Choreografinnen und Choreografen konnten 2013 aufatmen: In einer Oxford-Studie schafften sie es auf Platz 13 der sichersten Jobs. Seither hat sich im Kulturprekariat jedoch nichts verändert: Die freie Szene kämpft nach wie vor um freien Raum, der Tanz findet in den Feuilletons weiterhin kaum statt, der Berufswahl Tänzer/in wird noch immer oft entgegnet: «Und, wa machsch nochene?» Kein Wunder: Die Studie befasste sich nicht mit dem Ist-Zustand, sondern mit der Zukunft. Genauer: der Zukunft der Arbeit, Arbeit 4.0, also der Verschiebung von der Wall Street zum Silicon Valley, der Arbeitswelt der von sich lernenden Maschinen und der automatisierten Automatisierung – in der der Mensch bald überflüssig wird?
Das Schreckensgespenst der Verdrängung von Arbeitsplätzen durch den technologischen Fortschritt ist so alt wie die maschinenstürmenden Ludditen. Die Befürchtungen sind immer noch begründet: Zwei Drittel der Jobverluste in der industriellen Produktion im letzten halben Jahrhundert sind auf den technologischen Wandel zurückzuführen. Die eingangs erwähnte Studie und ihre Schreckensliste der bedrohten Berufe sind jedoch mittlerweile umstritten. Das Problem: Die vierte industrielle Revolution ist anders, umwälzender, ihre Folgen unberechenbarer.
Künstliche Intelligenz ist kein Kind unserer Zeit. Der Aufstieg der K.I. hat mit drei Dingen zu tun: Erstens: die schnellere Rechenleistung, zweitens: Unmengen an Daten, die wir – drittens – freiwillig mit den milliardenschweren Hauptinvestoren der neuen Technologien teilen: Google, Facebook, bald in der Schweiz auch Amazon.
Maschinen führen nicht mehr nur aus, sondern lernen zu lernen. Sie erkennen Millionen Mal mehr Muster wie Menschen. Wir verstehen die Algorithmen nicht mehr, die durch Deep Learning geschrieben wurden. Arbeit 4.0 wird unsere Gesellschaft grundlegend verändern.
In diesem Heft wagen wir uns aber nicht auf Utopien und Dystopien heraus, sondern schauen im kleinen Kreis: Wie verändert sich unsere Arbeit heute? Nimmt die Maschine uns Arbeit bloss ab oder nimmt sie sie uns weg? Eine Ex-Kassiererin erzählt, wie sie den Einzug der Selfscanning-Kassen erlebt hat. Eine Musikalienhändlerin und ETH-Ingenieure geben Auskunft. Philipp Bürkler fragt beim lokalen Tech-Vorzeigestartup nach, wie der gläserne Kunde von morgen durchleuchtet wird. Ina Praetorius findet, dass es schon lange Zeit ist, der unbezahlten Arbeit die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Corinne Riedener fragt bei Soziologe Stefan Paulus und Wirtschaftsinformatiker Hans-Dieter Zimmermann nach, wie die Gewerkschaften auf den Wandel reagieren müssten, und Anne Meyer erzählt von ihrem Schaudern, wenn sie an Künstliche Intelligenz denkt – wann hört die Maschine auf, wo der beginnt Mensch? Diese Frage interessiert auch den Pariser Fotografen Vincent Fournier, dessen Bilder Versuchsanordnungen zeigen: Wann schaudert uns die Ähnlichkeit humanoider Roboter, wann verspüren wir Empathie? Was sagt unser Verhältnis zu Robotern über uns und unsere Kultur aus?
Weiter im Heft: viel Grün von Fotograf Michael Bodenmann aus Buenos Aires, Musik von Pyrit und Hopes & Venom, Widmers Karikaturen und ein hochaktueller Film über algorithmisierte Polizeiarbeit im Kinok.
Claudio Bucher
Reaktionen / PostionenRedeplatz mit Nathalie BöschHässig von Nadja KeuschHerr Sutter sorgt sich… von Bernhard ThönyEvil Dad von Marcel MüllerBlickwinkel von Daniel V. KellerMensch Meyer von Helga und Janine Meyer
Blöd simmer nödSelf-Checkout: Erfahrungsbericht einer Kassiererin.notiert von Oliver Kerrison
Der gescannte KundeIndividualisierte Werbung und was ein St.Galler Startup damit zu tun hat.von Philipp Bürkler
Persönlich, nicht personalisiertAnalog überleben im Musikhandel? Ruth Steinestel kann es.notiert von Peter Surber
Im unheimlichen Tal
Vincent Fourniers Fotoserie The Man Machine.
Das rote Nilpferd oder echte MenschenÜber das mehr oder weniger wohlige Schaudern beim Gedanken an Künstliche Intelligenz.von Anne Meyer
Besser als wir?ETH-Ingenieure und ihre Roboter-Kollegen.von Julian Surber und Franziska Ryser
«Lohnarbeit wird zum Privileg»Soziologe Stefan Paulus und Wirtschaftsinformatiker Hans-Dieter Zimmermann im Interview.von Corinne Riedener
Arbeit ist CareEs ist Zeit für eine politische Debatte.von Ina Praetorius
Ludwig Hohl: Vom Arbeiten
Das Coverbild zeigt Maria Guţă.
Zelleneinschluss: Abdou Ndiaye wartet auf seine Ausschaffung.von Silvan Rechsteiner
Ein Stück weit Pionier: Skispringer Walter Steiner.von Wolfgang Steiger
Serie zu Europa – Teil 3: Wirtschaft und ihre Krisen.von Simon Graf
Flaschenpost aus Buenos Aires.von Michael Bodenmann
Nacktsenfie und Essigburken: Widmers Weltausstellung.von Peter Surber
Control: Pyrits Zweitling an der Kippe zur Menschmaschinevon Corinne Riedener
73 Prozent Terrorist: Die ganze Lok wird überwacht.von Claudio Bucher
Plafonierung der Kulturgelder: Wo bleibt der Widerstand?von Andreas Kneubühler
Sag Schibbolet: Grenzen im jüdischen Museum Hohenems.von Kurt Bracharz
Mein Kampf: Regisseur Serdar Somuncu im Interview.von Veronika Fischer
Kulturparcours
Zwei Gedichte im Aprilvon Claire Plassard und Florian Vetsch
Mixologievon Niklaus Reichle und Philipp Grob
Am Schalter im April: Alternativen zum Little WEF
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenKreuzweisewortePfahlbauerBoulevard
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.