Die Pandemie hat fatale Folgen für die Event- und Veranstaltungsbranche. Ibiza zum Beispiel, die Partyinsel schlechthin: im Sommer 2020 wie ausgestorben. Die Arbeitslosigkeit stieg laut dem «Balearischen Verband für Nachtleben und Unterhaltung» um mehr als 140 Prozent. Auch im Rest Europas ist die Lage ernst. Ohne Unterstützung müssen unzählige Betriebe dicht machen. In Frankreich haben Stand Ende November bereits 150 Nachtclubs geschlossen, heisst es in einer «Arte»-Reportage. 300 weiteren droht die Pleite.
Dabei ist Feiern soviel mehr als Hedonismus und verdiente Zerstreuung: Es ist rituelle Begegnung, auch mit Fremden. Feiern ist Körperlichkeit. Hat einen sozialen und kulturellen Wert, der über das Dargebotene hinausgeht. Etliche Modetrends und grafische Strömungen entstanden auf den Dancefloors und Festivals dieser Welt. Und nicht zuletzt ist das gemeinsame Feiern auch eine Aneignung des öffentlichen Raums. All das findet bis auf Weiteres nicht statt. #guetnachtläbä und #guetnachtkultur
Auch in der Schweiz ist die Lage prekär. 2018 betrug die Wertschöpfung der Kulturwirtschaft, zu der auch die Event- und Veranstaltungsbranche gehört, laut Bundesamt für Statistik 15 Milliarden Franken. «Die Kultur» machte 2,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus, dreimal so viel wie die Landwirtschaft. Die Rechnung für 2020 steht zwar noch aus, die Schäden dürften aber enorm sein. Bund und Kantone wollen das Gröbste mit 200 Millionen abfedern. Ob das reicht, ist zu bezweifeln, zumal die Pandemie so schnell nicht verschwindet und man die Langzeitschäden unmöglich abschätzen kann.
Die Situation ist nicht nur für die Kulturschaffenden verheerend, sondern auch für jene, die für die Kultur schaffen; Lichttechnikerinnen, Produzenten, Agentinnen. Wir haben sie getroffen, die Leute hinter den Kulissen, und gefragt, wie sie das Jahr 2020 erlebt haben, was sie mit all der Freizeit gemacht haben, ob die Zahlungen des Bundes helfen, wie es in ihrem Portemonnaie und in Zukunft aussieht: Agentin Lisa Roth, Produzent Stefan Breitenmoser, Operator und Lichttechnikerin Karina Lotzer, Rigging-Chef Stefan Rüttimann, Promoter und Produktionsleiter Rubel Vetsch, Tontechniker Stefan Reutimann sowie Hektor-Chefin Céline Fuchs und Presswerk-Co-Präsident Cyrill Stadler. Fotografiert hat Hannes Thalmann.
Strom fürs Hirn in Corona-Zeiten: Saiten verschenkt das Januar-Heft
Unser Heft geht monatlich an über 2000 Mitglieder – und liegt in der ganzen Ostschweiz zusätzlich mit einer Gratisauflage von über 3000 Exemplaren in Kulturinstitutionen, Bars und Geschäften auf. Normalerweise. Doch wieder steht die Frage im Raum: Was ist in diesen Tagen noch normal?
Die Antwort ist immer noch die gleiche wie in der ersten Welle der Corona-Pandemie im Frühling: Normal ist, dass wir uns gegenseitig helfen!
Saiten hilft dir, weiterhin mit Lesestoff zu Kultur, Gesellschaft und Politik versorgt zu sein. Tagesaktuell auf saiten.ch und als Monatsmagazin in deinem Briefkasten. Und weil rundum viele Saiten-Auflegeorte geschlossen sind, gibt es nur eins: Wir verschenken unser Januar-Heft und schicken es Interessierten gratis ins Haus. Ganz einfach: Adresse melden, Heft kommt. Die Anmeldung ist hier: saiten.ch/strom
Corona hat sie alle getroffen. Die einen mehr, die andern weniger. Das Geld ist knapp, die Unsicherheit gross, aber auch die Fragen: Wie wird das Danach aussehen? Sind die Finanzhilfen des Bundes griffig genug? Wann haben wir wieder Planungssicherheit? Trotzdem blicken sie auch hoffnungsvoll in die Zukunft. Denn die aktuelle Durststrecke könnte auch zur längst überfälligen Erkenntnis führen, dass Kultur mehr ist als Unterhaltung, nämlich ein «Wirtschaftszweig, der zu Unrecht in die Freizeitschublade gesteckt wird», wie es auf Seite 30 heisst.
