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Exciting, unhinged und hässig

Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.

Die Ostschweizer Band Drill (von links): David Meienhofer (Guitar), Patrick Widmer (Drums), Raphael Capaul (Vocals), Simon Mäder (Bass) und Jérémie Gonzalez (Guitar) (Bild: pd)

Die Ostschweizer Band Drill (von links): David Meienhofer (Guitar), Patrick Widmer (Drums), Raphael Capaul (Vocals), Simon Mäder (Bass) und Jérémie Gonzalez (Guitar) (Bild: pd)

Ihr müsst euch vor­stel­len, da sitzt man trotz der Som­mer­hit­ze ei­ni­ger­mas­sen ent­spannt vor sei­nem Lap­top und öff­net halb ver­schla­fen ei­nen Pre-Lis­tening-Link, als plötz­lich ei­ne Hand aus dem Bild­schirm schiesst und dir ei­ne saf­ti­ge Ohr­fei­ge ver­passt. So oder so ähn­lich fühl­te es sich je­den­falls an, als ich erst­mals die Ca­thar­sis-EP des Ost­schwei­zer Me­tal­co­re Fün­fers Drill ein­leg­te und von ei­ner Wel­le aus un­ge­fil­ter­ter Kraft über­rollt wur­de. Da­bei kommt der Ope­ning-Track Azu­la im Ver­gleich zum rest­li­chen Werk eher ge­mäs­sigt da­her und be­sticht durch enor­me Gra­vi­tas im Auf­bau, nichts­des­to­trotz ver­schwen­det die Band wirk­lich kei­ne ein­zi­ge Se­kun­de, um ih­ren Hö­rer:in­nen klar­zu­ma­chen: An­schnal­len, das Teil hier wird ein wil­der Ritt. 

Me­tal­co­re nimmt sich An­lei­hen wie schwe­re Gi­tar­ren­riffs bei (na klar!) Me­tal und mixt die­se mit DNA-Strän­gen aus Hard­core-Punk. Um ei­ne ge­naue Gen­re-Bio­gra­phie auf­zu­zei­gen, bräuch­te man wohl ei­nen Dok­tor­ti­tel in Mu­sik­wis­sen­schaft und Ge­schich­te. Des­halb kommt es uns zu­gu­te, dass Drill ih­re ei­ge­ne Ver­si­on des Gen­res kur­zer­hand als «filt­hy» (soll heis­sen: dre­ckig!) be­zeich­net. Hier geht es al­so so der­mas­sen zur Sa­che, dass es ei­ne wirk­li­che und wah­re Freu­de ist – zu­min­dest wenn man sich nicht vor har­ter Mu­sik scheut. Und doch scheint die Selbst­be­schrei­bung auch ei­ne Art fal­sche Fähr­te aus­zu­le­gen: Die Ca­thar­sis-EP of­fen­bart kei­nes­falls nur stump­fen Schwei­ne­rock, son­dern ent­rollt sich viel­schich­tig und über­ra­schend, als ein kom­ple­xes, tie­fes Werk mit fas­zi­nie­ren­dem Ge­spür für die klei­nen De­tails.  

