Eine einmalige Geburtstagsparty
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Der schönste Moment der Jubiläumsfeier: Stahlberger singen mit Peer Füglistaller (2. von links) und Basil Kehl (2. von rechts) von Dachs, Hannah Bissegger und Anisa Djojoatmodjo von Ikan Hyu (Mitte am Mikrofon), Elio Ricca (4. von links) und Natasha Waters (3. von rechts) den Pixies-Klassiker Where Is My Mind?. (Bild: Kasimir Höhener)
Dieses Jahr feiert das Kulturfestival sein 20-Jahr-Jubiläum. Und weil sich runde Geburtstage am schönsten mit vielen Gästen feiern, hat das Kulturfestival diverse Bands und Musiker:innen aus St.Gallen und der Region eingeladen, die jeweils am Samstag und Sonntag auftraten: Stahlberger, Dachs, Ikan Hyu, Yes I’m Very Tired Now, Tüchel, Riana und Owen Kane.
Jedes Konzert dauerte eine halbe Stunde, die Auftritte folgten im Abstand von nur wenigen Minuten. Für kurze Verschnaufpausen gab es zwischen den Konzertblöcken DJ-Sets, am ersten Tag vom Biergrüppli – einer Gruppe von Freunden um die Jungs von Painhead (die diesen Freitag im Vorprogramm von Paddy and the Rats spielen) – und am zweiten von Pa-Tee. Und zum Abschluss des ersten Geburtstagtags verwandelte Pascal Glatz alias Page, die eine Hälfte des Electro-Duos Soda, am Samstagabend den Innenhof des Kulturmuseums in einen Openair-Club.
Das Line-up dieses Jubiläumswochenendes las sich gewissermassen als Spiegelbild der musikalischen Vielfalt, die sich jedes Jahr auch im Programm des Kulturfestivals findet. Dazu war es ein interessanter Querschnitt durch die regionale Musikszene. Vielleicht wäre es noch interessanter gewesen, an den beiden Tagen unterschiedliche Acts auftreten zu lassen statt zweimal dieselben. Schliesslich hat die St.Galler Musikszene in den vergangenen Jahren sehr viele sehr tolle Musiker:innen und Gruppen hervorgebracht. Dennoch: Es war eine einmalige Zusammenkunft, die sehr viel Spass machte und für eine rundum gelungene Geburtstagsfeier sorgte.
Das Jubiläumswochenende eröffnet am Samstagnachmittag Riana. Die Appenzeller Musikerin, die im Herbst ihr Debütalbum Mi sölbe seh veröffentlichte, sorgt für den perfekten Auftakt. Zu Beginn ihres Auftritts brennt die Sonne direkt vor die Bühne, weshalb sich das Publikum in den Schatten im hinteren Teil des Innenhofs zurückzieht, was zu einer grossen Lücke zwischen der Sängerin und den Besucher:innen führt. Dennoch gelingt es der Mittzwanzigerin, den Innenhof mit ihren gefühlvollen Pop-Balladen schrumpfen zu lassen und eine wunderbare Nähe zu schaffen. Spätestens bei der Ende Mai veröffentlichten neuen Single Kafi Crème hat sie das Publikum in der Hand.
Riana (alle Konzertbilder: Marcello Engi)
Yes I'm Very Tired Now
Erfrischend wie druckvoll ist der Auftritt von Yes I’m Very Tired Now, einem Zwischending aus Soloprojekt und Band von Marc Frischknecht, der für das Booking des Kulturfestivals zuständig ist. Die Integration von Natasha Waters (Gesang und Violine, seit 2023) und Davide Rizzitelli (Synths, seit 2025), die in den Nuller- und Zehnerjahren das Electropop-Duo Kaltehand/Natasha Waters bildeten und seit einiger Zeit als Mamari (mit Atilla Schweizer von Missue) Musik machen, trägt besonders viel zu dieser Frische bei. Sie geben dem dunkel-kühlen Indie Pop einen neuen Anstrich. Das zeigt sich beispielhaft an älteren Songs wie Common World oder (vor allem) Shining Lights vom 2016 veröffentlichten Debüt Hide & Seek. Und es ist beeindruckend zu sehen und zu hören, wie stark die Band in dieser neuen Formation inzwischen zusammengewachsen ist.