Ausserdem im hoffentlich undistanzierten neuen Jahr: Das Interview mit der neuen Leiterin des Literaturhauses Wyborada, der Besuch bei BandXost-Sieger Rapture Boy und DJ Caesar, das kritische Gespräch mit Daniel Studer vom HVM, der Gastro-Protest in St.Gallen und Erinnerungen an den antifaschistischen Widerstand in der Schweiz.
Alerta 2021!
Corinne Riedener
Reaktionen / Viel geklicktRedeplatz mit Florian ReiserStimmrecht von Samantha WanjiruNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserAusgerechnet IAusgerechnet II
Die Hektor-Geschäftsleiterin: Céline Fuchs wollte eine Spielwiese am St.Galler Güterbahnhof schaffen. Nicht nur wegen Corona hängt dieser Plan derzeit in der Schwebe. Von Emil Keller
Der Rigging-Chef: 80 Prozent der Stagelight-Umsätze sind eingebrochen. Dafür hatte Stefan Rüttimann diesen Sommer so viel Freizeit wie seit Jahren nicht mehr. Von Roman Hertler
Der Produzent: Stefan Breitenmoser produziert üblicherweise die ganz grossen Bühnen. Im Moment beschäftigen ihn aber vor allem die Verbandsarbeit und die Bundespolitik. Von Roman Hertler
Der Promoter und Produktionsleiter: Rubel U. Vetsch bewirbt und organisiert Events «8 days a week» – das ist auch in normalen Zeiten keine Goldgrube. Von Peter Surber
Der Tontechniker: Stefan Reutimann ist bis jetzt glimpflich durch die Pandemie gekommen. Seinen VW-Bus hat er trotzdem verkauft, «um flüssig zu bleiben». Von Corinne Riedener
Die Agentin: Lisa Roth vertritt die erste Garde der Schweizer Slam- und Comedyszene. Es ärgert sie, wenn Kultur als «nice to have» kleingeredet wird. Von Peter Surber
Der Presswerk-Co-Präsident: Cyrill Stadler sagt, dass wir noch eine Weile mit dem Virus leben müssen und die Konzertbranche Lösungen im Umgang braucht. Von Judith Schuck
Die Lichttechnikerin: Karina Lotzer wurde sie von der Absagewelle überrollt. Seit September läuft der Laden wieder, aber anders: Sie hat umgesattelt. Von Corinne Riedener
Fotografie: Hannes Thalmann
Cuarantena: 40 Tage Wochenbett in der Kolumbianischen Salsastadt Cali, wo es auch babyfreudliche Schwitzbäder gibt und eine Doula den Eltern in den ersten Wochen mit dem Kind hilft. Von Lydia Baumgartner
Museumsdebatte: HVM-Leiter Daniel Studer über fehlende Ausstellungsobjekte zu städtischen oder sozialen Themen und die Kritik, dass die Kuratorien fachlich einseitig besetzt seien. Von Roman Hertler und Peter Surber
Klassiker des Antifaschismus: Die unterbrochene Spur von Mathias Knauer und Jürg Frischknecht kommt mit einem Vorwort von Jakob Tanner neu heraus. Von Ralph Hug
Späte Ehrung: Der St.Galler Antifaschist und Spanienkämpfer Louis Übrig erhielt in Konstanz einen «Stolperstein» an der Kanzleistrasse. Von Uwe Brügmann
Blutgruppe Rap: Shaquille Bernhard alias Rapture Boy hat das Zeug zum Rapper, findet die BandXost-Jury. Besuch bei ihm im Studio. Von Corinne Riedener
Literaturhaus für alle: Was die neue Wyborada-Leiterin Anya Schutzbach plant, wie das Buch überlebt und warum ein eigenes Haus nötig ist. Das Interview. Von Peter Surber
Utopie und Spiel: In St.Fiden befindet sich seit Frühling ein Kunstraum. Wer ihn betritt, bekommt sorgfältig kuratierte Stadtvisionen zu sehen. Von Nina Keel
Don’t Mind the Gap: Im Zeughaus Teufen ist das Dazwischen zu sehen – viel mehr als eine Ausstellung über Farbphänomene und deren Spielräume. Von Kristin Schmidt
Bunte Geschichte: Ralph Brühwiler hat die Caran d’Ache-Saga aufgeschrieben und vermischt dabei ganz bewusst Fakten und Fiktion. Von Roman Hertler
Gächschötzig: Steff Signer, der Musiker und Dichter des «Henderlands», geht den Spuren seiner Jugend nach in Texten und Kurzfilmen. Im Januar wird er 70. Von Peter Surber
Eintauchen: Der Kulturraum «Pool» steht für die szenischen Künste zur Verfügung – nicht in erster Linie für Aufführungen, sondern zum Arbeiten. Von Peter Surber
Boulevard
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.