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Sehnsucht nach Freiheit

Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.

Die Thurgauer Sängerin Noemi Beza (Bild: pd)

Die Thurgauer Sängerin Noemi Beza (Bild: pd)

Pop­mu­sik ist im Ge­gen­satz zu Thea­ter, Film und Li­te­ra­tur ein Me­di­um der Ju­gend. Und das war schon im­mer so. Selbst Bands, die wir heu­te vor al­lem durch ihr Al­ter de­fi­nie­ren, star­te­ten ih­re Kar­rie­re meist blut­jung. Nicht sel­ten sind es die ers­ten Plat­ten, die die Kar­rie­ren von Bands durch al­le Ent­wick­lungs­stu­fen prä­gen. Pop labt sich an der En­er­gie des Neu­en und am Ab­ar­bei­ten des Al­ten: ein ewi­ger Kreis­lauf, der in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten vie­le Künst­ler:in­nen aus dem ver­meint­li­chen Nichts ins ver­meint­li­che Al­les ka­ta­pul­tier­te. 

So ging es auch der her­aus­ra­gend ta­len­tier­ten Sin­ger-Song­wri­te­rin Noe­mi Be­za, die mit 17 Jah­ren im Zu­ge ei­nes Schul­pro­jek­tes auf den Pro­du­zen­ten Jo­na­than Mül­ler traf, der ihr Po­ten­zi­al er­kann­te und die ers­ten Songs pro­du­zier­te (und bis heu­te pro­du­ziert). Und dann … Schnitt … Vor­hang auf: Mon­treux Jazz Fes­ti­val, Gur­ten Open­air, Open­air St. Gal­len, «Head Up High» in den Top 50 der Air­play Charts, ge­si­gned bei Uni­ver­sal Mu­sic Switz­er­land. 

Es ist die mär­chen­haf­te One-in-a-Mil­li­on-Ge­schich­te. Ein per­fek­ter Kar­rie­re-Kick­start, der na­tur­ge­mäss auch den ei­nen oder die an­de­re Grant­ler:in weckt … Doch gleich vor­ab: Es rei­chen ge­fühl­te 3,4 Se­kun­den von Noe­mis Mu­sik, um die Zwei­fel zu ver­scheu­chen. Denn ih­re Stim­me ist ein­neh­mend, zärt­lich und warm, fast schon all­um­grei­fend. Kurz­um: Aus­nah­me­ta­lent!

Coun­try trifft Hol­ly­wood

Nun er­scheint Noe­mi Be­z­as neue EP You’ll Find Me The­re  und da hö­ren wir jetzt ein­mal ge­mein­sam rein – denn bei ei­ner vier Songs lan­gen Ver­öf­fent­li­chung, kann man tat­säch­lich je­des Stück ein­mal im De­tail un­ter die Lu­pe neh­men.

Der Ope­ner und Ti­tel­song You’ll Find Me The­re be­ginnt mit wil­den Gen­re-Ein­prengs­lern: Zu­vor­derst ein fast schon ato­nal ex­pe­ri­men­tel­les Key­board-Blitz­ge­wit­ter, das sich aber nur als fal­sche Fähr­te her­aus­stellt und in Se­kun­den­schnel­le von Coun­try-Pat­tern ab­ge­löst wird. Über den Song hin­weg, der ei­nen Ame­ri­ka-Road­trip von «We we­re dri­ving along the streets of Ca­li­for­nia» bis «… sto­le Li­qu­or from your par­ents house» nach­er­zählt, über­nimmt zu­se­hends das Pop-Glätt­ei­sen. Es wirkt bei­na­he so, als wür­de Noe­mi im Ver­lauf des Songs Cow­boy­stie­fel und aus­ge­frans­te Jeans aus dem Ca­brio wer­fen, um sich für den gla­mou­rö­sen Ein­marsch in Hol­ly­wood zu wapp­nen.

Die bei­den fol­gen­den Songs neh­men ein we­nig Tem­po raus. Mo­ved On wird von ei­ner Akus­tik­gi­tar­re und sym­pa­thi­schen Drums be­glei­tet, die sich von Zeit zu Zeit zu­rück­neh­men, um Noe­mi voll­ends die Büh­ne zu über­las­sen. Und yes, das klingt jetzt ein we­nig über­mo­ti­viert, aber tat­säch­lich schleicht sich der Ver­weis auf Tay­lor Swift im­mer wie­der in die Ver­gleichs­kis­te. Vor al­lem, weil Mo­ved On in den fi­na­len 40 Se­kun­den mehr­stim­mig ex­plo­diert, emo­tio­na­le Wie­der­ho­lun­gen auf­schich­tet, Selbst­er­mäch­ti­gung und Sto­rytel­ling zu ei­ner Art Co­ming-Of-Age-Va­ri­an­te ver­mischt. 