Dass an der Geburtstagsparty auch Tüchel dabei sind, versteht sich fast von selbst. Die St.Galler Ur-Punks sind bereits viermal am Kulturfestival aufgetreten und feierten hier auch ihr eigenes 25- und 30-Jahr-Jubiläum mit besonderen Konzerten. Diesmal überraschen sie mit einer Gastsängerin: Punkpaula unterstützt sie bei allen Songs. Die 19-jährige Musikerin aus Bühler veröffentlicht seit zwei Jahren in bester DIY-Manier ihre Songs, die zwischen Grunge und Lo-Fi-Indie changieren, und ist im vergangenen Jahr am BandXOst aufgetreten. Sie gibt dem schnörkellosen Punkrock eine erfrischende neue Note.
Tüchel mit Punkpaula
Owen Kane
Danach legen Owen Kane eine Ladung Hard Rock nach. Die Band um Sänger Urs Schiess, der einigen als Badmeister des Mannenweiers bekannt sein dürfte, bewegt sich musikalisch zwar vornehmlich auf Pfaden, auf denen Bands wie Black Sabbath, AC/DC oder Iron Maiden marschiert sind (oder immer noch marschieren), wird aber nie zum Klischee. Dafür sind sie zu eigenständig unterwegs und macht ihre Musik zu viel Spass – ganz offensichtlich auch ihnen selbst.
Ein Erlebnis ist der Auftritt von Ikan Hyu. Das Duo, dessen stilistisch breitgefächerte Musik sich am ehesten in der Schnittmenge von Punk, Pop und Electro verorten lässt, passt nur bedingt in diese St.Galler Gästeschar, kommen Anisa Djojoatmodjo und Hannah Bissegger doch aus Winterthur respektive Zürich. Bissegger ist in Mörschwil aufgewachsen, kennengelernt haben sich die beiden Musikerinnen an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie im Bereich Pop ihren Master in E-Gitarre (Djojoatmodjo) und Gesang (Bissegger) machten. Ihr Konzert ist wohl ein Geschenk des Kulturfestivals an die Besucher:innen – und an sich selbst. «Was Anisa Djojoatmodjo und Hannah Bissegger live auf die Bühne bringen, bläst einen weg», schrieb der «Tages-Anzeiger» über diese «musikalische Ausnahmeerscheinung». Das bestätigen Ikan Hyu am Samstagabend: Ihr Auftritt ist energiegeladen, intensiv, einnehmend. Djojoatmodjo spielt hauptsächlich einen Hybrid aus E-Gitarre und Keyboard, Bissegger Schlagzeug, beide singen, abwechselnd oder zusammen. Wie steil die Spannungskurve an ihrem Konzert in dieser vergleichsweise kurzen Zeit steigt, ist beeindruckend.
Ikan Hyu
Dachs
Ein sehr dichtes Set spielen auch Stahlberger. Darin finden sich fast ausschliesslich druckvollere, schwerere Stücke wie Bösi Wonig, Rundume Rand, Abghenkt oder die immer wieder aufs Neue umwerfende Live-Version von Über Nacht isch en Sturm cho. Gleichzeitig hat ihr Konzert eine Erhabenheit, die man bei Schweizer Bands nur selten findet. Mit welcher Souveränität und welchem blinden Verständnis die fünf Musiker miteinander interagieren, ist eine Klasse für sich.
Den Konzert-Abschluss des ersten Abends macht Basil Kehl alias Dachs, live mit Peer Füglistaller. Ob mit dem «kleinen Hit» Beat Breu von 2019 oder den eingängigen Indie-Pop-Songs aus dem Ende 2025 erschienenen neuen Album I wöt mir selber is Gsicht chotze wie Es reimt sich uf, Hallo Mueter oder Kommentarspalte, Dachs markieren den ganzen Innenhof des Kulturmuseums als ihr Revier. Die Stimmung ist ausgelassen, das Publikum singt und tanzt mit.
Für dieses spezielle Wochenende bekamen alle Acts auch eine besondere Aufgabe: Sie sollten einen Song aus dem Jahr 2005 covern, als das Kulturfestival erstmals stattfand, wobei die zeitliche Eingrenzung hie und da um ein, zwei Jahre ausgedehnt wird. Riana spielt Suddenly I See von KT Tunstall. Dieser Song sei in jenem Sommer oft im Radio gelaufen, wenn sie als Kind mit der Mutter von Appenzell nach Teufen oder Widnau in die Badi gefahren sei. Yes I’m Very Tired Now spielen eine grossartige Version von Daft Punk Is Playing At My House von LCD Soundsystem, Ikan Hyu nehmen sich Anna Molly von Incubus vor, Owen Kane bauen mit Mr. Brightside von The Killers und Best Of You von den Foo Fighters gleich zwei Coversongs in ihr Set ein und Dachs spielen – gemeinsam mit Elio Ricca, dem «sexiest boy aus St.Gallen», wie Basil Kehl sagt – It’s My Life «von No Doubt», das Kehl als Jungdachs im Musik-TV geschaut habe (und das seinerseits ein Cover des Talk-Talk-Hits von 1984 ist).
