Wir alle haben sie, die sündigen Leidenschaften oder neudeutsch: guilty pleasures. Die Rede ist nicht von irgendwelchen Models, die auf Instagram mit einem fettigen Burger posieren – #guiltypleasure! – und ihn nach dem #perfectpicture unverdrückt in die Tonne werfen. Wir reden hier von Dingen, die man wirklich ungern zugibt, oder zumindest nicht öffentlich. Von Dingen, die einem andere nicht zutrauen, die nicht mit dem Ruf vereinbar oder schlicht nicht zu vertreten sind. Ich zum Beispiel liebe Knarren aller Art. Sturmgewehr, Revolver, scheissegal. Ich wäre eine fantastische Schützin, würde ich regelmässig schiessen, aber das gehört sich nicht als erklärte Gegnerin der Rüstungsindustrie, darum beschränke ich mich heute aufs Dosenschiessen mit dem Luftgewehr am Jahrmarkt. Und ja, ich höre manchmal heimlich hochgradig sexistischen Rap. Und wenns mir schlecht geht ABBA (was aber nichts ist, wofür ich mich schäme).
Wo wir grad bei grenzwertiger Musik sind: Rednex, Britney Spears, Andrea Berg, Lou Bega, Vanilla Ice, Europe, Frankie Goes To Hollywood, Taylor Swift, Gölä, Ed Sheeran und Andrea Bocelli, MC Hammer, Mariah Carey, Wham, Spice Girls, Kelly Family, Helene Fischer, R. Kelly, Scooter, Kollegah, Ricky Martin. Das ist nur eine kleine Auswahl der Namen, die gefallen sind, wenn ich in den letzten Wochen herumfragte, wie denn die musikalischen guilty pleasures in meinem Umfeld so heissen. Zum Glück hat einst eine pragmatische Seele die Bad-Taste-Partys erfunden, da kann man sich diesen Lastern ungeniert hingeben, samt entsprechendem Outfit. Und dann ist da natürlich noch das berüchtigte Trash-TV: vom «Dschungelcamp» über «Germany’s Next Topmodel» und «Tüll und Tränen» bis zu den Kardashians war alles dabei.
Alles harmlos. Es gibt aber auch Dinge, die wirklich sündig sind. Fleischessen zum Beispiel. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass es auch ohne ginge und die Welt eine bessere wäre, würden wir nicht aus Spass an der Gaumenfreude massenhaft und industriell alle möglichen Tiere dahinmetzeln. Oder Flugreisen – jetzt gerade wieder brandaktuell angesichts des kürzlich versenkten CO2-Gesetzes und der anhaltenden Klimastreiks von Schülerinnen und Schülern in aller Welt. Eigentlich nicht vertretbar. Und wenn, dann nur in verträglichen Massen.
Und trotzdem tun wir all diese Dinge, kokettieren sogar hin und wieder mit unseren Sünden. Warum? Rolf Bossart versucht diesen skrupulösen Reflex in seinem Beitrag zu erklären. (Spoiler: Es hat mit der Zweideutigkeit des Lebens zu tun.) Roman Hertler hat sich mit dem dreckigen und politisch inkorrekten Humor beschäftigt, und auf den weiteren Seiten haben wir Geständnisse aller Art zusammengetragen. Anna Rosenwasser erzählt zum Beispiel von ihrem Faible für Taytay, Veronika Fischer von ihrem häuslichen Helfer, Etrit Hasler vom Krieg spielen und Judith Altenau und Nadja Keusch vom Glück der seichten Unterhaltung. Die Beichtstühle zum Titelthema hat Till Forrer fotografiert.
Ausserdem im Heft: das Ständerats-Doppel, die Food Revolution, Zersiedelung, Spider-Man und Künstliche Intelligenz.
Corinne Riedener
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Men J. SchmidtStimmrecht von Morena BarraHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard Thöny Evil Dad von Marcel MüllerInnensichten: Zum Goldenen Leuen/Naz und TibitsMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
Lachen am AbgrundWie weit darf dreckiger Humor gehen? Wo liegen die Grenzen des guten Geschmacks? Ein Kabarettist, ein Politaktivist und ein Rabbiner liefern Antworten.von Roman Hertler
Asoziales auf dem Tellervon Corinne Riedener
Schöner Schundvon Judith Altenau
Verteidigung des Fliegensvon Ruben Schönenberger
Netflix und Trainerhosenvon Nadja Keusch
Der schöne Geist des Krachsvon Julia Kubik
Mit Taylor Swift gegen Heteronormativitätvon Anna Rosenwasser
Ich «spiele» gerne Kriegvon Etrit Hasler
Robo-Lovevon Veronika Fischer
Vom Glück der lässlichen Sünde Überlegungen zur Kultur der Zweideutigkeit in einer Gesellschaft, die immer mehr Extreme und Schwarz-Weiss fordert.von Rolf Bossart
Flaschenpost aus Tschernobyl.von Michael Hug
Für die Frauen! Für das Klima!Die Ständeratskandidaten Susanne Vincenz-Stauffacher und Patrick Ziltener im Interview. von Corinne Riedener und Peter Surber
Stopp für die «Verbrauchsschweiz».Benedikt Loderer erklärt, warum er ein Einzonungsmoratorium fordert.von René Hornung
Zum Beispiel WittenbachBasil Oberholzer zum Siedlungsbrei und der Zersiedelungsinitiative.von Peter Surber
Schimmelznacht im Hühnerturm: Die Ausstellung «Food Revolution 5.0».von Valérie Hug
Stockentengrün und eissturmvogelgrau: Anna Sterns Roman Wild wie die Wellen im Meer. von Eva Bachmann
Streetart: Spider-Man erhält Auffrischung nach Stan Lees Tod.von Wolfgang Steiger
Nordklang: Melancholische Bartträger und laute Frauen.von Marion Loher
Himmelwärts mit Stampfbeton: Christoph Schaubs neuer Film Architektur der Unendlichkeit.von Peter Surber
Das Stück Ich bin nicht menschlich geht Fragen zur künstlichen Intelligenz nach.von Corinne Riedener
Retro-Spielsalon: Mit Donkey Kong einen Club Mate schlürfen.von Urs-Peter Zwingli
Parcours
Gedichte im Februarvon Claire Plassard und Florian Vetsch
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Am Schalter im Februar: #BeichteFürEinenFreund
Abgesang
Kellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.