Das ist hand­werk­lich so der­mas­sen gut ge­macht. Je­der noch so klei­ne Bau­stein sitzt am rich­ti­gen Fleck. Die Songs (die al­le­samt ziel­ge­rich­tet die Drei-Mi­nu­ten-Mar­ke an­pei­len) of­fen­ba­ren so gar kein Fett, nichts ist zu viel und nichts ist zu we­nig. Ob das jetzt aus­nahms­los po­si­tiv ist, müs­sen ver­mut­lich al­le Hö­rer:in selbst be­wer­ten.

Safe Space und feh­len­den Kan­ten

Der Song Hear Me steigt mit Kurz­cho­ral und an­ge­spann­ter Rock­gi­tar­re ein, die den Weg zu ei­nem pop­pi­gen Aus­bruch weist: «Can You He­re Me When I Cry» singt Noe­mi im Re­frain des Stücks, der ih­re Pa­nik­at­ta­cken be­schreibt. Und hier, end­lich und aber­mals im fi­na­len Vier­tel des Songs, darf Noe­mi im Stim­men­sturm aus­bre­chen.

«In der Mu­sik hab ich mei­nen Safe Space ge­fun­den. Ei­nen Ort, an dem ich mich frei füh­le, mich wei­ter­ent­wi­ckeln kann und mei­ne Rast­lo­sig­keit in krea­ti­ve En­er­gie ver­wand­le. Da­her be­zeich­ne ich mei­ne Mu­sik am liebs­ten als Frei­geist-Pop. Mit mei­ner Mu­sik möch­te ich an­de­re da­zu in­spi­rie­ren, ih­ren ei­ge­nen Safe Space zu fin­den, ei­nen Raum, in dem man sich si­cher und frei fühlt, in dem man wach­sen und sein Po­ten­zi­al ent­fal­ten kann», er­klärt Noe­mi mit Blick auf ih­re Plat­te. Und man spürt förm­lich, wie si­cher sie sich in ih­rem selbst ge­schaf­fe­nen Raum fühlt. Und das ist zu die­sem Zeit­punkt der Kar­rie­re der New­co­me­rin schon mehr als un­ge­wöhn­lich. 

Das viel­leicht stärks­te, weil tiefs­te und ver­mut­lich roughs­te Stück der Plat­te ist die ab­schlies­sen­de In­die-Bal­la­de This I Know, die für Noe­mis Stim­me zum Spiel­platz wird. Und wir den­ken au­to­ma­tisch an den Er­we­ckungs­mo­ment, den die Sän­ge­rin ger­ne selbst be­schreibt: Da­mals, als sie sich in Zihl­schlacht auf der el­ter­li­chen Gar­ten­ter­ras­se ge­mein­sam mit ih­rem Bru­der von Ban­jos und Hack­bret­tern in den ame­ri­ka­ni­schen Wes­ten ent­füh­ren liess. Sehn­sucht und Frei­heit und vor al­lem Sehn­sucht nach Frei­heit wur­den zum ent­schei­den­den Mo­tiv. Die Er­kennt­nis, dass das Stre­ben nach die­sen Wer­ten oft auch mit Schei­tern und Frust ver­bun­den sein kann, in­klu­si­ve.

Auf You’ll Find Me The­re  dür­fen wir ei­nem wasch­ech­ten Thur­gau­er Pop-Phä­no­men beim Wach­sen zu­hö­ren. Und das klingt schon un­glaub­lich reif – ei­nen Qua­li­täts­un­ter­schied zu Stars wie Hol­ly Hum­ber­stone, die Noe­mi als kla­res Vor­bild mar­kiert, ist je­den­falls nicht zu hö­ren (und das ist wirk­lich kei­ne Über­trei­bung!). 

Am En­de bleibt aber ein klei­nes Ge­fühl im Hin­ter­kopf: Viel­leicht ist das al­les ein we­nig zu per­fekt? Die Bau­kas­ten-Ober­flä­chen glän­zen so blitz­sauber, dass man sich dar­in spie­geln kann, und ir­gend­wie fehlt es (ab­seits von ei­ni­gen text­li­chen Ver­wei­sen) an ris­si­gen Ecken, aus­ge­wa­sche­nen Kan­ten und vor al­lem an Leer­stel­len, die wir Hö­rer:in­nen dann selbst auf­fül­len dür­fen. Auch des­halb wird es un­sag­bar span­nend sein, Noe­mi Be­z­as Weg in Zu­kunft zu ver­fol­gen, denn Stand jetzt ste­hen ihr ein­fach al­le Tü­ren of­fen!

Noe­mi Be­za – You’ll Find Me The­re: er­scheint am 5. Ju­ni.
Live: 
Sams­tag, 13. Ju­ni, 19 Uhr, Mitt­som­mer­fest, Frau­en­feld;
Sams­tag, 25. Ju­li, 17.30 Uhr, Ho­tel Hof Weiss­bad, Weiss­bad;
Frei­tag, 7. Au­gust, 17.45 Uhr, Jazz­ta­ge Lich­ten­steig.

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