Denn wer ver­mu­tet, dass der­art bra­chia­le Sound­schich­ten leicht zu pro­du­zie­ren sind, weil ja oh­ne­hin al­les mit dem gros­sen Holz­ham­mer zu­sam­men­ge­schus­tert wird, der irrt ge­wal­tig. Wo mas­si­ve Riffs auf Al­les-oder-Nichts-Schlag­zeug­wän­de tref­fen, wo Stim­men am Ran­de des Men­schen­mög­li­chen agie­ren, da ver­langt es die feins­te al­ler Klin­gen im Stu­dio. Und ge­nau die­se Fein­ab­stim­mung ge­lingt Drill wirk­lich vor­züg­lich: Die EP ist ir­re gut pro­du­ziert und min­des­tens in die­sem Aspekt auf in­ter­na­tio­na­lem Ni­veau. Wie schafft man es, der­ar­ti­ge De­tails in den fi­na­len Mix zu mi­schen? Wir ha­ben Jé­ré­mie Gon­za­lez, sei­nes Zei­chens Song­wri­ter und künst­le­ri­sches Mas­ter­mind hin­ter Drill, ge­fragt. «Ich den­ke, dass das Aus­pro­bie­ren, Re­vi­die­ren und Üben bei der Pre-Pro­duc­tion viel aus­ma­chen. So kön­nen wir beim ef­fek­ti­ven Auf­nah­me­pro­zess mit ei­nem ganz kla­ren Plan und mit ei­ner ge­wis­sen Si­cher­heit die Mu­sik an­ge­hen. Al­le In­stru­men­te wur­den von mir selbst ein­ge­spielt und mir war es sehr wich­tig, dass die Drums und Gi­tar­ren zu­sam­men on point sind. Der Auf­nah­me­pro­zess ging trotz ei­ni­ger Nacht­schich­ten nach dem day job schnell von­stat­ten. Zur mas­si­ven Sound-Wand vom Klang­er­leb­nis trägt die Ma­gie von Josh Schroe­der am Mix ei­nen gros­sen Teil da­zu bei.»

Mu­sik goes vi­su­al

Doch nicht nur Schroe­ders fi­na­ler Schliff ver­leiht dem Quin­tett ei­nen in­ter­na­tio­na­len Mo­ment. Un­ter den Vi­de­os von Drill ver­sam­melt sich vor al­lem eng­lisch­spra­chi­ges Pu­bli­kum und zollt dem Schwei­zer Sze­nege­heim­tipp in über­aus un­ter­halt­sa­men Kom­men­ta­ren Tri­but: «Ok, so who am I sen­ding my chi­ro­prac­tor bill to? My neck aint fi­xing its­elf» (frei über­setzt: «Wem schi­cke ich jetzt die Rech­nung mei­nes Phy­sio­the­ra­peu­ten? Mein Na­cken re­pa­riert sich nicht von al­lein»). Und das bringt es auf den Punkt: Drill ist En­er­gie, die strömt und don­nert und blitzt und aus­fährt und schep­pert und schreit und zer­bricht und sich teilt und sich noch­mal teilt, und das nicht nur als für sich fest­ste­hen­des Pro­dukt, son­dern als Or­ga­nis­mus, der sei­ne Hö­rer:in­nen be­fällt. Sei­nen Kopf und Kör­per bei die­sem Sound nicht «her­um­zu­ban­gen», blieb zu­min­dest bei den Lis­tening Ses­si­ons für die­se Re­view ein un­mög­li­ches Un­ter­fan­gen. 

Ab­seits der Mu­sik spürt man, dass die Band kon­se­quent dar­an ar­bei­tet, ei­ne Art Ge­samt­werk zu er­schaf­fen. Je­des ein­zel­ne Stück der EP wur­de mit ei­nem ei­ge­nen Art­work ver­se­hen (frei­ge­stell­te, hy­per­rea­lis­ti­sche All­tags­ge­gen­stän­de), und die Ly­rics, die zu­ge­ge­be­ner­mas­sen beim rei­nen Hö­ren manch­mal gar nicht so leicht zu fil­tern sind, wir­ken als schwar­ze Zei­chen auf weis­sen Grund fast schon ge­dicht­ar­tig.  

«Wir ha­ben uns ex­trem vie­le Ge­dan­ken ge­macht, dass das Vi­su­el­le und die Tex­te mit der Mu­sik har­mo­nie­ren, aber trotz­dem auch den üb­li­chen Kon­trast schaf­fen, den wir oft an­stre­ben. Mei­ne Freun­din Va­nes­sa Ja­ni­cki konn­te die Vi­si­on per­fekt um­set­zen. Bei die­sen knal­li­gen Far­ben ha­be ich ein­fach im­mer Freu­de, wenn ich die Art­works an­schaue. An­ders als bei den Art­works ha­ben wir ly­risch kein über­grei­fen­des Ge­samt­kon­zept. Die The­men, wel­che an­ge­spro­chen wer­den, sind sehr per­sön­lich, ba­sie­ren auf ei­ge­nen Er­fah­run­gen und ge­hen in die Tie­fe un­se­rer Her­zen. Ich den­ke, dass sie da­her auch eher wie Ge­dich­te ge­le­sen wer­den kön­nen.»

