hat sich am St.Galler Züriseeufer umgehört.
Auch die Kantonshauptstadt diskutiert Grundsätzliches: Im Museumsquartier kämpft die Anwohnerschaft um ihr Wiesli. Warum das nicht als reine Betroffenheitspolitik einiger Privilegierter abgetan werden sollte, hat Niklaus Reichle, der auch im Quartier wohnt, aufgeschrieben. Corinne Riedener erklärt dann, warum es gute «grüne» Gründe sowohl für als auch gegen die «Wiesli-Initiative» gibt – und keinen einzigen gegen die Ausweitung des städtischen Baumschutzes, über den am 12. März ebenfalls abgestimmt wird.
Ausserdem im politisierten März: Der Schwerpunkt zum Haus für die Freien mit Visionen nach innen und Blicken über den Tellerrand, die Flaschenpost aus der ältesten Karawanserei der Welt im Iran, die Einladung zur Vernissage des Rosa Buchs, die Vorschau auf das Wortlaut-Festival und erste Vorboten des Festivalsommers am Poolbar Generator.
Saiten wünscht eine angeregte Lektüre. Danach aber subito an die Urne, gell!
Roman Hertler
Reaktionen/PositionenBildfangStimmrecht von SangmoWarum? von Jan RutishauserRedeplatz mit Arber BullakajNebenbei gay von Anna Rosenwasser
Perspektiven
Im Abstimmungskampf um die Schaffung eines Parlaments in Rapperswil-Jona werden demokratiepolitische Grundsatzfragen verhandelt – aber längst nicht nur. Es geht um die Deblockade der Stadtpolitik. Da schwingen auch alte Gehässigkeiten und unverdaute Polit-Geschichten mit.
von Roman Hertler (Text), DOME und Lea Frei (Illustrationen)
Postkarte: DOME
Das zwischengenutzte Wiesli im St.Galler Museumsquartier soll überbaut werden – seit 40 Jahren ein wertvoller Gestaltungs- und Freiraum für alle Generationen im Quartier. Aber muss man es deswegen «retten»? Am 12. März wird darüber abgestimmt.
Lernen vom Wieslivon Niklaus Reichle
Für Wenige oder für alle?von Corinne Riedener
Lageplan: DOME
Flaschenpost aus dem IranDreieinhalb Monate in der Karawanserei von Bianca Schellander und Luca Schmid
Kultur
Die freie Szene in St.Gallen sucht ein Zuhause. Was es dafür bräuchte und warum es in anderen Städten funktioniert.
«Jetzt geht es um das Wo und das Was»von Peter Surber
St.Gallen hinkt hinterhervon David Gadze
Bild: Luisa Zürcher
Literatur: Das 15. St.Galler Literaturfestival Wortlaut – ein Vorausblick.von Eva Bachmann
Literatur: Das Rosa Buch von Anna Rosenwasser.von Lidija Dragojevic
Theater: Der Weibsteufel von Karl Schönherr auf der Kellerbühne.von Peter Surber
Kino: Sabine Gisigers Dokfilm über die Familie Mies van der Rohe.von Corinne Riedener
Musik: Studierende gestalten am «Generator» das Poolbar Festival mit.von David Gadze
Gutes Bauen Ostschweiz: Wie man trotz Auflagen an Kleinsiedlungen weiterbauen kann.von Ulrike Hark
Parcours: Frauentheater, Szenehase, Blues-Erneuerer und die Sterne
Plattentipps: Analog im Märzvon Magdiel Magagnini, Lidija Dragojevic und PhilippBuob
Abgesang
Kellers Geschichten
Pfahlbauer jr.
Comic von Kubik
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
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Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.