Liebe, Hass und Pinocchio
Hassreden, die Angst vor öffentlicher Kritik oder Zwischenmenschliches: Auf dem neuen Dachs-Album I wöt mir selber is Gsicht chotze geht es um viele Themen, die Basil Kehl beschäftigen. Das macht es nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr persönlich.
Jetzt gibt's Torte: Basil Kehl alias Dachs. (Bild: Noëlle Guidon)
Von wegen Winterruhe. Es herrscht ordentlich Betrieb im Dachsbau: Heute veröffentlicht Basil Kehl alias Dachs sein neues, inzwischen viertes Album I wöt mir selber is Gsicht chotze. Wobei, ganz neu ist es nicht. Sechs der zwölf Songs sind vor einem Jahr als Toti Chatz-EP digital erschienen, nun folgt quasi die zweite Hälfte des Albums.
Die sechs neuen Tracks fügen sich insofern nahtlos ins Toti Chatz-Material ein, als sie stilistisch genauso breit gefächert sind. Kehl würzt seinen verspielten Indie-Synth-Pop mal mit elektronischen Elementen, mal Hip-Hop oder Trap, mal mit Disco-Klängen. Und genau diese musikalische Vielfalt macht I wöt mir selber is Gsicht chotze so unterhaltsam.
Auch inhaltlich knüpfen einige der sechs neuen Songs an die EP an. Hatte Kehl vor einem Jahr mit Herz us Granit seinen ersten politischen Song seit Büzlä von 2016 veröffentlicht, legt er nun nach: In Kommentarspalte – ein Featuring mit dem Zürcher Rapper Luuk – thematisiert er die Hasskommentare unter Online-Medien-Artikeln oder Social-Media-Beiträgen: «I bi scho wieder drü Stund i de Kommentarspalte / Und läs irgend en Schiissdräck wo die Lüt hetted chönne für sich bhalte / Und wenn i in Spiegel lueg, gsehnis i mim Gsicht, i gsehs i mine Lidfalte / Du saisch es chunnt en chüele Wind dehär, villicht sogar en iischalte», heisst es im Refrain.
Er verbringe viel zu viel Zeit damit, solche Kommentare zu lesen, sagt Kehl. Es beschäftige ihn, was sich Leute inzwischen zu sagen getrauten, sogar unter ihren echten Namen und mit Profilbild. Für rassistische oder sexistische Aussagen werde man noch abgefeiert.
Im weitesten Sinn politisch ist auch Hallo Mueter, eines der besten Stücke auf dem Album. Darin schlüpft der 32-Jährige, der Anfang Jahr Vater geworden ist, in die Rolle eines Kindes, das seine Mutter der Lüge bezichtigt, weil sie ihm beigebracht habe, man dürfe nicht lügen und bringe es damit nicht weit – dabei lügten doch alle rundherum und hätten Erfolg damit: «Weisch wieso isch d Nase vom Pinocchio so lang? / Dass er de Erfolg besser schmecke chan.» Es ist eine Anspielung darauf, dass selbst die Mächtigsten der Mächtigen in Politik oder Wirtschaft schamlos lügen, wenn es ihrer Sache dient. Das mache ihn ein stückweit ohnmächtig, sagt Kehl. Und nachdem er sich lange schwergetan habe mit Texten, die in eine politische Richtung gehen, funktioniere in diesem Fall die kindlich-naive Perspektive so gut, weil sie nichts Belehrendes habe.
Kehl erzählt seine Geschichten durchs Band mit viel Wortwitz. Wunderbar ist etwa Und s’jubled dir glich alli zue, ein Song über Perfektionist:innen, die überkorrekt durchs Leben gehen, dieses komplett im Griff haben, wie Roboter nach Schema F funktionieren und deshalb auch manchmal seelenlos rüberkommen. Obwohl ihn solche Leute triggerten, sei dieser Song eigentlich «eine Umarmung», so Kehl. «Ich sage damit: Ich wünsche dir, dass du lernst, etwas entspannter zu sein, dieses verkrampfte Ich loszulassen, dass du nicht ständig Angst haben musst, etwas falsch zu machen.» Dabei habe er selbst oft Angst zu versagen oder für seine Musik oder die Texte kritisiert zu werden. «Ich wünschte, es wäre mir egaler, was andere von mir halten.»
Auch deshalb habe es ihn gefreut, bei den diesjährigen Swiss Music Awards für den «Artist Award» nominiert worden zu sein, eine Kategorie, in der sich Musiker:innen gegenseitig auszeichnen. Am Ende musste Dachs zwar Zeal & Ardor den Vortritt lassen, eine «schöne Wertschätzung» sei es für ihn trotzdem gewesen: «Es war schön zu spüren, dass viele Musiker:innen meine Musik gut finden oder zumindest wahrnehmen, was ich mache.»
Es gibt auch Songs über Beziehungen: Wör’s nie release ist ein verkapptes Liebeslied, in dem Kehl – zusammen mit To Athena – von einer auf dem Estrich versteckten Festplatte mit Liebesliedern singt, die er der betreffenden Person aber nie vorspielen würde. Wieso sait mer eigentli so wenig? handelt wiederum von Paaren, die verzweifelt ihre Beziehung zu retten versuchen, auch wegen des gesellschaftlichen Drucks. «Ich finde es krass, wie tief dieses Bild einer glücklichen Beziehung in uns drin ist», sagt Kehl. Er appelliert stattdessen daran, einem Paar auch mal zur Trennung zu gratulieren.
Um Zwischenmenschliches geht es schliesslich ebenso im Titelstück. Es ist ein Song über Menschen, die bewusst Zeit mit einem verbringen, aber nur von sich selbst erzählen und kein Interesse am Gegenüber zeigen. «Indem ich sage, ich möchte mir selber ins Gesicht kotzen und nicht der anderen Person, bringe ich zum Ausdruck, dass ich sie nie mehr sehen möchte.» Und am Ende ist es vielleicht auch ein passender Titel zur politischen und gesellschaftlichen Lage, wegen der man sich manchmal am liebsten in den eigenen Bau zurückziehen würde.
Dachs: I wöt mir selber is Gsicht chotze (Mouthwatering Records), ist am 12. Dezember digital und auf Vinyl erschienen. Live: 7. Februar, 20 Uhr, Aula Sandbänkli, Bischofszell; 26. Februar, 20 Uhr, Albani, Winterthur; 28. Februar, 20.15 Uhr, Altes Kino, Mels.dachsmusic.ch
Nach zweijähriger Schaffenspause erscheint mit der EP Toti Chatz neue Musik von Dachs. Basil Kehl singt darauf über Alltagsrassismus, seine Identität als Musiker und die Wiedergeburt als Katze. Am Samstag gibt es die neuen Songs in der Grabenhalle live zu hören.
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