Me­tal­co­re trifft Hy­per­pop

Wirk­li­che Hö­he­punk­te des Werks, das über sei­ne sechs Songs lan­ge Lauf­zeit zu kei­nem Zeit­punkt das En­er­gie­le­vel ab­fal­len lässt, sind die Fea­ture­parts der Gast­künst­ler:in­nen. Wäh­rend sich das Stück My Space fast schon wie ein fol­ge­rich­ti­ger und lo­gi­scher Zu­sam­men­schluss an­fühlt, zer­schnei­det Dead Cen­ter mit glitch­BA­BY, die als Teil von Ha­te­pop ei­gent­lich die ex­pe­ri­men­tel­le Hy­per­pop-Rap-Bubble prägt, durch­aus den ro­ten Fa­den. Nur um ihn dann kun­ter­bunt aus­fran­send wie­der zu­sam­men­zu­fli­cken. 

«Wir sind Fans von glitch­BAB­AY und woll­ten es ein­fach mal ver­su­chen, na­tür­lich mit der Un­ge­wiss­heit, ob die­ses Zu­sam­men­spiel wirk­lich passt oder nicht. glitch­BAB­AY war so­fort be­geis­tert von der Idee und das End­pro­dukt könn­te mei­ner Mei­nung nach nicht bes­ser matchen. Ich war bei ih­nen im Band­raum und zu­sam­men mit den Pro­du­zen­ten DA­SH­CAM DE­VI liess sich die Hy­per­pop Äs­the­tik me­ga gut mit un­se­rem Me­tal­co­re ver­mi­schen. Das Fea­ture von XOXO war längst hin­fäl­lig. Seit Jah­ren sind wir mit Ra­mo­na be­freun­det. Sie hat uns bei ei­ni­gen Shows an den Vo­cals aus­ge­hol­fen und live im­mer wie­der mal ein Fea­ture ge­macht. End­lich konn­ten wir ih­re Screams für die Ewig­keit auf ei­ner Auf­nah­me von uns fest­hal­ten. Es war me­ga un­kom­pli­ziert – DIY-mäs­sig di­rekt bei mir zu Hau­se auf­ge­nom­men.»

Und dann ist da noch das ge­ra­de ein­mal 1:14 Mi­nu­ten lan­ge Akus­tik-Stück Life is un­fair – Dead Days Ahead, das in Zu­sam­men­ar­beit mit der Elec­t­ro-In­die-Künst­le­rin Odd Be­hol­der ent­stan­den ist und ein fast schon zer­brech­li­ches Cre­scen­do zeich­net. Bleibt zu hof­fen, dass die­se mu­ti­gen Fea­tures ih­ren Teil da­für tun, dass Drill auch über die Gen­re­gren­zen hin­aus wahr­ge­nom­men wird. Jé­ré­mie je­den­falls gibt uns zum Ab­schluss sei­ne Ein­schät­zung, war­um al­le ein­mal rein­hö­ren soll­ten: «Es ist ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig! Je­des Mal, wenn ein un­er­war­te­ter Tem­po­wech­sel droppt, wird Ad­re­na­lin in mir aus­ge­schüt­tet und ich füh­le mich wie­der wie neu ge­la­den. Die Mu­sik macht echt Spass: Gi­ve it a try!»

Drill: Ca­thar­sis; er­scheint am 14. Au­gust, auf Vi­nyl und di­gi­tal er­hält­lich. 
EP-Re­lease Show: 13. Au­gust, 19.30 Uhr, Werk 21, Zü­rich.
Live: 7. No­vem­ber, 19.30 Uhr, Gas­werk, Win­ter­thur.
drillhc.band­camp.com

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