Zerbombte Wohnhäuser, kaputte Spitäler, Kindergärten, Kirchen, verlorene Menschen vor ausgebrannten Häusern, dazwischen schwerbewaffnet patrouillierende Soldaten: Es sind Bilder, die kaum auszuhalten sind, die man nicht glauben will und doch glauben muss: Da wird im Frühling 2022 ein blühendes Land in Ruinen geschossen, Millionen Menschen sind zur Flucht gezwungen, Tausende sind gestorben, und der Krieg geht mit unverminderter Gewalt weiter – jetzt, bei Redaktionsschluss Mitte März, zieht sich die tödliche Schlinge um die Hauptstadt Kiew immer mehr zu.
Wie es dazu kam, wie dieser Krieg gegen die Ukraine verläuft, den man auf allen Kanälen (ausser in Russland selber) 24 Stunden lang verfolgen kann, was versäumt wurde, wie der Westen reagieren soll, was für die Geflüchteten zu tun ist: All das und vieles mehr ist erschöpfend analysiert, diskutiert, erhofft und erbangt worden in den Medien seit dem 24. Februar.
In diesem Heft versuchen wir, hilflos wie alle, dem Frieden die Stange hochzuhalten.
Saiten hat acht Zeichnerinnen und Zeichner gebeten, je ihre Assoziation zum Thema «Friedensappell» auf Papier zu bringen – entstanden ist eine vielfältige Bildstrecke, eine Art künstlerischer Demonstrationszug. Peter Müller blickt zurück auf die «grosse Zeit» der Friedensbewegung in der Ostschweiz, Grace Inauen berichtet über eine Friedenswerkstatt in St.Gallen, Corinne Riedener bringt kritische Überlegungen zum westlichen Rassismus im Umgang mit Geflüchteten ein. Und der Psychologe Urs Honauer gibt im Interview Auskunft zur Frage, wie friedliches Verhalten in sich selber beginnen könnte und wie es nach aussen wirkt. «Krieg wird immer von grossen Narzissten inszeniert. Selber nicht dem Narzissmus und damit dem Ego und Machtgelüsten zu verfallen, ist auch ein Beitrag zum Frieden», sagt Honauer.
Weitere Perspektiven zum alles dominierenden Thema eröffnen die Flaschenpost aus St.Petersburg und der «Redeplatz» im Heftauftakt, das Interview mit einem jungen Friedensaktivisten. Ausserdem im vom Krieg überschatteten April: «Wer putzt die Schweiz?» im Buch. Tilda Swinton, Hans Krüsi, Hans Schweizer in aufsehenerregenden Ausstellungen. Und die neue Saiten-Recherche zum Bührle-kontaminierten Mädchenheim in Dietfurt.
Gegen ein Virus Krieg zu führen, sei «genauso unsinnig wie die Ansicht, man könne Krieg durch Krieg besiegen», sagte der Filmemacher Alexander Kluge Anfang März in einem «Zeit»-Interview. «Man kann den Krieg nur beenden, wenn man den kleinen Möglichkeitsraum findet, in dem Frieden möglich wäre.» Kluges kluges Fazit: «Sieger ist nicht, wer die Schlachten gewinnt. Sieger ist, wer einen Frieden herstellt.»
Peter Surber
ReaktionenViel geklicktBildfangPosition I – Menschen statt HäuserRedeplatz mit Robin EichmannNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserPosition II – Justiz statt SchmutzPosition III – Frauen statt Männer
Die Ostschweizer Friedensbewegung hat eine lange Geschichte. Ihre zentrale Botschaft: Kriege werden durch Abrüstung verhindert, durch Gerechtigkeit und Solidarität. Von Peter Müller
Solidarität mit den Geflüchteten aus der Ukraine ist jetzt wichtig. Aber nicht, weil es sich um «europäische Menschen mit blauen Augen und blonden Haaren» handelt. Von Corinne Riedener
Dozierende, das «Movetia»-Projektteam und die Studierendenorganisation SOSA haben an der Fachhochschule OST eine Solidaritäts- und Friedenswerkstatt eröffnet. Von Grace Inauen
Raus aus dem inneren Kriegszustand: Urs Honauer, Psychologe und Traumatherapeut, über den Umgang mit Emotionen und die Bedingungen für Friedfertigkeit und Gewaltfreiheit. Von Peter Surber
Illustrationen: Maj Dörig, Miriam Schöb, Herbert Weber, Lika Nüssli, Julia Trachsel, Dario Forlin, Armanda Asani und Nicolas Sourvinos
Illustration: Julia Trachsel
Was lässt sich seit dem 24. Februar über Russland schreiben – und wie? Was ist noch sagbar? Und was kann man tun, um mit Russland in Beziehung zu bleiben? Die Flaschenpost aus St.Petersburg. Von Maren Schreier
Zwang und Opposition in Dietfurt: Wie die Gewerkschaften die Situation der Toggenburger Zwangsarbeiter:innen ignorierten. Und was das mit dem Streik 1931 zu tun hat. Von Roman Hertler
Putzen ist intim. Putzen ist politisch. Das kann man aus dem Buch Wer putzt die Schweiz? von Marianne Pletscher und Marc Bachmann lernen. Von Gabriele Barbey
Paris-Strahlholz: Hans Schweizer, zeitlebens unterwegs zwischen Gegensätzen, bekommt zum 80. Geburtstag eine grosse Retrospektive im Kunst(Zeug)Haus. Von Kristin Schmidt
Queer, trans und dekolonial: Die von Tilda Swinton kuratierte Ausstellung «Orlando» im Fotomuseum Winterthur spinnt Virginia Woolf weiter. Von Corinne Riedener
«Onedöre gohts au»: Im Museum im Lagerhaus ist Hans Krüsi «am Zug», unter anderem mit seinem bemalten Velowagen der Appenzeller Bahnen. Von Peter Surber
Im Teig der Zeit: Die Performance-Künstlerin Andrea Vogel erhält den Konstanzer Kunstpreis 2022. Ihre Kunst begann auf dem «Laufsteg». Ein Porträt. Von Roman Hertler
Brautraub hat Tradition in Kirgistan – bis heute. Der Kurzfilm Ala Kachuu erzählt in bildstarken Aufnahmen von einer Frau, die sich dagegen auflehnt. Von Corinne Riedener
Hulda Zwingli in Schaffhausen, neue Töne vom Hämmerchen Klub, von Elio Ricca und Enrico Lenzin im Kulturparcours.
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht