Schade folgen wir dem städtischen Freisinn nicht in den Sozialen Medien. Sonst hätten wir schon früher das «St.Galler FDP Leiterlispiel zu den Stadtparlamentswahlen 2020» entdeckt, auf dem die Parteimitglieder mit ausgebreiteten Armen vor der Kathedrale posieren. Mit dem Slogan «spielerisch wählen und politisieren».
Wir wollen der FDP natürlich nichts unterstellen, aber Wikipedia meint zum Leiterlispiel: «Das Spiel ist in seiner Grundform ein reines Glücksspiel ohne strategische Elemente, weshalb es vor allem von und mit jüngeren Kindern gespielt wird.»
Ihr merkt, es ist Wahlherbst. Das Stadtparlament wird neu besetzt und auch in der Exekutive werden die Karten neu gemischt. Endlich wieder Politik statt Pandemie. Das freut uns, deshalb widmen wir dieses Heft dem vielleicht prägendsten Amt in der Stadt St.Gallen, sicher aber dem prestigeträchtigsten: dem Stadtpräsidium. Standortfaktor Thomas Scheitlin macht nach 14 Jahren als Stadtpräsident Platz für eine neue Kraft. Die kritische Würdigung seiner Amtszeit ist ab Seite 26 zu finden, verfasst von Andreas Kneubühler.
Und wer kommt nach? Wer entkrustet die Hauptstadt? Wer tritt an, um St.Gallen zu einer zukunftsfähigen 100’000er Bleibe umzubauen, die auch (inter-)national wahrgenommen wird? Und mit ihr die ganze Region?
Zur Wahl stellen sich die zwei Bisherigen, Bauchefin Maria Pappa (SP) und Bildungschef Markus Buschor (parteilos) sowie Mathias Gabathuler (FDP), derzeit Rektor der Kanti am Brühl. Saiten hat die drei zum Zmittag eingeladen und sie zwischen Pizza, Bratwurst und Ravioli zu allerhand Themen befragt; zur Umwelt- und Verkehrspolitik, zu Stadtentwicklung, Finanzen, Kultur, Bildung und Zentrumspolitik. Das Ergebnis davon ist auf den Seiten 19 bis 24 nachzulesen. Die Bilder zum Titelthema hat Ueli Steingruber gemacht.
Um den Wahlkampf in «Sankt Unspektakulär» etwas aufzulockern, haben wir im Titelteil noch eine Kurzgeschichte reingeschmuggelt. Zudem stehen im September auch noch ein paar nationale Entscheide an. Roman Hertler hat sich im Rheintal umgehört und nach Befürwortern der SVP-Begrenzungsinitiative gesucht. Diese halten sich eher zurück – es ist ein Initiativgegner, der sagt, dass «in uns allen womöglich ein bisschen ein Rassist» steckt.
Nina Rudnicki, Urs-Peter Zwingli und Veronika Fischer beschäftigten sich derweil mit dem zweiwöchigen Vaterschafts-«Urlaub», über den wir ebenfalls am 27. September abstimmen, und sagen einhellig: Ja!
Ausserdem im prallen September: Neue Literatur von Dorothee Elmiger, Simon Deckert, Anna Stern, Christoph Keller und zwei Verlagen im Thurgau. 10 Jahre Lokremise, 20 Jahre Buffpapier. Eine Flaschenpost aus London, Appenzell im Pazifik, Sex im Bundeshaus und Erinnerungen an Thomas Troxler.
Auf in den Herbst also, liebe Leserinnen und Leser. Kauft neue Bücher, geht an die Urne, sofern ihr dieses Privileg habt – und haltet euch weiterhin an Hygienemassnahmen, damit das allmählich wieder aufflackernde (Kultur-)Leben nicht von der zweiten Welle erstickt wird.
Corinne Riedener
Reaktionen / PositionenStimmrechtRedeplatz mit Jessica JurassicaNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserErinnerung an Thomas TroxlerMeinungsbildung I + II
Stadtpräsidium, wohin? Saiten fühlt den Kandidierenden beim Zmittag auf den Zahn. Von Roman Hertler und Corinne Riedener
Stadtpräsidium, woher? Rückblick auf 14 Jahre Thomas Scheitlin und bürgerliche Standortpolitik. Von Andreas Kneubühler
Stadtpräsidium, warum nicht? Kurzgeschichte über eine, die es sich überlegt. Von Corinne Riedener
«Wäh, ist das schön»: Die Flaschenpost aus fockin’ London, wo die Mindestlohnarbeit hart und das Bier scheisse ist. Von Sandro Zulian
Was bedeutet Zuwanderung für eine Grenzregion? Und warum ist im Rheintal scheinbar kaum jemand für die SVP-Begrenzungsinitiative? Eine Reportage. Von Roman Hertler
«Was zur Hölle ist hier los?»: Mutterschaft bedeutet, dass Mutter schafft. Und ein «Pro & Pro» zum zweiwöchingen Vaterschaftsurlaub. Von Veronika Fischer, Nina Rudnicki und Urs-Peter Zwingli
Appenzell liegt im Pazifik: Eine Spurensuche zwischen idealisierten Kuhhirten, vermeintlichen Kannibalen und der kolonialen Schweiz. Von David Aragai
10 Jahre Lokremise: Geschäftsführerin Mirjam Hadorn über die Qualitäten und Tücken des Hauses, Negativschlagzeilen und die Zugänglichkeit für die freie Szene. Von Peter Surber
Die grosse Freiheit: Kunstschaffende rufen mitten im Toggenburg die «Freie Republik Bad Hemberg» aus. Von Sascha Erni
Ein anarchistisches Freudenfest: Die «RUM COLA EP – CUBA LIBRE EP» von Freizeittechnologie of Switzerland. Von Corinne Riedener
Krüppel? Nein, Superheld! Der St.Galler Schriftsteller Christoph Keller hat Stadträtin Maria Pappa zu einer «Stadtberollung» eingeladen. Von Sandro Zulian
«das alles hier, jetzt»: Anna Sterns formal gewagter «Roman» über Familie und Freundschaft, über Urvertrauen und Geborgenheit. Von Eva Bachmann
«Aus der Zuckerfabrik»: Dorothee Elmiger holt Sklavereigeschichte in ihre und unsere Gegenwart hinein. Von Peter Surber
Wie ein Ritt auf dem Drachenrücken: Simon Deckert legt mit «Siebenmeilenstiefel» ein märchenhaftes Debüt vor. Von Eva Bachmann
Thurgauer Verlagslandschaft: Auf einen Fallrückzieher, einen Verkauf und einen Stillstand folgen zwei Vorwärtsschritte, Saatgut und Caracol. Von Dieter Langhart
Die Ziegelhütte zeigt Werke der Künstlerin, Heilpraktikerin und Pendlerin Emma Kunz und stellt sie zeitgenössischem Kunstschaffen gegenüber. Von Richard Butz
Wie Leben nach dem Überleben? Argyris Sfountouris, der Protagonist der Dokumentation «Ein Lied für Argyris» ist im Kinok zu Gast. Von Karsten Redmann
20 Jahre «Work in progress»: Die Compagnie Buffpapier feiert ihr Jubiläum und schlägt auf der Kreuzbleiche ihr Stretch-Zelt auf. Von Sarah Fuhrmann
Parcours: Berufswunsch Malerin, Lust auf bessere Zeiten, Offene Ateliers und voll in die Presse
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.