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Mehr Diversität, mehr Durchmischung

An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.

Monika Mähr und Hüseyin Cirpici an der Pressekonferenz in der Kellerbühne. (Bild: red)

Monika Mähr und Hüseyin Cirpici an der Pressekonferenz in der Kellerbühne. (Bild: red)

Nach rund 22 Jah­ren Mat­thi­as Pe­ter be­tritt ein neu­er die Kel­ler­büh­ne: Hüe­sy­in Mi­cha­el Cir­pi­ci. Ge­mein­sam mit Mo­ni­ka Mähr, die im No­vem­ber 2025 das Ver­eins­prä­si­di­um von Leo Geh­rer über­nom­men hat, lädt er am Diens­tag­vor­mit­tag zur Pres­se­kon­fe­renz. Es ist für bei­de das ers­te Mal, dass sie ei­ne Sai­son im Ge­wöl­be er­öff­nen.

Cir­pi­ci war wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te als Au­tor, Re­gis­seur und auch als Schau­spie­ler tä­tig – hin­ter und auf re­nom­mier­ten Büh­nen in Deutsch­land so­wie beim Hör­funk (Sai­ten hat be­reits letz­tes Jahr mit ihm ge­spro­chen). Nun ist der 58-Jäh­ri­ge, des­sen Stim­me so klingt, als kön­ne er gut Ge­schich­ten er­zäh­len, nach St.Gal­len ge­zo­gen und führt ab der neu­en Sai­son die Kel­ler­büh­ne – und 60 Jah­re Klein­kunst-Tra­di­ti­on wei­ter.

Die­se soll be­wahrt wer­den, er­klärt Mähr. Die Kel­ler­büh­ne ste­he auch künf­tig für Ka­ba­rett, Chan­son und Thea­ter – «dar­an wird sich nicht so viel än­dern und trotz­dem än­dert sich ei­ni­ges». Die Kel­ler­büh­ne wer­de ei­ne Platt­form für die dar­stel­len­den Küns­te blei­ben, ein ge­sell­schafts­re­le­van­ter Ort. Auch die Zu­sam­men­ar­beit mit der St.Gal­ler Büh­ne und dem Ca­ba­ret Sä­le­wie wird fort­ge­führt. Al­ler­dings möch­te der Ver­ein mit Cir­pi­ci als Lei­ter der Kel­ler­büh­ne mehr jun­ge Stim­men im Pro­gramm ein­bin­den, mehr Frau­en, mehr Mi­grant:in­nen. Zu­dem sei der ehe­ma­li­ge Schau­spiel-Do­zent prä­de­sti­niert da­für, die Nach­wuchs­för­de­rung aus­zu­bau­en.

Mehr Di­ver­si­tät und Aus­tausch

Wäh­rend der ver­gan­ge­nen Ta­ge ha­be er den Büh­nen­bo­den neu ge­stri­chen, er­zählt Cir­pi­ci noch vor der Pres­se­kon­fe­renz. Ei­ne Auf­ga­be, die je­des Jahr an­steht und doch be­zeich­nend scheint. Denn der Neue hat ei­ni­ges vor, möch­te die Bret­ter, die die Kel­ler­büh­ne be­deu­ten, bei­be­hal­ten und gleich­zei­tig et­was fri­sche Far­be auf­tra­gen. Zu­min­dest las­sen dies auch sei­ne Aus­füh­run­gen im An­schluss an die Wor­te von Mo­ni­ka Mähr und der Ein­blick in den Spiel­plan ver­mu­ten.

«Die Kel­ler­büh­ne ist kei­ne gros­se In­sti­tu­ti­on. Das ist ei­ne ih­rer gröss­ten Stär­ken», sagt Cir­pi­ci. Die Nä­he zwi­schen Künst­ler:in­nen und Pu­bli­kum im Ge­wöl­be­kel­ler schaf­fe die Mög­lich­keit, sich wahr­haf­tig zu be­geg­nen und aus­zu­tau­schen, über Ge­schlech­ter und Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg. «Wir le­ben in ei­ner Zeit per­ma­nen­ter Be­schleu­ni­gung und schen­ken ei­nen gros­sen Teil un­se­res Le­bens den di­gi­ta­len Räu­men. Gleich­zei­tig wächst das Be­dürf­nis nach ech­ten Be­geg­nun­gen – nach Mo­men­ten, in de­nen Men­schen ge­mein­sam zu­hö­ren, ge­mein­sam la­chen, ge­mein­sam über­rascht wer­den.» Des­we­gen le­ge er Wert auf Di­ver­si­tät und «mög­lichst viel Durch­mi­schung». Aber auch auf Qua­li­tät, Hal­tung, Ei­gen­stän­dig­keit – da­für ste­he auch die Kel­ler­büh­ne als In­sti­tu­ti­on.

Thea­ter­rei­se nach Zen­tral­ana­to­li­en

Weil für ihn das Thea­ter als ge­sell­schafts­re­le­van­ter Ort eben auch po­li­tisch sei, be­schäf­ti­ge sich sei­ne ers­te Ei­gen­pro­duk­ti­on mit dem The­ma Mi­gra­ti­on. Das Do­ku­men­ta­ri­sche Stück Dorf sei «ein sehr per­sön­li­ches Pro­jekt». Es be­gann mit Re­cher­chen zu Er­fah­run­gen der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on tür­kei­stäm­mi­ger Mi­grant:in­nen, die in Deutsch­land in die Ren­te gin­gen. Als Sohn ei­nes sun­ni­ti­schen Tür­ken und ei­ner Hol­län­de­rin woll­te Hü­sey­in Cir­pi­ci mit der Ge­schich­te sei­nes Va­ters be­gin­nen. Rasch stell­te er fest, dass ihm dies «emo­tio­nal zu nah» war. Es brauch­te «Neu­tra­li­tät durch Ab­stand», und so kam er zur Ge­schich­te von Er­can Ars­lan und der ei­nes ale­vi­tisch-kur­di­schen Dor­fes in Zen­tral­ana­to­li­en. «Mich in­ter­es­siert das do­ku­men­ta­risch-po­li­ti­sche Thea­ter, das aus der uns um­ge­ben­den Wirk­lich­keit ent­steht, das Fra­gen stellt», führt der neue Thea­ter-Lei­ter aus und ver­rät, dass das Pu­bli­kum wäh­rend der Auf­füh­rung in ei­ner Live­schal­tung mit den Dorf­be­woh­ner:in­nen spre­chen kön­nen wer­de. 

