Man kann anfangen, wo man will. Zum Beispiel bei den «Paukenschlägen»: So nennt sich eine Liste von Visionen, welche im Zusammenhang mit dem 500-Jahr-Jubiläum der Reformation in Appenzell Ausserrhoden gesammelt wurden. «Zuvielisation wohin?» heisst einer dieser Sätze, ein anderer «In der Einfachheit die Essenz finden», mehr dazu auf Seite 10. Oder: Man könnte beim manchmal überbordenden Veranstaltungskalender anfangen und sich fragen, wie es um die kulturelle «Zuvielisation» steht. Man kann den Konsumirrsinn rund um Weihnachten nehmen und sagen: Weniger wäre mehr. Oder man kann bei sich selber anfangen. Und sich fragen, ob das Multitasking-Dauerüberforderungs- Zeitdruckprogramm namens Alltag wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.
Saiten fängt bei sich selber an. Räumt auf und tut weg. Das braucht Zeit. Drum haben wir den Vorsatz gefasst, genau dies zum Titelthema zu machen. Raum schaffen. Zeit lassen. Weggeben. Schöne Vorsätze – unnötig zu sagen, dass das ordentlich zu tun gegeben hat.
Immerhin: Das Dezemberheft ist etwas dünner und hat mehr Weissraum als sonst. Um den weissen Raum herum stehen die Fragen: Wie viele Dinge hat der Mensch, wie wenige braucht er. Was passiert in einem Raum, der die Leere zum Inhalt hat? Was geschieht, wenn ich alles weggebe? Und was passiert, wenn Musik zur Stille wird? Das Zauberwort über all diesen Fragen heisst: weniger. Ironie des Schicksals, dass im Dezember ein Autor den grossen St.Galler Kulturpreis erhält, der sich mit dem Mehr und dem Immer-mehr beschäftigt hat: der Soziologe Peter Gross. In seinem Buch über die Multioptionsgesellschaft steht der Satz: «Auf dem Drang nach Mehr gründet die Moderne.» Mehr dazu auf Seite 49.
Etwas rustikaler bringt Saiten-Kollegin Corinne Riedener das Thema auf den Punkt: «Weniger da sein. Weniger Anwesenheitspflicht. Einfach mal ausklinken, und wenns nur beim Scheissen ist. Dass die anderen nicht wissen, was du gerade machst. Untertauchen. Und niemand weiss wieso. Oder fliegen. Über was stolpern und im Engadin aufwachen. Im Nirgendwo baden. Nicht auffindbar sein.»
Keine Bange: Wir bleiben auffindbar, auch im neuen Jahr. Aber der Drang nach Weniger schlägt dennoch durch. Das Ergebnis ist ein Bild-Katalog von Dingen, die Saiten verschenken will, mehr dazu ab Seite 26, und zwar ohne Bereicherungsabsicht und ohne missionarischen Hintergedanken. Denn weggeben, teilen, verknappen, Lücken lassen, das liegt zwar hart im Zeitgeist. Aber es steckt auch voller Widersprüche, in die man sich zwangsläufig bei der Thematik verstrickt: Weggeben ist der Luxus derjenigen, die viel haben. Das kann schnell zynisch wirken gegenüber jenen, die wenig oder nichts haben.
Unser adventliches Heft hofft, nicht zynisch zu wirken. Sondern nachdenklich. Dazu tragen vielleicht die kurzen lyrischen Texte bei: eine Hommage an den diesen Sommer verstorbenen Dichter Werner Lutz, den Grossmeister der Kunst, mit wenigen Worten alles zu sagen.
Peter Surber
Reaktionen/Positionen
Blickwinkel von Jiří Makovec Stadtpunkt von Dani FelsEinspruch: Paukenschläge für eine neue ZeitRedeplatz mit Iris BetschartGastrecht III: Fabienne Schmuki gratuliert dem Palace
Das Minimalismus-ParadoxonMaterielle Entschlackung liegt im Trend – ein Selbstversuch.von Frédéric Zwicker
Alles weg!Die Künstlerin Annina Frehner fragt, was der Mensch braucht.von Peter Surber
Der Raum ist einfach da.Ein Besuch in Gilgi Guggenheims Museum der Leere.von Peter Surber
Töne aus dem SchweigenPaul Giger und der Konzertzyklus Silence.von Bettina Kugler
Saiten schafft Platz!24 Dinge suchen eine neue Bleibe: Fotos, CD’s, ein Yoyo, eine Baulampe und noch vieles mehr
Die Gedichte zum Titelthema stammen von Werner Lutz, dem Ausserrhoder Lyriker, der im vergangenen Juli gestorben ist. Die Bilder im «Dezemberkatalog» haben Rosario Florio, Larissa Kasper und Samuel Bänziger von der Saitengrafik gemacht.
ToggenburgAusserrhodenRheintalWinterthur
#Saitenfährtein: St.GallenNapoli im Tivolivon Peter Surber
Trump-WahlI white that I white nothing: Reaktionen auf die amerikanische Präsidentschaftswahlvon Rolf Bossart und Michael Felix Grieder
Flaschenpostvon Dylan Spencer-Davidson, Marie Artaker und Margherita Huntley vom St.Anton
Das Rätsel im Schönau-Quartier.von Hans Fässler
Die Geschichte der Arbeiterstadt Arbon.von Ruth Erat
Wolf & Sheep, der Film über zwei afghanische Hirtenkindervon Geri Krebs
Loredana Sperinis Einzelausstellung im Kunstmuseum St.Gallenvon Nina Keel
Peter Gross erhält den Preis der St.Gallischen Kulturstiftungvon Peter Surber
Meine Mara-Jahre und der (un)ermüdliche Libelle-Verlagvon Brigitta Hochuli
Ocean Wisdom kommt nach St.Gallenvon Corinne Riedener
Die Wiler Band Frantic und ihr viertes Albumvon Frédéric Zwicker
Schwarzaufweiss: Best of Fred
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.