Die unkonventionellste Wahl treffen Tüchel mit ihrer Coverversion von Durch den Monsun von Tokio Hotel. Gerade bei diesem Track erweist sich Punkpaula als Glücksgriff: Sie übernimmt den Lead beim Gesang, bildet mit Matthias «Doppelmeter» Howald ein so unterschiedliches wie cooles Duo und bügelt die eine oder andere stimmliche Ungenauigkeit des Sängers aus.
Stahlberger
Pascal Glatz alias Page vom Electro-Duo Soda
Auch Stahlberger hätten diesen Song gerne gespielt, Tüchel seien ihnen jedoch zuvorgekommen, sagt Manuel Stahlberger. Also hätten sie eine andere Band mit T gewählt: Tocotronic. Ihre Interpretation von Aber hier leben, nein danke ist schlicht grossartig. Nicht nur, weil der Song in Zeiten zunehmender rechter Strömungen auch heute brandaktuell ist, sondern auch, weil die fünf Musiker der ohnehin treibenden Musik zusätzlichen Drive geben.
Einer der schönsten Momente dieses Geburtstagsfests ist schliesslich, als Stahlberger, die ihren Auftritt mit dem Cover eines Instrumentalstücks von Air eröffneten, zusammen mit Natasha Waters, Dachs, Ikan Hyu und Elio Ricca, der am Freitag im Vorprogramm von Balthvs aufgetreten war, den Pixies-Klassiker Where Is My Mind? in einer Dialektversion spielen. Dieser geht zwar aufs Jahr 1988 zurück, sei aber erst vor 20 Jahren populär geworden, wie Manuel Stahlberger flunkert. Es ist gewissermassen ein kollektives Geburtstagsständchen für dieses schöne, sorgfältig programmierte Festival, das seinem Publikum viele unvergessliche Momente beschert und immer wieder Konzerte präsentiert hat, die einem im besten Sinne den Verstand rauben kann.
Der Innenhof des Kulturmuseums
Und das auf und abseits der Bühne diverse Geschichten geschrieben hat: Zwischen den Konzerten erzählen Céline Fuchs und Richi Küttel Anekdoten aus den 20 Austragungen. Etwa als Russkaja 2010 nach ihrem Auftritt das Hotelzimmer auseinandernahmen, weshalb die Musiker:innen des Kulturfestivals bis heute dort nicht mehr willkommen sind. Als A Few Good Men 2007 vor und während ihrem Konzert dermassen becherten, dass bloss «a few men» übrigblieben und nur die Hälfte der zwölfköpfigen Band dieses zu Ende spielen konnte. Oder als sich 2008 beim Konzert von Bauchklang wegen der Bässe die Ausstellungsgegenstände im Kulturmuseum verschoben, was bei dessen Verantwortlichen zur Frage geführt habe, ob das Kulturfestival überhaupt weiterhin stattfinden könne. Es konnte, bis heute – zum Glück. Auf weitere 20 Jahre!
kulturfestival.ch
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Ein Album als Reise zu sich selbst: Auf ihrem Debüt baut Riana Song für Song ihre Selbstzweifel und Unsicherheiten ab. Und erstmals singt die Appenzeller Musikerin ausschliesslich im Innerrhoder Dialekt.
Fünf Jahre arbeitete der St.Galler Musiker Marc Frischknecht alias Yes I’m Very Tired Now an seinem neuen Album, auf dem er sich mit existenziellen Fragen auseinandersetzt. Anfang März tauft er The Dark Tape mit seiner Band in der Grabenhalle.
Auf ihrem neuen Album Immer dur Nächt zeigen sich Stahlberger krautrockig. Und sie geben Halt in einer Welt, in der man sich an immer weniger festhalten kann.
Hassreden, die Angst vor öffentlicher Kritik oder Zwischenmenschliches: Auf dem neuen Dachs-Album I wöt mir selber is Gsicht chotze geht es um viele Themen, die Basil Kehl beschäftigen. Das macht es nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr persönlich.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.