Ist es nicht ganz schön mu­tig, das Pu­bli­kum auf­zu­for­dern, mit­zu­ma­chen – und dann auch noch bei ei­nem Stück, dass ei­ne Ge­schich­te be­han­delt, die weit weg statt­fin­det? «Ich ma­che mir da kei­ne Sor­gen», sagt der neue Kel­ler­büh­nen-Lei­ter. «Das ist ja kei­ne Fik­ti­on, es geht um rea­le The­men». Aus­ser­dem ha­be er die Er­fah­rung ge­macht, dass sich die Aus­ein­an­der­set­zung loh­ne, die Er­öff­nung neu­er Sicht­wei­sen – « dann wird es span­nend!» Auf­ge­führt wird Dorf, sei­ne ers­te Ei­gen­pro­duk­ti­on an der Kel­ler­büh­ne, ab März.

Spiel­plan mit jun­gen Stim­men

Ob er in St.Gal­len sol­che The­men fin­den wer­de, Grund­la­gen für grös­se­re Re­cher­chen und do­ku­men­ta­ri­sche Pro­jek­te, müs­se er noch ab­war­ten: «Hier ist al­les so ge­ord­net, so gut, al­les funk­tio­niert.» Und er füh­le sich schon wohl in der Stadt, ha­be schon vie­le Leu­te und Or­te ken­nen­ge­lernt. Die Ver­eins­prä­si­den­tin wirft ein, dass der Vor­stand ei­gens meh­re­re Stadt­spa­zier­gän­ge or­ga­ni­siert ha­be. 

Be­reits wäh­rend der letz­ten Sai­son konn­te Cir­pi­ci sei­nem Vor­gän­ger über die Schul­ter schau­en. Bis im No­vem­ber wird er noch von Mat­thi­as Pe­ter un­ter­stützt, der dann ab­tritt. Der schei­den­de Lei­ter hel­fe bei der Ein­ar­bei­tung und der Or­ga­ni­sa­ti­on des neu­en Spiel­plans, er­klärt Cir­pi­ci. Mo­ni­ka Mähr fügt an, dass vie­le der Künst­ler:in­nen Mo­na­te, wenn nicht Jah­re im Vor­aus ge­bucht wer­den, die meis­ten wür­den sich selbst be­wer­ben. Da­mit war wohl ein Teil des Pro­gramms schon ge­setzt, be­vor Cir­pi­ci nun of­fi­zi­ell das Zep­ter über­nimmt.

Den Sai­son­auf­takt be­strei­ten Bänz Fried­li und Re­na­to Kai­ser, da­nach ste­hen be­kann­te Grös­sen wie Pat­ti Bas­ler auf der Kel­ler­büh­ne. Hü­sey­in Cir­pi­ci freut sich be­son­ders auf die Auf­trit­te des tür­kei­stäm­mi­gen Co­me­di­ans Cenk, der sich dem The­ma Zu­ge­hö­rig­keit wid­met, und von Mu­ri­el Zemp, die über Kind­heits­er­in­ne­run­gen sin­niert. Ge­spannt blickt Cir­pi­ci auch auf das Pro­gramm des Hyp­no­ti­seurs To­bi­as Hei­ne­mann oder das­je­ni­ge des Du­os Ulan & Ba­tor, des­sen Ka­ba­rett in Deutsch­land schon sehr be­kannt ist. 

Mat­thi­as Pe­ter kehrt zu­rück

Im No­vem­ber wird zu­dem Mat­thi­as Pe­ter selbst mit sei­nem Stück War­um nur – war­um? zu se­hen sein. Es han­delt vom Re­form­päd­ago­gen Ja­kob Stutz, der auch in Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Und wie von Cir­pi­ci ver­spro­chen, fin­den sich auch jun­ge Stim­men im Pro­gramm. «Die Zu­kunft ei­ner Büh­ne ent­schei­det sich nicht al­lein dar­an, wel­che be­kann­ten Na­men sie prä­sen­tiert, son­dern auch dar­an, wel­chen jun­gen Künst­ler:in­nen sie ei­ne Chan­ce gibt», fin­det Cir­pi­ci. 

So be­ginnt im No­vem­ber die Kon­zert­rei­he «Vo do us – Song Ses­si­ons ZHdK» in Ko­ope­ra­ti­on mit der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te: Jun­ge Mu­si­ker:in­nen, die auf Mund­art sin­gen, ge­ben Kon­zer­te in der Kel­ler­büh­ne. Den An­fang macht die Lie­der­ma­che­rin Elin am 18.No­vem­ber. Die Kel­ler­büh­ne wer­de so zu ei­nem Raum, der Ta­len­te sicht­bar ma­che, sagt Hü­sey­in Cir­pi­ci. «Letzt­end­lich ent­ste­hen neue Per­spek­ti­ven dort, wo Ver­trau­en ge­ge­ben wird.»

kel­ler­bueh­ne.ch

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

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